Ich saß da und war erstaunt, wie sanft sie gepflegt wurde, wie unsanft dagegen meine Gedanken. Ich hätte früher aufhören sollen, sie bezwingen zu wollen, dachte ich, jetzt, da sie sich selbst verlor.

Die Unlust zu folgen, wem nicht zu folgen war

Bauwut, Sturm und Drang. Ein imaginierter Verriss über ein imaginatiertes Buch – kann als Schablone verwendet werden.

Im Ergebnis entsteht ein Haus, das man wahrscheinlich, wäre es gebaut, gleich umbauen muss. Ich will ständig eingreifen. Will die Extrapositionen, die Sprachwütereien zurechtstutzen, will die sinnlichen und erotischen Passagen absichern und schützen. Allein es gelingt mir nicht, der Eigenwillige wirft mir so einige Haufen um die Ohren. Das ist schon ein eigenartiges Gefühl. Beim Lesen zu glauben, eingreifen zu müssen, zu wollen. Aber so leicht ist das nicht. Abgesehen davon, dass der Text druckfertig vor mir liegt. Trotzdem: Zwischen empathischem Jubel und skeptischer Neugier liegen eigene Welten – wenn man den Text skeptisch neugierig liest, gewinnt man hinzu. Geht man begeistert hinein, gibt es auf die Augen … ich muss aufpassen, dass ich nicht gereizt werde – was ich sicher missverstehe. Ich will aber nicht immerzu zerlegt werden, in Frage gestellt, filigran gestimmt und pulverisiert. Ich will mich nicht mehr missverstehen. Die Figuren nicht mehr missverstehen. Die Kunst nicht missverstehen. Ich missverstehe sie trotzdem. Plötzlich, nach dem Lesen eigenwilliger Schönheitstheorien sehe ich: Ich war gar nicht Teil des Konzepts. Ich bin außen vor. Ich darf mich beruhigen. Der Text kämpft und ringt um sich selbst. Das kann ich hinnehmen, respektieren, oder nicht. Gut, ich respektiere. Schublade auf: Ich glaube, früher nannte man das Sturm und Drang. Schublade zu. Das ist als Antwort nicht genug.

Ich lese weiter und fahre schick Achterbahn. Rauf und runter geht es, vom Körperempfinden, der Nähe, dem Kopf, dem Geist, einem metaphysischen Haufen nach dem anderen, und das sprachlich nichtmal geschliffen, Grobkörniges wird mir um die Ohren gelöffelt, bis ich Nietzsche vor mir sehe: Es gibt keine Metaphysik, es gibt nur das, was ich aus ihr beziehe.

Das ist also mal etwas anderes. Und das ist, bei aller Irritation, für mich nicht Grund zur Verzweiflung, sondern Anspruch und Herausforderung. Eigenwillig. Abdriftend. Zurück ans Fenster mit den Bäumen davor. Manchmal fast schon zu intim, wenn sich der Text seiner Liebe hingibt. Wahrscheinlich sind das die Momente, die ihn zusammenhalten, obwohl hier niemand wirklich bei sich ist. Oder?

Viel geht es ums Missverstehen. Deswegen wird so heftig geliebt, geschrieben, gereist und sich bis zur Abgenervtheit an den Schenkeln gestreichelt, auf und ab. Dass man sich selbst hat oder sicher ist, führt in jenes Verderben, das Vater und Mutter zu bemitleiden leben als unglücklich glückliches Paar.

Dabei schaue ich zu, wer sich findet wer nicht, denn Sicherheit gibt es nicht, nicht im Text. Das muss man schon aushalten: Ein Stück An- wie Unfassbares. Auch wenn es manchmal beißt, nervt, schmerzt. Oder isoliert. Oder reisend macht. Fliehend. Zurück. Ans Fenster mit den Bäumen davor. Im Hintergrund schläft er. Der gar nicht weiß, dass die Ich-Figur über ihn schreibt.

