I am not your Negro

Zeit etwas aufzuarbeiten, Zeit etwas gutzumachen, Zeit zu vergessen? Ich sehe den Film I am not a negro, „eine schonungslose Abhandlung über den Rassismus in den USA, erzählt ausschließlich mit den Worten Baldwins am Beispiel von Martin Luther King Jr., Medgar Evers (Mitglied der NAACP) und Malcolm X, die alle drei ermordet wurden.“

Und erinnere mich, es ist genau die Zeit, da wir in Süd-Afrika lebten, da wir von dem nichts mitbekamen, da wir im Land der Apartheid waren, ohne wissen zu wollen, dass wir, die Weißen, privilegiert waren, und sie, die Schwarzen, nur der Film im Hintergrund mit der Besonderheit, der Andersartigkeit, dem Archaischen, dem Exaltierten, dem Exotischen – wir sahen uns den Film an in verschiedenen Ausführungen, einmal fuhren wir in die Homelands, und Vater, naiv wie er war, hielt überall seine Super 8 Kamera drauf. Ein anderes Mal fuhren wir, es war ein Sonntag, mit einem österreichischen Ehepaar zu einem der Zulu-Tanzaufführungen, ich weiß davon nur noch zwei Substantive: Staub und Geruch. Der Geruch streng und nichtmal ansatzweise parfümiert, einfach nur spitzer Schweißgeruch an einem Sonntag im Staub der Tänzer, Vater filmte es mit.

Noch heute sehe ich diese Filme und ebenso verwundert sehe ich die akrobatischen Leistungen der in Schmuckfedern, in Tierfellröcken in stämmigen und muskelfeisten Körpern springenden, hüpfenden, stampfenden und trommelnden Tänzer …

ein anderes Mal stehen wir auf einem Hügel und blicken in eine Bucht, dort ein Gottesdienst der Schwarzen, die Frauen in hellblauen Schürzen und weißen Kopfbedeckungen, die Männer in weißen Anzügen, im Gegensatz zu unseren Gottesdiensten dort alles in Bewegung, zu einem imaginären Zentrum hin, vom Zentrum weg, wieder ein Tanzritual, wieder eine körperliche Antwort auf Gottes Geist, wir stehen auf Distanz und staunen, gerührt aber beurteilend, das sind eben Rituale, von denen wir nichts verstehen – komm, lass uns gehen, auch das hatte Vater auf Super 8 gefilmt.

Einmal fährt er an den Bahnhof von Johannesburg, nicht auf die weiße, auf die schwarze Seite und filmt auch das – bis ihm ein Schwarzer unmissverständlich mit der Faust droht – unverblümt hält er als Weißer seine Kamera auf die Schwarzen, die nichts anderes machen als den Bahnhof betreten, ihn verlassen. Höre aus dem Off Mutter rufen, lass das, merkst du nicht, wie du sie reizt. Ja, sie reizt, wie man Löwen oder Elefanten reizt – die Begriffswelt für die dort immer am Rand des Unsagbaren, immer im Vergleich nichtmenschlicher Wesen, immer im Ton der Überheblichkeit, der Angst und der Fehleinschätzung.

Was ich in der Form als Kind nicht verstand, erst als wir schon zwei Jahre in Deutschland lebten, ich von meinem Freund den Hinweis erhielt, du warst in Süd-Afrika? Da, wo die Apartheid ist? Wo ist da Apartheid? Ich stritt es vehement ab, ich, fast vierzehn Jahre alt, hielt es nicht für möglich, dass ich in einem Land der Apartheid, im Land der Apartheid schlechthin, ja, in einem von Rassismus durchtränkten Land großgeworden bin. Ich stritt das heftig ab. So heftig, er setzte zum Gegenbeweis an und holte aus der Spiegelsammlung seines Vaters sämtliche Exemplare, in denen von Süd-Afrika als Land der Apartheid die Rede war. Je mehr ich darin blätterte und von Gedemütigten, von Geschlagenen, von Getöteten las und sah, desto heftiger in mir der Groll, dass er hier, mein bester Freund, mich demütigen, schlagen, mich töten wollte. Ich stritt das noch immer ab und konnte erst Jahre später nachvollziehen, was er von mir wollte. Dass ich mich für etwas entschuldige, für was ich nicht verantwortlich war, aber dadurch, dass ich dort war, meine Kindheit verschuldete in einem System, das ebenso wenig aus mir war oder in mir, sondern aus dem ich hervorgekommen war, mit all den Vorurteilen gegen Menschen, die für uns Diener waren.

