Feuilletonitis

Jeden Abend sitzen wir am Tisch und krauseln die Stirn über das Horrorkabinett aus Übersee, und sehen das Loch in der Wand. Mein WOCHENRÜCKBLICK durch die Feuilletons (solange es sie noch gibt, sollten wir uns ihrer erfreuen! – Hinweise zum Überleben von Kunst Kultur und Vielfalt bitte beim Heimatministerium einreichen !;o!

Und bohre mich durch Artikel. Kann es trotzdem mit niemandem rekapitulieren, da auch sie hin und wieder da sind, wo ich nicht bin. Der Hammer der im Loch der Wand verschwand. Und rede noch immer von Sinnlichkeit, von Haptik, von Gerüchen in Worten. Das wahre Erleben echten Seins. Blicke in den Nachrichtenspiegel. Sehe

NZZ
„Ulysses“-Neuedition: „Rechtlich ist die Sache tot“ James Joyce’s „Ulysses“ Oder. Deutschlandfunk Zehn Jahre Übersetzungsarbeit umsonst Zehn Jahre haben Forscher die deutsche Übersetzung von James Joyce’s „Ulysses“ überarbeitet. Nun darf der Suhrkamp Verlag das Werk nicht veröffentlichen. Bitterlich. Die Erbin Wollschlägers stelle sich quer. Da soll was an einen Forschungsstand der 40 jährigen Literaturwissenschaft um James Joyce angepasst werden. Erinnert ans Büro von J.J. Voskuil. Müssen Kulturgrenzen finden, erfinden. Es hängen die Nachgeburten der Pferde in Bäumen. (Wenn es heißt, es gehe um kleine Korrekturen (immerhin 5000 ?! … um so kleine Dinge … die der Wollschläger freier übertragen hat … Dinge, die für den normalen Leser nicht sichtbar wären … Sagt Landgrebe (der Chef von Suhrkamp). Schade, Oh wirkliche 10 Jahre Arbeit, ein Lebensprojekt „zunichte gemacht.“ Frage mich, machen die die Verträge immer erst nach der Arbeit? Wirtschaftlich sei es zumindest nicht ausschlaggebend. Dann aber doch eine wissenschaftliche Ausgabe. Widersprüchlich das alles. Unerhört sozusagen in aller Öffentlichkeit die Erbin von Wollschläger drüberzukanzeln. Gehört sich nicht! (alles weitere bei Jochen Kienbaum von lust auf lesen.de, habe ich gestern „gefischt“)

FAZ
Wie die Amsel schwarz wurde Esther Kinsky „Hain“

„Denn es ist diese Ambivalenz, dieses unangestrengt Durchscheinende, diese schimmernde Bedeutungsvielfalt“ „Der Verlust des Anfangs“ Was hat er gesagt?  „die kursive Einleitung dieses Geländeromans schlägt den Ton an, der durch das übrige Buch hallt, wenn sie den Raum zwischen Leben und Tod als etwas eigenes beschreibt, etwas, das in keinem der beiden Zustände ganz aufgeht.“ Was hat er gesagt. Vom Leben im Sterben oh. Ich schätze Esther Kinsky sehr, habe „Am Fluß“ gelesen wie Brot. Tolles Buch, wirklich großes Buch, und vermute auch dieses ist ein sprachlich ansprechend gutgroßes Buch. Lass sie erstmal den Preis in Leipzig gewinnen. Suhrkamp wird dann ein bisschen was um die Ulysses Ausfälle davon kompensieren können. Was eine Not ums unangestrengt Durchscheinende. Um diese schimmernde Bedeutungsvielfalt. Ich ohnmächtig geworden ich.

