Wir setzen uns mit Tränen nieder

 

Im Wechselspiel der Stimmen, was den Evangelisten meint, mit Jesus, mit Alt und Sopran, mit Tenor und Bass, dem Chor. Köstliches Wasser. Ich will bei meinem Jesu wachen – Mutters Lieblingschoral Wir setzen uns

 

Wenn wir den Berg hinauf wanken, hinter der Urne her, und Rainer keine Rücksicht mehr nehmen kann auf die Gäste, ihm fortgehend ein Schluchzen entfährt, er es vor sich sieht. Den Leib Mutters zu Asche geronnen. Der Asche, der er selbst entstammt. Sie es ermöglichte zu leben – und nun zu leiden. Den Schmerz zu spüren des großen Verlustes, des vielleicht größten. Da geht nicht nur zu Asche gewordene Mutter, da geht auch Rainer. Das ist in dieser Stunde das gleiche – Niemand hat den Himmel so gut beschrieben wie Johann Sebastian Bach in der Matthäus Passion. Aus diesem Himmel ruft sie nieder.

 

Der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach. Vom Fleisch die Asche den Berg hinauf getragen wird, Rainer in seinem Fleisch dahinter. Gesessen hat sie in ihrem Fleisch. Nun ging sie nieder. Asche der Mutter vor meinem Leib.

 

Wir setzen uns mit Tränen nieder. Bin ich doch täglich von euch besessen, und ihr habt mich nicht begriffen. Du mit Bach-Chorälen groß geworden bist und nun mit einem dieser Choräle zu Grabe getragen wirst. Mein Jesu schweigt zu falschen Lügen stille.

 

Rainer wollte Urlaub machen. Am zweiten Tag plötzlich Vater auf dem Handy, wir haben Probleme mit Mama. Ihr geht es nicht gut, sie liegt im Krankenhaus, sie stirbt wahrscheinlich. Sie ist in meinen Armen zusammengebrochen. Sie hat mich noch gerufen, mein Schatz, hat sie gerufen, mit mir stimmt was nicht, und kurze Zeit später hat sie nur noch gezuckt. Hat sich erbrochen. Ist in meinen Armen zusammengesunken. Ich wusste sofort, es ist ernst. Im Krankenhaus die Diagnose. Ihre Frau hat einen Hirnschlag erlitten, sie muss ruhen. Was nun sei. Sie schläft an Schläuchen. Wie groß die Chancen seien. Nicht groß. Hirnschlag heißt umgangssprachlich klinisch tot – das sei medizinisch gesprochen falsch, es gäbe keinen klinischen Tod, glaubt uns ein Arzt belehren zu müssen in dieser Stunde. Heißt trotzdem, wenn sie wieder wach wird, ist nichts wie früher. Mutter stirbt. Sie hat so viel überstanden, sie kann doch nicht sterben jetzt – sie ist gestorben – später. Es hieß, sie wollte Rainer nochmal sehen. Der war im Urlaub. Vom Tod ertappt beim Versuch, sich zu erholen. Mein Jesu schweigt zu falschen Lügen stille. Wir setzen uns mit Tränen nieder. Mir war der Ernst der Lage nicht bewusst. Ich wollte Urlaub, ich brauchte Urlaub, ich war im Urlaub, man spricht im Urlaub nicht vom Sterben, man spricht von der Hoffnung. Wir sprachen über Mutters Überlebenschance. Wir telefonierten stundenlang. Die Nachrichtenlage wechselte von Stunde zu Stunde. Einmal saß sie im Rollstuhl. Ein anderes Mal war sie wieder tot. Dann saß sie wieder im Rollstuhl mit der Aussicht, sich zu fangen und zurückzufinden. Dann wünschten wir uns doch lieber ihren Tod, sie sollte ruhen still. Aber nicht so plötzlich. Jedes Warten zog sich in die Länge. Jeder Hinweis aus der medizinischen Abteilung wurde wie Brot genommen. Wieder hieß es, sie schafft das. Nur wie? – Köstliches Wasser anders schmeckt. Nach dem dritten Tag hörten wir: Sie überlebt. Ob sie noch etwas gesagt habe. Nein. Sie hat nichts mehr gesagt, sie sprach auch zuletzt nicht viel. Jetzt gar nicht mehr. Wortlos duldend. Verstummt. Wir riefen hilflos, öffne die Augen, sprich nur ein Wort, und überlebe! Vergiss den Urlaub, setz dich ins Flugzeug und flieg hin. Nein bleibe, sie überlebt. Sie lebte noch zehn Tage. Ich bin erschienen, sie verschied.

