Zur Marginalisierung von Literatur

… oder von Klagenfurt am Wörthersee – ich mach es kurz. Ein Rant #ard #zdf sozusagen.

Es hat dieses Jahr ein sehr spannender Wettbewerb um Literaturtexte stattgefunden in Klagenfurt, auch Bachmann Preis genannt – übrigens durchaus divers und vielseitig – mit sehr unterschiedlichen Anlagen in Rhythmus, Konnotation, Aussage und Form – mit einer würdigen Preisträgerin, Helga Schubert war nicht nur nicht prätentiös, nicht nur nicht umständlich, nicht nur nicht kompliziert, sie hat einfach einen großartigen Text großartig und berührend vorgetragen und zurecht den Bachmannpreis für ihre Arbeit erlangt.

Am Abend dann. Heute-Sendung 19:00 Uhr nichts. Tagesschau – nichts – Heute-Journal – nichts – und wie ich es überflogen habe, auch in den Tagesthemen – nichts.

Hat der ORF vergessen, eine Pressemitteilung rauszugeben? Dürfen nun etwa Ard und Zdf nicht über Inhalte des ORF berichten? Wenn dem so wäre … Hilfe! Oder haben die Nachrichtenredaktionen der Fernsehanstalten Ard und Zdf keine Kulturabteilung mehr? Oder war ihnen diese Veranstaltung tatsächlich nicht ein Wort wert, mitgeteilt zu werden? Das ist beschämend und peinlich zugleich.

Auch ich jetzt mal meine Monatsgebühren für den Kulturauftrag der großen Sender anmerken darf. Wofür bezahle ich monatlich 17,50 Euro? Damit ihr mir jeden Abend Steine ins Wohnzimmer schmeißt, mir permanent den Obermufti aus den USA und seine Unsagbarkeiten liefert? Ganz zu schweigen von all den gesellschaftlichen Randerscheinungen dieser Breitengrade, die mir fortwährend als relevant verkauft werden – zum Beispiel, dass der HSV noch eine Saison in Liga 2 verbringen soll – um mal ein weniger politisches Eisen anzufassen. Das Nachrichtenprogramm gestern: Plünderer in Stuttgart. Tönnies Coronawurstfabrik. Messerstecher in GB. Donald irgendwas. Fußball. Das Wetter.

Öffne das Fenster. Lasse Luft rein. Schließe das Fenster. Schaue im Internet nach.

Entschuldigung. Wenn ihr wollt, dass dieses Land nicht mehr drauf hat, als vor sich hergetrieben zu werden, weiter so. Wenn ihr noch irgendeinen Funken auf Vielfalt und Kultur einer Gesellschaft setzt, dann haltet doch mal eure Kameras auf Veranstaltungen, die von der Vielfalt und der Kultur dieses Sprachraums berichten. (Sie hätten ja nichtmal Kameras gebraucht, war alles im Kasten beim ORF?) Von Unkultur habe ich mehr als genug im World Wide Web. Wollt ihr denen konkurrieren, habt ihr schon verloren. Euer lautes Schweigen.

Traurig. Beschämend. Peinlich.

Ratlos stelle ich fest: die Behandlung von Literatur in diesem Land ist an einem weiteren Tiefpunkt angekommen. Das hat einmal mehr festgestellt nichts zu tun mit fehlenden Leitwölfen in der Literaturrezeptionsebene (ohne die kluge Löffler war doch MRR eine Parodie seiner selbst – und dass er die Literatur maßgeblich verbessert habe mit seinem Theater, halte ich für ein Gerücht – ohne gute Literaten war auch er stimmlos und hatte Zeit für Dinge wie Kanon der deutschen Literatur). Es hat nichts zu tun mit einer Literaturkritik, die sich selbst feiert auf Kosten ihrer Autoren und Autorinnen. Es hat nichts zu tun mit einer Überproduktion von Büchern. Es hat nichts zu tun mit fehlenden guten Literaten. *(siehe Anmerkg.)

Es hat aber unbedingt etwas mit der mangelnden Bereitschaft zu tun, überhaupt noch etwas in die Rezeption zu treiben. (Einmal seinen Kopf einzuschalten – bekanntlich sinkt der IQ der Bevölkerung.) Es sprechen für die Nachrichtenredaktionen offenbar nur bewegte und gewaltversprechende und explosive wie aggressiv machende Bilder, damit einher geht jeder Auftrag verloren, es sei denn die Redaktionen sehen es als ihre Aufgabe an, Fernsehzuschauer an den eigenen Sessel zu fesseln, wo sie in Schockstarre den eigenen Rand hautnah erleben als Ende der Welt, der Wille zu geistiger oder intellektueller Kreativität lässt in solchen Momenten der Furcht und Angst zwangsläufig nach – dem Motto folgend: wo kein Wille, da sorgenfreies Girren und Brechen der Äste – Der Wurzeln Knarren und Gähnen? Durch übertrümmerte und aufgescheuchte Krähen – frei nach Goethe.

I’m sorry – Rundfunkgebühren zahle ich auch, sogar freiwillig und sogar gern: für Arte, 3Sat, die Dritten und für Radio, aber für Ard und Zdf scheint Geld zu verdampfen – da darf jeden Abend Frau Kohl oder sonstwer Börsennotizen bekanntgeben (wer sich für Börse interessiert, braucht keine Kohl oder sonstwen viertel vor Acht) – und sie schaffen es nichtmal, eine halbe Minute auf Klagenfurt am Wörthersee aufmerksam zu machen – je weniger sie es geschehen lassen, desto weniger geschieht es? Und reißen mich regelrecht so gar nicht vom Stuhl, außer dass ich stumpf werde und mich umso peinlicher gar nicht mehr berührt sehe. Ein Lehrstück fast, wie die Vielfalt von Gesellschaft buchstäblich ins Nichts überführt wird. Dass Literatur nun auch schon, wie Löffler im Beitrag zum Deutschlandfunk anmerkt, ein Nischendasein führt – halte ich schlichtweg für eine kulturelle Bankrotterklärung – der ich mich beim besten Willen nicht anschließen will, der ich mich nach Duktus und Ausstrahlung von Ard und Zdf aber zu fügen habe? – Jetzt erst recht nicht!

Übrigens: das Digi-Format hat mir sehr gut gefallen, ausbaufähig, da ließe sich einiges an Kultur zusammenbringen – auch ohne Ard und Zdf. Denn sie marginalisieren nun, so scheint es, sich selbst, zusehends – ganz aus sich selbst heraus. Was eine Leistung.

Vom Twittern mitgebracht: Sigrid Löffler „Das ist wohl eher ein Relevanztheater“

Alle Texte zum Nachlesen

Pressespiegel: Tagesspiegel, Die Zeit, Sueddeutsche Zeitung, NZZ, FAZ, Die Welt

Alles weitere zum diesjährigen Bachmannpreis auf der Seite des ORF Besten Dank nach Österreich / dort zumindest feststellbar Buchkultur vorliegt.

Anmerkg *Kritischerweise möchte ich anmerken: vielleicht hat der Klagenfurter Buchpreis einen zu akademischen Pro-Seminar-Charakter inzwischen – das zum Beispiel ließe sich abstellen, indem die Suche nach Talenten zugunsten einer Suche nach Literaten umgemünzt würde. In Helga Schubert haben sie eine Literatin gefunden, in Egon Christian Leitner auch, zu den anderen möchte ich mich enthalten //ja klar, und schon haben die Verlage keine Bühne mehr, auf der sie ihre Hoffnungsträger präsentieren können – //Entschuldigung, es hindert sie niemand daran, selbst ein paar Bühnen zu errichten. Ich meine, Entschuldigung. Ich muss auch jeden Tag ins Büro und Video konferenzen – außerdem: so ein bisschen Webex – Team oder Skype oder Zoom oder oder kostet nicht die Welt. //das Format jedenfalls: junge Autoren zittern ihre Texte vor, damit Professoren und Fuilletonisten sich echauffieren, scheint mir aus der Zeit zu fallen (sicher: ein weites Feld – nochmal Entschuldigung. Haben wir nun Internet oder haben wir kein Internet? Wollen wir ewig in der Opferrolle rumplustern? Ich habe es schon mehr als einmal gesagt: Amazonien ist nicht so mächtig, weil sie mächtig sein wollen, sondern weil wir es zulassen. Wann endlich setzen sich die Buchmacher zusammen und entwickeln Gegenstrategien, wann? Wenn sie alle pleite sind? – nun gut. Bin kein Verleger. Hab schon noch ein paar Bücher – mit denen komme ich durch … nur das von Helga Schubert fehlt mir noch, und das von Egon Christian Leitner.)

 

Spracherkennung

In meinem Denken und Schreiben herrscht Gehemmtsein vor, das merke ich beim Twittern, da sind die anderen weiter als ich, sie können das, entkrampft und locker twisten twittern zwitschern, ich kann es nicht, will immer etwas gesehen haben, was es, dadurch, dass ich es denke, scheinbar nur in mir gibt, in der Syntaxfalle. Worte können viel – kommunizieren, arbeiten, drehen wenden verschachteln. (Allein es fehlt etwas)

Habe heute gelauscht – Bachmann Preis, ganz tollen Text gehört, nicht mitgelesen, gehört, von Helga Schubert, Bestsellerverdacht, hatte ich spontan im Kopf, sie liest es mit Kraft der Erlebten, der Gesehenen, das Vibrato der Stimme mich mehr als einmal entriss. Selten eindrucksvoll.

Schwierig das Drumherum. Sie finden tatsächlich auch in dem Text Fehler. Reflex: Fehlervermeidungsfraternisten. Haben wir noch immer nicht genug fehlerbehaftete Systeme um uns herum? Was suchen wir noch einen perfekten Text (Ort). Oder bin ich es mit dem Fehlervermeidungstool?

Will wieder nicht fehlerfrei sein.

Habe immer behauptet, dass Lesen und Leben ein Paar Schuhe sind. Die anderen reden von Erzählerstrategien.

Ich will es kurz fassen: Helga Schubert hat mit ihrem Auftritt und Text eine Bresche geschlagen … erzählt das, was gelebt werden wollte, das kann es in sich haben, dich verfolgen, dich geschüttelt zurücklassen in Würde und mit Stil!

