Péter Nadás in der Akademie der Künste

Péter Nadás, Aufleuchtende Details.

Einmal Akademie der Künste und zurück. Was ein Glück für einen Erzähler, der seine Kunst aus dem Schweigen des Vaters bezieht, will sagen: Weil sein Vater schwieg und er das Schweigen Vaters geerbt hat, will er dem so offen wie möglich ein Erzählen entgegnen. Ein Erzähler, bei dem du von der ersten bis zur letzten Zeile spürst, es ist die Stimme des Péter Nadás selbst, und doch, wie kann er etwas erzählen mit der eigenen Stimme in Zeiten, da er noch nicht gelebt hat. Hundert Jahre Einsamkeit in zehnjährigem regelmäßigen Fleiß aufgearbeitet, und da die Namensregister mehrfach den Säuberungsaktionen der Staatsoberen geopfert wurden, kann er nur bis ins achtzehnte Jahrhundert hinein recherchieren, er weiß nichtmal wie seine Ahnen wirklich geheißen haben mögen. Aus dem Familiennachlass bringt er Zeitungsartikel der Mutter mit, das Schweigen seines Vaters und seine unermüdliche Gedächtnisleistung, die die Zeitungsausschnitte der Mutter zum eigenen Erzählstoff werden lassen, da schien selbst Jörg Plath überrascht, denn Nadás habe die Zitate so eingeflochten, der Leser merke nicht einmal, dass es sich um eine Kollage handelt. Der Leser merkt nicht mal das.

Literatur – wenn ich gestern noch gefragt habe, was kann Literatur leisten, so schimmert hinter dieser Frage immer die nach ihrer gesellschaftlichen und politischen Relevanz hindurch, und mir selbst lag es auf der Zunge laut zu rufen, Herr Nadás, wie kann es sein, dass ein so schlauer und großartiger Erzähler nicht verhindern kann, dass seine Leute autoritären Systemen ihre Referenz erweisen, da gibt er unaufgefordert Antwort. Es sei nicht Aufgabe der Literatur, dem Imperativ den Hof zu bereiten, er glaube nicht an eine Kausalität der Geschichte, die logische Abfolge der Geschichte komme ebenso wenig vor, da die Interpretation von Geschichte jeden historischen Fakt in der Nachbetrachtung zu einem Vielfachen seiner Erkenntnisse zwingt, ja umgeschrieben wird. Warum sich diesen Spekulationen noch hingeben, wenn selbst die eigene Geschichte keiner Regel folgt.

Genug, genug. Der Abend hat mir doch einen Schrecken eingejagt. Wer wie ich mehr als drei Bücher in die Hand genommen hat, kommt nicht umhin, seinen eigenen ganz bescheidenen Größenwahn zu pflegen, wie ich es gestern schon dachte. Wenn du als Leser erst merkst, das kann auch ein Kind, so oder so oder eben so zu schreiben, beginnt in dir eine eigene Frequenz schrille Zwischentöne zu erzeugen, nach denen du dich selbst in die Lage versetzt, auch die Pfeife in den Mund zu nehmen und dich aufzuspielen wie ein Polizist oder Marktschreier oder was noch schlimmer ist – du selbst wirst zum Pharisäer und hast plötzlich das Gefühl, du habest nur Tinnef gelesen in deinem Leben, du habest nur dummes Zeug gesehen, diese bescheidene Selbstgerechtigkeit wird ebenso plötzlich zu einer sich über alles hinwegsetzenden göttlichen Disposition, du hast ohne das beabsichtigt zu haben die Stimme eines Megaphons inzwischen gegen die Trillerpfeife getauscht, dir kreisen die Namen durch den Kopf,  du hattest längst abgeschlossen mit Thomas Mann, längst aufgehört zu glauben, dass der Arzt Alfred Döblin schreiben kann, du hast Max Frisch in die Tücher gewickelt, du hast Cees Nooteboom als Esoteriker bezeichnet, du hast dir irgendwann leider angewöhnt, dir die Diskurse über Literatur und Wort und Satz abzugewöhnen, du hast dir die Literaten nur noch unter dem Gesichtspunkt angetan, ob sie den auf sie aufgesetzten Maßstäben standhalten. Du hast dir vor allem eins verbaut und verunmöglicht: Das Lesen. Das Zuhören. Das sich Entwickeln lassen der inneren Stimmen. Deine eigenen Erinnerungen versandeten, wurden verschüttet, wurden mit Wasser und Zement angerührt und erstarrten zum unbeweglichen Klotz, ein Manifest deiner Selbst im Stocksteifen – da kommt Nadás gerade recht.