Frankfurter Rundschau
Zwangspolitisierte Dichter Der „Fall Simon Strauß“ und Eugen Gomringers Zeilen an der Hochschul-Fassade in einer Debatte in Berlin. (Will und kann es fast nicht mehr … tue es trotzdem … schon so viele Wochen „durchgekaut“ und noch ein Wasserglas gesehen ohne Sturm, eisgefrorene Diskurse ein Luxus. „Er habe den Eindruck, dass man eine Gesinnungsprüfung von ihm erwarte, sagt Simon Strauß. Da hat er zum ersten Mal das Wort am Dienstagabend im Aufbau-Haus. Die eng gestellten Stuhlreihen (Sic!) im TAK, dem Untergeschoss des Gebäudes am Berliner Moritzplatz, sind gut gefüllt. „Ja, ich esse Fleisch, ja, ich lese Ernst Jünger, aber nein: Ich habe nichts mit der AfD zu tun. Und nein: Ich glaube, ich eigne mich auch nicht als Posterboy der Neuen Rechten.“ Oh Topf oh Schnitzel. Zitat: „„Wenn ich über Politik nachdenke, hat das für mich keinerlei tagespolitischen Aspekt“, sagt Simon Strauß. So stelle ich es mir vor. Ein Dichter weiß was zu sagen, nämlich dass es schwer ist was zu sagen, deswegen er es sagen muss, damit was gesagt sei. Das kann man auch als Haltung bezeichnen. Flutscht mir sowas von durch die Finger.

Frankfurter Rundschau
Debakulöses Dasein
Andreas Maier setzt seine elfteilige Heimatsaga so famos wie profund fort.

Der Standard
Peter Stamm: Einer, der in die Fiktion entkommen ist
Der Autor lässt in seinem neuen Roman „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt(.) einen Erzähler auf seinen Doppelgänger treffen. Der komplexe Roman, der die Frage nach Realität und Fiktion aufwirft, überzeugt nur bedingt – Peter Stamm wird gern als Meister der Lakonie bezeichnet sowie als einer, der das schlichte dem klingenden Wort vorzieht und dabei nicht auf Effekte, sondern auf erzählerische Substanz setzt.

Der Spiegel weiß es immer auch

Liebe braucht keinen Überbau
Es geht um Grundsatzfragen über die Liebe im Roman des Schweizers Peter Stamm. Konstellation verstaubt, Erkenntnisse reichhaltig.

Zur Abwechslung: Die Alben der Woche in der Süddeutschen Zeitung

Es wird schließlich ernst im Deutschlandfunk: „Das ist wie eine Kulturrevolution von oben“ In Polen fliegen nun schon Autoren aus dem Kanon: Mein lieblingswerter Witold Gombrowicz (unbedingt zu empfehlen Trans-Atlantik) ist auch dabei. „(…) Bruno Schulz, Witold Gombrowicz, das ist Joseph Conrad, von dem viele gar nicht wissen, dass er Pole war – Kapuściński. Das sind also die offeneren, ein bisschen unabhängigen, freieren Geister, und da werden jetzt die Schulbücher eben ersetzt durch die nationalistischeren oder den nationalistischen Denkern sozusagen, mehr auf Linie erscheinenden Autoren. Das ist tatsächlich in Polen eine ziemlich alte Idee.“

Oh Abendland oh Christenheit.

NZZ
Unermüdlich dichtet das Maschinchen
Digitale Literatur – was war das noch? Damals, tief in den neunziger Jahren, schwärmten Literaturwissenschafter von der Hyperfiktion, von Texten ohne Zentrum, durch die sich der Leser selbst seine Pfade schlagen und per Link beliebig von Abschnitt zu Abschnitt gelangen konnte. Was aber einigen als Zukunft der Literatur erschien – in der sich vor allem liebgewonnene Konzepte der Postmoderne wiederfinden liessen –, war bald zu einem Genre ohne Leser und, schlimmer noch, ohne Produzenten geworden. Es gibt sie nicht mehr.

NZZ
Jesus tanzt in goldenen Schuhen
Auf Bibeltreue hat sich der Literaturnobelpreisträger J. M. Coetzee nicht eingeschworen in seinen Jesus-Romanen. Der bewusst blass getönten Darstellung setzt er im zweiten Band irritierende Akzente auf.

