Ein berauschendes Fest?!

Vorneweg: Meine Empfehlung

lautet schon jetzt Péter Nadás, allein der fehlenden (é) accent aigus in der Deutschen Sprache und der gekonnt gesetzten Adjektive und der so wunderbaren Sätze wegen: „hörte zum ersten Mal, jemand habe seine Stimme nicht am richtigen Ort.“  Oder: „Mein Vater lehrte mich die Möven füttern, warf in einem Bogen Brot in die Luft, Kügelchen, die seine Finger geknetet hatten. Von da an waren Kügelchen kein Brot mehr; das Wort hatte Form und Materie getrennt, die hoch oben segelnde, schaukelnde Möve … hingegen stürzte sich darauf.“

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Gespannt bin ich auf: Ljudmila Ulitzkajas Jakobsleiter (ein Geschenk!), die euphorisch aufgenommen wird, aber auch distanziert als handwerklicher Pragmatismus abgetan. Die Mitte dessen werde ich rausfinden.

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Und wer nun keine Lust auf Hinterfragungen hat … bitte, da hinten ist das Buffet. Mein Chauffeur begleitet Sie gern nach Hause.

Ein rauschendes Fest

Der Kompass?! Was war das? Wie finde ich mich zurecht? Überall rufen die Worte … die Wünschelrute schlägt trotzdem kaum aus? Anything goes ist der Sekundenfresser, das Internet sein Durchlauferhitzer. Less wäre more, aber More sind die anderen.

Das Internet macht schnell, heißt es, rastlos – ich zerlebe meine Zähigkeit vor dem Tempo der anderen. Wie viel Zeit ich damit verbringe, zu finden, was ich nicht suche. Wie viele Themen, Termine, Ideen ich versäume, es ist ein Rausch, ein vorbeirauschendes Fest, ein Staunen über den Markt der Möglichkeiten, allein es fehlt mir der Kompass, ein Fahrtenschreiber, das Echo.

Täglich Neues, täglich spaziere ich durch Tabellen und Datenbanken, nach Alphabet sortiert, nach unwichtig, nach wenigstens interessant.

Stimmungs- und Interessenslagen. Ein gutes Buch zu lesen, kannst du niemandem mehr abverlangen, heißt es. Es fehle die Zeit. Ein schlechtes Buch gelesen zu haben, will niemand gewesen sein. Die Behauptung, es seien mehr als neunzig Prozent aller veröffentlichen Bücher nicht ihren Pixel wert, lässt sich an dieser Liste abgleichen. Die das sagen, wissen wie schwer es ist, ein gutes Buch zu schreiben. Nun, weil es so schwer ist, erwarten wir es wieder?

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https://www.dumontreise.de/reise-news/detail/extreme-bahnstrecken-zum-staunen-und-fuerchten.html

Was ich sehe: sie pushen und schieben und drängen um Klickzahlen, ein Summenspiel aus Informationsfluss und dem Ruf nach Aufmerksamkeit im Chor der Selbstvermarkter, Werbeträger und der Lauten, die sind alle mal wech, wenn’s drauf ankommt. Und trotzdem ich, der Leser/Käufer das applaudieren soll, liken, kaufen, hofieren, soll täglich Tagebüchern folgen, soll ebenso stündlich Lesefreude teilen, soll am besten schon morgens zum Tee weitere Bucheinkäufe planen. Drohe unter dieser Art Rundumversorgung zu pulverisieren wie Starbuck unter der Regie von Ahab.