Manche Miniaturen sind so gut, dass man sich mehr davon wünscht. Manche kopflastigen Ausflüge fühlen sich wie Ausflüchte an, sind so dermaßen komisch geschrieben, dass ich schon eine Übersetzungsmaschine im Verdacht hatte. (Auch das ist nicht ohne Reiz – sehe ich vor mir noch eine Figur, die immateriell immer da ist: Die Maschine, der Computer. Die Distanzschleuder, durch die die Bauwut hindurch jagen will (und offenbar muss). Das ist nicht immer leicht. Aber man erlebt so einige Überraschungen. Wo der Text seine Selbstbezüge aufmacht, hat er seine Stärken, was gleich auch seine Schwächen sind.

ALLEINSTELLUNGSMERKMALE

sich selbst richtig einschätzen lernen im Verhältnis zu.

Wenn du dich für individuell und frei hältst – setzt dich denen aus, die du für individuell und frei hältst – du wirst sehen, wie gefährdet die eigene Individualität ist, wie sie verblasst. Die Grenzen ließen sich auch erweitern durch ein Ausstiegs-Déjà-vu – erprobt und für nicht praktikabel befunden. Du begegnest nur dir selbst. Umgekehrt das sich den anderen Zuwenden nicht ungefährlich bleibt. Sich einfach neben sie stellen und zuhören vielleicht? Im Kumpelnest rumstehen und hören und staunen und sehen was geschieht – der am Morgen in dir festsitzende Geruch nach kaltem Nikotin.

Ich verweise auf ein interessantes Musikprojekt : Kelvin Scholar Trio im Transkript von Igor Strawinsky

Über Nacht …

eine sich freisetzende Ahnung: die Leute – wer immer sie sind, wollen es schlau, wollen Sprachwitz – für sich, zum Innehalten, zum Auftanken. Und weniger was augenscheinlich ist – die lauten Rufe und Schreie. Sich selbst freischwimmen mit wohlwollender Begleitung war immer schon tragfähig vergleichsweise zum Abtreten – oder getreten werden.

Was ist …

… eher nichts – wäre falsch. – Wenig ist begreifbar und davon genug. Das Internet gibt mir eher Verwirrspiele statt Konkretes – ich arbeite erfreut drei Romane ab – wäge sie gegeneinander ab, will meine Unrechtsstimme zähmen und wohlwollend sein. Habe auf der eigenen Seite zwei Bücher in Arbeit – will nicht erstaunt sein, sondern die Korrekturschablone hautnah und kompressbindend anlegen – spüre, wie in vielen Sätzen Luft ist, nicht nach oben, sondern abzulassen. Ausschweifungen reduzieren. Die Blasen aufstechen. Den Sprachfluss erhöhen – Blunatek steht nun in Konkurrenz zu War das verrückt – die Feststellung: Blunatek fiktional und satirisch, War das verrückt eher vom Kopf auf die Haut – weitere Feststellung: Du musst dich immer auch selbst absentieren, dich auf Abstand bringen, oder wie gelesen: einen Schritt zurücktreten: um zu sehen, wo du stehst. Soweit richtig – kaum einzuhalten, der Alltag ruft.

Zwischen den Zeiten ist nicht zwischen den Zeilen. Gib dir nicht zu viel Mühe, dich wiederzubeleben – nimm dein Jetztleben zum Anlass, dem Ernst darum seine Drohungen zu nehmen – leichter werden ist leicht gesagt – das Übergewicht der Welt hat sein eigenes längst satt. Das brauchst du niemandem mehr mitzuteilen, ohne Sprachwitz wird es zusätzlich belastend. Ganz der Vater: dem Rausch die Pointen zurückgeben, heiter, fröhlich, unbeschwert. Das Weltgewicht verleitet zur Melancholie, zum das Bessere Wünschen, zum Abschied nehmen. Dafür ist es wie immer zu früh.

Das hippe Internet

… ist nicht so hip, wie es tut, im Gegenteil: es unterläuft Dynamik und Flexibilität des Einzelnen, indem es Klickgewohnheiten generiert und ihn auf seine Manöverfläche runterzieht – wer sich in den Medien FB Insta Twitter (oder hier WordPress) bewegt – scheint durch das Viele seiner Timeline vordergründig gut bedient – ja informiert – stößt aber an seine Grenzen: die der Aufnahmefähigkeit. Die Ressourcen der eigenen Aufnahmebereitschaft sind bald gesättigt – schon braucht es Abstand oder Distanz oder Strategie. Energien, die eigenen, die aber sind gebunden. An diese eine Interaktion: sich überall durchklicken. Das Gehirn kann gar nicht verarbeiten, was es sieht, will aber mehr. Die eigene Timeline wird durch Scrollen beschleunigt. Die Stunden gehen ins Land. Am Ende eines Tages hast du zwar Weltteilnahme betrieben, die eigenen kreativen Ansätze aber verschenkt. Das augenscheinlich Hippe hat dich dazu verleitet, das eigene Interesse, die eigene Absicht hintenan zu stellen, du bist über Stunden einem Rausch verfallen und folgtest Dingen, die dich ablenken. Wie soll sich daraus ein eigenes Profil entwickeln?