Denke dabei auch an Inge, die eine ähnliche Geschichte mit sich herumträgt und nun auf Sylt Angst hat, sie könnte die Düne nicht mehr schaffen. Wenn sie nur ein Smartphone hätte, sie könnte lesen, dass ich Slalomstangen umkurve, mich unmittelbar an sie wende – mit gehemmten Worten.

https://bachmannpreis.orf.at/stories/3047140/

Ingeborg Bachmann Preis 44. Ausgabe – im Covid-19 Modus

Heute Abend 19:00 on Demand Eröffnungsveranstaltung https://bachmannpreis.orf.at/stories/ondemand/

Vorbereitend viel Lesestoff, Aufklarendes, Erhellendes, Hinterfragendes, gefunden hier: https://volltext.net/nachrichten/apropos-bachmann-preis-zum-stand-der-literaturkritik/

Folgende Ergänzungen;

Der Kritiker verlässt den Richterstuhl

Literaturkritik im Netz

Und zur Überprüfung : gestern heute:

Kritik an Literaturkritik: „elendes Kumpelsystem“

Wo bleiben da Autorin und Autor? Vielleicht geben sie die Tage eine Antwort …

I am not your Negro

Zeit etwas aufzuarbeiten, Zeit etwas gutzumachen, Zeit zu vergessen? Ich sehe den Film I am not a negro, „eine schonungslose Abhandlung über den Rassismus in den USA, erzählt ausschließlich mit den Worten Baldwins am Beispiel von Martin Luther King Jr., Medgar Evers (Mitglied der NAACP) und Malcolm X, die alle drei ermordet wurden.“

Und erinnere mich, es ist genau die Zeit, da wir in Süd-Afrika lebten, da wir von dem nichts mitbekamen, da wir im Land der Apartheid waren, ohne wissen zu wollen, dass wir, die Weißen, privilegiert waren, und sie, die Schwarzen, nur der Film im Hintergrund mit der Besonderheit, der Andersartigkeit, dem Archaischen, dem Exaltierten, dem Exotischen – wir sahen uns den Film an in verschiedenen Ausführungen, einmal fuhren wir in die Homelands, und Vater, naiv wie er war, hielt überall seine Super 8 Kamera drauf. Ein anderes Mal fuhren wir, es war ein Sonntag, mit einem österreichischen Ehepaar zu einem der Zulu-Tanzaufführungen, ich weiß davon nur noch zwei Substantive: Staub und Geruch. Der Geruch streng und nichtmal ansatzweise parfümiert, einfach nur spitzer Schweißgeruch an einem Sonntag im Staub der Tänzer, Vater filmte es mit.

Noch heute sehe ich diese Filme und ebenso verwundert sehe ich die akrobatischen Leistungen der in Schmuckfedern, in Tierfellröcken in stämmigen und muskelfeisten Körpern springenden, hüpfenden, stampfenden und trommelnden Tänzer …

ein anderes Mal stehen wir auf einem Hügel und blicken in eine Bucht, dort ein Gottesdienst der Schwarzen, die Frauen in hellblauen Schürzen und weißen Kopfbedeckungen, die Männer in weißen Anzügen, im Gegensatz zu unseren Gottesdiensten dort alles in Bewegung, zu einem imaginären Zentrum hin, vom Zentrum weg, wieder ein Tanzritual, wieder eine körperliche Antwort auf Gottes Geist, wir stehen auf Distanz und staunen, gerührt aber beurteilend, das sind eben Rituale, von denen wir nichts verstehen – komm, lass uns gehen, auch das hatte Vater auf Super 8 gefilmt.

Einmal fährt er an den Bahnhof von Johannesburg, nicht auf die weiße, auf die schwarze Seite und filmt auch das – bis ihm ein Schwarzer unmissverständlich mit der Faust droht – unverblümt hält er als Weißer seine Kamera auf die Schwarzen, die nichts anderes machen als den Bahnhof betreten, ihn verlassen. Höre aus dem Off Mutter rufen, lass das, merkst du nicht, wie du sie reizt. Ja, sie reizt, wie man Löwen oder Elefanten reizt – die Begriffswelt für die dort immer am Rand des Unsagbaren, immer im Vergleich nichtmenschlicher Wesen, immer im Ton der Überheblichkeit, der Angst und der Fehleinschätzung.

Was ich in der Form als Kind nicht verstand, erst als wir schon zwei Jahre in Deutschland lebten, ich von meinem Freund den Hinweis erhielt, du warst in Süd-Afrika? Da, wo die Apartheid ist? Wo ist da Apartheid? Ich stritt es vehement ab, ich, fast vierzehn Jahre alt, hielt es nicht für möglich, dass ich in einem Land der Apartheid, im Land der Apartheid schlechthin, ja, in einem von Rassismus durchtränkten Land großgeworden bin. Ich stritt das heftig ab. So heftig, er setzte zum Gegenbeweis an und holte aus der Spiegelsammlung seines Vaters sämtliche Exemplare, in denen von Süd-Afrika als Land der Apartheid die Rede war. Je mehr ich darin blätterte und von Gedemütigten, von Geschlagenen, von Getöteten las und sah, desto heftiger in mir der Groll, dass er hier, mein bester Freund, mich demütigen, schlagen, mich töten wollte. Ich stritt das noch immer ab und konnte erst Jahre später nachvollziehen, was er von mir wollte. Dass ich mich für etwas entschuldige, für was ich nicht verantwortlich war, aber dadurch, dass ich dort war, meine Kindheit verschuldete in einem System, das ebenso wenig aus mir war oder in mir, sondern aus dem ich hervorgekommen war, mit all den Vorurteilen gegen Menschen, die für uns Diener waren.

Einmal filmt mein Vater einen Mann, wie er mit einer Gartenschere den englischen Rasen schneidet, Halm für Halm. Im Hintergrund siehst du die Grenzmauern zum Reichtum der Inhaber, vor der Mauer schert er den Rasen mit einer Gartenschere. Nicht etwa, dass er zu diesem Job gezwungen war, fiel ins Auge, sondern die Frage, wie muss man drauf sein, so etwas zu machen. Kein Weißer würde so etwas machen. Der Schwarze aber, im Auftrag des Weißen. Ursache Wirkung, schon da. Der es macht, macht sich lächerlich. Der es befiehlt, ist unsichtbar verschanzt hinter Mauern.

Ob ich denn auch positive Kontakte hatte mit Schwarzen, werde ich häufig gefragt.

„Was haben die Negros nur, warum seid ihr nicht optimistisch, es wird doch alles besser, es gibt schwarze Bürgermeister, Negros sind in allen Sportarten vertreten, sind in der Politik, und als allerhöchste Auszeichnung erscheinen sie jetzt sogar in der Fernsehwerbung.“ Lautes Gelächter. Auch Baldwin lacht … (wohl weniger geschmeichelt als pikiert) Ich bin froh, dass sie lächeln, sagt der Moderator, wird es gleichzeitig besser und bleibt doch hoffnungslos?

Pessimismus dunkel, Hoffnung hell.

Antwortet Baldwin: Ich glaube wirklich nicht, dass Hoffnung besteht, solange man weiter solche Formulierungen benutzt. Es geht nicht darum, was hier mit den Schwarzen (to the Negros, to the Black Man)  geschieht. Das ist eine brennende Frage für mich. Noch mal: Es geht vielmehr darum, was mit diesem Land geschieht.  (Ich hab das mehrfach wiederholt.)

I am not your negro2

Nur noch bis Montag 15/06/ offenbar korrigiert, Film läuft auch 17/06 noch : eine schonungslose Abhandlung über den Rassismus in den USA, erzählt ausschließlich mit den Worten Baldwins am Beispiel von Martin Luther King Jr., Medgar Evers (Mitglied der NAACP) und Malcolm X, die alle drei ermordet wurden“

In Süd-Afrika war landweit die Meinung zu hören, wenn die Schwarzen das übernehmen, geht das Land unter. In Süd-Afrika war landweit die Meinung zu hören, das Land gehöre nicht den Schwarzen, es waren die Engländer, die es entdeckten. Ja – an dieser Stelle von mir gern auch eine Musikeinblendung. Pharoah Sanders Our Roots began in Africa.

Ist dir auch aufgefallen, dass du vor den Blackman mehr Angst hattest als vor den White People? In so einem Satz hast du den ganzen fatalen Sprachgebrauch der letzten mehr als hundert Jahre. Die Schwarzen sind die Dunkelgestalt, der reißende Wolf, tatsächlich wird in der Doku das weiße Mädchen von Black Man auf seine Hinrichtungsstätte geführt – während die Weißen nur People sind, hin und wieder mal The White Man … ansonsten aber White People, eine Egelschar gewissermaßen, friedlich beinander stehend … während der schwarze Mann im Spiel Wer hat Angst vor ihm … selbst in Deutschland dann, wir waren schon fünf Jahre hier, auf den Spielwiesen praktiziert wurde … und laufen um unser Leben.

Ich bin nicht euer Neger wird der Film getitelt. Im Original I Am not your Negro? Merkst du den Unterschied? Die Konnotation im Deutschen ist deutlich hässlicher, deutlich brutaler. Etwa ehrlicher? Im Englischen klingt es sogar harmlos, eher melodisch. (Bedenkt man noch  die Hintergrundmusik.)

Die Zeit dieser Leben und Tode liegt, öffentlich gesehen, zwischen 1955, als wir erstmals von Martin hörten, und 1968, als er ermordet wurde. Medgar wurde im Sommer 1963 ermordet. Malcolm 1965.

Diese drei Männer … sehr unterschiedliche … „(Martin) schulterte das Gewicht der Verbrechen, der Lügen und der Hoffnungen einer ganzen Nation“, diese drei Leben aufeinanderprallen und sich gegenseitig enthüllen lassen – wie sie es in Wahrheit auch getan haben, weil sie ihre schreckliche Reise verwenden als Lehre für die Menschen, die sie so sehr geliebt haben, von denen sie verraten wurden, und für die sie ihr Leben geopfert haben.

„Wir gehen nicht mit Negern in eine Schule.“ Einblendung einer besorgten Christin: „Gott vergibt Mord und Er vergibt Ehebruch. Aber er ist sehr zornig und bestraft alle, die für Integration sind.“

Hierzu fallen mir all die Verwerfungen der eigenen Eltern ein, der eigenen sozialen Umfelder, in denen sie sich bewegten, christlich, baptistisch, freikirchlich, bibelfest und mit einer höheren Moral ausgestattet, einer Gottesmoral, die immer und jederzeit über dem menschlichen Gesetz steht. Wir fragen, wie konnte ein Donald Trump so weit kommen – nun, das fragen sich die falschen Leute, denn die, die die Vergebung von Todschlag in Gottes Güte vermuten, nicht aber die Integration unterschiedlicher Hautfarben, sprechen einer quasi irrationalen Logik und Moral das Wort und scheinen immun gegen das Weltliche – diese Immunität ermöglicht auch das schamlose Dulden von Unrecht und Ungleichbehandlung, erstrecht von Rassentrennung und Hetze – denn der Glaube an  den Gott der Erkenntnis ist nicht etwa einer, dessen Jesu Herz schlägt mit Liebe deinen nächsten wie dich selbst, das ist durchaus übersetzbar gemeint, liebe erstmal dich selbst, eh du es mit den anderen versuchst, reine Sophisterei, möchte man denken, allein die Wirkung ist fatal: Das Donnergrollen Gottes ist zu vernehmen, dem gehört er selbst an, er selbst ist Sendbote der grollenden Stimme, eine tiefe eigene innere Stimme, die der Projektion seiner ureigenen Angst vor dem, der er ist, dem Angry Mann, dem verschüchterten Mann, dem überheblichen Mann, und küss mir die Füße, Sklave, nicht etwa seine Stirn zeigt sondern seine Referenz erweist.