61329uvxdkl-_sl1385_Statt weitsichtig werde ich provinziell. Statt großmütig kleingeistig. Ich sehe zwischen den Zeilen nur Überschriften. Statt der Haptik ein weiteres Bild. Statt Stadt … ein Dorf und auf dem Marktplatz Krakehler, lauter Niemand, vor allem aber: sehr laut. Wer/was soll ich werden im Spiel, wenn nicht mein eigener Schatten. (was mich seltsam berührt: die Dankbarkeit und Bescheidenheit der Autoren und Autorinnen, das Gönnerhafte und Selbstsichere der sie beurteilenden und einschätzenden Juroren, um es provokativ zu formulieren: wie lange noch wollen Autoren und Autorinnen sich diese Bevormundung gefallen lassen – erst werden sie über Jahre zur Füllmasse der Szene, in der Öffentlichkeit bloßgestellt und unter dem Diktat eines angeblichen Wettbewerbs gegeneinander verjuxt wie Spielkarten, jetzt kämpfen sie ums Überleben?)

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http://www.tagesspiegel.de/kultur/sasha-waltz-und-ihr-klassiker-praechtig-prekaer/14990962.html

Wenn ich dem Internet für zwei Tage die Aufmerksamkeit entziehe, bin ich ein angeblicher Mensch. Gehe ich in die Netzfalle, bin ich ein fassungslos konturloser – als Fragment, polar, bipolar oder atomisiert. (Bin nunmal im Weltraumverhältnis verschwindend gering) Und trotzdem häufen sich die Anschläge auf meine Person. (Mit Kanonen auf Spatzen sozusagen) Du musst wissen was du willst heißt es, die anderen wissen mehr. Leicht hat es der mit dem Vereinfachermodul, alles sei da, da und da, also Dada. Noch leichter der mit dem Modul, es will alles nichts, und davon noch mehr. Und neuerdings haben wir welche gesichtet, die meinen, sie hätten das Recht auf ihrer Seite, jetzt kommt Druck von unten, ich soll C.G. Jung lesen (Achtung Zeitfalle, der Artikel ist von 1952), wozu?

Sie lesen um die Wette, sie sprechen sich aus, und doch sind sie sich nicht immer einig. Ist das Diskurs? Wollten sie Säulen ergründen als Fundamente des Denkens und Meinens, oder wollten sie nur sprechen im Schweigen des Lärms?

Seit Monaten suche ich, ich finde mich nicht im Haufen der Heunadeln. Ich will wissen wo die anderen sind, sie verstecken sich hinter Bildern vom Schein, vom Licht. Ich bin das nicht. Will wissen, was ist und kann Literatur, und finde Zwischenrufe, Ungenaues, Geworfenes.

Zwischendurch ruft es Halt Halt. Schon treibt die nächste Herde durchs Dorf. Ich habe Bücher gekauft, mehr als 2tausend. Ich will sie nicht mehr. Ich sehe Littfaßsäulen (mehr Werbung als Inhalt) , eine ursprünglich Berliner Erfindung wie auch der Computer eine ehemals Berliner Erfindung.

Kurt Tucholsky: Der Berliner ist ein Sklave seines Apparats. Er ist Fahrgast, Theaterbesucher, Gast in den Restaurants und Angestellter. Mensch weniger.

Ich zähle meine Lebtage und verbringe die Zeit mit falschen Zahlen, Umfragewerten und Konfektionsware. Jetzt könnte man behaupten, ich will zu viel. Ich könnte auch sagen, ich will weniger. Ich könnte behaupten, dass jede Behauptung durch sich selbst dividiert keine Aussage ergibt. Das Draußen überkommt mich. Ich muss es sortieren, besetzen, erobern, bestimmen – verdrängen, muss ich das? Wofür? Muss ich, sonst dreh ich am Rad. (Der Mann ohne Eigenschaften war eine gute Metapher für die Eigenschaften im Koma.)

Ich brauche Menschen um glücklich zu sein.