Schau dich um – gehe eine Liaison mit einem Großaccount ein – ich brauch dir keine Namen nennen, du kennst sie – und wundere dich – wie dort bisweilen mehr als tausend Likes zustande kommen – ? – sieh dir das auf amerikanischen Servern an: wenn ein Tweet nicht binnen Sekunden zündet, wird er gelöscht – ein abstruser Wettbewerb um Klickofferten, um Klickperformances. Irre das, echt irre. Es schreibt einer parallel zur Fernsehtalkshow: man soll doch mal die Expertisen der letzten Tage in Sachen Corona zusammentragen und in der nächsten Verhandlungsrunde offenlegen und ein paar Stunden drüber brüten – und handelt sich 500 Likes ein. Eine Self Fulfilling Prophecy – das nämlich sagt einer, der sagen kann, was er will – es liken seine Follower, was er sagt – egal – eigentlich egal. Dumm daran: dass ich das sehe. Dass ich meine Zeit damit verbringe. Tag ein Tag aus setze ich mein Gehirn diesem aus. Und werde bisweilen regressiv – andere werden aggressiv – ich regressiv. Es richtet sich dieses Unbehagen gegen mich. Auch ich will teilhaben, will mitmachen – so aber läuft das Spiel nicht, du musst es einsehen, früher oder später – du bist nicht bühnentauglich.

Zurück zum Plot: das sogenannt hippe Internet ist nicht so hip wie es tut. Das Hippe früherer Jahre hat sich in Publikumsgeschmack vieler verwandelt. Die Mainstreamstraße hat sich verbreitert. Das Phänomen Masse Macht ist akuter denn je. Das Hippe hat sich selbst aufgesaugt, Masse im Sinn von Schwerkraft und Gravitation hat eine Größe erreicht, die nicht mehr wachsen kann (Elias Canetti) – alles ist ihr inne – der sich beschwert, wird eingekreist und stummgeschaltet – der sich extrapoliert, wird absorbiert (durch Maulkorb) oder abgestoßen (per Zurechtweisung oder Nichtbeachtung). Nun behaupten sie, sie wären im Kontext von großer zu kleiner Masse anzusehen – mitnichten – im Scherz schrieb ich: wo ist hier die Tür zum Sozialismus – alle waren sich einig, das ist kein Witz. Sie lachten aber – sie schwiegen – die Internetwaffen Schweigen, Ignorieren, Blocken, Auslachen, sie wirken. Du stehst am Rand dieser Erscheinungen – und Herr Canettti möchte ich rufen: erklären Sie mir das noch einmal mit der Meute:

Typ 1 der Meute: die Jagdmeute
Typ 2 der Meute: die Kriegsmeute
Typ 3 der Meute: die Klagemeute
Typ 4 der Meute: die Vermehrungsmeute

Sie sehen: Canetti geht willkürlich vor. Es fehlen die Schweigemeute, die Kläffermeute, die Aufrechtenmeute, die Moralistenmeute und so weiter – der Einzelne im Bezug zu all den Meuten hat keinen Bezug. Punkt. Das Reaktionäre am Internet ist seine Schwerkraft, entgegen all der Leichtsinnigen, die es mit Fröhlichkeit zu überziehen gedenken, schwebt das Massemodell Internet wie ein schwarzes Loch über dem und saugt an ihrem Verstand und ihren Ambitionen, bis sie eins werden mit dem Mo-Loch – angestrichen mit der Farbe individualistische Freiheit – die ein Stimmungsparameter ist für Launen, Gefühle, Affekte und Rituale.

Sprach es, sah es und erschrak.