Leider berücksicht eine wie auch immer geführte Debattenkultur über das Wie konnte so etwas passieren nicht, dass selbst der Ekel, selbst das sich erschrocken Geben nicht darüber hinwegtäuscht, dass irgendein Bergprediger aus Atlanta mehr Macht über seine Gläubigen hat als die Präambel der Verfassung der Verieinigten Staaten von Amerike; aus der Präambel:

„Wir, das Volk der Vereinigten Staaten, von der Absicht geleitet, unseren Bund zu vervollkommnen, die Gerechtigkeit zu verwirklichen, die Ruhe im Innern zu sichern, für die Landesverteidigung zu sorgen, das allgemeine Wohl zu fördern und das Glück der Freiheit uns selbst und unseren Nachkommen zu bewahren, setzen und begründen diese Verfassung für die Vereinigten Staaten von Amerika.“

Es ist nicht zu erkennen, ob in diesem „uns“ wirklich alle gemeint sind – es klingt nicht einschließlich aller – da wird auch zur Verteidigung aufgerufen – wer ist das Außen – da sie sich jahrzehntelang im Inneren (im Bürgerkrieg) bekämpft haben ? Historiker fragen !

Helllichter Tag, tiefdunkle Nacht.

Das Himmelschreiende zwischen Gut und Böse ist so tief verankert, da ist weiß schlichtweg engelsweiß und schwarz schlicht ergreifend teufelsschwarz. Mehr als hundertfach in meiner Kindheit so gepredigt bekommen und gesehen. Das ist keine Doppelmoral, nein, es ist eine klare und einfache Stimme, die da spricht. Korrekt dazu und aufrichtig gemeint. Gottes Segen inklusive. Sie sind per Auftrag Gottes Kinder, und Gott hat sie auserwählt. Alle anderen sind des Teufels. Diese Botschaft ist so simpel wie einfach – und praktikabel.

Nochmal: Diese Botschaft richtet sich nicht an die, die sich Aufgeklärte nennen oder Modernisten oder Atheisten, die Botschaft richtet sich an die Gläubigen unter Ihresgleichen – darauf weiß die Intellektualität unserer Breiten nur ein hochnäsiges Schulterzucken bekannt zu geben – um weiterhin avantgardistischen Spielchen zu folgen und hier und dort einen Unterschied auszumachen zwischen Gestrichen-F und B-Flat-F.

Kommen zwei zusammen, sprechen einen gemeinsamen Code, ziehen los und entweder wird alles ignoriert jenseits des eigenen Codes, oder es wird gleich draufgegangen, kommt ein dritter gar nicht mehr zu Wort – und hat der erst eine andere Hautfarbe – geht das Geraune von vorne los.

Sobald dem eine Differenzierung beikommt, wird nicht hingehört, es wird mit der Inbrunst des Geläuterten und Gerechten geantwortet, mit Herz – und schlechtem Geschmack, inzwischen getarnt unter Safari und Karrottenhemd, das ist so beschämend wie unbelehrbar, möchte man meinen, es müssten die Missionare ihrer Lehre vom Auserwählten oder Gottgleichgestellten oder Gütigüberbestimmten erstmal selbst missioniert werden zu modernem Denken und Leben – auch das scheint sinnfrei vor dem Hintergrund ihrer feststampfenden Einfalt, die auch noch mit erhöhtem Anspruch (gotterhöht) daherkommt und mit dem Hinweis, die anderen seien die Unbelehrbaren – weil ungläubig und nicht zu bekehren. Und jetzt halt einfach einen Spiegel an diese Sätze, das macht es gleich unauflösbar paradox : so zumindest bekommst du dem Rassisten seinen Rassismus nicht abgewöhnt, er lässt sich nicht bekehren, er selbst steht mit dem Erlöser im Bund und will bekehren. Ehebruch und Totschlag wird von Gott verziehen. Der Gerechtigkeit und Chancengleichheit dagegen zürnt der Herr. (Die Methodisten Methode spöttelten wir damals, und waren kein Deut besser.)

… dem glückseligen Christenphantasten reicht es eben aus zu rufen: This is my Church. Oder: es gibt keine Zufälle, da alles von Gott so vorherbestimmt, dass aber alles wie reiner Zufall erscheint, wo du geboren wirst, welche Schule du besuchst, aus welchem Auto du rausgestoßen wirst und zu Fuß weiter darfst – auch Gottes Plan. Ein schier unlösbarer gordischer Knoten für den, der durch Gottes Wille weiß geboren wurde, um das Evangelium zu verkünden all denen, die durchs finstere Tal wandern. Glauben Sie etwa, irgendeiner dieser würde wollen, dass die Kräfte des Geistes auf Umgangston und Miteinander „modernisiert“ werden?

Ich schaue an mir selbst herunter und stelle fest, ich bin rosaweiß – inzwischen ebenfalls 55 Jährig und nicht mehr so schwarzweiß angemalt wie zu Zeiten meiner Kindheit, meiner Jugend. Trotzdem. Wenn ich ehrlich bin. Diese tief verwurzelte Kindheit bringt es noch immer fertig, dass ich, sobald ich Dunkelhäutige sehe, mich erstens übermäßig für sie interessiere, ich zweitens immer fragen will, woher sie kommen, und ich drittens regelmäßig feststelle, sie sind nicht von hier (obwohl ja auch ich nicht von hier bin – absurd), regelmäßig ein Reflex – das beinhaltet: sie kommen von dort (ich war schon immer hier – absurd) – erstmal nur ein Reflex, ein Affekt, dafür muss ich mich noch nicht schämen, macht aber häufig jedes normale Gespräch schwierig.

Die letzte Begegnung hatte ich vor einem halben Jahr beim Teppich Verlegen. Der eine aus Kenia, der andere aus Äthiopien, ihr Chef ein bulliger Berliner. Sie verlegten den Teppich in weniger als vier Tagen, Icke Berliner aber musste einer inneren Stimme folgend mehr als einmal darauf hinweisen, dass seine Jungs faule Jungs seien, immer müsse er sie vor sich herschieben, sie kommandieren … und sie scheuchen.

Es ist wie es war: Schwarz auf Weiß. Die schwarzen Malocher, geschoben und gescheucht von weißen Herren. Kein normales Du ich Du. Sondern Ressentiments, Unaussprechbares und Vorurteile.

Als ich eine günstige Minute erkannte, setzte ich mich zu ihnen und erzählte ihnen von meinem Süd-Afrika. Das war ihnen so noch nicht vorgekommen. Wir saßen bestimmt eine Stunde zusammen, hätten fast Adressen getauscht, plötzlich weiteten sie die Themen und es wurden Familien, Mütter, Brüder und Schwestern sichtbar, für eine Stunde. Diese Stunde erinnere ich jetzt, sie werden sie vielleicht auch erinnern, wahrscheinlicher ist, dass sie noch immer überlegen, wieso werden wir hier behandelt wie Menschen aus einer anderen Umlaufbahn oder wie vom Mond. Wenn es nur mal der Mond wäre.

Es ist die Tonne, der sie zu entsteigen versuchen. Ich habe in meinem Leben schon so viele Menschen aus der Tonne leben sehen, ich weiß nun nicht, worauf ich hoffen soll. Zumal es vor allem von intelligenten Leuten heißt: wie, du glaubst an eine bessere Welt? Sag mal, wo lebst denn du?

Tja, im Klischee vom Guten und dem Bösen, nur dass auch ich glaube, ich bin auf der Seite des Guten. Die ja, Umkehr einer jeden Logik und Moral die des Bösen ist, je nach Projektion und Betrachtung.

Ein echtes Thema von Gewalt und Not, ein echt europäischer Exportschlager. Deswegen ich den Untertitel zum Film über den Rassismus in den USA verkürzend empfinde und ebenfalls nicht ungefährlich – denn so rückt er uns in die Ferne und wir können naserümpfend über die dort in den USA selbstgerecht urteilen. So wie mein Freund damals mit seiner angelesenen Aversion gegen Apartheid in Süd Afrika – so wie ich in meinem ewigen Fliehen vor all den Themen.

IMG_1699Der Sommer hat gerade erst begonnen, und ich habe bereits das Gefühl, dass er fast vorbei ist. In einem Monat werde ich 55. Räuspern. Ja. 55. Ich bin kurz davor, die Reise anzutreten. Dies ist eine Reise, von der ich, ehrlich gesagt, immer wusste, dass ich sie eines Tages werde unternehmen müssen. Auch wenn ich gehofft hatte, ganz bestimmt gehofft hatte, sie nicht schon so bald antreten zu müssen. Ich will damit sagen, dass eine Reise als solche bezeichnet wird, weil man nicht wissen kann, was man auf der Reise entdeckt, was man mit dem, was man findet, macht, oder was das, was man findet, mit einem macht.

Zeit etwas aufzuarbeiten, Zeit etwas gutzumachen, keine Zeit zu vergessen – weder noch. Im Kleinen wie im Großen. Auch ich hatte viele Kollegen, mit denen ich mich in fast allen fachlichen Fragen verstand, Statiker, Mechaniker, Tiefbauleute, unter ihnen Goldgräber wie mein Vater, der selbst in den Bergwerken bei Johannesburg der war mit der weißen Weste, und nie aber hatte ich das Gefühl, mir stünde irgendeiner von ihnen nah. Als wir schließlich in Deutschland auftauchten und … so ungefähr. In meinem Grundstuhlzeugnis steht Deutsch als Fremdsprache. Es ist noch so viel zu schreiben über die, die ich unschuldig anguckte und sie hinter ihrem Rücken anspuckte, auslachte und verschrie. Es erfüllt mich mit Hass und Mitleid und es beschämt mich. An diesem sonnigen Nachmittag wird mir bewusst, dass ich meine Koffer packen muss, um nach Hause zu fahren. Auch ich will meinen Beitrag leisten. Es ist an der Zeit. Aber würde man mich willkommen heißen, außerhalb meiner Farben und Kleider. Sicher würde ich mich wieder verstecken können unter meinesgleichen. Umso einfacher als ich mich bei meinen Leuten nichtmal verabschieden müsste, sie würden auf ihren Webseiten nichtmal wissen, wo ich wirklich bin. Wo ich zuhause wäre.

 

PS: Euch ein schönes Wochenende, vielleicht findet Ihr Zeit, diesen Artikel anzunehmen. Vielen Dank. Und Grüße

English Version

Time to work something up, time to make up for something, time to forget? I see the film I am not a negro, „an unsparing treatise on racism in the USA, told only in Baldwin’s words using the example of Martin Luther King Jr., Medgar Evers (member of the NAACP) and Malcolm X, all three were murdered. “

And remember, it’s exactly the time that we lived in South Africa, when we didn’t notice it, because we were in the land of apartheid, without wanting to know that we, the whites, were privileged, and they, the blacks, only the film in the background with the peculiarity, the differentness, the archaic, the exalted, the exotic – we watched the film in different versions, once we drove to the homelands, and father, naive as he was, stopped his Super 8 camera everywhere. Another time we went, it was a Sunday, with an Austrian couple to one of the Zulu dance performances, I only know two nouns about it: dust and smell. The smell was strict and not even slightly perfumed, just a sharp smell of sweat on a Sunday in the dust of the dancers, father filmed it.

I still see these films today and I am just as surprised to see the acrobatic performances of the dancers jumping, bouncing, pounding and drumming in decorative feathers, in animal fur skirts in stocky and muscular bodies …

another time we stand on a hill and look into a bay, there is a church service for the blacks, the women in light blue aprons and white headgear, the men in white suits, in contrast to our services there, everything in motion, towards an imaginary center , away from the center, again a dance ritual, again a physical response to God’s spirit, we stand at a distance and marvel, moved but judging, these are rituals of which we have no understanding – come on, let’s go, father also had that on Super 8 filmed. Once he drives to the Johannesburg train station, not on the white, on the black side and also films this – until a black man threatens his fist – he bluntly holds his camera as a white man on the black people who do nothing else than enter the station, leave it. Hear off-screen calls to mother, don’t do that, don’t you notice how you excite them, it excites them how to excite lions or elephants – the conceptual world for those who are always on the edge of the unspeakable, always in comparison to non-human beings, always in the tone of arrogance, fear and misjudgment.