Einmal filmt mein Vater einen Mann, wie er mit einer Gartenschere den englischen Rasen schneidet, Halm für Halm. Im Hintergrund siehst du die Grenzmauern zum Reichtum der Inhaber, vor der Mauer schert er den Rasen mit einer Gartenschere. Nicht etwa, dass er zu diesem Job gezwungen war, fiel ins Auge, sondern die Frage, wie muss man drauf sein, so etwas zu machen. Kein Weißer würde so etwas machen. Der Schwarze aber, im Auftrag des Weißen. Ursache Wirkung, schon da. Der es macht, macht sich lächerlich. Der es befiehlt, ist unsichtbar verschanzt hinter Mauern.

Ob ich denn auch positive Kontakte hatte mit Schwarzen, werde ich häufig gefragt.

„Was haben die Negros nur, warum seid ihr nicht optimistisch, es wird doch alles besser, es gibt schwarze Bürgermeister, Negros sind in allen Sportarten vertreten, sind in der Politik, und als allerhöchste Auszeichnung erscheinen sie jetzt sogar in der Fernsehwerbung.“ Lautes Gelächter. Auch Baldwin lacht … (wohl weniger geschmeichelt als pikiert) Ich bin froh, dass sie lächeln, sagt der Moderator, wird es gleichzeitig besser und bleibt doch hoffnungslos?

Pessimismus dunkel, Hoffnung hell.

Antwortet Baldwin: Ich glaube wirklich nicht, dass Hoffnung besteht, solange man weiter solche Formulierungen benutzt. Es geht nicht darum, was hier mit den Schwarzen (to the Negros, to the Black Man)  geschieht. Das ist eine brennende Frage für mich. Noch mal: Es geht vielmehr darum, was mit diesem Land geschieht.  (Ich hab das mehrfach wiederholt.)

I am not your negro2

Nur noch bis Montag 15/06/ offenbar korrigiert, Film läuft auch 17/06 noch : eine schonungslose Abhandlung über den Rassismus in den USA, erzählt ausschließlich mit den Worten Baldwins am Beispiel von Martin Luther King Jr., Medgar Evers (Mitglied der NAACP) und Malcolm X, die alle drei ermordet wurden“

In Süd-Afrika war landweit die Meinung zu hören, wenn die Schwarzen das übernehmen, geht das Land unter. In Süd-Afrika war landweit die Meinung zu hören, das Land gehöre nicht den Schwarzen, es waren die Engländer, die es entdeckten. Ja – an dieser Stelle von mir gern auch eine Musikeinblendung. Pharoah Sanders Our Roots began in Africa.

Ist dir auch aufgefallen, dass du vor den Blackman mehr Angst hattest als vor den White People? In so einem Satz hast du den ganzen fatalen Sprachgebrauch der letzten mehr als hundert Jahre. Die Schwarzen sind die Dunkelgestalt, der reißende Wolf, tatsächlich wird in der Doku das weiße Mädchen von Black Man auf seine Hinrichtungsstätte geführt – während die Weißen nur People sind, hin und wieder mal The White Man … ansonsten aber White People, eine Egelschar gewissermaßen, friedlich beinander stehend … während der schwarze Mann im Spiel Wer hat Angst vor ihm … selbst in Deutschland dann, wir waren schon fünf Jahre hier, auf den Spielwiesen praktiziert wurde … und laufen um unser Leben.

Ich bin nicht euer Neger wird der Film getitelt. Im Original I Am not your Negro? Merkst du den Unterschied? Die Konnotation im Deutschen ist deutlich hässlicher, deutlich brutaler. Etwa ehrlicher? Im Englischen klingt es sogar harmlos, eher melodisch. (Bedenkt man noch  die Hintergrundmusik.)

Die Zeit dieser Leben und Tode liegt, öffentlich gesehen, zwischen 1955, als wir erstmals von Martin hörten, und 1968, als er ermordet wurde. Medgar wurde im Sommer 1963 ermordet. Malcolm 1965.