Das Hippe kam über mich und nahm mich mit. Ich ertappte mich dabei, wie ich Mythen folgte. Ich ertappte mich dabei, wie ich langsamer, schwerer und gedankenversunkener wurde. Ich ertappte mich dabei, wie ich Werte hochhalten wollte. Ich ertappte mich dabei, ein leeres Gefäß anzubieten, das Gefäß war mein Kopf – in den wurde eingefüllt, was sich bietet – ich ertappte mich dabei, wie ich weiß gleich leer sagte, schwarz gleich voll. Ich ertappte mich dabei, wie ich linke und rechte Gehirnhälften vertauschte, das Musische für mathematisch hielt und das Mathematische für musisch.

Ich räumte das Feld und gab es auf. Suchte Orientierung. Suche Oritentierung. Die Versuche sich zu verorten, oder den Weg als Ziel zu beschreiben, führten dazu, dass der Weg das Ziel war und die Verortung eine Fata Morgana.

Von Innen nach Außen. Von Außen nach Innen. Ein Endlos-Monolog.

Durch Text allein entsteht kein Impetus.

Vom früher Aufstehen wurde es nicht besser.

Spielte, siegte, verlor. Stand auf und ging. Gehen Weitergehen. Ich spiele meine Niederlagen und versuche sie als Scherz zu vermitteln, ganz der Vater. Ich betete, es möge der Herr sich wieder zur Ruhe legen, und meinte ihn wie mich.

Ohne Publikum – es läuft mir nicht davon.

MS True

So wünscht sich Microsoft das wohl:

Seit 1989 – zwischen Wunsch und Wirklichkeit liegen mehr als 30 Jahre – genau die Jahre – die sie mir schenken wollten als Blue Chip Hoffnung – als Performance – und was du dir vom Fahrer anhörst, ist : sei froh, dass du was zu tun hast – hätte den Absprung nehmen sollen 2002 – hätte ihn nehmen können 2006 – habe ihn verpasst 2012 – versuche dieses Jahr wieder die Biege zu nehmen : es bleibt nur die Nerderei – der Fortschritt findet woanders statt: bin so frei zu behaupten: MS war die Wundertüte, uns in die Irre zu führen, während wir uns mit Bluescreen und Domänencontroller rumschlugen, entwickelten sie „ihr“ Internet – weit und breit keine Gegenentwürfe – auch China nur als Clon oder Kopist in Erscheinung tritt. Europaweit nun der Corona-Blues auf das.

Kombinatorik

„Ich kann dir nicht helfen, wenn du nur den siehst, den du erwartest.“

a) du klein geschrieben : ich kann mir nicht helfen, da ich nur sehe, was mich betrifft

b) Ich kann niemandem helfen, der nur sich selbst sieht

c) Ich kann mir nicht helfen, da ich die sehe, die hinter anderem her sind

d) siehst du, wie deine Wahrnehmung alles im Sinn deiner Erwartung interpretiert?

Diesen Satz kann man appellativ sehen und missverstehen, so, als spräche jemand jemanden an und will jemanden zurechtweisen. Vielleicht will er sich auch nur selbst zurückvergewissern

Das schreibt Gregor Blum in sein Sprechstück in Dur für Saxophon und Computer – tatsächlich ist Gregor Blum ein obsessiv drängender und übergriffiger Charakter – sein Saxophon erzeugt Schaudern – eine Romanfigur.

ich stecke in einem Dilemma: alles auf mich zu beziehen – da ist dieses heldenhaft mystisch beseelte Spiel zwischen mir und Glasscheibe – und bedenke, wie viele Mails du missverstanden oder fehlinterpretiert hast.

Ein Spiel wie aus 2001/02 : ich rief im Forum etwas von Rotkäppchen und ‚für dich soll es rote Rosen regnen‘ (Knef) aus Spaß am Text, just for fun, und hatte eine Gruppe gegen mich aufgebracht, ich soll eine aus München im Visier gehabt haben – ich habe ihre Mails gehackt – anzügliches Material freigesetzt – die Telefondrähte liefen heiß, ich bekam Anrufe aus der Schweiz, aus Kaiserlautern, aus Dortmund – es dauerte ein halbes Jahr, bis sich die Wogen glätteten – so viel.