What I didn’t understand when I was a child, only when we had already been living in Germany for two years, when my friend told me that you were in South Africa? Where is apartheid? Where’s Apartheid? I vehemently denied it, I, almost fourteen years old, did not think it was possible for me to grow up in a country of apartheid, in the country of apartheid par excellence, yes, in a country steeped in racism. I denied it violently. So violent that he started to prove it and got all the article from his father’s Spiegel collection that spoke of South Africa as a country of apartheid. The more I leafed through it and read and saw the humiliated, the beaten, and the killed, the more violent the resentment in me that he, my best friend, wanted to humiliate me, beat me, kill me. I still denied that and was only able to understand what he wanted from me years later. That I apologize for something that I was not responsible for, but because I was there, my childhood was indebted to me in a system that was neither from me nor from me, but from which I came, with all the prejudices against people who were servants to us.

Once my father films a man cutting the English lawn with garden shears, blade by blade. In the background you can see the boundary walls to the owners‘ wealth, in front of the wall he cuts the lawn with secateurs. It wasn’t the fact that he was forced to do this job that caught the eye, but the question of how you should be to do something like that. No white man would do that. But the black man, on behalf of the white man. Cause effect, already there. Whoever does it makes himself look ridiculous. The man who commands it is invisibly entrenched behind walls.

I am often asked whether I also had positive contacts with black people. „What do the Negros have, why are you not optimistic, everything is getting better, there are black mayors, Negros are represented in all sports, are in politics, and they are now even the highest honors in television advertising.“ Loud laughter. Baldwin also laughs … (probably less flattered than spicy) I’m glad that they smile, says the moderator, is it getting better at the same time and yet is hopeless? Pessimism dark, hope bright. Baldwin replies: I really don’t think there is hope as long as you keep using those phrases. It’s not about what happens to the blacks (to the negros, to the black man). It’s a burning question for me. Again, it’s more about what is happening to this country. (I repeated this several times.)

In South Africa there was a nationwide opinion that if the blacks take over, the country will perish. In South Africa there was a nationwide opinion that the country did not belong to the blacks, it was the English who discovered it. Yes – at this point I would also like a music overlay. Pharoah Sanders Our Roots started in Africa.

Did you also notice that you were more afraid of the Blackman than of the White People? In such a sentence you have all of the fatal language usage of the past more than a hundred years. The blacks are the dark form, the raging wolf, in fact the documentary leads Black Man’s white girl to his execution site – while the whites are just people, every now and then The White Man … but otherwise White People, a flock of leeches, so to speak, standing peacefully together … while the black man is in the game Who is afraid of him … even in Germany then, we have been here for five years, practiced on the playgrounds … and run for our lives.

I’m not your negro the film is titled. In the original I Am not your Negro? Do you notice the difference? The connotation in German is much uglier, much more brutal. More honest? It even sounds harmless in English, rather melodic. (Considering the background music.) The time of these lives and deaths, seen publicly, is between 1955 when we first heard from Martin and 1968 when he was murdered. Medgar was murdered in the summer of 1963. Malcolm 1965.

These three men … very different … „(Martin) shouldered the weight of the crimes, lies and hopes of an entire nation“, these three lives clash and let each other reveal themselves – as they actually did because they did their terrible Use travel as a teaching for the people who loved them so much, who were betrayed by them, and for whom they sacrificed their lives.

„We don’t go to school with Negroes.“ Fade in a worried Christian: „God forgives murder and He forgives adultery. But he is very angry and punishes all who are for integration.“

I can think of all the upheavals of my own parents, of my own social environment in which they lived, Christian, Baptist, Free Church, Bible-proof and endowed with a higher morality, a morality of God that always and always stands above human law. We ask, how could a Donald Trump get this far – well, that’s what the wrong people are asking, because those who suspect the forgiveness of deathstroke in God’s goodness, but not the integration of different skin tones, speak the quasi-irrational logic and morality and seem immune to the worldly – this immunity also enables the shameless tolerance of injustice and unequal treatment, especially racial segregation and agitation – because the belief in the God of knowledge is not one whose Jesus heart beats with love your next one like yourself, that is quite translatable, love yourself first, before you try it with the others, pure sophistry, one would like to think, the effect alone is fatal: the rumbling of God can be heard, he belongs to him, he himself is the messenger rumbling voice, a deep inner voice of his own projecting his own fear of who he is, the angry man, the intimidated Man, the arrogant man, and kiss my feet, slave, not showing his forehead but showing his reference. Unfortunately, however, a culture of debate about how could such a thing not happen, that even the disgust, even the frightened giving, does not hide the fact that some mountain preacher from Atlanta has more power over his believers than the preamble to the United States Constitution from America; from the preamble:

“We the People of the United States, in Order to form a more perfect Union, establish Justice, insure domestic Tranquility, provide for the common defence, promote the general Welfare, and secure the Blessings of Liberty to ourselves and our Posterity, do ordain and establish this Constitution for the United States of America.”

It cannot be seen whether this „our“ really means everyone – it does not sound inclusive of all – there is also a call for defense – who is the outside – since they have fought inside for decades (in the civil war)? Historians ask!

Bright day, deep dark night.

The screaming between good and evil is so deeply anchored that white is simply angel white and black is simply devilishly black. Got preached and seen more than a hundred times in my childhood. This is not a double standard, no, it is a clear and simple voice that speaks there. Correctly and meant sincerely. God’s blessing included. They are children of God by order, and God chose them. Everyone else is of the devil. This message is as simple as it is simple – and practical. Again: This message is not aimed at those who call themselves enlightened or modernists or atheists, the message is aimed at believers among their kind – the intellectuals of our latitudes only know how to announce a snooty shrug – to continue to follow avant-garde games and to make a difference here and there between Strich-F and B-Flat-F.

If two come together, speak a common code, go and either everything beyond the own code is ignored, or it is immediately taken, a third does not speak at all – and has a different skin color – the noise starts all over again .

As soon as there is a differentiation, no one listens, it is answered with the fervor of the refined and just, with heart and bad taste, now disguised under safari and carrot shirt, that is as shameful as unteachable, one would think that the missionaries would have to their teaching of the chosen or equated with God or over-determined are first to be missionized themselves to modern thinking and life – this also seems meaningless against the background of their stubborn simplicity, which also comes with increased demands (increased by God) and with the indication that the others are the unteachable – because incredulous and unconvertible. And now just keep a mirror on these sentences, that makes it indissolubly paradoxical: at least you don’t get racist weaned off the racist, he doesn’t allow himself to be converted, he himself is in covenant with the Redeemer and wants to convert. Adultery and homicide are forgiven by God. The Lord is angry with justice and equal opportunities. (We ridiculed the Methodist method at the time, and were no better.)

… it is enough for the blissful Christian fanatic to shout: This is my Church. Or: there are no coincidences, since everything is predetermined by God, but everything appears as pure coincidence, where you are born, which school you attend, which car you are pushed out of and can continue on foot – also God’s plan. A seemingly unsolvable Gordian knot for the one who was born white by God’s will to preach the gospel to all who wander through the dark valley. Do you think any of these would want the powers of the mind to be „modernized“ in their interaction and interaction?

I look down at myself and realize that I am pink and white – now also 55 years old and no longer painted as black and white as when I was a child, when I was young. Nevertheless. If I’m honest. This deep-rooted childhood still manages that, as soon as I see dark-skinned people, first of all I am overly interested in them, secondly I always want to ask where they come from and thirdly I find out that they are not from here (although yes, too I’m not from here – absurd), regularly a reflex – that includes: they come from there (I’ve always been here – absurd) – first of all just a reflex, an affect, I don’t have to be ashamed of it, but I often do everything normal conversation difficult.

The last time I met was laying carpets half a year ago. One from Kenya, the other from Ethiopia, their boss a beefy Berliner. They laid the carpet in less than four days, but Icke Berliner, following an inner voice, had to point out more than once that his boys were lazy boys, he always had to push them in front of them, command them … and shoo them. It’s like it was: black on white. The black painters, pushed and shooed by white men. Not a normal you I you. It’s resentment, unspeakable and prejudice.

When I recognized a favorable minute, I sat down with them and told them about my South Africa. It had never happened to them before. We were probably sitting together for an hour, almost exchanged addresses, suddenly they broadened the subject and families, mothers, brothers and sisters became visible for an hour. I remember this hour now, you may remember it too, it is more likely that you are still thinking, why are we treated here like people from another orbit or as from the moon. If only it were the moon.

It’s the bin they’re trying to get out of. I’ve seen so many people living in the bin in my life, I don’t know what to hope for. Especially since intelligent people say: How do you believe in a better world? Tell me, where do you live? Well, in the cliché of good and bad, only that I also think I’m on the side of the good. The yes, reversal of every logic and morality is that of evil, depending on the projection and consideration. A real issue of violence and need, a real European export hit. That is why I find the subtitle of the film about racism in the USA to be shortening and also not harmless – because it moves us into the distance and we can nasal judge self-righteous about those there in the USA. Just like my friend back then with his aversion to apartheid in South Africa – just like me in my eternal flight from all the issues.

Summer has just started and I already feel that it is almost over. I’ll clear my throat in a month. Yes. 55. I’m about to go on the trip. This is a journey that, frankly, I always knew I would have to take one day. Even if I had hoped, I had definitely hoped that I wouldn’t have to start it soon. I mean to say that a trip is called one because you cannot know what you discover on the trip, what you do with what you find, or what you find with you. Time to work something up, time to make up for something, no time to forget – neither nor. Small and large. I, too, had many colleagues with whom I understood almost all technical questions, structural engineers, mechanics, civil engineers, among them gold miners like my father, who was in the mines near Johannesburg in a white vest, and I never had that Feeling that any of them are close to me. When we finally showed up in Germany and … something like that. German as a foreign language is in my basic chair certificate. There is still so much to write about those I looked at innocently and spat at them behind their backs, laughed and screamed. It fills me with hate and pity and it shames me. On this sunny afternoon I realize that I have to pack my bags to go home. I also want to make my contribution. It is time. But I would be welcomed outside of my colors and clothes. I would surely be able to hide among my peers again. All the easier since I wouldn’t even have to say goodbye to my people, they wouldn’t even know where I really was on their websites. Where I would be at home.

 

Natürlich …

… darf ich auch mal fordernde Sätze formulieren – und fordern . Wo kommen wir hin, wenn wir das Fordern nur denen überlassen, die uns unterfordern und gleich auch wegfordern. Ich gebe das nicht freiwillig her, was ich mir erarbeitet habe, nicht noch einmal … nochmal: ich bin in Südafrika aufgewachsen, ich weiß, wovon ich rede, ich schäme mich. Schäme mich zutiefst. Für das, was dort passiert und noch immer passiert. Was in mir war. Was jetzt passiert. Was hier passiert. Das hat nichts mit Mitleid zu tun, das will endlich aufhören! Für wen schreibe ich das? Für George, für Dan, Tom und meinen verstorbenen Bruder, für die, die kämpfen, ja, für da draußen die jungen Leute, in Gedenken an Sam, Uncle Paul, an die drei, die mich bei meiner ersten Zigarette erwischten und lachten!