Diese drei Männer … sehr unterschiedliche … „(Martin) schulterte das Gewicht der Verbrechen, der Lügen und der Hoffnungen einer ganzen Nation“, diese drei Leben aufeinanderprallen und sich gegenseitig enthüllen lassen – wie sie es in Wahrheit auch getan haben, weil sie ihre schreckliche Reise verwenden als Lehre für die Menschen, die sie so sehr geliebt haben, von denen sie verraten wurden, und für die sie ihr Leben geopfert haben.

„Wir gehen nicht mit Negern in eine Schule.“ Einblendung einer besorgten Christin: „Gott vergibt Mord und Er vergibt Ehebruch. Aber er ist sehr zornig und bestraft alle, die für Integration sind.“

Hierzu fallen mir all die Verwerfungen der eigenen Eltern ein, der eigenen sozialen Umfelder, in denen sie sich bewegten, christlich, baptistisch, freikirchlich, bibelfest und mit einer höheren Moral ausgestattet, einer Gottesmoral, die immer und jederzeit über dem menschlichen Gesetz steht. Wir fragen, wie konnte ein Donald Trump so weit kommen – nun, das fragen sich die falschen Leute, denn die, die die Vergebung von Todschlag in Gottes Güte vermuten, nicht aber die Integration unterschiedlicher Hautfarben, sprechen einer quasi irrationalen Logik und Moral das Wort und scheinen immun gegen das Weltliche – diese Immunität ermöglicht auch das schamlose Dulden von Unrecht und Ungleichbehandlung, erstrecht von Rassentrennung und Hetze – denn der Glaube an  den Gott der Erkenntnis ist nicht etwa einer, dessen Jesu Herz schlägt mit Liebe deinen nächsten wie dich selbst, das ist durchaus übersetzbar gemeint, liebe erstmal dich selbst, eh du es mit den anderen versuchst, reine Sophisterei, möchte man denken, allein die Wirkung ist fatal: Das Donnergrollen Gottes ist zu vernehmen, dem gehört er selbst an, er selbst ist Sendbote der grollenden Stimme, eine tiefe eigene innere Stimme, die der Projektion seiner ureigenen Angst vor dem, der er ist, dem Angry Mann, dem verschüchterten Mann, dem überheblichen Mann, und küss mir die Füße, Sklave, nicht etwa seine Stirn zeigt sondern seine Referenz erweist.

Leider berücksicht eine wie auch immer geführte Debattenkultur über das Wie konnte so etwas passieren nicht, dass selbst der Ekel, selbst das sich erschrocken Geben nicht darüber hinwegtäuscht, dass irgendein Bergprediger aus Atlanta mehr Macht über seine Gläubigen hat als die Präambel der Verfassung der Verieinigten Staaten von Amerike; aus der Präambel:

„Wir, das Volk der Vereinigten Staaten, von der Absicht geleitet, unseren Bund zu vervollkommnen, die Gerechtigkeit zu verwirklichen, die Ruhe im Innern zu sichern, für die Landesverteidigung zu sorgen, das allgemeine Wohl zu fördern und das Glück der Freiheit uns selbst und unseren Nachkommen zu bewahren, setzen und begründen diese Verfassung für die Vereinigten Staaten von Amerika.“

Es ist nicht zu erkennen, ob in diesem „uns“ wirklich alle gemeint sind – es klingt nicht einschließlich aller – da wird auch zur Verteidigung aufgerufen – wer ist das Außen – da sie sich jahrzehntelang im Inneren (im Bürgerkrieg) bekämpft haben ? Historiker fragen !

Helllichter Tag, tiefdunkle Nacht.

Das Himmelschreiende zwischen Gut und Böse ist so tief verankert, da ist weiß schlichtweg engelsweiß und schwarz schlicht ergreifend teufelsschwarz. Mehr als hundertfach in meiner Kindheit so gepredigt bekommen und gesehen. Das ist keine Doppelmoral, nein, es ist eine klare und einfache Stimme, die da spricht. Korrekt dazu und aufrichtig gemeint. Gottes Segen inklusive. Sie sind per Auftrag Gottes Kinder, und Gott hat sie auserwählt. Alle anderen sind des Teufels. Diese Botschaft ist so simpel wie einfach – und praktikabel.

