Nobel-Preis Bob Dylan

Ich will so gerne widersprechen, ich will so gern abnicken. Allein, ich bin befangen. Die Befangenheit rührt eben aus meiner Nostalgie… diese ist mir jugendlicherseits implantiert … mein Freund singt Bob Dylan Lieder, wir trinken viel, wir lachen viel, und doch hatte ich damals schon das Gefühl, es ist eine Kitschwolke um mich herum, er will mich verführen mit einer Art von Singsang, der nicht meiner Wirklichkeit entspricht, sondern Nebelgötter Happy Peace und Love und Guilty um mich versprüht. Als nun vorgestern, oder war es erst gestern, die Preisgabe Nobelpreis Bob Dylan hieß, war ich erstmal froh … für meinen Freund. Für mich war ich das seltsamerweise nicht, denn musikalisch konnte ich dem Troubadour noch nie etwas abgewinnen, es war Wortgestammel, Textgestammel, nichtmal gute Popmusik –  aber Kult. Kult nicht im Sinn von Kultur, sondern von Religion. Dieser Religion bin ich nie verfallen, dafür anderen Passionen.

Diesmal war ich gleichzeitig trotzdem froh. Denn nun ist mir nochmal klar geworden. Der Nobelpreis für Literatur kehrt Unterstes zuoberst? Es wurden Autoren gekürt, die ich gelesen habe oder die ich nie gelesen hätte. Aber überzeugt davon, dass wirklich der oder die ausgezeichnet würde, der oder die etwas im Sinn der Sprache vorangetrieben hätte, konnte ich nie sein, und seit gestern, oder war es vorgestern, weiß ich einmal mehr, es gibt keine Literatur im Sinn einer Fortsetzung oder Erweiterung von Literatur, sie steht für sich, so oder so.

Heute haben sie ausgezeichnet, dass Literatur Popmusik sei mit anderen Mitteln.

Ich bin nie zurechtgekommen mit den sogenannten Popliteraten, und sollte man Texte der Popmusiker auszeichnen wollen, könnte man auch Rammstein oder Depeche Mode dafür heranziehen … was soll das Theater um die Literatur noch, wenn ein Troubadour gewinnt.

Ich bin deswegen froh über diesen Preis, da er mir deutlich macht, es gibt keine Maßstäbe an Literatur … gestern erst gesehen im Literarischen Quartett… es gibt sie wirklich nur noch durch die paar wenigen Vertreter ihrer Disziplin, Kunst, Art oder Sprache … schade nur, dass ein Glavinic nichtmal wirklich sagen kann, was er denkt oder fühlt … oder hat er nur seinen Flaschengeist vorbei geschickt?

Und nicht mehr ernstzunehmen, dass ein Moralist wie MB ständig behaupten darf, er sei moralinfrei … und erheiternd fast, dass es offenbar doch noch soetwas gibt wie gut und schlecht, und dumm nur, dass zwischen diesem Gut und Schlecht keine Unterscheidung mehr getroffen werden kann, denn heute dies morgen das, anything goes und shit happens sind die Leitkulturen dieser Zeit … und der Nobelpreis an Bob Dylan ist dieses Jahr in meinen Augen deswegen richtig gesetzt, weil er mir endlich sagt: Es gibt keine Literatur, der man glauben darf.

Es gibt keine Sprache, der man trauen kann. Es gibt keine Musik, die nicht schlecht genug ist, es trotzdem nach ganz oben zu schaffen. („Mehr Punk wagen!“)

Wir machen uns lustig über Flötentöne eines Papagei und hören Flötentöne eines Bob Dylan und nennen das Literatur/Lyrik. Was wollt ihr mehr. Das ist die Wahrheit. Ob Kind, ob Opa, ob Mutter oder Baby, schreit so laut ihr könnt, („Alles ist Kunst!“) vielleicht hört euch jemand … es ist dies endlich eine echte/ehrliche Aussage: Die Literatur folgt dem Erfolg. Und sonst gar niemandem. Alle anderen dürfen weiterschreiben. Ob gehört, gelesen oder verrissen … verworfen oder gestählt, verzweifelt oder belächelt … ein Endpunkt sozusagen. Alles von vorn. Wir können ausatmen. Es gibt keine Kriterien außer dem des Kommerz? Also schaffen wir uns neue. Wir können all die zurückliegenden Nobelpreise als Geschenk betrachten … zum ewigen Vergessen weggelobt.