 

Mein Jesu schweigt zu falschen Lügen stille. Wir setzen uns mit Tränen nieder. Wenn Johann Sebastian Bach mit mir spricht, ich in der falschen Zeit, die Zeit, in der ich lebe, sie spricht − nicht mit mir. Mutter stirbt – haltet ein, hat Jesus gerufen, haltet still! Aber doch nicht so still, dass nichts mehr gilt.

 

Sie lebte schon mehr als eine Woche an Schläuchen, nur die Ahnungen, sie überlebt, auch die Mediziner voll der Hoffnung, nein, Gewissheit, diese Frau überlebt auch das. Sie hat kurz gerufen, mit mir stimmt was nicht, sie wurde nicht mehr wach.

 

Wir fuhren mit der stillen Hoffnung, das sei nur ein Unfall, ins Krankenhaus, da lag sie nun, im Wald, inmitten der Bäume, die sie nicht sah. Die Bäume umstellten das Haus wie Wächter des Todes. Es war nicht anders zu erwarten. Als ich sie vor mir sah. Wie konnten sie mir im Urlaub von Überlebenschancen berichten, sie war, als ich sie sah, nicht mehr meine Mutter, ihre einmal schlanken Finger, aufgedunsen, eine Wärme durchströmte sie, das war nicht sie. Ich sah Computer. Todeswächter. Eine Mutter, die mit offenem Mund schnauft. Meine Mutter. Sie schläft. Ich fasse ihre Hände, die aufgedickten Finger, ich streichle sie, ich blicke ihren Kopf an. Dieser Kopf liefert nicht einen Hinweis, dass ich vor ihr stehe. Vater ruft ihr zu. Mein Bienchen. Erzählt ihr etwas von den Vögeln vor dem Haus. Hörst du die Vögel? Hör die Vögel. Als hörte er sie selbst nicht mehr.

 

Wenn ich aus der Erinnerung in diesem Zimmer stehe, sehe ich vor dem Fenster Mülltonnen, blaue Tüten,  die letzten Minuten meiner Mutter sichtbar geworden im Blau der Mülltüten. Dieses Bild mit sich rumtragen.

 

Am nächsten Morgen, beim Frühstück, Telefon. Die Mitteilung aus dem Krankenhaus, dass Mutter verstorben sei. In der Nacht habe sie ein weiterer Hirnschlag ereilt. Gestorben am 05.01.2011, morgens um vier Uhr. Gestorben, ohne Rainer wiedergesehen zu haben. Gestorben, nachdem Rainer sie berührte. Die endlosen Gespräche hatten uns auf diesen Moment vorbereitet. Insgeheim war allen klar, besser sie ruht nun sanft als dass sie lebt in Qual. Vater gefasster als ich. Wir müssen nochmal hin. Wir sind nochmal hin. Wir saßen in einem sechs Quadratmeter großen Zimmer, der Chefarzt entschuldigte sich für seine Kollegen, die am Wochenende mit Arbeitsintensität vielleicht etwas unsensiblen Kollegen, die überall zu tun haben – nur zu verständlich. Ich sah Steckdosen. Entschuldigen Sie, Steckdosen. Ich sah das Plastik der Fußleisten. Ich sah, dass der Tisch, an dem wir saßen, von Ikea stammt. Ich sah das Logo von Microsoft XP auf ihren Rechnern. Ich hörte ein Telefon klingeln. Ich sah routinierte Tagträumer, ich hörte, dass sie Trostworte haben für den Tod. Ich hörte sie die Tode verwechseln. Was ihr Geschäft ist, wo ich aus den Fenstern gucke und die Mülltonnen sehe. Aus denen Tüten blau herausragen. Ich Mitleid habe, für sie, die sie Mitleid haben für uns, obwohl das Leiden endet, für Mutter. Man wird dem Tod nicht gerecht, der Tod nicht mir, nicht uns. Nicht lebendig, nicht persönlich, die Verwalter des Todes, der Maschinen des Todes, ruhen nun auch. Vater weint, und ruft ruhe sanft. Das sehe ich. Der pathetische Tod-Haufen ruht, ihre ausgesogenen Glieder. Ich sehe, sie sind bemüht, sie konnten es nicht ändern. Den Tod, den unabänderlichen. So viele Menschen geboren werden, so viele sterben, wir halten still. Der Tod, drei Buchstaben. Die Mülltüten vor dem Fenster der gestorbenen Fraumutter.