Nochmal: Diese Botschaft richtet sich nicht an die, die sich Aufgeklärte nennen oder Modernisten oder Atheisten, die Botschaft richtet sich an die Gläubigen unter Ihresgleichen – darauf weiß die Intellektualität unserer Breiten nur ein hochnäsiges Schulterzucken bekannt zu geben – um weiterhin avantgardistischen Spielchen zu folgen und hier und dort einen Unterschied auszumachen zwischen Gestrichen-F und B-Flat-F.

Kommen zwei zusammen, sprechen einen gemeinsamen Code, ziehen los und entweder wird alles ignoriert jenseits des eigenen Codes, oder es wird gleich draufgegangen, kommt ein dritter gar nicht mehr zu Wort – und hat der erst eine andere Hautfarbe – geht das Geraune von vorne los.

Sobald dem eine Differenzierung beikommt, wird nicht hingehört, es wird mit der Inbrunst des Geläuterten und Gerechten geantwortet, mit Herz – und schlechtem Geschmack, inzwischen getarnt unter Safari und Karrottenhemd, das ist so beschämend wie unbelehrbar, möchte man meinen, es müssten die Missionare ihrer Lehre vom Auserwählten oder Gottgleichgestellten oder Gütigüberbestimmten erstmal selbst missioniert werden zu modernem Denken und Leben – auch das scheint sinnfrei vor dem Hintergrund ihrer feststampfenden Einfalt, die auch noch mit erhöhtem Anspruch (gotterhöht) daherkommt und mit dem Hinweis, die anderen seien die Unbelehrbaren – weil ungläubig und nicht zu bekehren. Und jetzt halt einfach einen Spiegel an diese Sätze, das macht es gleich unauflösbar paradox : so zumindest bekommst du dem Rassisten seinen Rassismus nicht abgewöhnt, er lässt sich nicht bekehren, er selbst steht mit dem Erlöser im Bund und will bekehren. Ehebruch und Totschlag wird von Gott verziehen. Der Gerechtigkeit und Chancengleichheit dagegen zürnt der Herr. (Die Methodisten Methode spöttelten wir damals, und waren kein Deut besser.)

… dem glückseligen Christenphantasten reicht es eben aus zu rufen: This is my Church. Oder: es gibt keine Zufälle, da alles von Gott so vorherbestimmt, dass aber alles wie reiner Zufall erscheint, wo du geboren wirst, welche Schule du besuchst, aus welchem Auto du rausgestoßen wirst und zu Fuß weiter darfst – auch Gottes Plan. Ein schier unlösbarer gordischer Knoten für den, der durch Gottes Wille weiß geboren wurde, um das Evangelium zu verkünden all denen, die durchs finstere Tal wandern. Glauben Sie etwa, irgendeiner dieser würde wollen, dass die Kräfte des Geistes auf Umgangston und Miteinander „modernisiert“ werden?

Ich schaue an mir selbst herunter und stelle fest, ich bin rosaweiß – inzwischen ebenfalls 55 Jährig und nicht mehr so schwarzweiß angemalt wie zu Zeiten meiner Kindheit, meiner Jugend. Trotzdem. Wenn ich ehrlich bin. Diese tief verwurzelte Kindheit bringt es noch immer fertig, dass ich, sobald ich Dunkelhäutige sehe, mich erstens übermäßig für sie interessiere, ich zweitens immer fragen will, woher sie kommen, und ich drittens regelmäßig feststelle, sie sind nicht von hier (obwohl ja auch ich nicht von hier bin – absurd), regelmäßig ein Reflex – das beinhaltet: sie kommen von dort (ich war schon immer hier – absurd) – erstmal nur ein Reflex, ein Affekt, dafür muss ich mich noch nicht schämen, macht aber häufig jedes normale Gespräch schwierig.

Die letzte Begegnung hatte ich vor einem halben Jahr beim Teppich Verlegen. Der eine aus Kenia, der andere aus Äthiopien, ihr Chef ein bulliger Berliner. Sie verlegten den Teppich in weniger als vier Tagen, Icke Berliner aber musste einer inneren Stimme folgend mehr als einmal darauf hinweisen, dass seine Jungs faule Jungs seien, immer müsse er sie vor sich herschieben, sie kommandieren … und sie scheuchen.