In Love wo immer ihr seid!

Nur ein Spiel…

Mir ist das peinlich inzwischen … das alles ist mir ungeheuerlich ich habe Menschen gesucht und ernte Abwarten. Handelte mir Depressionen ein … will das unbedingt elegant darstellen, Eleganz ist auch verstaubt, das Haus die Vision das alles. Ich Requisite. Dort draußen wird gekämpft Der beste Freund wäre gern dabei Er sieht sich das von oben an aus seinem Advokatenhimmel Du sollst dich nicht grämen, lacht er sich ins Fäustchen seiner Freunde. Ich soll das mit Herz erfrischen Soll das spielen. Fröhliches Entzaubern. Habe keine Worte als Beleg für seine Lebensführung. Verstorbenenerprobte. Stillschweigend wegen der wirklichen Momente. Dieses Schweigen verstört mich mit seiner Seligkeit.

Nebelhorn

Ich stochere in allem was ich war Im Nebel meiner Existenz Morgens sanfte Töne mittags Umlaute

Abends Stevie Donny John und Hermann Halte mich auf mit Nebensächlichkeiten Werde aufgehalten von Nebensachen

Lese Dom wie Pessoa und spreche stündlich von Raskolnikow und Oblomov, womit ich die Seelenwanderer meine wie Marcel und Thomas und Hans und Peter

wobei die Birke keiner Tanne ähnelt auch sie im Wind standhaft Seelen sprechen oder Aura

Bin unvollkommen neben ihnen um so vieles schlauer als sie älter werden Die anderen haben mich schon überlebt

Ich stochere im Nebel meiner Gedanken und erkenne

Feldgrenzen, Linien wie sie enden, Vertikale wie sie verstummen, horizontale Gleichgültigkeit, durch die das Nebelhorn ruft nach dem Original

Der Fälschung

© Clemens Verhooven

 

Kompass

Ich kann mich nur an meiner Biographie festhalten, orientieren und bestimmen – mehr habe ich nicht – weder zu bieten noch mitzuteilen, alles andere wäre Fiktion.

Ist Fiktion. Wie wir in der Wiese lagen. Uns die Haare zerzausten, uns die Ohren füllten.

All deine Tränen beim Hören von der Musik vom Englischen Patienten, wir hatten nicht das Glück uns wiederzusehen, längst waren auch wir Fiktion. Heute gebraucht man das hässliche und dürftige Wort Fake dafür. Ich möchte dich mir mitteilen, und weiß nicht wem.

Ich belasse es bei hilflosen Worten.

Okay Boomer!

Eine Erwider-Glosse!

geschrieben im Sommer irgendwann, und da ich dieses Jahr so publikumsunwirksam war, zum Abschluss dieses Jahrzehnts eine Art Widerkäuer aus meiner Widerspenstigkeitsschublade, die so gar nicht mehr in die Zeit will … Take it Smile.

Generation Y weiß was los ist:

https://www.zeit.de/2019/07/generation-babyboomer-klimawandel-generationenvertrag-rente-generationenwechsel

Babyboomer antwortet:

Stichworte gibt es genug: Trump wehrt sich gegen Vorwürfe, er arbeite zu wenig, Berliner Neubau kommt ins Stocken. Sehe das fröhliche Schaulaufen in langen Berlinale Nächten, dort auch ein Türsteherfilm präsentiert wird und ich weiß, ich bin nirgends dabei (darf nirgends mehr rein), sehe, ich soll abschieben, das Deportationsschiff stehe bereit, ich bin Jahrgang 1964, Babyboomer und für die ganze Misere verantwortlich.

Die Misere ließe sich verschlagworten: Der Generationenvertrag funktioniere nicht, die Generation Y ist in Wirklichkeit Generation Praktikum, ich sei nun verantwortlich zu machen und soll gehen. Raymond_Federman grüßt aus dem Jenseits; hier insbesondere zu empfehlen Die Nacht zum 21. Jahrhundert oder aus dem Leben eines alten Mannes : Roman, Nördlingen : Greno, 1988, Neuausgabe: Frankfurt am Main : Suhrkamp, 1991.

der alte Mann und das Meer, Käpt’n Ahab auf Walfang.

Während sie (Fleißige der Generation Y und mit ihnen die Autorin des Artikels bei der Zeit) müde vom langen Arbeitstag tellerweise Spaghetti mit Tomatensoße verschlingen und einen billigen Rotwein nach dem anderen öffnen, sehe ich auf der Liste meiner Hausärztin erhöhte Cholesterinwerte und gestiegenes Herzinfarktrisiko und soll unbedingt Diät machen, obwohl die erhöhten Cholesterinwerte genetischen Ursprungs sind, Bewegung tut Not, aber bei dem Pieselwetter dort draußen mag ich nicht joggen.

Solltest du aber. Dreimal wöchentlich mindestens, sagte die Hausärzten, ebenfalls Generation Babyboomer. (Wir unter uns, wie immer!) Der Höhepunkt der Babyboomerei war 1964, genau mein Jahrgang. Und ich bin schuld an der Misere, soll mich vom Acker machen, das Deportations(Raum-)schiff wartet.

In der Spree habe ich keins gesichtet (nur Ausflugsschiffe mit vielen meiner Elterngeneration – Babyboomer kaum, die sitzen in den Büros). Wahrscheinlich liegt das Schiff, das mich abschiebt, bei Rostock. Dort wartet allerdings von den 1.357.304 Geborenen der Babyboomer wahrscheinlich dann nur ich, weil wieder nur ich es wörtlich nehme, und weniger ironisch: Schieb(t) ab!

Wir hätten den Generationenvertrag gekündigt, weil wir zu wenige Kinder zum Ausgleich unserer Überzahl in die Welt gesetzt hätten, und die, die wir in die Welt gesetzt haben, ertragen uns nicht mehr.

Weniger Pop, mehr Kinder!

Wir hätten mehr zeugen und weniger poppen sollen, damit sich die Generation Y erstrecht gegenseitig auf den Füßen steht.

(So wie wir es erlebten in überfüllten Klassenzimmern, im Gleichmarsch des Wehrdienstes oder wie ich im Hippietouch des Zivildienstleistenden mit der Folge, dass wir spät erst auf der Uni auftauchten und dort auch noch, der Regelfall, zwei oder drei Semester zu lang verbrauchten, weil wir nebenbei unser Studium finanzierten mussten, und als wir endlich im zeugungsfähigen Alter von über dreißig, i.d.R. fünfundreißig waren, dachten wir vor allem erstmal ans Geldverdienen und selbständig werden, ja, ans erwachsen werden, und als wir endlich erwachsen waren, hatten wir uns einen Hunderttausendeuro Schein aufs Festgeldkonto erspart und vergessen Kinder zu zeugen, das machten die anderen, die, deren Kinder heute sagen, wir seien Partygänger gewesen, Hedonisten und selbstverliebt und nicht bereit, Verantwortung zu übernehmen für die Zukunft der Kinder, die wir nicht gezeugt hatten. (Wir werden gern verwechselt mit der Generation X, und auch mit den sogenannten 68igern.)

Kann mich sehr wohl erinnern an eine Veranstaltung im Wehrersatzdienst, da predigte uns ein Graumelierter, wir, Teil der Ersten Welt, wären die größten Umweltschädlinge dieser Welt, und jedes weitere Kind würde die Umweltbelastung erhöhen, besser sei es, KEINE Kinder in die Welt zu setzen in dieser ersten Welt, sondern uns zurückzuhalten und … abgesehen davon, dass von den mehr als 700.000 weiblichen Babyboomern auch kaum Signale verströmt wurden, mach mir ein Kind.

Im Gegenteil forderte diese zweite Hälfte unserer Generation Gleichberechtigung und Chancengleichheit und gleichwertige Berufschancen und gleiche Bezahlung.

Kann man uns jetzt zum Vorwurf machen, dass wir unsere zweite Hälfte der Generation nicht ans Ruder gelassen haben? Ich persönlich kann mir diesen Schuh nicht anziehen, da ich in einem technischen Bereich aktiv war und bin, für den sich die andere Hälfte unserer Generation noch immer kaum interessiert. Ich schraubte an Mimosoft, Linux und Applewirtschaften herum, die andere Hälfte unserer Generation freute sich, als sie endlich Internetzugang hatte, ohne immer den männlichen Teil unserer Generation anfragen zu müssen.

Die Schuhe passen wieder nicht.

Nein, ich kann mir den Schuh, Frauen nicht an den Start gelassen zu haben, nicht anziehen. Ich kann mir auch den Schuh, keine Kinder gezeugt zu haben, nicht anziehen, denn die eine hatte eine Spirale, die nächste nahm die Antibabypille, wieder eine andere führte Strichlisten, und die, die schließlich schwanger wurde, ließ es abtreiben und entschied sich für ein anderes Leben.

Die, die ich liebte, und mit der ich es mir vorstellen konnte, liebte einen anderen und die, die ich nicht schwängern konnte, weil sie nicht schwängerbar war, ließ sich die Eierstöcke entfernen und konvertierte zum Buddhismus.

Ich hatte spät erst die Möglichkeit, eine Frau fürs Leben zu finden, die aber hatte auch schon zwei Versuche, Kinder zu kriegen, abbrechen müssen, unwillentlich.

Den Schuh, keine Kinder in die Welt gesetzt zu haben, kann ich mir so gesehen nicht anziehen, zum Glück für mich habe ich zwei Schwestern, die insgesamt elf Kinder in die Welt gesetzt haben, ELF!

Und keine dieser Kinder, die ja nun (fast) alle Generation Y sind, würde mich in die Verantwortung nehmen wollen, dass ich nicht noch für mehr Konkurrenz gesorgt habe, sondern fragen mich immer etwas mitleidig, ob ich denn glücklich sei ohne Kinder. Ja, nein, antworte ich, einerseits, andererseits, sage ich. Es ändert nichts. Aber nun muss ich sehen, dass man für mich das Deportationsschiff vorgesehen hat. Schiebt ab!, ruft die Journalistin da aus ihrem Weitwinkel, wahrscheinlich bei Igramm gefiltert.

Ich sehe, sie hat einen schwierigen Job. Macht statt IT auf Journalismus und lässt sich sicherlich bevormunden von Graumelierten meiner Generation, aber wahrscheinlich auch unter Druck setzen von Ihresgleichen, das aber ist Spekulation.

Die Journalistin, die das schreibt, ist Generation Y. Davor gab es die Generation X, das waren die Hedonisten und Drogenabhängigen und Psychodurchgeknallten, das wahre Nachtleben fand in den Neunzigern statt, heute wird wieder in die Hände gespuckt, nur dass es sich nicht lohnt, denn die Babyboomer blockieren die Plätze.

Die schönen Grauhaarigen

Haben graumeliertes Silberhaar, sind schöne, gepflegte Menschen und zwingen der Nachfolgegeneration ihre Work-Life-Balances, ihre gewaltfreie Sprache und ihre sonstigen Unterdrückungsmechanismen auf, während es weltweit so aussieht, als würden alternde Patriarchen und Stammesväter ihre letzte Ölung genießen.