 

Die Betroffenheit macht den das Auto fahrenden Nachbarn redselig, er spricht mit Blick in den Rückspiegel, zu Rainer, er spricht mit Handauflegen zu Vater, er spricht über seinen eigenen verlorenen Sohn, in Amerika, er spricht über Professoren in Heidelberg, er spricht über den Schnee auf den Hängen, er spricht von Füchsen, sie kommen in die Niederungen der Dörfer des Hungers wegen, es seien inzwischen zu viele, die in den Gemeinden rumstreunen, er spricht mit dem im Rückspiegel sich abzeichnenden Rainer, der nichts sagen kann, der still sitzt im Auto ohne Sinn. Was folgen wird, ist die Absprache mit der Todesverwaltung, dem Bestatter, dem Pfarrer, den Nachbarn mit stumpfem Gesicht, dem Postboten, der noch nie so viele Briefe gleichzeitig zustellte, dem fortlaufenden Gebell der Türglocke, wieder steht ein betroffenes Gesicht vor der Tür, man bittet um Verständnis, dass Vater sich mitgenommen fühlt, aber es einfach nicht belächeln kann, dieses sich selbst bezogene Ausharren im nun ewigen Schlaf der eigenen Frau, die mehr als vierzig Jahre lebendig neben ihm war, und nun als Bild auf der Kommode steht, neben abgelegten Schmuckstücken, einer Halskette, an der die Eheringe festgemacht sind, wie ein kleiner Altar aufgestellt, und auch schon ein paar Notizen zum Beerdigungstext liegen da, es sind die Worte Ich will mich in dir versenken, ist dir gleich die Welt zu klein. Die damit zu tun bekommen, zeigen Mitgefühl. Da ist ein Schreiner, der zimmert für den Tod. Bringt vorgefertigte Broschüren mit. Mit Preistafel, auch die Todesanzeige schaltet er. Die Krawatte lila. Meine Seele ist betrübt bis an den Tod. Rainers Zorn könnte sich gleich ergießen, aber Vater benötigt abschließende und schlussendlich beruhigende Worte. Die Broschüre mit den Eichensärgen und den monströsen in dunkelbraun und schwarz – schwer sanken sie nieder – verschwinden wieder im schwarzen Koffer, nachdem der Kiefernsarg zur Verbrennung gefunden ist, die Broschüre mit den Urnen bleibt unter Tränen setzen wir uns nieder, bis die schlichte Keramik-Urne gefunden ist, kastanienbraun und ohne Schmuck, glänzend beinah. Stumm werden die Preisstufen zur Kenntnis genommen, vor Vater verschwiegen, die eigene Mutter bestatten, aus einer Hand. Ganz etwas, worauf man nicht gefasst war. Als er mit schwarzem Koffer die Klinke übergibt an den Pfarrer und auch der Todesgeduld mitbringt, sich Zeit nimmt, seine Ansprache vorzubereiten. Einleitend mit den Worten Lasst uns beten kurz und still, Wir setzen uns mit Tränen nieder, der Pfarrer tatsächlich weint, Vater weint, Rainer weint, Mutter uns anschaut durch das Bild auf der Altar gleichen Kommode, auch Jesus schwieg nun stille. Ob Rainer etwas untergebracht haben will in seines, des Pfarrers Rede, Rainer sagt: – vor allem will ich hören, dass Mutter Kraftquelle war der Familie, die gezügelte große Frau, ausgesprochen als stärkster Muskel unserer Seelen, vor allem ist es die Kraft dieser Frau, verbreitert in ihren Kindern, die von ihr ausging, sie hätte die Liebe verdient, die sie gab, ohne Zögern, ohne Unterlass, ohne Grenze, unser stolzes Pferd, sagte Rainer, von der Schönheit dieser Frau lass uns hören, und wenn wir wieder zusammen sind, will ich nie mehr zweifeln. – Einverstanden. Weil der Pfarrer Tod erprobt ist, lässt er beten. Ob Vater etwas beten will. Und Vater betet wie Rainer, wie der Pfarrer, still, und wortlos. Ich verleugne nicht die Schuld, aber deine Gnad und Huld ist viel größer als die Sünde, die sich stets in mir befinde. Ob Vater eine bestimmte Musik vorschlagen wolle, oder Rainer etwas wünschte, man sich einig wurde im Vertrauen auf die Organistin, die immer schon, seit mehr als zwanzig Jahren, die Choräle und Lieder vortrug, nur eines wäre Mutters Wunsch: der Schlusschor aus der Matthäuspassion, nicht gesungen vom Gemeindechor, sondern einzig gespielt auf der Orgel. – Ohne Chor ist das nur die halbe Wahrheit. – Aber selbst die wäre Mutters Herzenswille, sie möge es versuchen, und es anmerken, falls es unmöglich erscheint. – Einverstanden. Und bitte keine Nachfeier, nur noch in der engsten Familie, einmal Ruhe und Stille bist du.