Nun könnte man meinen, ein Betonklotz ließe sich nur mit Presslufthammer aufbrechen, umso erstaunter bin ich, dass eine Eisenstange reicht. Die des Straßenbahnführers, der damit in Budapest die Weichen umstellt und in Paris damit prügelnd um sich schlägt. Das Assoziative, der Webteppich, die hohe Erzählkunst eines Péter Nadás macht mir bewusst, endlich wieder: ja, es gibt sie noch, die großen Erzähler. Die Sprachvirtuosen, die Wortkünstler. Ob ihm das Schreiben denn nicht leicht falle. Eine mehr als einfache Frage. Welchen meiner Sätze glauben Sie, könnte ich mit leichter Feder geschrieben haben? Zeigen Sie mir einen. Und schon beginnt das Lesen, und du glaubst, jeder dieser Sätze sei aus ihm herausgeflossen wie anderen die … Feder … bricht ab.

Die Kunst des Erzählens. Man spürte es in jedem der Gesprächsansätze zwischen Nadás und Plath. Die Ergebenheit, der Respekt, die Ohnmacht der Kritikerworte, insofern entlarvend, als ich gestern noch fragte, wann endlich die Bevormundung der Autoren durch ihre Kritiker aufhört? Nun, die Autoren haben es selbst in der Hand. Sie müssen können sollen erstmal Nadás lesen, und dann schreiben wie sie es am besten können, und wenn man es so gut macht (ausarbeitet) wie Nadás, hast du niemanden mehr gegen dich. Kann mir einfach nicht vorstellen, dass irgendjemand mit ein bisschen Gefühl für Sprache und Literatur sich gegen Nadás positionieren will oder kann, wenn er selbst Betonklötze wie mich aufzuweichen versteht.

Aber wahrscheinlich war ich gar nicht aus Beton, sondern einfach nur vertrockneter Boden. Da reicht dann keine kurze Dusche wie ich sie mir hier häufig im deutschsprachigen Raum antue, sondern ein schöner satter und andauernder Regen. Wenn es über Marcel Proust heißt, für einen Proustianer gibt es nur Proust und dann lange nichts, so wird selbst ein Proustianer eingestehen müssen. In Péter Nadás hat Proust mehr als einen guten Schüler, ich würde sogar behaupten: Wenn Marcel Reich Ranicki damals lockerlässig verkündete Marcel Proust komme wieder in Mode, so will ich ihm hinterherrufen. Legen Sie Proust erstmal beiseite. Denn die Suche nach der verlorenen Zeit ist in Aufleuchtende Details, in Parallelgeschichten und im Buch der Erinnerung mehr als nur … Suchen nach dem Wort. Das bekanntlich am Anfang stand.

Es gibt also keine Kausalität. Demzufolge auch keinen Plot. Vergessen Sie es. Schmeißen Sie alle Bücher weg, in denen Ihnen ein Plot angeboten wird. Sie werden nur verrückt gemacht durch die Abenteuer derjenigen, die ihre Phantasie dafür missbrauchen, andere hinters Licht zu führen. Warum denn Nadás nach 1278 Seiten schon Schluss gemacht habe, sei da nicht noch viel mehr? Für wie hinterhältig halten Sie mich, antwortet er. Ich könnte für die Schublade geschrieben haben und es als Nachlass durchreichen, aber wie hinterhältig wäre das erst. Glauben Sie mir, das, was Sie in Händen halten, ist das Buch meiner Familie, und das war’s. Nun kann ich mich darauf gefasst machen, eine Tracht Prügel von ihnen zu beziehen, wenn ich nach meinem Ableben bei ihnen vorbeikomme.