„Seit ich mir abgewöhnt habe, das, was die anderen sagen, auf mich zu beziehen, verstehe ich sie nicht mehr.“

Das lässt sich auch so sagen: seit ich mir abzugewöhnen versuche, alles auf mich zu beziehen, komme ich besser zurecht.

die soziale Bindung durch Social Media – ein Spiel mit Knöpfen. Wortwürfelmaschinen ordnen dich nach dir unbekannten Regeln zu – wer dir wichtig ist, verschwindet plötzlich vom Schirm, wem du wichtig bist, bleibt dir verborgen, das Versprechen 1:n ist mehr ein Kampf gegen die eigene Bedeutungslosigkeit, von Maschinen über dich verhängt.

Es wird nach Ansehen der Person gewertet, nicht nach dem, was sie sagt. Daraus folgt: was wer sagt ist beliebig – es sei denn, er sie es hat Standing, Aura oder Ruf. Das ist insofern von Bedeutung, als in sich geschlossene und wenig transparente Systeme die Neigung haben, unter Ausschluss der anderen zu agieren – die Ausgeschlossenen aber selten das Bedürfnis verspüren, sich das gefallen zu lassen. Da bietet ihnen Social Media eine Bühne, die ihrer Widerborstigkeit.

Ich sprach einmal vom Immunsystem einer Gesellschaft – ein intaktes Immunsystem müsste in der Lage sein, Für und Wider auszuhalten, Wege zu finden, dass konträre Meinungsbilder sich über die Vielfalt ihrer Teilnehmer auffangen lassen. Dies erscheint inzwischen naiv und überholt, da wir nicht erst seit Donald T. eine Zunahme der Widerborstigkeit und der Radikalität oder Polarisierung erleben – die sich zudem etliche rhetorische Tricks angeeignet hat, den politischen Gegner mürbe zu machen. Das Nebeneinander wurde dem Gegeneinander geopfert. Jetzt gilt es abzuwarten, welche ökonomischen Zwänge hier wie dort dazu führen, dass Positionen verhärten oder, leise Hoffnung, aufgegeben werden. Durch die Pandemie jedoch werden derzeit viele Existenzen bedroht, so sehr bedroht, dass noch viele mehr aus dem Gemeinschaftsgefühl herausgedreht werden. Eine sich zersplitternde Gesellschaft sieht sich plötzlich konfrontiert mit inneren Erosionen. Am anderen Nervenende es kaum verwundern dürfte, wenn weitere Radikalität entsteht – der einst unerschütterliche Glaube an Systemkompetenz und an die Balance of Power hat sichtbar Blessuren davongetragen, ablesbar an Rhetorik und praktizierter Umkehrung von Fakten oder Tatsachen zugunsten von Irrung und Verwirrung – da Schlagzeilen wieder Schlagkraft entwickeln – und jeder Bums wichtiger erscheint als die Darstellung von Solidität und gemeinwirtschaftlicher Denke.

Ich habe einen Blendtextgenerator gefunden. Der macht aus allem, was Gewicht hat, Schwebebalken. Das Raumgewicht als Zimmerluft. Aus Volkswagen Klassenzimmer. Aus Eigentor Doppelkopf. Aus Wochenende Waschende. Aus Jazz Klassik. Aus Buchseite Seidenschal.