Also wurde auch mal ein Schlusspunkt gesetzt unter dieses Bob Dylansche Weltbeklagen und Besingen. Ich empfinde den Preis daher als konsequent und eine der echtesten Aussagen der letzten Monate. Da brauchen wir uns nicht mehr um sowas wie Bob Dylan oder Thomas Dylan mehr bemühen … der Preis für Lyrik wurde dem schlechteren der beiden übervergeben!

Nun öffnen sich die Türen.

Und hinfort hinfort mit der Moral vom Besseren und Dürftigen. Es stimmt schon, was die Jungs da gestern im Quartett herausgelassen haben: Literatur muss etwas in mir auslösen. Und  wenn Literatur weh tun darf, lieber ANB,  dann auch, dass Dylan sowas gewinnt. Abgesehen davon. Das Licht warf seinen Schatten nicht etwa auf Dylan, sondern auf die Preisverleiher … der Ernst der Weltenlage ist damit nunmal komplett nicht tangiert, sondern eher garniert. Auch Nostalgie kann weh tun!

Somit fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Es gibt Events in dieser unserer Belletage, die sind nichtmal ihren Namen wert. Ein Tür- wie Augenöffner. Bob Dylan sollte ihn annehmen. Damit einfürallemal diese Art von Text keine Chance mehr hat zu gewinnen.

By the way. Zwei nette Kalauer hat er besungen:  You can always come back, but you can’t come back all the way und: Don’t criticize what you can’t understand.

Insofern, nein, verstanden habe ich ihn nie. Gemocht auch nicht. Aber für meinen Freund freut es mich sehr! Ein typischer Inbetween und Sowohlalsauchtext … ich weiß. Im Kern sagt er mir: Die Preise, die da im Buchkosmos vergeben werden, sind was für Eintagsfliegen und für solche die Wimpel, Abzeichen und sonstige Milliönchen sammeln … können aber nicht verhindern, dass trotzdem gute wie schlechte Bücher entstehen! Lieber ANB, ich lese gerade Traumschiff, und das ist mit Verlaub allemal besser geschrieben als Dylan singen kann. Dylan ließ ich mir immer schenken und sauge es im Netz. Traumschiff habe ich gekauft und bezahlt und lese es sogar! Gibt es kein schöneres Kompliment? Bitte danke. Gern geschehen! Schöne Zeit noch wünsche ich beim Abtragen von Zornesröte und dem Sich-widmen der wieder wichtigeren Sachen!    

– die Frage stellt sich offenbar täglich neu. Zur Auffrischung meiner Germanistikkenntnisse von vor dreißig Jahren habe ich den hier gefunden: http://finno-ugristik.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/abt_finno-ugristik/Lehre/STEOP/StEOP_Skript__Einf%C3%BChrung_in_die_Literaturwissenschaft.pdf

Zu Melle: Wenn er nun gar nicht erkrankt wäre, sondern nur fiktionialisiert hätte, dass er manisch depressiv sei … wäre es dann Literatur? Ich kann die Meinung, es handle sich hier nicht um Literatur, sondern um einen Marketing-Gag des Rowohlt Verlags überhaupt nicht teilen. Ich habe selbst zwei Jahre in der Psychiatrie gearbeitet und alles, was zu diesem Thema öffentlich gemacht wird, verdient meinen Respekt, im Gegenteil, es wird zu wenig zu diesem Thema so öffentlich gemacht, dass man es auch lesen kann. In Melles Fall konnte ich es sehr gut lesen, nicht vor dem Hintergrund des voyeuristischen Nervenkitzels, sondern aus Betroffenheit, aus Scham (immerhin gibt er viele in meinen Augen aphoristische Hinweise – und dass es sich bei dieser Art der Krankheit um einen Teufelskreis handelt und: das macht das Buch für mich zum literarischen Werk: daraus ergeben sich für mich Reflexe auf unsere Zeit, unsere Werte, unsere Denkansätze: so gesehen eine große Allegorie – das kaputte Gehirn als Spiegel seines Umfelds – ob die/der dann noch angemessen ist oder zeitgemäß, das müssen andere beurteilen. Im gleichen Atemzug wurde Goetz Irre als Literatur dargestellt (in der Sendung). Da kann man ebenso seine Zweifel zu haben. Undsoweiter.)
Vielleicht bin ich auch nur zu naiv für derart avantgardistische Übersichten und Durchsichten.