Allenthalben lugt Autoritäres und Autokratisches ums Eck, und sicher ist auch daran unsere Generation schuld. Zumindest beteiligt.

Unsere Generation hat diese Monstren Big Five aus den USA erst groß und möglich gemacht. Die Big Five, die uns hier alles durchleuchten und jeden und alles entmündigen und enteignen, und zwisten und Streit sähen, die steigenden Mieten, die explodierenden Energiekosten, das Sterben der Innenstädte, das Aussterben der Infrastrukturen, die Verrohung der Sitten, die neurechten Ideologien, die Verfrachtung unserer eigenen Kinder in die Callcenter der Big Five und ihre Ableger.

Die Finanzkrise, die einstürzenden Twintowers, die Radikalisierung, das Auferstehen der Religionsfanatiker, die blinde Gefolgschaft hinter sozialdarwinistisch besser aufgestellten Autokraten – haben alles wir verzapft?! Mit unserem Drang, schöne grauhaarige Menschen zu sein. Nichtmal die DDR haben wir verschont. Und nun sitzen in allen Ecken die Wutbürger, und fangen zu motzen an und rufen nach Nationalstaatlichkeit und Überschaubarkeit und Provinzialismus, das sind natürlich auch wir. (die falschen Mehrheiten?!)

Die Generation Babyboomer das wahrscheinlich provinziellste Völkchen, das jemals die Welt erblickte. Obwohl ich mir habe sagen lassen, dass es das Babyboomerphänomen nur in der westlichen Welt gab, während es heute vor allem in den sogenannten BRIC Staaten um sich greife, oder in Afrika. Nun gut, das sind wahrscheinlich begrifflich betrachtet Erbsen mit Kartoffeln verglichen. Die Journalistin meinte schon uns, da kann ich nicht ausweichen.

Ich soll deportiert werden, die anderen kommen später.

Das zur Ausgangsposition, das zur Selbstläuterung. Ich habe mir ja die Mühe gemacht, den ganzen Artikel zu lesen, und auch die Contra-Position, muss aber feststellen. Ich bin zwar gemeint, aber ich war nicht dabei.

Ich habe nämlich gesehen, dass die Generation Y sich das vornimmt, was wir uns notgedrungen auch vornehmen mussten: Eigeninitiative, Durchhaltevermögen, Idee und Wille. (Alle Dacore) Sollten wirklich alle Menschen Journalist*Innen werden wollen, wäre allerdings bald Schluss mit lustig, aber warum, bitte, werden sie nicht Jurist*Innen, Informatiker*Innen, Mechaniker*Innen, Maschinenbauer*Innen, warum wollen so viele Psychologin, Geisteswissenschaftlerin, Schriftstellerin oder Leserin werden, und wahrscheinlich weniger Programmiererin … nun, der Herr im Himmel hat sich weggedreht.

Diesen Kampf führten wir damals auch. Wer Geisteswissenschaft studiert, dem droht die Sozialfalle, heute nennt sich das Wohlstandsverhängnis, unser Versäumnis? Wenn ich meine Kinder, die ich nicht habe, dazu erziehen könnte, was Vernünftiges zu machen … bräuchte ich nicht so eine Angst haben um mein Pausenbrot und meine Ausbildung … sondern würde beharrlich und ausdauernd mein Ding verfolgen?

Da bin ich eben auch ratlos. Und das ist tatsächlich, was man unserer Generation, den Babyboomern zum Vorwurf machen könnte: Nicht ihre grauen Haare und nicht, das sie schöne Menschen werden wollten, sondern ihre Ratlosigkeit, ihre Angst vor der Zukunft. Wie im übrigen auch im Schreiben der Journalistin zu erkennen: in jedem zweiten Satz winkt das Substantiv Ratlosigkeit. Gerade und wegen der immensen Herausforderungen. Und eh sie eine Kooperative oder ein gemeinsames Handeln erwartet oder impliziert, wird schön am Deportationsschiff gebaut.

Nun schiebt endlich ab!

Sie werden wohl auch nicht daran gedacht haben als Sie lasen: Schiebt ab! Dieses Schiebt ab ist wohl eher umgangssprachlich gemeint, von wegen, macht mal Platz hier, ja, aber Frau Journalistin. Wohin sollen wir? Wir waren schon immer zu viele, und immer hat man uns gesagt, ihr seid zuviele. Wir aber haben uns für ein Solidarisierungsprinzip entschieden, nicht für ein kapitalistisches, das kommt aus den USA, das waren wir nicht, das waren die anderen, die Börsianer und die … jaja, wer hat damals vor den Amis gewarnt? Nun haben wir den Salat. Big Five, und lauter rastlos ratlose Schafe. Statt auszurufen, tut was dagegen, packt es an, gründet eine eigene Firma: sollen erstmal 1.3 Millionen Menschen abschieben! Nicht abgeschoben werden, sondern freiwillig gehen.

Vielen Dank aber auch – für nichts.

Bin ich froh, dass ich kein Kind zur Welt gebracht habe, stell dir vor, es würde dir jeden Tag zum Vorwurf machen, dass du es in die Welt gesetzt hast.

ERGÄNZUNGEN:

Mal erzählen, wie du als über Vierzigjähriger, hier als Babyboomer an einem Einstellungsgespräch teilnimmst, das von einem glatzköpfig intellektuell wirkenden Brillenträger der Generation X geführt wird … und du nach wirklich tollem und erfrischendem Gespräch nie wieder was von ihm hörst …

Mal erzählen wie sich zwei der Generation Y um Praktikantenplätze streiten, sie jeweils bereit sind, für weniger als 500 monatlich zu arbeiten, genommen wird dann aber der Praktikant der Generation X, der sogar 800 monatlich bekommt.

Mal erzählen von den ganzen Generation Y Kandidaten, wie sie von einem Babyboomer erwarten, dass er ihnen Festplatten, Lüfter, Lampen, Telefone und Tische, ja eigentlich alles, was sie selbst so verranzen und vermüllen, sauber hält. (Den Babyboomer mit einem Hausmeister oder der Reinigungskraft verwechseln, obwohl er ausgebildeter IT-ler ist mit der Höflichkeitsattitüde, immer helfen zu wollen. Das haben wir ja als Helfersyndrom untergejubelt bekommen und immer noch nicht abgestellt.)

Mal erzählen von der Teppichnummer: Da alles raus muss, Tische, Lampen, Stühle, Rechner, alles! Und der Babyboomer bis spät in der Nacht noch am Rumräumen ist, vor allem auch die Arbeitsplätze der Generation Y, die offenbar dachten, der Babyboomer muss in seinen jungen Jahren viel Zeit im Fitnessstudio verbracht haben, dahin zieht es den der Generation Y jetzt auch, während der Babyboomer erschöpft nach Hause wankt und daheim erstmal viele Spaghetti und wahllos Rotwein in sich hineinfüllt, damit er morgen garantiert nicht mehr aufsteht und anschließend, wie es Gewohnheit ist des Babyboomers, eine Woche krank feiert. Was nur nicht viel bringt, denn der Babyboomer hat sich ja aus der sozialen Verantwortung herausgestohlen, indem er schon seit Jahren Freiberufler ist, damit er erstens weniger Sozialbeiträge zahlt, zweitens kaum soziale Kontakte pflegt, und drittens sowieso nur daran denkt, wie er bald ein Leben führt auf den Malediven oder sonstwo auf Kosten der Generation Y.

Mal erzählen davon, dass während eines Vorstellungsgesprächs der Mann der Generation Y sein Apple-Book mitbrachte, aber offenbar vergessen hatte, daheim den Kanal für die pornografischen Inhalte aus seiner Timeline zu entfernen, sodass die Frau Personalchefin, klar doch Babyboomerin, nicht anders konnte, als ihm einen schönen Tag zu wünschen.

Mal erzählen vom Schlangestehen zur Mittagspause, da auch der Babyboomer Hunger hat, aber ein Jungspund der Generation Y weniger Zeit mitgebracht hat, und einfach so tut, als sei der Babyboomer durchsichtig.

Es gäbe noch so einiges zu erzählen, auch wie der Babyboomer damals noch betrachtet wurde von den 68igern, aber das wird ja inzwischen alles in einen Topf gerührt … der Babyboomer ist wahrscheinlich nur ausversehen gezeugt worden, weil alle das machten damals, im Autokino.

Natürlich hat der Babyboomer den Artikel der Frau aus der Generation Y richtig verstanden: er soll Platz machen. Verraten sei auch: Der Herr Babyboomer hat schon so viel Platz gemacht vor den Leuten der Generation X, da sollte Generation Y mal lieber drauf achten, dass Generation X sich hier nicht alles unter den Nagel reißt, zum Beispiel das Abdrehen schlechter Spielfilme, in denen immer nur Nazis drin vorkommen, aber das wäre natürlich ein anderes Drehbuch.

Es müssen ja immer erst die Babyboomer verkloppt werden, immer schon, es waren einfach zu viele. Wo sind aber die Verantwortlichen für dieses ungeschützte und kondomfreie Verhalten derjenigen, die offenbar unter Bombenhagel und Nahrungsmittelverknappung und andere Spezialitäten litten, so sehr, dass es die ihnen folgende Generation mal besser haben sollte.

Und zwar so viel besser, dass sie von heute aus betrachtet von sich als Friedensgeneration sprechen kann, sieht man mal vom täglichen Kleinkrieg ab, oder vom größeren um den Irak und Afghanistan und Syrien … (aber das waren ja immer die Amis, hat der Babyboomer immer gesagt, hat nur niemand hingehört) Auch das hat der Babyboomer einfach nicht im Griff: er dreht und wendet die Themen immer so, dass am Ende ein großer Brei rauskommt, Ergebnis und Beweis seiner spätpubertären Neigung, es immer noch allen rechtmachen zu wollen, vor allem sich selbst.

Resumee.

Die Frau Autorin hat offenbar ein heißes Eisen angefasst, denn es haben sich viele Leute dazu geäußert. Aber eins hat die Autorin vergessen zu erwähnen. Die Graumelierten, von denen sie da spricht, die so viel Macht haben, und alles blockieren, angeblich, sind in der Minderheit. Das sind die, die sich gegen ihre Rivalen durchgesetzt haben, die, die mehr Glück hatten, und die, die mehr erben konnten, aber die Masse, sprich die Menge der Babyboomer, teilen mehr oder weniger das Schicksal mit der Generation Y insofern, als auch sie nicht an den großen Fleischtöpfen sitzen, sondern an den ihnen zugeteilten.

Und die Proportionen dieser verteilten Portionen sind nicht gerade üppig. Ein Haus in Berlin kostet inzwischen 6.000 Euro/qm, wie soll nun der Babyboomer mit seinen ersparten 100.000 da mithalten? Ach so, 30qm reichen auch?! Weil Generation Y muss sich ja auch die hundert Qm mit vier Mithungrigen teilen. (Glaubt denn Miss Generation Y, wir hätten in einer Vorstadtvilla studiert? Was glaubt Frau Generation Y, wie schnell es geht, von monatlich 3500 Mark auf monatlich 3500 Euro zu kommen? Ein Jahr, zwei? Unter direktiven Maßgaben schafft das so manch einer über Nacht!)