Süddeutsche Zeitung
Im Deutschen Herbst verhärten sich die Fronten
1977 übergießt sich Hartmut Gründler in Hamburg mit Benzin und zündet sich an – aus Protest gegen die Atomkraft. Der Autor Nicol Ljubić hat daraus einen Roman gemacht. Tief deutsch und beeindruckend.

Zur Abwechslung Das Album der Woche in der FAZ: Hoffnungsmaschine: Läuft bei mir von Erdmöbel

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Der Spiegel Ein Leben zäh wie Gletscher Norbert Gstrein lässt in „Die kommenden Jahre“ eine Ehe zerfließen. Und drischt auf die Doppelmoral unserer Gesellschaft ein.

Der Tagesspiegel kümmert sich um was keiner sieht Kratzen und schaben Friedrich Christian Delius erzählt in brillant rasender Jazzprosa von der „Zukunft der Schönheit“. Ein New Yorker Jazzclub Mitte der sechziger Jahre. Ein junger Schriftsteller aus Deutschland besucht mit zwei Freunden ein Konzert des Saxofonisten Albert Ayler. Die Wildheit der Musik, das Jaulen und Heulen, der mal scharfe, mal vermeintlich holprige Rhythmus, kurzum: Aylers Free Jazz löst bei ihm zunächst einen ästhetischen Schock aus. (Ich stand gestern vor dem Regal und hatte ein 92Seiten Bändchen für 16 Euro in der Hand. Das war mir ein bisschen wenig.)

Zur Abwechslung Die Pop-Alben der Woche im Soundcheck des Tagesspiegel

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in der NZZ:

Alle haben den Blues

Anstrengend wird es im Deutschlandradio, ich die Schnellsprecheinlagen nur noch bedingt durchhalte. „Die Begierde als revoltierendes Element“ Foucault lesen mit Joseph Vogl – Immerhin kommt mal sowas hier auf: „Auf der anderen Seite, glaube ich, kann man bestimmte Bewegungen erkennen, insbesondere in behüteten Gesellschaften wie etwa an den Universitäten, wo eine hohe Aufmerksamkeit auf Verhaltensweisen gelegt wird, in denen sich die Wiederholung eines polizeilichen Blicks manifestiert. Das heißt: Wer sagt was zu wem in welcher Sekunde mit welchem Ton? Und welche Anklagen können bei dieser oder jener Geste geführt werden?“ Die Soziotope die sich selbst bedingen und verhindern. (Und Problem an Buchmenschen: sehen sie einen anderen Menschen müssen sie offenbar alles was sie gelesen haben auf einmal los werden)

NZZ
Monika Maron erzählt von Berlin, als bräche hier gleich ein Krieg aus Eine alleinstehende Frau und ihre Krähe bilden ein seltsames Paar in einer seltsamen Zeit: Monika Maron schreibt einen Roman mit alarmistischem Furor.

Tagesspiegel
Das Büro der Zukunft Der schwarze Romantiker Georg Klein entwirft in seinem Roman „Miakro“ eine postapokalyptische Arbeitswelt.

Die Welt
Philip Roths Frankenstein, made in USA Ein Professor verheddert sich in den Fallstricken der Political Correctness und kriegt die „Kleinlichkeit der Menschen“ zu spüren: Mit „Der menschliche Makel“ lieferte Philip Roth sein Meisterwerk ab. (Abgesehen davon, dass Philip Roth sich nicht mehr aussagen/ausschreiben wollte, was ich umso bedauerlicher finde, als auch das nichts hilft)

Deutschlandfunk
Eine weltliche Bibelgeschichte
Mit „Die Schulzeit Jesu“ setzt der südafrikanisch-australische Literaturnobelpreisträger J. M. Coetzee seine Jesus-Trilogie fort.