Der Humor ist ganz auf seiner Seite. Ich habe diesen Abend genossen. Nur auf eine Signatur in meinem Nadás habe ich verzichtet. Denn ich habe mit diesem Nadás mehr als einen Nadás. Warum noch seine Schrift? Stelle mir seine Hände vor, wie er nur für mich schreibt, für Clemens, Péter Nadás …  ich würde davonziehen wie ein Held am Eisstand seiner Erzählung, hätte das beste Eis abbekommen und draußen, an der Englischen Botschaft, würde eine Polizeiwanne auf mich warten und mich festnehmen mit diesem ominösen Eis in der Hand, das ein Buch ist, das, ohne, es zu wollen, ebenso gut ein Attentat simulieren könnte auf all die, die glauben, Blut sei nur dazu da zu trocknen, oder wenn Nadine Gordimer sagt, den Menschen beruhige eine einzige Sache, der Mord, dann kann ich aufgrund meiner eigenen Erfahrungen in Menschenkunde dieser anthropologischen Beschreibung noch hinzufügen, dass man das Opfer in seinem Tod auch noch zu schänden wünscht. Das ist kein individueller, sondern ein ritueller Wunsch. Wer den Sprengsatz in diesen Sätzen nicht sieht … darf sich fragen, ob er nicht selbst schon Teil einer Zündschnur ist.

Wenn Sie mich fragen, fragen Sie lieber nichts. Wer des Lesens überdrüssig ist, hier ist frische Luft! Wer das ganze Geschummel und Gemurmel im Markt nicht mehr erträgt, hier ist ein Buch, mit dem Sie überwintern können. Wenn es schon heißt, Männer würden nichts mehr lesen, bzw. könnten außer Fußball, Arbeit, Sachbuch und ein bisschen Beischlaf nichts, schenken Sie ihm dieses Buch, er wird sofort alles hinschmeißen, so er noch bei Verstand ist. Wer Zweifel an seinem Geliebten hat, lege ihm dieses Buch unter den Weihnachtsbaum, wenn er das Buch nicht zu lesen vermag, waren die Zweifel berechtigt. Wer eine Internetpause braucht. Bitte. Ich übertreibe nicht, ich untertreibe: Endlich wieder LITERATUR! Mit den besten Wünschen … ergebendst.

Oder wie sie es gestern Abend praktizierten: Sich japanisch voreinander verneigen. Ich ziehe meinen Hut!

Jörg Plath in Deutschlandfunk

Jörg Plath im SWR

Jörg Plath im ZDF auf dem Blauen Sofa obwohl die Lektüre nicht ungefährlich ist

Andreas Breitenstein auf NZZ Ein Meilenstein der Literatur

Iris Radisch in der Zeit Die Totale des Jahrhunderts

Gerhard Zellinger im Standard.at Der Fluch des Überlebens

TERMIN zum Vormerken Sonntag 26.11.2017, 11:03Uhr SFR

 

 

 

 

4 Antworten auf „Péter Nadás in der Akademie der Künste

  1. Danke für diesen Buchtipp. Ich habe vor Jahren sein Buch „Der eigene Tod“ gelesen und es hat mich ungeheuer fasziniert. Nicht nur der Text, sondern auch seine 150 Fotos eines Birnenbaumes, der sich im Verlauf eines Jahres verändert.

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    1. Sehr gerne! Großes Buch, spüre ich mit jeder Seite. Geduld braucht es aber. Ich muss immer auch Luft holen zwischen den Episoden, die in ihren Ebenen zwischen Erzähltem und Reflektiertem sehr gekonnt verwoben sind, aber schon auch mit ziemlichem Gewicht ausgestattet. Trotzdem für mich schon jetzt ein Ausnahmewerk!

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