Nach dem, wie ich den Artikel verstehe, habe ich da eine Lesart übersehen. Die Generation Y selbst will den Generationenvertrag quasi scheibchenweise abkündigen,  und tut schnell mal so, als hätte die Generation Babyboomer vergessen, Verantwortungsmilch zu trinken.  Jetzt schon hat Generation Y Angst, die ganzen Methusalems der Babyboomer nicht mehr durchfüttern zu können.

Stell dir vor, die rebellieren irgendwann. Zahnlos geworden zwar, aber durchaus mit Wut im Bauch, weil hungrig. Da ist das heute gesättigte Land noch weit von entfernt, meine: die Leute nicht sattzukriegen. Heißt ja jetzt schon überall: Sorge selbst vor, der Staat macht eh pleite … wahrscheinlich bald. Die Frau Generation Y hat noch nicht zur Kenntnis genommen, dass wir unseren Eltern unser Leben zu verdanken haben und dass wir bereit sind, einen Großteil unseres Verdienstes für ihre Generation aufzubringen, und verschweigt aber auch, wie viele dieser Babyboomer aus eigenen Stücken, ihre eigenen Kinder (das erkenne ich an meinen Schwestern und Freunden, die ihrem Kinderwunsch nachkamen!) außerdem noch unterstützen. Das nämlich hat die Frau der Generation Y noch nicht gesehen: Dass die Generation Babyboomer zu großen Teilen sehr vieles von dem, was sie erreicht hat, mit ziemlich viel Eigeninitiative und sehr hohem Kraftaufwand und viel Geduld, viel Lernen und Umlernen, erreicht hat. Und leider droht die Kulisse hierfür nun von ausgerechnet den Konservativen (Republikanern in den USA) und Zaristen der ehemaligen UDSSR und anderen Brexitiers und selbstsüchtigen Gestalten zerstört zu werden, das aber, liebe Generation Y ist nicht das Verbrechen und Versehen der Generation Babyboomer, sondern die durch alle Schichten dieser Zeit raunende Ratlosigkeit gegen eine Übermacht an Ideologie und Verantwortungslosigkeit – die vor allem von Seiten der Damen und Herren Nachkriegsgeneration getragen wird. Oder ist Donald Trump auch Babyboomer? Nein, er ist geboren 1946 – also Elterngeneration der Babyboomer. Bitte. Danke. Ja. Beim nächsten Mal bitte mal die eigenen Eltern fragen, wo die nächste Eisdiele ist. Vielleicht gibt es diesmal zwei statt eine Kugel?

Mit anderen Worten. So gut ging es uns noch nie. Alle miteinander. Wenn ich das Gelbwestenspektakel sehe, das Nehmt uns mal ernst Geplärr aus Dresden, das wir brauchen Manifeste Grenzen Gezänk aus Italien, das sind vor allem reichwarme und selbstgerechtgefällige Warmduschergeschichten, da kommen mal zwei Tropfen kälteres Wasser aus dem Hahn und schon bricht alles zusammen?

Großes Vertrauen in diese Leute kann ich nicht hegen. Heißt. Appell an mich aus  der Babyboomer Generation: Ja, weiter so! Helfen, wo Not ist, der Lohnzettel streicht einem regelmäßig fast 50% des Gehalts … ansonsten … richtig. Sieh zu, dass du wegkommst. Auf diese von uns gezeugte Generation kann man sich nicht verlassen, die finden unsere grauen Haare seien was wie Sperrholz. Welches Schiff besteige ich nun? Hab noch zehn Jahre bis zur Rente. Dann will man mich nicht mehr. Aber wahrscheinlich hat die von uns gezeugte Generation ja dann den Machtschalter endlich gefunden und weiß wie man es besser macht. Soziale Gerechtigkeit für alle, oder soziales Gewissen für die, die man kennt?

Ich könnte, wollte, müsste … noch stundenlang weiter … Holz sammeln.

Achtung: das ist nur eine Glosse mit hin und wieder nagelnden Brettern *grrr*

Wünsche allen, auch den Okay Boomern ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins Neue Jahr . In 2020 wird alles besser. Denn der Untergang der Welt droht ja erst 2023 – Bis dahin lasst uns tanzen, leben, glücklich sein!

Und das Kinder zeugen den anderen überlassen – wir sind dafür wirklich schon zu alt.

Er redet immer so viel

… über die Abkehr von der transparenten Gesellschaft

Im Tagesspiegel: https://www.tagesspiegel.de/politik/soziale-medien-eine-abkehr-von-der-transparenten-gesellschaft/23837036.html (Abkehr von der transparenten Gesellschaft), die Sueddeutsche: https://www.sueddeutsche.de/digital/habeck-twitter-facebook-1.4278309 (So einfach ist das alles nicht)

Beide Artikel kommentieren die „Selbstgeißelung“ des Mit-Vorsitzenden der Grünen Robert Habeck, nachdem er sich nun schon das zweite Mal mehr oder weniger per Twitter „verplappert“ habe. Beiden Artikeln ist anzumerken, dass sie denen folgen, die mit dem Internet und hier explizit im Nutzen der sogenannten Sozialen Medien einen Hinzugewinn an demokratischen Möglichkeiten sehen, beiden Artikeln ist anzumerken, dass sie Argumente ins Feld führen, die genausogut in ihr Gegenteil verkehrt werden können. Insbesondere der Transparenzgedanke des Artikels im Tagesspiegel macht mich stutzig.

Frage: Wieviel Transparenz ist erreicht, wenn mehr oder weniger ALLE die Möglichkeiten der sogenannten sozialen Medien nutzen? Stellen wir uns vor, es würden zu einem Thema tatsächlich ALLE ihre Meinung äußern, wieviele dieser Meinungen würden dann wohl zählen, bzw. gehört werden? Alle? Allein die Auswertung ALLER Meinungen zu einem Thema würde Monate benötigen. Und wer sollte sie eigentlich auswerten, wenn nicht jeder Einzelne? Wie würde das jeden Einzelnen dauerhaft binden, wenn nicht sogar überfordern. Durch die Freiheit ALLER, sich zu ALLEM zu äußern, ist demnach nicht etwa die Transparenz gestiegen, sondern die Instransparenz – du erkennst im Dschungel der Meinungen keine Leitplanken mehr.

Es liegt also ein grundsätzliches Missverständnis vor in der Vermutung, die Gesellschaft sei durch das Nutzen von Social Media transparenter geworden, das Gegenteil ist der Fall: Die Unübersichtlichkeit und das Chaos der Vielen Meinungen hat zugenommen. Diese Vielfalt zu lenken, zu steuern, in Machbares zu verwandeln, stellt eine ungleich höhere Hürde dar, als ersteinmal Leitplanken zu errichten und dann zu sehen, wie die Gesellschaft sich entlang der Leitplanken orientiert.

Wir haben unbestreitbar im Internet eine regellose Gesellschaft ohne Leitbild, ohne Konzept (Außer dem Regelwerk der Anbieter?!). Dem einen gefällt das, den anderen macht es orientierungslos. Was tun? Behauptung: Nicht die Transparenz hat zugenommen, sondern das Chaos – und damit die Willkür.

Die etwa von Ausdifferenzieren, Komplexität oder Vielstimmigkeit sprechen, werden immer weniger gehört (sie gehen im Vielstimmigkeitsmomentum unter), die mit den einfachen Antworten dagegen hört fast jeder (Demagogen, Populisten und Verführer feiern Hochkonjunktur. Der sogenannte Transparenzgedanke führt sich selbst ad absurdum. Die Demokratie wählt sich ab.)

Frage: Seid wann sind Firmen wie FB, Instagramm, Whatsapp (alles in einer Hand!), Amazon, Apple, Microsoft oder Google Institutionen des öffentlichen Rechts? Wer verpflichtet mich, diesen Firmen meine Daten, meine Ansichten, mein Privatvermögen (mein Denken) zu übereignen? Der Teilnehmer auf der anderen Seite etwa, der ebenso nichts anderem als seiner Selbstenteignung beiwohnt?

Wer hat mir den Auftrag erteilt, mein Wissen den Firmen zu übereignen, damit sie ihre Logistik und ihre Algorithmen auf mich und die anderen abpassen? Wer hat diesen Firmen erlaubt, mich auszuhorchen und mein Verhalten zu arithmetisieren, zu verdinglichen, zu optimieren? Ich etwa? Wenn ich es war, der ihnen die Erlaubnis erteilte durch mein leichtfertiges OK unter deren Geschäftsbedingungen, dann bin doch auch ich es, der ihnen diese Erlaubnis wieder entziehen darf?

Wir sehen leider ein noch größeres Problem: Sie führen über mich Buch, auch wenn ich ihre Dienste nicht beanspruche, denn Tracking, Nachverfolgung und Weitergabe meiner Surfgewohnheiten sind per Session und Besuch anderer Seiten wie z.B. der Sueddeutschen und dem Tagesspiegel impliziert. Der persönliche Datenschutz ist angesichts der freiwilligen Selbstenteignung eine Farce. (Dazu gehört ebenfalls, dass ich nach Einführung der DSVGO nun überall noch einmal zustimmen muss, dass sie mich weiterverfolgen.)

Geschützt wäre ich nur, würde ich deren Dienste gar nicht erst wahrnehmen? (Nun, so einfach ist es wirklich nicht. So kompliziert ist es im Gegenteil. Wir erleben geradezu, wie ein sogenanntes Umsonstmodell (sie bieten mir ja regelmäßig ihre Dienste kostenfrei an) einhergeht mit einer Aufmerksamkeitsökonomie zulasten der Ausdifferenziertheit, der Vielstimmigkeit, der Pluralität (das Umsonstmodell macht alles, was etwas kostet, teuer, und da das Umsonstmodell von vielen Umsonstmodellen umstellt ist, wird das, was etwas kostet, schutzlos sinnlos, wenn nicht wertlos, da kann es kosten was es will.

Mit anderen Worten: das werbefinanzierte Internet frisst seine Kinder, und gibt Macht denen, die sie vergrößern, und macht wort- und gegenstandslos, wer ihnen folgt. Die Folgekosten dieser Umsonstkultur fallen der Demokratie auf die Füße, indem an ihrer Stelle die Willkür entsteht. Ich spüre es an meinem eigenen Surf-Verhalten: nicht mehr fähig, die Zukunft zu denken, zu suchen, zu gestalten, folge ich, was sich mir zufällig bietet, die Ausweitung des Präsens zum ewigen Jetzt. Wie soll da Verantwortung entstehen, für was?)

Ich sagte es oben schon: die Vielstimmigkeit blockiert sich selbst, die „leisen“ Töne gehen im Konzert der Allgemeinheiten unter, der am Trashigsten kommt, am meisten winkt, am schrägsten erscheint, am provokativsten brüllt, der und so weiter … gewinnt.

Gegen Trump scheint es kein Mittel zu geben, alles, was du gegen ihn sagst, münzt er zu einem noch größeren Unsinn um und vergrößert so nur das Chaos. Am Ende ruft er den Notstand aus. Es winkt Diktatur. Danke Chaos. Danke Twitter. Danke Follower.

Und da so viele schräg und trashig erscheinen, erscheint das Netz inzwischen wie eine Veranstaltung der Dauernerds und Ewigpräsenten und Lautesten. Und das, weil inzwischen ALLE mitmachen und ALLE ein Interesse verfolgen?: sich selbst zu vermarkten. Werbung zu machen für das eigene ICH.