Zur Abwechslung hat der Deutschlandfunk Keith Jarretts Neustart von 1998 am Ohr. Die Aufnahme kann ICH sehr empfehlen

after-the-fall

DIE LISTEN

Zehn beste Bücher beim ORF:

Arno Geiger: Unter der Drachenwand  (Hanser)

Milena Michiko Flašar: Herr Katō spielt Familie, (Klaus Wagenbach)

Iwan Turgenjew: Väter und Söhne, (dtv)

Norbert Gstrein: Die kommenden Jahre , (Hanser)

Clemens J. Setz: Bot, (Suhrkamp)

Die Zeit
Abgedankt und auferstanden?
Stefan Kutzenberger und Clemens J. Setz fragen in neuen Büchern: Ist er nun tot oder heilig, der gute alte Autor? Das ist in einem Fall hochkomisch, im anderen quälend.

Esther Kinsky Hain – Geländeroman, (Suhrkamp)

Thomas Stangl: Fremde Verwandtschaften, (Droschl)

Mareike Fallwickl: Dunkelgrün, fast schwarz, (Frankfurter Verlagsanstalt)

Margit Schreiner: Kein Platz mehr, (Schöffling)

Fernando Aramburu: Patria, (Rowohlt)

Maxim Kantor: Rotes Licht, (Zsolnay)

 

DIE SWR-Bestenliste

Esther Kinsky Hain

Norbert Gstrein: Die kommenden Jahre

Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen

Die Zeit
Eine sehr präzise Klinge
Anja Kampmanns bemerkenswerter Debütroman „Wie hoch die Wasser steigen“

Angelika Klüssendorf: Jahre später

Hans Pleschinski: Wiesenstein

Joshua Cohen: Buch der Zahlen

Arno Geiger: Unter der Drachenwand

Gert Loschütz: Ein schönes Paar

Samanta Schweblin: Sieben leere Häuser

Szczepan Twardoch: Der Boxer

Zur Abwechslung: Die hier bitte gerne weitersagen!

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Die Welt
Wer es eindeutig mag, ist hier im falschen Buch

Das seltsamste Buch eines seltsamen Schriftstellers: Heimito von Doderers „Die Merowinger“ ist nur ein Nebenwerk, bekannter ist seine „Strudlhofstiege“. Doch der beschriebene Exzess ist höchst modern.

Süddeutsche Zeitung
Im Viertel des Fantasten Gabriel García Márquez
Den Lesern des Literatur-Nobelpreisträgers ist Cartagena vertraut. Wie aber sieht es in der kolumbianischen Hafenstadt heute tatsächlich aus? Ein Besuch.

Die Zeit
Engel und Emigranten
Rumäniens aktuelle Literatur ist geprägt von Lakonie und genauen Milieuschilderungen. Im März präsentiert sie sich auf der Leipziger Buchmesse.

NZZ
Wie Martin Suter uns Literaturkritiker das Fürchten lehrt Zum 70igsten von Martin Suter  Er zählt zu den erfolgreichsten Schriftstellern der Gegenwart. Die Kunst der Unterhaltung beherrscht er wie nur wenige. Nun wird Martin Suter siebzig – und stellt uns noch immer vor viele Rätsel.

Deutschlandfunk
Julia Franck und Wolfram Eilenberger im Streitgespräch Muss Literatur politisch sein – und wenn ja, wie?

Ich würde nochmal auf James Joyce zurückkommen wollen. Richtig. Immer erst was du kennst und trotzdem nicht weißt … Auch im Joyce kann man sich verlaufen. Erinnere mich an meinen Aufenthalt in Triest. Dort traf Joyce auf Svevo. Erst Joyce machte Svevo bekannt, was ein Mentor! So bekannt, dass die Triestiner tatsächlich noch eine Statue von Italo Svevo (Aron Hector Schmitz, genannt Ettore Schmitz) in ihre Stadt stellten.

2014-10-08-11-52-07

 

LESENSWERT, bzw. LEBENSWERT: wirklich wahr: bei Manesse Aus Zenos Welt

Zenos Gewissen von Italo Svevo

Auch bei Diogenes

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