kaum eine Chance, die eigene Provinz zu verlassen – um nicht zu sagen: das Marketing über die Medien der kalifornischen Firmen beherrsche ich nicht, sie beherrschen mich, sie teilen mich zu, sie geben mir die Blasen vor, die Altersgruppen, die Interessensgruppen, die Sozialinteressen – vor Tagen schon der Verdacht: das ist alles Sackgasse – es zeigt mir nur meine Grenzen, nicht meine Möglichkeiten, und um zu gefallen oder angenommen zu werden, unterstehe ich fortwährend der Selbstkontrolle und Selbstzensur. Es fehlt das soziale und haptische Feld. Zuordnungen real werden häufig über Sympathien per Gestik, Mimik, Auftreten und Erscheinung gelenkt – das alles entfällt, es entsteht trotzdem ein Eindruck – und der ist eher sozialdarwinistisch denn sozialhumanistisch: wer wem wie nutzbar erscheint, ist häufiger Kriterium für Beachtung oder Verachtung. Deswegen der Personenkult der Medien mehr aussagt über den Zustand der Gesellschaft als das soziale Miteinander innerhalb der Familien und sozialen Gruppen wie Vereine, Parteien, Firmen und Stammtische? Ja, er sagt insofern etwas über den Zustand einer Gesellschaft aus, als jeder einzelne fortwährend infiltriert wird, ja vergiftet, hin zum sozialdarwinistischen Selbsterfüller. Ich kann es an mir beobachten. Wie sehr mir die drei Buchstaben I C H anhängen, kann ich täglich daran messen, wie sehr ich mich abhängig mache vom Urteil oder dem Verdacht der anderen – leider kein Spiel, leider kein Feld, leider keine Versuchsanordnung mehr – blankes Siegenwollen, Obenseinwollen, Spitzenpositionen Bekleidenwollen, die sozialen Ambitionen nutzen, sich selbst zu tarnen – das nichtsoziale Wesen plündert die Sozialgemeinschaft – als es hieß, die Zuwanderer nisteten sich in die Sozialsysteme ein, war genau das Gegenteil der Fall: dem Karrieristen ist kein Zynismus zu schade, sich selbst zu überhöhen, sich selbst zum Maßstab der Dinge zu erklären, sich selbst über alles zu lieben. Was sich hier als einfache Gegenüberstellung liest, ist eher das Ergebnis einer perfiden Unterwanderung von Selbstsucht in die sozialen Systeme – Gemeinschaften werden perforiert und durchsiebt mit dem einen großen Erfolgsmodell: die Digitalisierung aller Lebensbereiche – selbst das Denken wird digitalisiert. Dabei ist Digitalisierung so sinnbehaftet wie zweckfrei – da es bislang nur eine Anhäufung riesiger Datenmengen bedeutet- die, wie wir sehen, uns nichts, rein gar nichts nützen im jetzigen Coronafall – außer dass durch sie Rechenmodelle erfolgen, die wiederum unterschiedliche Panikzustände erzeugen. Tatsächlich aber haben wir in unseren Breiten bis dato nur eine Daten-Müllkippe erzeugt von überschaubarem Nutzen. Von der Effektivität ungefähr so weit entfernt wie der Mensch von seinem Glück. Alles sei besser geworden, lese ich, tatsächlich wird es oligarchischer, feudaler und zynischer. Und egomanischer. Um mich herum erkenne ich zunehmend die Neigung zu innerer Migration. Zum die Klappe halten. Zum lass laufen. Zum lass mich damit in Ruhe. Die Systeme, damit meine ich die digitalen Systeme, haben das Chaos vergrößert, die Unstruktur ihrer Datenerfassung verschlimmert, die einfachsten Dinge kompliziert gemacht. Die Häufung problematischer Sichtweisen beschleunigt, die emotionalen Gegebenheiten zusätzlich mit Dopamin hier und Hypnotikum dort verstärkt – wenn du glaubtest, alles sei Gauss‘scher Normalverteilung anhängig, siehst du im Gegenteil die Ränder erodieren. Die Maschine und mit ihr die von ihr abhängigen Menschen sind noch in ersten Versuchsstadien ihres neuen Miteinander – umso bedauerlicher, als wir das Internet kampflos wenigen Firmen weltweit überlassen. Zur Stabilisierung von inneren Gleichgewichtssystemen müsste erst eine Überschaubarkeit her, eine Regionalisierung, eine Strukturierung der inneren Zustände, und weniger die versuchsweise Zerstörung aller Selbst-Identitäten, unter denen auch soziale Gefüge bis dato ihren eigenen Erfolg feiern durften – stattdessen wird uns vorgeturnt, wie sämtliche Infrastruktur aus China, Russland, den USA, aus Brüssel mitbestimmt wird. Diese Entfremdung macht aus jedem Einzelnen keinen Weltbürger, sondern Partisan oder Widerständskämpfer mit der Tendenz, sich selbst zu zerstören. Auf kurz oder lang jeden die Erkenntnis erreicht: vor all dem bin ich nichts. Das ist keine Relativität im Sinn Einsteins, sondern eine Relativität im Sinn Darwins. Der Stärkere gewinnt, und der ist in der Regel der mit den besseren Verbindungen. Danke World Wide Web für nichts. Für deine Oligarchien. Für deine Smarte Neue Welt, die nur sich selbst erhält und vergrößert – aber vielleicht hilft auch analoges Lesen – Masse und Macht zum Beispiel von Elias Canetti – nach der Masse dazu neigt, sich selbst nicht mehr vergrößern zu können, hat sie erstmal die Kennziffer Machtmasse überschritten.

Und überhaupt – die Blickrichtung wechseln, aus den Vollen schöpfen frisch auf den Tisch zum Joseph Beuys Jahr – Versuch mal rauszufinden, was Joseph Beuys zum begünstigsten und größten Nachkriegskünstler Deutschlands machte – seine Provinzialität oder sein Universalismus? Post Post – Sie haben postmoderne Post.

Veröffentlicht von Clemens Verhooven

Bücher - Jazz - Filme