Es ist wie es war: Schwarz auf Weiß. Die schwarzen Malocher, geschoben und gescheucht von weißen Herren. Kein normales Du ich Du. Sondern Ressentiments, Unaussprechbares und Vorurteile.

Als ich eine günstige Minute erkannte, setzte ich mich zu ihnen und erzählte ihnen von meinem Süd-Afrika. Das war ihnen so noch nicht vorgekommen. Wir saßen bestimmt eine Stunde zusammen, hätten fast Adressen getauscht, plötzlich weiteten sie die Themen und es wurden Familien, Mütter, Brüder und Schwestern sichtbar, für eine Stunde. Diese Stunde erinnere ich jetzt, sie werden sie vielleicht auch erinnern, wahrscheinlicher ist, dass sie noch immer überlegen, wieso werden wir hier behandelt wie Menschen aus einer anderen Umlaufbahn oder wie vom Mond. Wenn es nur mal der Mond wäre.

Es ist die Tonne, der sie zu entsteigen versuchen. Ich habe in meinem Leben schon so viele Menschen aus der Tonne leben sehen, ich weiß nun nicht, worauf ich hoffen soll. Zumal es vor allem von intelligenten Leuten heißt: wie, du glaubst an eine bessere Welt? Sag mal, wo lebst denn du?

Tja, im Klischee vom Guten und dem Bösen, nur dass auch ich glaube, ich bin auf der Seite des Guten. Die ja, Umkehr einer jeden Logik und Moral die des Bösen ist, je nach Projektion und Betrachtung.

Ein echtes Thema von Gewalt und Not, ein echt europäischer Exportschlager. Deswegen ich den Untertitel zum Film über den Rassismus in den USA verkürzend empfinde und ebenfalls nicht ungefährlich – denn so rückt er uns in die Ferne und wir können naserümpfend über die dort in den USA selbstgerecht urteilen. So wie mein Freund damals mit seiner angelesenen Aversion gegen Apartheid in Süd Afrika – so wie ich in meinem ewigen Fliehen vor all den Themen.

IMG_1699Der Sommer hat gerade erst begonnen, und ich habe bereits das Gefühl, dass er fast vorbei ist. In einem Monat werde ich 55. Räuspern. Ja. 55. Ich bin kurz davor, die Reise anzutreten. Dies ist eine Reise, von der ich, ehrlich gesagt, immer wusste, dass ich sie eines Tages werde unternehmen müssen. Auch wenn ich gehofft hatte, ganz bestimmt gehofft hatte, sie nicht schon so bald antreten zu müssen. Ich will damit sagen, dass eine Reise als solche bezeichnet wird, weil man nicht wissen kann, was man auf der Reise entdeckt, was man mit dem, was man findet, macht, oder was das, was man findet, mit einem macht.

Zeit etwas aufzuarbeiten, Zeit etwas gutzumachen, keine Zeit zu vergessen – weder noch. Im Kleinen wie im Großen. Auch ich hatte viele Kollegen, mit denen ich mich in fast allen fachlichen Fragen verstand, Statiker, Mechaniker, Tiefbauleute, unter ihnen Goldgräber wie mein Vater, der selbst in den Bergwerken bei Johannesburg der war mit der weißen Weste, und nie aber hatte ich das Gefühl, mir stünde irgendeiner von ihnen nah. Als wir schließlich in Deutschland auftauchten und … so ungefähr. In meinem Grundstuhlzeugnis steht Deutsch als Fremdsprache. Es ist noch so viel zu schreiben über die, die ich unschuldig anguckte und sie hinter ihrem Rücken anspuckte, auslachte und verschrie. Es erfüllt mich mit Hass und Mitleid und es beschämt mich. An diesem sonnigen Nachmittag wird mir bewusst, dass ich meine Koffer packen muss, um nach Hause zu fahren. Auch ich will meinen Beitrag leisten. Es ist an der Zeit. Aber würde man mich willkommen heißen, außerhalb meiner Farben und Kleider. Sicher würde ich mich wieder verstecken können unter meinesgleichen. Umso einfacher als ich mich bei meinen Leuten nichtmal verabschieden müsste, sie würden auf ihren Webseiten nichtmal wissen, wo ich wirklich bin. Wo ich zuhause wäre.