Kehre ich zurück zu Bob Dylan und seinem verdienten wie entsetzlichen Nobelpreis und /Entsetzen erzeugenden. Literatur ist immer auch, was der Rezipient aus ihr macht. Wenn nun Jesus zu singen angefangen hat, ist es eben noch nicht glaubwürdig. Wenn aber Paulus daraus einen Auftrag erhält … er möge dieser Botschaft folgen … und Briefe schreibt … Briefe Briefe Briefe … sind die nun weniger Literatur als Peter Handkes Aufstellung des 1. FC Nürnberg? Ist das überhaupt noch Literatur? Wo anfangen, wo aufhören? Ist dieses ganze Gestammel des Paulus nicht auch eine furchterregende Übertreibung? Ist Bobby Dylan dagegen nicht sogar eine Wohltat, obwohl auftretend wie Jesus? Ich bleibe, was das angeht, insgesamt skeptisch: vor allem gegenüber denen, die so etwas wie Messlatten an Literatur legen, die ich nicht mehr (an)erkennen kann. Ich habe neulich nochmal versucht Adornos Minima Moralia zu lesen. Es ist dies ein Meisterwerk eines Textes, der mehr Musik zu sein scheint als Literatur – denn beim besten Willen, ich habe vieles einfach nicht entschlüsseln können. Und da es so verschlüsselt daherkommt, könnte man ebenso glauben, es sei dies keine Literatur? Tja. Ratlos werde ich immer bei solchen Fragen und Behauptungen. Literatur sei wohl doch das, was Freude bereitet? Sinn macht? Avantgarde ist? Was Neues will? Die Spiegel ent- oder verhüllen ? … hoho – die Gegenaussage steht auch: Literatur muss weh tun. Und von Paulus, über Dylan, zu Melle … ja … es tut/tat weh. Wünsche einen guten Start in die Woche!

(Wie witzig, nun heißt mein Captcha auch noch Road – on the road also. *) 

ANH wird wohl richtig gelegen haben … Stockholmer Komitee hat es vorläufig aufgegeben, Kontakt zu Bob Dylan aufzunehmen. (Für das ANB in meinem ersten Kommentar möcht ich mich insofern entschuldigen, als ANB ohne ANBob nicht sichtbar geworden ist … nein, ich hatte mich einfach vertippt …) Bin nun auch froh, dass Melle ewiger Vizekusen bleibt … so kommt er nicht in die Schusslinie. Zu Kirchhoff heißt es jetzt, das sei trotzdem kein Selbstläufer, weil „nur“ eine Novelle. Nächstes Jahr sind dann hier auch die Lyriker dran?

Gerade aktuell habe ich nun zwei Bücher vor mir. Traumschiff und Widerfahrnis … bei Widerfahrnis bin ich schon nach fünfzig Seiten abgebogen … Auf dem Traumschiff gewöhne ich mich auch gerade an Frau Seiferts Gehstock … will nicht mehr durch die Bücher gehetzt werden, sondern an der Reling stehen und Leute beobachten, rot gelb blau. Denn auch ich kann „immerhin jetzt schon hinschreiben, dass ich kein guter Mensch gewesen bin. Es kommt darauf wirklich nicht länger an.“ (Aus Traumschiff) Dafür dass ich ANH schon seit dem für mich legendären Schreibheft 58 zu den Autoren zähle, die in meine Stammbücher Einzug erhalten haben, bin ich als jahrlanger Internetabstinenzler nun doch überrascht, dass er unbeirrt weitergeht im Text … reflexiver Art. Dafür an dieser Stelle meinen Dank für Ausdauer und Ernst, das Inhaltliche … wider das Beliebige, dem Huschhusch und dem Immer so weiter, dem Hauptsache Irrtum und Wirrnis … und Lyrik aus Blechdosen. (Den Salat hat Stockholm nun. Sie haben den falschen ausgezeichnet und werden ihren Preis jetzt nicht los. Tja. Insofern.) – Kreisch.   

 

Veröffentlicht von Clemens Verhooven

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