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Nicolas Poussin, 1636/37, Öl auf Leinwand. London, National Gallery

Ich sehe Bits und Bytes um die immer gleichen Koryphäen. Ich nun, Daueranwender mir untergejubelter Welten, die sich frommschön Social Media nennt, muss Grenzen ziehen, aber jede Grenze provinzialisiert mich noch mehr. Die Grenze allein macht es nicht leichter. Sie muss auch noch befarbt werden. Grüne Grenzen, Rote Grenzen, Blaue Grenzen, Gelbe … im Regenbogen durchs All. Was will ich Ulrich? Die Publicity, die Selbstvermarktung? Das sollte man Profis überlassen, und sie entsprechend bezahlen. Aber das in meinem, einem prekären Bereich? Dem des Jazz und der Bücher? (Die Blockbuster den Markt verhindern, das goldene Kalb jedes ästhetische Empfinden ausblendet. Schon die Architekten jetzt goldene Häuser bauen?!) Die Wirklichkeit dagegen ist prekär. Die Krankenkassenbeiträge steigen.

Das Netz ein Durchlauferhitzer. Sagte ich schon. Another Brick in the World, pardon Wall, viele Sticks and Stones. Macht stoned and sick. Ich kann damit nicht umgehen. Muss Kurse besuchen für richtiges Klicken und Liken. Oder aber … ich müsste mir ein paar neugierig machende Freunde erschaffen … Ich werde jeden Morgen gefragt: Willst du ein neues Profil? Das hatte ich schon, mich selbst liken und lieben. Das wirkt auf andere betrüblich, nicht nur auf sie.

Will sagen. Die Schmerzgrenze. Täglich sichtbar. Ich krieg nicht was ich will. Was will ich? Autorenmeeting! Schriftstelleraustausch? Worte !!  Sätze ?! Gedichte ?!? Geschichten? Wo findet das statt? Und betrat Foren, danach füllte sich mein Spamordner. Ich sah Seiten, die nur mit Profis zusammenarbeiten, was eine Arroganz. Ich sah Seiten, die abgeschaltet wurden. Ich blickte auf Fenster, 19 Zoll Möhren und malte schwarze Balken darauf, die aussahen wie Stäbe. Akkurat im Verhältnis eins zu eins neunzig Grad. Mein eigenes Gefängnis.

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Komm mir bloß nicht mit Jazz. Tarne deine Absichten und schreib einen Krimi!

Sag dann nicht, dass du das warst, behaupte das Gegenteil, immer die anderen! Einer deiner Nebenbuhler, die du geschaffen hast. Angelegt, dich zu erschießen. Du schreibst eine irre Verfolgungsfahrt eines Protagonisten hinter sich selbst her.

I hired a contract Killer.

Denn auch du (Perspektivwechsel) warst seinerzeit in Literaturcafes unterwegs – als es dort noch Foren gab … und bist an die Glasdecke gestoßen, darüber liefen sie mit Pappschildern, mach dein Buch selbst, auch Selfpublishing genannt, zu zeigen, was noch so geschah mit der Absicht, Schriftsteller zu werden, es wurden/werden Genres verhandelt, Love, Sex und Groschen und andere Goldgräbermünzen, allein der Anblick der blumigen Covers ließ dich gefrieren, Finger weg von brennenden Messern. Die ganze Motivation, Autoren ausfindig zu machen, im Blut, die die Bücher ertränken, erwürgt.

Kehrst du zu den Publikumsverlagen zurück, siehst du (dein Blick auf die Welt hat sich geändert!) wie Messer gewetzt werden und Prometheus gefesselt wird am Baum zu fressen die eigene Leber. (Ein Mythos vom Adler der durch zu häufige Anwednung zum im Sand hupfenden Huhn mutiert.)

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Nun sehen wir uns zum hundertsten Mal Autorennamen an und schieben und puschen und verhandeln das auch – nicht ohne Literaturkritiker nochmal vors Schienbein zu treten, weil hier mehr als 2tausend Bücher einstauben, von denen ich (fast) alle in Kürze in die Bibliothek bringen will – zwingend notwendig, die Bücher haben mein Leben im Sinn eines Echolot unlesbar gemacht. Da sind so mittelmäßige Bücher untergekommen, sie machten mich glauben, das kann auch ein Kind. Und seit ich glaube, das kann auch ein Kind, lebe ich ein schreibendes Erwachsenenleben im falschen.