 

PS: Euch ein schönes Wochenende, vielleicht findet Ihr Zeit, diesen Artikel anzunehmen. Vielen Dank. Und Grüße

English Version

Time to work something up, time to make up for something, time to forget? I see the film I am not a negro, „an unsparing treatise on racism in the USA, told only in Baldwin’s words using the example of Martin Luther King Jr., Medgar Evers (member of the NAACP) and Malcolm X, all three were murdered. “

And remember, it’s exactly the time that we lived in South Africa, when we didn’t notice it, because we were in the land of apartheid, without wanting to know that we, the whites, were privileged, and they, the blacks, only the film in the background with the peculiarity, the differentness, the archaic, the exalted, the exotic – we watched the film in different versions, once we drove to the homelands, and father, naive as he was, stopped his Super 8 camera everywhere. Another time we went, it was a Sunday, with an Austrian couple to one of the Zulu dance performances, I only know two nouns about it: dust and smell. The smell was strict and not even slightly perfumed, just a sharp smell of sweat on a Sunday in the dust of the dancers, father filmed it.

I still see these films today and I am just as surprised to see the acrobatic performances of the dancers jumping, bouncing, pounding and drumming in decorative feathers, in animal fur skirts in stocky and muscular bodies …

another time we stand on a hill and look into a bay, there is a church service for the blacks, the women in light blue aprons and white headgear, the men in white suits, in contrast to our services there, everything in motion, towards an imaginary center , away from the center, again a dance ritual, again a physical response to God’s spirit, we stand at a distance and marvel, moved but judging, these are rituals of which we have no understanding – come on, let’s go, father also had that on Super 8 filmed. Once he drives to the Johannesburg train station, not on the white, on the black side and also films this – until a black man threatens his fist – he bluntly holds his camera as a white man on the black people who do nothing else than enter the station, leave it. Hear off-screen calls to mother, don’t do that, don’t you notice how you excite them, it excites them how to excite lions or elephants – the conceptual world for those who are always on the edge of the unspeakable, always in comparison to non-human beings, always in the tone of arrogance, fear and misjudgment.

What I didn’t understand when I was a child, only when we had already been living in Germany for two years, when my friend told me that you were in South Africa? Where is apartheid? Where’s Apartheid? I vehemently denied it, I, almost fourteen years old, did not think it was possible for me to grow up in a country of apartheid, in the country of apartheid par excellence, yes, in a country steeped in racism. I denied it violently. So violent that he started to prove it and got all the article from his father’s Spiegel collection that spoke of South Africa as a country of apartheid. The more I leafed through it and read and saw the humiliated, the beaten, and the killed, the more violent the resentment in me that he, my best friend, wanted to humiliate me, beat me, kill me. I still denied that and was only able to understand what he wanted from me years later. That I apologize for something that I was not responsible for, but because I was there, my childhood was indebted to me in a system that was neither from me nor from me, but from which I came, with all the prejudices against people who were servants to us.

Once my father films a man cutting the English lawn with garden shears, blade by blade. In the background you can see the boundary walls to the owners‘ wealth, in front of the wall he cuts the lawn with secateurs. It wasn’t the fact that he was forced to do this job that caught the eye, but the question of how you should be to do something like that. No white man would do that. But the black man, on behalf of the white man. Cause effect, already there. Whoever does it makes himself look ridiculous. The man who commands it is invisibly entrenched behind walls.

I am often asked whether I also had positive contacts with black people. „What do the Negros have, why are you not optimistic, everything is getting better, there are black mayors, Negros are represented in all sports, are in politics, and they are now even the highest honors in television advertising.“ Loud laughter. Baldwin also laughs … (probably less flattered than spicy) I’m glad that they smile, says the moderator, is it getting better at the same time and yet is hopeless? Pessimism dark, hope bright. Baldwin replies: I really don’t think there is hope as long as you keep using those phrases. It’s not about what happens to the blacks (to the negros, to the black man). It’s a burning question for me. Again, it’s more about what is happening to this country. (I repeated this several times.)

