Leni meets Rosa – postmoderne Stilblüten

Bin mir sicher, dass der gestrige Tag kein historischer sein wird. Bin mir sicher, dass die beiden Corona Demonstrationen im August bedeutungslos bleiben. Allerdings: Angesichts der massiven Mobilmachung der Rechten werden sich noch so manche Leute schämen für ihr Hand in Hand mit Rechts – wenn erst alles dem eigenen Zugriff entzogen ist.

Muss hierzu ein paar Gedanken loswerden: die Gefahrenpotentiale, die von rechts ausgehen, liegen sicher in ihrem Anspruch, einmal alles zu übernehmen und in eine ihnen gemäße Diktatur zu überführen, was aber heute auch schwer wiegt: sie lähmen die Demokratien schon jetzt nicht unerheblich, indem sie alles Oppositionelle für sich okkupieren, oder piratenlike kapern, wie gestern: eine Demo, auch von Esoterikern, Antroposophen, Sternendeutern, Religiösen, Ausgeflippten, oder auch sich selbst so nennenden einfachen Bürgern aus der Mitte der Gesellschaft – die erstmal ihr Grundrecht auf Demonstrationsfreiheit geltend machen, ob mir das passt oder nicht, das Recht haben sie, ich brauche nicht betonen, dass ich nicht weiß, wofür sie demonstrierten, denn die COVID-19 Beschränkungen sind weitestgehend aufgehoben,

eine Maskenpflicht würde uns sicher nicht die Luft oder Lust am Atmen nehmen – nun gut, sie klagen ja auch das Recht auf unsittlich freies Husten und Spucken ein, versteh ich zwar nicht, aber lassen wir das mal so stehen.

Nun wird vielfach induziert, das sei eine von rechts initiierte Demo gewesen, das ist leider ein Narrativ, dass die Rechten für sich proklamieren und dass ihnen suggeriert, der Zulauf von 40.000 Menschen sei ihrem Charisma geschuldet – dieses Narrativ tragen sie jetzt als Sieg für sich davon, dieses Narrativ wurde ihnen geschenkt – auch von denen, die für ihr Recht auf unsittlich freies Husten auf die Straße gingen. (Es hat tatsächlich keine Abgrenzung nach Rechts gegeben, es wurde also billigend in Kauf genommen, dass man sich von Rechts instrumentalisieren lässt – das ist, um es vorweg zu nehmen: tatsächlich eine Koalition eingehen mit Staats- und Demokratiefeinden – weil man selbst staats- und demokratiemüde ist?)

Vielfach heißt es jetzt, sie gingen Hand in Hand, Reichsflagge neben Regenbogenflagge, ein Bild, das nun aussieht wie Rosa von Praunheim neben Leni Riefenstahl. Fetisch toppt Fetisch. Beantwortet nur nichts. Dem Strukturphänomen „sich bevormundet fühlender Bürger“ kommt man so nicht bei. Auch nicht dem Phänomen der Irrlichterei in den Köpfen – die, so interpretiere ich das: Bottom Down denken, pyramidisch, ja religiös hierarchisch motiviert, auch der Esoteriker mit den Tarotkarten letztlich dem Zufall als Schicksalsgeber mehr Rechte einräumt als seinem eigenen Verstand.

Dem einher geht die Deutung von einem geschwächten Staat, dem sich selbst paraphrasierenden, dem, der eigentlich nur noch wie ein Wirtschaftswunderunternehmen funktioniert – dem aber die Wunder ausgehen und er von Monat zu Monat wie ein Sachverwalter seiner Finanzrahmenpolitik wirkt.

Und selten etwas von der sittlich moralischen Erneuerung anzeigt, die einst Helmut Kohl versprach und aber nie auf den Weg brachte, stattdessen selbst der Klüngelei erlag, dem Chefpostengeschachere und der damit aber bei Ottonormal so ankommenden Entmündigung von Ottonormal – das Bürgertum sieht sich plötzlich überfordert und abgehängt, Obwohl oder gerade weil es ihm noch nie so gut ging wie heute.