kaum eine Chance, die eigene Provinz zu verlassen – um nicht zu sagen: das Marketing über die Medien der kalifornischen Firmen beherrsche ich nicht, sie beherrschen mich, sie teilen mich zu, sie geben mir die Blasen vor, die Altersgruppen, die Interessensgruppen, die Sozialinteressen – vor Tagen schon der Verdacht: das ist alles Sackgasse – es zeigt mir nur meine Grenzen, nicht meine Möglichkeiten, und um zu gefallen oder angenommen zu werden, unterstehe ich fortwährend der Selbstkontrolle und Selbstzensur. Es fehlt das soziale und haptische Feld. Zuordnungen real werden häufig über Sympathien per Gestik, Mimik, Auftreten und Erscheinung gelenkt – das alles entfällt, es entsteht trotzdem ein Eindruck – und der ist eher sozialdarwinistisch denn sozialhumanistisch: wer wem wie nutzbar erscheint, ist häufiger Kriterium für Beachtung oder Verachtung. Deswegen der Personenkult der Medien mehr aussagt über den Zustand der Gesellschaft als das soziale Miteinander innerhalb der Familien und sozialen Gruppen wie Vereine, Parteien, Firmen und Stammtische? Ja, er sagt insofern etwas über den Zustand einer Gesellschaft aus, als jeder einzelne fortwährend infiltriert wird, ja vergiftet, hin zum sozialdarwinistischen Selbsterfüller. Ich kann es an mir beobachten. Wie sehr mir die drei Buchstaben I C H anhängen, kann ich täglich daran messen, wie sehr ich mich abhängig mache vom Urteil oder dem Verdacht der anderen – leider kein Spiel, leider kein Feld, leider keine Versuchsanordnung mehr – blankes Siegenwollen, Obenseinwollen, Spitzenpositionen Bekleidenwollen, die sozialen Ambitionen nutzen, sich selbst zu tarnen – das nichtsoziale Wesen plündert die Sozialgemeinschaft – als es hieß, die Zuwanderer nisteten sich in die Sozialsysteme ein, war genau das Gegenteil der Fall: dem Karrieristen ist kein Zynismus zu schade, sich selbst zu überhöhen, sich selbst zum Maßstab der Dinge zu erklären, sich selbst über alles zu lieben. Was sich hier als einfache Gegenüberstellung liest, ist eher das Ergebnis einer perfiden Unterwanderung von Selbstsucht in die sozialen Systeme – Gemeinschaften werden perforiert und durchsiebt mit dem einen großen Erfolgsmodell: die Digitalisierung aller Lebensbereiche – selbst das Denken wird digitalisiert. Dabei ist Digitalisierung so sinnbehaftet wie zweckfrei – da es bislang nur eine Anhäufung riesiger Datenmengen bedeutet- die, wie wir sehen, uns nichts, rein gar nichts nützen im jetzigen Coronafall – außer dass durch sie Rechenmodelle erfolgen, die wiederum unterschiedliche Panikzustände erzeugen. Tatsächlich aber haben wir in unseren Breiten bis dato nur eine Daten-Müllkippe erzeugt von überschaubarem Nutzen. Von der Effektivität ungefähr so weit entfernt wie der Mensch von seinem Glück. Alles sei besser geworden, lese ich, tatsächlich wird es oligarchischer, feudaler und zynischer. Und egomanischer. Um mich herum erkenne ich zunehmend die Neigung zu innerer Migration. Zum die Klappe halten. Zum lass laufen. Zum lass mich damit in Ruhe. Die Systeme, damit meine ich die digitalen Systeme, haben das Chaos vergrößert, die Unstruktur ihrer Datenerfassung verschlimmert, die einfachsten Dinge kompliziert gemacht. Die Häufung problematischer Sichtweisen beschleunigt, die emotionalen Gegebenheiten zusätzlich mit Dopamin hier und Hypnotikum dort verstärkt – wenn du glaubtest, alles sei Gauss‘scher Normalverteilung anhängig, siehst du im Gegenteil die Ränder erodieren. Die Maschine und mit ihr die von ihr abhängigen Menschen sind noch in ersten Versuchsstadien ihres neuen Miteinander – umso bedauerlicher, als wir das Internet kampflos wenigen Firmen weltweit überlassen. Zur Stabilisierung von inneren Gleichgewichtssystemen müsste erst eine Überschaubarkeit her, eine Regionalisierung, eine Strukturierung der inneren Zustände, und weniger die versuchsweise Zerstörung aller Selbst-Identitäten, unter denen auch soziale Gefüge bis dato ihren eigenen Erfolg feiern durften – stattdessen wird uns vorgeturnt, wie sämtliche Infrastruktur aus China, Russland, den USA, aus Brüssel mitbestimmt wird. Diese Entfremdung macht aus jedem Einzelnen keinen Weltbürger, sondern Partisan oder Widerständskämpfer mit der Tendenz, sich selbst zu zerstören. Auf kurz oder lang jeden die Erkenntnis erreicht: vor all dem bin ich nichts. Das ist keine Relativität im Sinn Einsteins, sondern eine Relativität im Sinn Darwins. Der Stärkere gewinnt, und der ist in der Regel der mit den besseren Verbindungen. Danke World Wide Web für nichts. Für deine Oligarchien. Für deine Smarte Neue Welt, die nur sich selbst erhält und vergrößert – aber vielleicht hilft auch analoges Lesen – Masse und Macht zum Beispiel von Elias Canetti – nach der Masse dazu neigt, sich selbst nicht mehr vergrößern zu können, hat sie erstmal die Kennziffer Machtmasse überschritten.