 

Zeit, Mutter zu gedenken, bleibt zwischen den Stunden, die auf die Beisetzung warten lassen, mehr als drei Tage, mehr als die Stunden vor dem Regal, den Büchern, eine Reihe aus der Sammelwut, und wenn man die Bücher anfasst, aufschlägt, spürt man, alle von Seite zu Seite gelesen, auch von Rainer ein paar davon gelesen, alle anderen von Mutter aufgeschlagen und durchgearbeitet, man spürt ihre Finger auf allen Seiten, man sieht die Buchstaben aus den Büchern wandern, Rainer findet auch das Fotoalbum, mit den Großeltern, man erkennt die Ähnlichkeiten zwischen Großmutter und Mutter. Man sieht sogar Urgroßeltern, auf gelbem Papier, mit dem Vollbart des Urgroßvater, auch der Urgroßmutter scheint der Geruch ihrer Zeit anzuhängen, Strenge, Autorität, Urgroßvater grimmig, Urgroßmutter gutmütig, das setzt sich fort in den Bildern der Großeltern, und wird aufgelöst bei den eigenen Eltern, da nun Mutter ernst blickt, und Vater heiter, wobei sie sich gegenseitig angesteckt zu haben scheinen in Heiterkeit. Das wird etwas zurückgedreht in den ersten Farbbildern, da Vater heiter, Mutter wieder ernst wirkt. In den Bildern es keinen Hinweis gibt auf glückliche oder unglückliche Zustände, man das Rainer-Baby sieht, wie es einen unverhältnismäßig großen Kopf hebt und freundlich lächelt auf dem Schwarz-Weiß-Bild. Man die Motorradjacke sieht aus den frühen Sechzigern, man Vater und Mutter glücklich lachen sieht in den Siebzigern. Die Achtziger sich in selbstgestrickten Pullovern und Jacken zeigen, Mutter einmal zu sehen ist, allein, mit großherzigem Lachen, den Arm in die Hüfte gestemmt, so, als zeige sie wieder Bereitschaft, anzufassen, was liegengeblieben ist. Tatkraft zeigt. Durchsetzungswillen. Und doch. Das erste Bild, da sich in den Augen Sorge auszubreiten scheint, da sie betrübt ist. Nur wenn man genauer hinsieht, nicht, wenn man nicht weiß, aus welcher Phase das Bild stammt. Das muss gewesen sein, als Rainer ein halbes Jahr außer Haus war wegen des Verkehrsunfalls, bei dem er fast ums Leben kam. Unbestritten, diese Frau hat ihn geliebt. So nehmt mein Herz hinein. Die Bildersammlung in den späten Achtzigern abreißt. Was nichts mit der Digitalisierung zu tun haben kann. Was auf Nachfrage bei Vater auch keine zufriedenstellende Antwort ergibt. Geradeso, als gab es nach dem Fortgang der Kinder keinen Anlass mehr zum Schießen von Bildern. Es auch keinen Folgeband mehr gibt. Dann, erst nach der Jahrhundertwende, Urlaubsbilder der Eltern. Tunesien. Israel. Dänemark. Nach der Geburt der Kinder der Schwestern wieder Babybilder, Kinderbilder. Mutter wie Vater überwiegend sitzend. Einmal der in die Beuge gestemmte linke Arm. Tatendrang. Oder waren das Hüftschmerzen – Mutter sich der Erinnerung verweigert in diesen Stunden, da sie oh Haupt voll Blut und Wunden, gegangen ist, zu dieser Stunde in den Ofen geschoben wird im Kiefernsarg. Rainer und Vater versäumt hatten nachzufragen, ob man bei der Einäscherung anwesend sein darf, sie diesen Moment nicht als Bestandteil an der Prozedur verstanden – hätte der Zimmermann doch bekanntgegeben, wenn dem so wäre – Rainer wundert sich künftig, wenn im Fernsehen Familienangehörige der Einäscherung beiwohnen. Was die Geschwindigkeit dieser Stunden betrifft, man kaum bei Sinnen war, die Veranstaltung schon als Rechnung vorlag – und am Abend kam die Taube wieder und trug ein Ölblatt in dem Munde, o schöne Zeit, o Abendstunde! Man familiär zusammensitzt und schweigt. Freunde die Erlaubnis erteilt bekommen, sich mit ins Wohnzimmer zu setzen, noch einmal die Kraft der Mutter zu besprechen, aber auch ihre Einsamkeit in den letzten Jahren. Da alle Kinder groß waren. Diese Frau für nichts als ihre Kinder gelebt hat. Weswegen ihre Aufgabe vollbracht, nachdem die Kinder groß. So lässt es sich vermuten, wenn man spürt, dass sie sich dem Leben plötzlich verweigert. Sie hat nie etwas gesagt. Die paar Weh-Weh-Rufe einmal ausgenommen. Nie geklagt. So Vater. Und kaum dass er einmal Nie sagt oder noch einmal Nie, es aus ihm herausbricht. Wir setzen uns mit Tränen nieder. Wenn der Himmel ruft und die Erde stirbt. Angst haben wir vor dem einen Moment, wenn es den Berg hinaufgeht mit der Urne. Das war kein Klagen, das war Wut. Wenn sie klagte, dann im Zorn, kein Klagen. So Vater. Rainer kann es bestätigen.