Dem einher nochmal zurück zum Pyramidensystem – Bottom down. Fest verankert in fast allen Religionen. Strukturell beobachtbar in fast allen Unternehmen, sichtbar auch in der Unterhaltungsindustrie. Ausgeführt auch von KI, IT, der Informationstechnologie, alles mit sehr steilem Gefälle, erstrecht sehr steilen Wegen aufwärts.

Deswegen nun diese Demo so indifferent erscheint, so rechts wie esoterisch wie rechthaberisch wie verblendet, und immer sind es die Spitzen der Gesellschaft, die ins Rampenlicht geholt werden, weil man selbst nur Masse ist ohne Macht?

Hilbeseimers Entwurf für eine Moderne Stadt – schaust du auf eine Platine eines PC-Controllers:

Die Schwächung des Bürgertums (derzeit nur ideell, noch nicht materiell) führt zu obskuren Ängsten und Bildern und Diagnosen und Prophezeiungen – da kannst du zwar nur den Kopf schütteln … das Kopfschütteln wird sich aber, fürchte ich, noch verstärken, da eine Moderne Gesellschaft vernachlässigt, dass ihre öffentlichen Räume entspiritualisiert sind, ihren magischen Bezug verloren gegeben haben, ihren klerikalen Charakter – bezeichnenderweise die Kirchen kaum eine Idee an den Tag legen.

Zusammengefasst:

Auf der Sehnsuchtsseite sind wir „blank“. Das Rationale allein wird das Grollen nicht befrieden können. Stattdessen werden Übersinnlichkeiten strapaziert. Mythen, Träume. Freiheit will konkret erlebbar sein. Der Staat ist dabei Projektionsfläche, weil er in seinem Spielraum beengt wirkt. Wie seine Teilnehmer. Wir haben es also durchaus mit einer Revision der Moderne zu tun, mit ihren (fehlenden) Leitplanken, ihren nicht sichtbar oder transparent werdenden Ideen, hinter reihum gestellte Glaswände sich viele Spiegel vermuten lassen, viel Raum für Spekulation entsteht, und wir zwangsläufig vor einem Scheideweg stehen:

Anything goes, was uns, sollten wir so weitermachen, glattweg in eine faschistische Ära führt? Oder Revision, Reformation, Aufklärung – eine Renaissance der Besinnung auf individuelle Fähigkeiten und Konzepte: die Reinstallation des Subjekts?

Angesichts der Übermacht der IT-Konzerne geradezu unmöglich? Nun. Die man dort gestern in Berlin laufen sah, wirkten, als wären sie in ihren eigenen Sehnsuchtsfallen gefangen, beschimpfen Bill Gates, nutzen aber all die IT-Dienstleister, ohne einmal die Frage nach einem Gegenangebot der Big Five (Ama,FB,Apple,MS,Alpha) zu stellen.

Sie demonstrieren gegen einen geschwächten Staat, obwohl der auf ihrer Seite steht, und auch schon einiges versucht, Europa zu schützen vor BigFive (Stichwort DSGVO – auch hier er, der besorgte Bürger, sich den falschen Gegner ausgesucht hat.)

Alles in allem werde ich den Eindruck nicht los: die da gestern demonstrierten, wollen ihre Ohnmacht zementieren, denn wenn erst „ihr Staat“ weggebracht oder von ihnen abgeschafft ist, was bleibt ihnen übrig als noch mehr Opferrolle, noch mehr BigFive – damit irgendwann sichtbar wird – wer hier wirklich bekämpft gehörte? Dafür war es dann zu spät.

Weiterer (natürlich nicht fehlerfreie) Analyseansatz.

https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/es-gibt-einen-unglaublichen-zorn-li.101602

Demonstration der Kauflust wohlhabender Bürgerinnen und Bürger
Alles erlaubt am Brandenburger Tor
Alles erlaubt an der Jannowitzbrücke
Demonstration für Bildung und Geschichtsbewusstsein am Märkischen Museum – nie gesehener Andrang dort!