In South Africa there was a nationwide opinion that if the blacks take over, the country will perish. In South Africa there was a nationwide opinion that the country did not belong to the blacks, it was the English who discovered it. Yes – at this point I would also like a music overlay. Pharoah Sanders Our Roots started in Africa.

Did you also notice that you were more afraid of the Blackman than of the White People? In such a sentence you have all of the fatal language usage of the past more than a hundred years. The blacks are the dark form, the raging wolf, in fact the documentary leads Black Man’s white girl to his execution site – while the whites are just people, every now and then The White Man … but otherwise White People, a flock of leeches, so to speak, standing peacefully together … while the black man is in the game Who is afraid of him … even in Germany then, we have been here for five years, practiced on the playgrounds … and run for our lives.

I’m not your negro the film is titled. In the original I Am not your Negro? Do you notice the difference? The connotation in German is much uglier, much more brutal. More honest? It even sounds harmless in English, rather melodic. (Considering the background music.) The time of these lives and deaths, seen publicly, is between 1955 when we first heard from Martin and 1968 when he was murdered. Medgar was murdered in the summer of 1963. Malcolm 1965.

These three men … very different … „(Martin) shouldered the weight of the crimes, lies and hopes of an entire nation“, these three lives clash and let each other reveal themselves – as they actually did because they did their terrible Use travel as a teaching for the people who loved them so much, who were betrayed by them, and for whom they sacrificed their lives.

„We don’t go to school with Negroes.“ Fade in a worried Christian: „God forgives murder and He forgives adultery. But he is very angry and punishes all who are for integration.“

I can think of all the upheavals of my own parents, of my own social environment in which they lived, Christian, Baptist, Free Church, Bible-proof and endowed with a higher morality, a morality of God that always and always stands above human law. We ask, how could a Donald Trump get this far – well, that’s what the wrong people are asking, because those who suspect the forgiveness of deathstroke in God’s goodness, but not the integration of different skin tones, speak the quasi-irrational logic and morality and seem immune to the worldly – this immunity also enables the shameless tolerance of injustice and unequal treatment, especially racial segregation and agitation – because the belief in the God of knowledge is not one whose Jesus heart beats with love your next one like yourself, that is quite translatable, love yourself first, before you try it with the others, pure sophistry, one would like to think, the effect alone is fatal: the rumbling of God can be heard, he belongs to him, he himself is the messenger rumbling voice, a deep inner voice of his own projecting his own fear of who he is, the angry man, the intimidated Man, the arrogant man, and kiss my feet, slave, not showing his forehead but showing his reference. Unfortunately, however, a culture of debate about how could such a thing not happen, that even the disgust, even the frightened giving, does not hide the fact that some mountain preacher from Atlanta has more power over his believers than the preamble to the United States Constitution from America; from the preamble:

“We the People of the United States, in Order to form a more perfect Union, establish Justice, insure domestic Tranquility, provide for the common defence, promote the general Welfare, and secure the Blessings of Liberty to ourselves and our Posterity, do ordain and establish this Constitution for the United States of America.”

It cannot be seen whether this „our“ really means everyone – it does not sound inclusive of all – there is also a call for defense – who is the outside – since they have fought inside for decades (in the civil war)? Historians ask!

Bright day, deep dark night.

The screaming between good and evil is so deeply anchored that white is simply angel white and black is simply devilishly black. Got preached and seen more than a hundred times in my childhood. This is not a double standard, no, it is a clear and simple voice that speaks there. Correctly and meant sincerely. God’s blessing included. They are children of God by order, and God chose them. Everyone else is of the devil. This message is as simple as it is simple – and practical. Again: This message is not aimed at those who call themselves enlightened or modernists or atheists, the message is aimed at believers among their kind – the intellectuals of our latitudes only know how to announce a snooty shrug – to continue to follow avant-garde games and to make a difference here and there between Strich-F and B-Flat-F.

If two come together, speak a common code, go and either everything beyond the own code is ignored, or it is immediately taken, a third does not speak at all – and has a different skin color – the noise starts all over again .