Ein unendlicher Spaß. Mit all den Prekären konkurrieren zu müssen, die sich um Stipendien und andere Brosamen bemühen, und immer noch nicht unter den Erfolgreichen auftauchen. Als Autor du schon sehr von deiner Arbeit überzeugt sein musst, sie unter die Leute zu bringen, doch welcher gute Autor ist von seiner Arbeit überzeugt.

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Es herrscht Fülle in den vielen Formen der Prinzipien des Möglichkeitssinns. (Jaja, der Ulrich) Allein mein Realitätssinn zeigt es nicht an. Ich mein Ulrich stehe im Steinbruch, der Goldgrube der anderen, im Rückzugsgefecht seiner Person. Ich wollte die dunkle Jahreszeit nutzen, zu mir selbst zurückzufinden, dabei kam ich mir häufig abhanden. Ich lese von Dingen, die ich ohne Internet nicht wüsste, ich frage mich trotzdem: Was wo wie finden die anderen, was wünschen und suchen sie. Sitzen vor einer 19 Zoll Möhre mit vertikal und horizontal aufgemalten Balken, in der Proportion ganz ein eigenes Gemäuer, mit Blick in die Tiefen Eigenschaftsloser … besorg es dir selbst, heißt der Geistheilige heute. Denn die anderen kommen ohne dich aus.

Heißt übersetzt, will sagen: mehr Demokratie wagen scheint sich in der Literaturszene nicht wirklich rumzusprechen. Pyramidiale System. Fürstentümer. Gokkelgehabe. Alles schon mehrfach gelesen, küss die Hand gnädge Frau, darf ich Ihnen die Schuhe putzen, Herr? Pass auf, mit wem du sprichst. Der dort ist multipolar angewandelt und der da will nur dein Geld. Denk dran, wenn dir jemand zu nah kommt, schalt deinen Anwalt ein. Setz mal eine Prämie aus.  Er sucht keinen Ghostreader! Er hat Geburtstag und geht in einen Buchladen. Sich einmal mehr beschenken. Sich ein schlechtes Gewissen einkaufen. Bücher, die sich von ihm abzuwenden scheinen, denn der Autor, wissen alle, ist so ein Empfindlicher, dem wächst gerade sein eigener Plot über den Kopf, er will gelesen werden nicht belatschert. Jaja, lesen und gelesen werden … Es ist wie es ist. Siehe Thomas Bernhard. Frostig. Grauslig. Lerne zwei Sprachen. Durchhalten und Ironie.

Ich habe Empfehlungen gesammelt auf WordPress, besten Dank an:

https://literaturreich.wordpress.com/2017/11/11/volker-kutscher-moabit/

Der Vielleser – Jan Kjærstad „Das Norman-Areal“

https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/10/20/markus-orths-max-hanser-verlag/

#baybuch Petra Morsbach und die Grottenolme der Justiz

Außerdem:

Tina Pruschmann – Lostage                                                 Residenz Verlag

Stephan Lohse – Ein fauler Gott                                          Suhrkamp Verlag

Jonas Lüscher – Kraft                                                           Verlag C.H. Beck

Laura Freudenthaler – Die Königin schweigt                  Literaturverlag Droschl

Sasha Marianna Salzmann – Außer sich                          Suhrkamp Verlag

Arno Frank – So, und jetzt kommst du                             Tropen Verlag

bin allerdings selbst etwas verbucht. Siehe oben. Frau hat mir verboten, einkaufen zu gehen. Es läge dann hier herum und verstellte Platz für eine Vase zum Beispiel.

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Albert Feser (1901 – 1993) Stilleben mit Büchern, Vase und Schale, 1946 Oil on Cardboard

 

 

 

 

 

 

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