Andrej Tarkowski – über Musik – der Schriftstellermonolog

Aus der Reihe Meisterwerke sichten.

Andrej Tarkowski ’s- Stalker, ein Drehbuch nach dem Roman Picknick am Wegesrand von Arkadi und Boris Strugazki. unmittelbar nach dieser Sequenz (die Tapes bitte auf Youtube anschauen, falls Meldung, dass es hier nicht gezeigt werden kann):

folgt ein kleiner Ausflug über die Musik:

Sind sie aufgewacht?

Sie haben vom Sinn … unseres Lebens gesprochen … von der Uneigennützigkeit der Kunst

Nehmen wir die Musik. Sie ist am wenigsten mit der Wirklichkeit verbunden. Vielmehr …  zwar verbunden, aber … ohne Idee … mechanisch … durch den bloßen Klang … ohne Assoziationen, trotzdem dringt die Musik durch irgendein Wunder bis in die Seele.

Was gerät ins Schwingen in uns. Als Antwort auf die zur Harmonie gebrachten Geräusche. Und verwandelt sie für uns in eine Quelle erhabenen Genusses. Verbindet und erschüttert uns. Wozu ist das alles? Und vor allem, für wen? Sie werden antworten, für niemanden, und für nichts, nur so. Uneigennützig. Nein, kaum … kaum. Alles hat doch letzen Endes seinen Sinn. Sinn … und Ursache …

folgt des Schriftstellers Monolog (was ein Bühnenbild!):

Und noch ein Experiment. Experimente. Fakten. Die Wahrheit in letzter Instanz. Ah. Dabei gibt es keine Fakten, und hier sowieso nicht, hier ist alles von jemand erfunden, alles ist jemandes idiotische Erfindung.  Spüren Sie denn das nicht? Aber man muss natürlich unbedingt dahinter kommen, wessen. Warum? Was haben sie von ihrem Wissen. Wessen Gewissen schreckt das auf? Meins? Ich habe kein Gewissen, ich hab‘ nur so und so viel Nerven. Wenn mich irgend so ein Dreckskerl beschimpft, gibt es eine Wunde.  Lobt mich einer von der Sorte, noch eine Wunde.  Legt man seine ganze Seele  aufs Tablett, sein Herz, fressen, sie Seele und Herz. Serviert man eine Scheußlichkeit, fressen sie die Scheußlichkeit. Sie sind ja brav und alle durch die Bank gebildet. Sie leiden alle unter sensorieller Schwindsucht. Und alle drängen sich um einen. Journalisten, Redakteure, Kritiker, Weiber, die schlimmer als die Kletten sind. Und alle fordern ma … schnell …  mehr. Was bin ich Teufel noch mal für ein Schriftsteller, wenn ich das Schreiben hasse. Wenn es für mich eine Qual ist, eine schmerzhafte entwürdigende Beschäftigungen wie das Ausdrücken von Hämorrhoiden. Früher dachte ich, dass von meinen Bücher jemand besser wird … Irrtum, mich brauchte überhaupt keiner,  wenn ich verreckt bin, haben sie mich in zwei Tagen vergessen und fallen über einen anderen her. Ich habe gedacht, ich könnte sie umformen, nein geformt wurde ich. Sie haben mich geschaffen nach ihrem Ebenbild. Früher war die Zukunft nur Fortsetzung der Gegenwart, weiter nichts, die Veränderung winkte irgendwo in der Ferne, hinter dem Horizont, heute haben wir alles in einer Kanne, Gegenwart und Zukunft. Hat die Allgemeinheit das eigentlich begriffen? Sie will gar nicht, das ist ihr alles zu anstrengend, sie will nur fressen …

Sie haben aber Glück. mein Gott, jetzt werden Sie hundert Jahre alt.

Ja, warum nicht ewig. Wie der ewige Jude.

wer will, ein 15 Minuten  Ausflug in die Bildkomposition von Tarkowski:

The Silence of Poetic Harmony

Ausgangspunkt für mich noch immer, wie sich Literatur aus der Musik speist, wie Musik Literatur wird, wie sich beide Kunstsprachen einander gegenüberstehen, bedingen ergänzen, befruchten, bekämpfen, sich im Weg stehen sich abhängig machen voneinander. Musik ist ja nicht einfach nur eine Tonabfolge oder Sprechgesang, Literatur nicht einfach nur ein Darstellen der Wirklichkeit mit anderen Mitteln? Durchdringen sie mich, durchdringe ich sie? Die Verbindungen von weit hinter mir Liegendem und dem noch weiter Entfernten in weiter Zukunft sich immer als dauerhafte Gegenwart darstellt – die mit jedem Schlag aufs Klavier zum Klangraum verhallt? Das Thema ist so groß, ich will ihm trotzdem erliegen.