Und überhaupt – die Blickrichtung wechseln, aus den Vollen schöpfen frisch auf den Tisch zum Joseph Beuys Jahr – Versuch mal rauszufinden, was Joseph Beuys zum begünstigsten und größten Nachkriegskünstler Deutschlands machte – seine Provinzialität oder sein Universalismus? Post Post – Sie haben postmoderne Post.

Lass mich das reaktiv sehen – dann kann ich morgen progressieren. Stell dir vor, es verliefe anders herum: ich progressiere, um es am nächsten Tag zu bereuen und folgerichtig verstocke und mich zurücklehne und sage: das war‘s

Die Formulierung „lass mich das reaktiv sehen“ ist nicht ungefährlich – wie viele daraus wohl wieder machen: „siehst du, ich hab‘s gewusst – er ist reaktiv.“ Dass dem eine hypothetisches Theorem zugrunde liegt, wird gleich ausgeblendet. Überhaupt ich feststellen muss: statt sich an die eigene reaktionäre Nase zu fassen – immer erst von innen nach außen Stigmata verteilen. Wie umständlich das wird: jedem musst du erst einmal erklären, aus welcher Disposition heraus du agierst – das, meine Damen und Herren, verunmöglicht jedes freie Denken, verunmöglicht vor allem auch schnelles und freies Denken – da du jeden erst dort abholen sollst, wo er vermeintlich steht: in seiner Kleingeistfalle – die Intelligenz scheint ungleich verteilt – obwohl wir auf die gleichen Bibliotheken weltweit zurückgreifen. Frage mich auch, wie wir hier jemals humanistischen Fortschritt erzielen wollen.

Es ist Sonntag – klarer Himmel –

Die Engführung der Ästhetisierung durch Perfektionierung – und mit ihr der Verlust ihrer Authentizität – du lebst fast zwangsläufig im perfekten Bild der eigenen Verspiegelung. Dem zu entgehen – hieße Ausstieg – der dich unumkehrbar verabschiedet aus dem Dunstkreis des Selbstwahns? Ich vermute schon, es ist leichter als ich zu denken erlaube. Die Räume sind schon jetzt immer gleich – unterschiedlich besehen: als voll oder leer. Als verstellt, dicht und chaotisch. Oder als gleichbleibend routiniert und bewegt. Dazwischen oder in ihnen die eigenen Räume entdecken, sehen, gestalten. Und sich verabschieden von dem Gedanken, dass all das in Zusammenhang steht – es steht in keinerlei Zusammenhang – außer dem eigenen.

Zwei Zustände: Stillstand oder Bewegung. Still da sitzen und spüren wie du beäugt wirst. Sich bewegen und beäugen. Still da sitzen und Blicke wahrnehmen. Sich bewegen und die Blicke verfehlen. Sich ausliefern, sich entweichen – Stillsitzende wirken beruhigt und unaufgeregt, sich Bewegende erscheinen flüchtiger aber aktiv. Sich die jeweiligen Zustände zu gegebenem Zeitpunkt aneignen und ausleben – Momente glücklicher Fügung. Strategisch lässt sich das wohl mit durchgedrücktem Rücken in einem Ohrensessel darstellen.

Wenn es dich nicht berührt, ist es gerade gut. Du bist klar und kühl. Einer dieser Zustände, die du selten in Worten darstellen kannst. Klar und kühl ist besser als klar und kühn.