 

Wenn wir den Berg hinauf wanken, hinter der Urne her, und Rainer keine Rücksicht nehmen kann auf die Gäste, ihm fortgehend ein Schluchzen entfährt, er es vor sich sieht. Den Leib Mutters zu Asche geronnen. Der Asche, der er selbst entstammt. Sie es ermöglichte zu leben – nun zu leiden. Den Schmerz zu spüren des großen Verlusts, des vielleicht größten. Da geht zu Asche geworden Mutter, da geht Rainer. In dieser Stunde – Niemand sich von der Erde so gut empor geschrieben hat wie Johann Sebastian Bach … aus diesem Himmel ruft sie nieder.

 

Vor der eingestellten Urne kniend hielt sich Rainer an der Krempe seines Mantels und sah es unverrückbar: Sie hat auf meinen Dank gewartet. Nun knie vor ihr nieder und werde still.

 

Nachtrag: eine sehr sehenswerte Aufführung, insbesondere verweise ich auf den Einsatz ‚Die Gefangensetzung Jesu‘ mit Übergang zu Blitz und Donner, ein unfassbar gelungener Übergang zwischen Betroffenheit und Wut … wenn der Himmel grollt: 0:57:02 „27a. So ist mein Jesus nun gefangen (Aria)“ Ein Meisterwerk der Chormusik. Bedenkt man noch, dass es bald wieder in der Schublade verschwand, und es erst Bartholdy war, der es wiederaufführte … inzwischen gilt es als eins der bedeutendsten Werke der Musikgeschichte.

 

und noch ein Nachtrag: total ergriffen hat mich die Aufführung von Simon Rattle in der Philharmonie aus dem jahr 2010, hier ein kleiner schmerzlicher Eindruck:

die ganze Aufführung kann noch bis Montag, den 17.04.2017 kostenfrei auf der Website der Berliner Philharmoniker gesehen werden: Matthäus-Passion mit Simon Rattle in der Berliner Philharmonie

Unbedingte Empfehlung. Drei Sternstunden!