As soon as there is a differentiation, no one listens, it is answered with the fervor of the refined and just, with heart and bad taste, now disguised under safari and carrot shirt, that is as shameful as unteachable, one would think that the missionaries would have to their teaching of the chosen or equated with God or over-determined are first to be missionized themselves to modern thinking and life – this also seems meaningless against the background of their stubborn simplicity, which also comes with increased demands (increased by God) and with the indication that the others are the unteachable – because incredulous and unconvertible. And now just keep a mirror on these sentences, that makes it indissolubly paradoxical: at least you don’t get racist weaned off the racist, he doesn’t allow himself to be converted, he himself is in covenant with the Redeemer and wants to convert. Adultery and homicide are forgiven by God. The Lord is angry with justice and equal opportunities. (We ridiculed the Methodist method at the time, and were no better.)

… it is enough for the blissful Christian fanatic to shout: This is my Church. Or: there are no coincidences, since everything is predetermined by God, but everything appears as pure coincidence, where you are born, which school you attend, which car you are pushed out of and can continue on foot – also God’s plan. A seemingly unsolvable Gordian knot for the one who was born white by God’s will to preach the gospel to all who wander through the dark valley. Do you think any of these would want the powers of the mind to be „modernized“ in their interaction and interaction?

I look down at myself and realize that I am pink and white – now also 55 years old and no longer painted as black and white as when I was a child, when I was young. Nevertheless. If I’m honest. This deep-rooted childhood still manages that, as soon as I see dark-skinned people, first of all I am overly interested in them, secondly I always want to ask where they come from and thirdly I find out that they are not from here (although yes, too I’m not from here – absurd), regularly a reflex – that includes: they come from there (I’ve always been here – absurd) – first of all just a reflex, an affect, I don’t have to be ashamed of it, but I often do everything normal conversation difficult.

The last time I met was laying carpets half a year ago. One from Kenya, the other from Ethiopia, their boss a beefy Berliner. They laid the carpet in less than four days, but Icke Berliner, following an inner voice, had to point out more than once that his boys were lazy boys, he always had to push them in front of them, command them … and shoo them. It’s like it was: black on white. The black painters, pushed and shooed by white men. Not a normal you I you. It’s resentment, unspeakable and prejudice.

When I recognized a favorable minute, I sat down with them and told them about my South Africa. It had never happened to them before. We were probably sitting together for an hour, almost exchanged addresses, suddenly they broadened the subject and families, mothers, brothers and sisters became visible for an hour. I remember this hour now, you may remember it too, it is more likely that you are still thinking, why are we treated here like people from another orbit or as from the moon. If only it were the moon.

It’s the bin they’re trying to get out of. I’ve seen so many people living in the bin in my life, I don’t know what to hope for. Especially since intelligent people say: How do you believe in a better world? Tell me, where do you live? Well, in the cliché of good and bad, only that I also think I’m on the side of the good. The yes, reversal of every logic and morality is that of evil, depending on the projection and consideration. A real issue of violence and need, a real European export hit. That is why I find the subtitle of the film about racism in the USA to be shortening and also not harmless – because it moves us into the distance and we can nasal judge self-righteous about those there in the USA. Just like my friend back then with his aversion to apartheid in South Africa – just like me in my eternal flight from all the issues.

Summer has just started and I already feel that it is almost over. I’ll clear my throat in a month. Yes. 55. I’m about to go on the trip. This is a journey that, frankly, I always knew I would have to take one day. Even if I had hoped, I had definitely hoped that I wouldn’t have to start it soon. I mean to say that a trip is called one because you cannot know what you discover on the trip, what you do with what you find, or what you find with you. Time to work something up, time to make up for something, no time to forget – neither nor. Small and large. I, too, had many colleagues with whom I understood almost all technical questions, structural engineers, mechanics, civil engineers, among them gold miners like my father, who was in the mines near Johannesburg in a white vest, and I never had that Feeling that any of them are close to me. When we finally showed up in Germany and … something like that. German as a foreign language is in my basic chair certificate. There is still so much to write about those I looked at innocently and spat at them behind their backs, laughed and screamed. It fills me with hate and pity and it shames me. On this sunny afternoon I realize that I have to pack my bags to go home. I also want to make my contribution. It is time. But I would be welcomed outside of my colors and clothes. I would surely be able to hide among my peers again. All the easier since I wouldn’t even have to say goodbye to my people, they wouldn’t even know where I really was on their websites. Where I would be at home.