In Haubecks Erklärung steckt ein Hinweis, dem auch ich auf den Leim gegangen bin: https://www.robert-habeck.de/texte/blog/bye-bye-twitter-und-facebook/

„Kann sein, dass das ein politischer Fehler ist, weil ich mich der Reichweite und direkten Kommunikation mit doch ziemlich vielen Menschen beraube.“

Insbesondere die (implizierte) Reichweite scheint irrezuleiten … dieses Jeder mit Jedem und Alle mit Allen. Ist einfach und salopp gesagt, Irrsinn, rein physisch nicht möglich, und siehe unten, mit der Zeit relativ sinnfrei, denn wo du erst Fans hast, folgen die anderen. – und setzen dich unter Druck, ob du willst oder nicht.

Das hat das sogenannte Social Media ebenfalls zutage gefördert: Sobald du eine gewisse Bekanntheit erreichst, hast du nicht mehr nur Freunde, dagegen viele Neider, Konkurrenten und Mitbewerber, um es mal vorsichtig auszudrücken. Die Suggestion von Social Media ist gleich ihr doppelter Boden: I Like it heißt eben nicht I like it, sondern ich mache auf mich/dich aufmerksam. Das I like it ist in den seltensten Fällen ein echtes oder wirkliches Like, sondern mit der Zusatzbotschaft versehen: folge du mir auch! ()

Das mag ja noch gefallen, wenn einem gefällt, was dich liked. Mit Zunahme der Bekanntheit aber kommen die Disliker, die, die dir dein Geschäftsmodell madig machen wollen, und was schwerer wiegt: dich benutzen, ihre eigenen Reihen zu füttern, zu stärken, zu blöffen, zu pushen – GEGEN dich. (Das Internet bringt also weniger zusammen, als es suggeriert, es treibt eher auseinander und bildet Fronten und fragmentiert die Gesellschaft. (Ob Twitter, Facebook, Instagram, Whatsapp, Amazon … die Wege sind gepflastert mit Burned Out Nutzern, Selbstüberschätzern, Zuspitzern, zerrütteten und zerstrittenen Familien, nervösgewordenen Kindern und hippeligen Mit-Life-Crisis-Verfolgten.)

Hast du erst einen dieser neuen Freundfeinde in der Timeline, kannst du sicher sein, dahinter warten weitere. Da kannst du noch so sehr in bester Absicht unterwegs gewesen sein, die anderen warten nur noch auf deine Fehler. Auf dein Versagen, deine Ausrutscher, deine Mismatches – um dich zu fixen. Da kann innerhalb kürzester Zeit dein Erfolg von früher ausschauen wie ein einziges Verhängnis: häufigster Vorwurf: er will nur sich. Er benutzt die anderen für seine Absichten. (Immer auch Projektion) Und wenn du zu dem gar nichts mehr sagst, also schweigst: wirst du ignoriert. Und aus.

Insbesondere Politiker sind da ohne Chance. Sollten sie sich verpflichtet fühlen, überall und immer mitzumachen, mitzureden, mitzudenken, oder wie hier, sich der direkten Kommunikation zu verschreiben. Sie stoßen zwangsläufig an Grenzen.

Ich brauche niemandem zu erklären, dass ein Tag nur 24 Stunden hat. Und wieviel Zeit das Internet beansprucht, wenn man es ernsthaft betreibt, brauche ich auch niemandem mehr zu erklären. Und das, um von politischen Gegnern aufgespürt zu werden, damit sie mir ans Bein treten? Ich soll das sogar tolerieren? Im Namen der demokratischen Rituale? Da spuckt mir einer ins Gesicht und ich soll das unter Meinungsfreiheit abbuchen? Oder gar wie Jesus ihm noch die andere Wange hinhalten?

Zum Thema ist in den letzten Wochen und Monaten und Jahren schon so viel geschrieben worden, ich kann wenig Neues dazu beisteuern, außer dass mir das Ganze regelmäßig ebenfalls über den Kopf zu wachsen droht, was schlimmer ist: die Verrohung, das Sensationelle, das Laute und Provokative, all das hat auch schon von mir Besitz ergriffen. Ich will plötzlich auch: Dabeisein. Gesehenwerden. Bekanntsein. Mitmischen. Meine Meinung sei gefragt. (Wollte ich wirklich Bekanntheit über das Augenscheinliche hinaus, ich müsste aufrüsten, mich exponieren, provozieren oder mich ständig zeigen … will ich das, kann ich das? Ich spiele Bass, ein eher leises Instrument. Hintergründig und weniger laut.)

Frage: Wer eigentlich hat den Firmen wie FB, Google, Microsoft, Apple und Amazon erlaubt, sich als Stellvertreter demokratischer Institutionen aufzuspielen und mich zu locken, zu übervorteilen und, um es salopp zu sagen: zu verschaukeln? (Sie bringen mich mit Leuten zusammen, da wäre ich nie drauf gekommen, Bots zum Beispiel.)

Nach nun mehr 25 Jahren Internetnutzung sehe ich vor allem eins: Das Erstarken nationalistischer Tendenzen (Panama First), provinzielles Verhalten (wie ich dir, so-du-mir), die Zunahme der Intoleranz, das Einheizen unlauterer Sprache (neudeutsch Hatespeech is in) – was bitte hat das mit Demokratie zu tun – da es nur noch um Sensation und Affektives geht – die SHOW? Nur wer auf den Bauch des anderen zielt, trifft dessen Verstand?

Die Frage kann ich nur noch so beantworten: Ich lerne, einen Bogen um diese mich bevormundenden Firmen FB, Google, Amazon, Apple und Microsoft zu machen. Ich habe geholfen, sie groß zu machen, nun helfe ich mir, sie wieder loszuwerden. (Es gibt tatsächlich Alternativen!)

Mit Verlaub, das Internet ist in seiner jetzigen Form nicht mehr mein Haus, nicht mehr mein Ort. Es entspricht nicht mehr meinem Denken. Ein Donald Trump ist mir Warnung genug. Ein Salvini reicht. Ein Orban, ein Erdogan, ein Bolsonaro, ein Duerte. Diese Figuren sind Ergebnis einer sogenannten Vielstimmigkeitsblase des Internet um FB, Google, Amazon, Microsoft und Apple (Bill Gates mit China Atomstrom wieder solonfähig machen will – https://winfuture.de/news,89025.html (in dem Artikel bezeichnenderweise nur die Vorteile und Vorzüge der Idee dargestellt sind – deswegen gleich den hier auch: https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2013-10/atomkraft-risiken-bill-gates/seite-2 – und wünsche niemandem, dass Bill Gates so etwas wie eine Adaption von MS-DOS 5 in Erwägung zieht beim Planen von Atomkraftwerken.

Zusammenfassung: Was will uns der Autor sagen?

Nun. Für 2019 habe ich mir vorgenommen: Filtern und blocken. Wir hatten in 2018 eine Öffentlichkeit, die sich überwiegend um das Thema Migration bewegte, um die sog. Neurechten, den Verfassungsschutz, und seltener um die Themen IT-Sicherheit und KI-künstliche Intelligenz, und seltener, dass wir, Europa, von China und den USA abgehängt werden, technologisch, und seltener, dass dort drüben Panama First regiert, der von den gleichen Leuten an die Macht gebracht wurde, die nun Großbritannien zerreißen, und seltener, dass Neokonservative (Faschisten) Italien aushebeln, und seltener, dass Ungarn und Polen ihre Rechtsstaatlichkeit aufgeben, und seltener, dass die Foren der Zeitungen vertrollt werden, und seltener, dass wir es zulassen, wie Afrika zum Binnenmarkt der EU verkommen soll, und seltener, dass Schattenfirmen in unseren Breiten Immobilienblasen schaffen, und sehr selten, dass mehr als 2000 obdachlose Frauen auf Berliner Straßen leben, und selten, dass und dass und dass … es gibt derart viele Themen … da brauch ich nichtmal Freund der Linken oder Grünen zu sein, ich kann sogar Freund der FDP sein … der CDU … (der SPD etwa?) stattdessen ich immer nur hören und lesen soll, was Gauland und Co zum Thema zu sagen haben: Nichts außer ihr schäbig verschrobenes Whataboutism für den Bauch. (Wird gefiltert geblockt)

Außerdem will ich in 2019 meinen Sachen folgen, will mich nicht ständig irreleiten lassen, will wissen, was ich will, was mit mir zu tun hat und warum ich meine Dinge nicht voranbringe, aber ständig dem folgen soll, was andere für mich als ach so wichtig bereithalten.

Nachdem ich im letzten Jahr mein Facebookkonto gelöscht habe … und ich es nicht einen Tag vermisste, ich im Gegenteil von vielen, die dort noch immer und wider besseres Wissen unterwegs sind, höre, es ermüde sie, es sei nichts Relevantes mehr erkennbar, selbst meine russischen Freunde hätten sich zurückgezogen, außer ein paar selbstdarstellende Künstler hier und da, außerdem: ich glotzte doch nur noch FB-TV. Und sollte immerzu feiern, was die anderen feiern. Sollte mich ausschließlich interessieren dafür, was die anderen tun und beabsichtigen: sich selbst vergrößern. Ich bin es so leid, dieses Leben der anderen, ich will ein eigenes zurück!

Schlussbemerkung: Der Hinweis aus dem Tagesspiegel von einer transparenteren Gesellschaft durch Social Media ist nahezu absurd: Habe diesen hier gefunden, und möchte anmerken: http://www.spiegel.de/politik/ausland/trumps-ex-wahlkampfchef-manafort-gab-umfragedaten-an-russen-weiter-a-1247107.html was glaubst du? Ein Entscheidungsträger XY hat die Information AB von DE … streng vertraulich, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass er sich verplappert, wenn er ständig twittert? Damit scheidet auch die Frage aus: ob man einem Politiker noch trauen kann, der sich nicht zutraut, auf Twitter oder Faceook aktiv zu sein. Im Gegenteil: Das Vertrauen in Panama First ist aufgrund seiner unsäglichen Twitterei zumindest bei mir unter NULL. Nur weil JEDER glaubt, er sei erst lupenrein und sauber, wenn er JEDEM mitteilt, wie er sie es morgens seine Brötchen beschmiert, heißt es nicht, dass er trotzdem nicht auch dunkle Geschäfte betreibt in Panama First.

Manchmal scheint das Naive so mancher Autoren nämlich auch mir das Gehirn zu vernebeln … oder hängt das nur mit zu hohem Internetkonsum zusammen? Weil alle reden, rede ich auch? Es sei mir unbenommen. Dann aber bitte sei es auch ihm unbenommen, meinem Gerede sein Gerede entgegenzustellen. So gleicht sich das aus.

Im Ergebnis dann kommt herum: Als hätte niemand geredet. Denn in der Regel redet er mehr noch als ich … er hat noch ein Konto bei …. und bei … und bei … Ich hab es schon immer geahnt: Wenn ALLE schreiben, gibt es keine mehr die LESEN. Wenn ALLE reden, gibt es keine mehr die ZUHÖREN. Insofern.

Das habe ich mir auch für 2019 vorgenommen: MEHR LESEN. Das bildet Verstand.

Denn so einfach ist das alles nicht.

!!! FROHES NEUES JAHR 2019 !!!

Copyright Foto: ist von mir in Rom geschossen.