Aus der gefüllten Welt: müsste sie umkehren. Die Hohlspiegel an sie halten. Die Unterseiten prüfen. Die Liebesseiten durchblättern. Die Fixierungen lassen.

aus dem Rennen genommen

– 24 Stunden, die keine Erzählung haben – das Absichern und Herunterfahren einer Anlage für 200 hat einen Vorlauf von 8 Stunden, bis die letzten raus sind, ist es Mitternacht – du hast noch drei Stunden – bis selbst das Licht aus ist, gegen Acht fahren sie den Strom runter – und du hast einen Eindruck von der Vorwarnung auf eine Zeit ohne Energie aus der Steckdose – schläfst flach und unruhig, theoretisch müsste alles bei Rückkehr der Energie von allein hochfahren. Gegen Mittag ist der Saft zurück, die Server bleiben stumm – Vorortbegehung ergibt – zwei Netzteile defekt, zwei Festplatten defekt – zwei Server Standby. Die nächsten 3 Stunden benötigt es, die Anlage hoch zu fahren – außerdem stumm : zwei Arbeitsinseln – Monitorüberlast, sagt er : alles raus, Sicherung rein, alles wieder rein 15:30 Tür zu – die Alarmanlage meldet Schotten dicht – Samstagseinkäufe. Der tiefere Sinn dieser Aufzählung liegt darin, dass sie keinen tieferen Sinn hat. Das Prosaische wie das Poetische im 220 Volt Wechselstrom gefangen und mitgenommen als ein Energiefeld, an dem die Arbeit von 200 hängt. Das Prosaische sich auf der Straße zeigt als dir entgegenkommender Namensvetter mit dem Gesichtsausdruck eines Niedergeschlagenen, seine Sonntags Lyrik- wie Prosastunden seit Wochen nicht aufgeführt werden dürfen – aus dem Rennen genommen. Am Montag dann die Nagelprobe. Wenn sie zu 200 auf die Anlage zugreifen. Und du schon jetzt den Büroleiter hörst, wie er einen Stromausfall vermutet auch auf seinem Handy. Um 16:50 setze ich eine Testmail ab: der Check war erfolgreich. Die ersten Krähen kehren zurück – Dohlen, Saatkrähen und Nebelkrähen bilden im Winter von Berlin größere Gruppen mit aus dem Baltikum herbeigeflogenen Saatkrähen und Dohlen. Die Einladung zum Galeristen aus D-Dorf mit Russlandverbindung steht im Raum – es sollen sich Leute kennenlernen und abgleichen und ihre Perspektiven erweitern. Sechs Erwachsene in einem Raum – Lenin, was tun?

Transformationsleistung

Glenn Gould

Ich arbeite an den Hypnosezuständen, die ich kaum anzurühren wagte und sie zu einem Katalog verhöhnender Realitäten umschrieb unserer Küsse, der Umarmungen, der Tänze. Heute der Schnee. Im Hintergrund das rhythmische Stakkato

… und schaue mir die Sachen nicht mehr an, sondern durch sie hindurch – bis mir die Tränen kommen … was ist bloß passiert, fragt es mich, das bin nicht mehr ich.

Robinsonaden

Herr der Fliegen von William Golding
Schwarze Spiegel von Arno Schmidt
Die Höhlenkinder von Alois Tluchor
Die Insel des Dr. Moreau von H.G. Wells
Robinson Crusoe von Daniel Defoe
Schiffbruch mit Tiger von Yann Martel
Die geheimnisvolle Insel von Jules Verne
Die Straße von Cormac Mc Carthy

Arctic Film / Regie Joe Penna, mit Mads Milkelsen und Maria Thelma Smaradottir
All is Lost Film / Regie J.C.Chandor, mit Robert Redford
Styx Film / Regie Wolfgang Fischer, mit Susanne Wolff
127 Hours Film / Regie Danny Boyle, mit James Franco

Erreichbarkeit und Verfügbarkeit, auch Reichweite und Selbstoptimierung sollen unsere kapitalen Wunderwaffen sein – wohin das führt, haben wir gesehen, sehen wir noch immer : die Big Brother Metapher ist schon so ausgeleiert, dass sie erstrecht um sich greift

Brave New World von Aldous Huxkey
Nineteen Eighty-Four von George Orwell

Mythenplagen: Der Leviathan. Moby Dick. Der Einsame Mann und das Meer. Lost in Translation. Bartleby the Scrivener. Der Zauberberg. Die Auslöschung. Das Gewicht der Welt. Ich drehe mich zweimal um und sitze im Tunnel fest. Das alles für ein bisschen Anerkennung – das kann und wird es nicht sein. Aus den Fragmenten einer Sprache der Ausdauer.