Es wird nach Ansehen der Person gewertet, nicht nach dem, was sie sagt. Daraus folgt: was wer sagt ist beliebig – es sei denn, er sie es hat Standing, Aura oder Ruf. Das ist insofern von Bedeutung, als in sich geschlossene und wenig transparente Systeme die Neigung haben, unter Ausschluss der anderen zu agieren – die Ausgeschlossenen aber selten das Bedürfnis verspüren, sich das gefallen zu lassen. Da bietet ihnen Social Media eine Bühne, die ihrer Widerborstigkeit.

Ich sprach einmal vom Immunsystem einer Gesellschaft – ein intaktes Immunsystem müsste in der Lage sein, Für und Wider auszuhalten, Wege zu finden, dass konträre Meinungsbilder sich über die Vielfalt ihrer Teilnehmer auffangen lassen. Dies erscheint inzwischen naiv und überholt, da wir nicht erst seit Donald T. eine Zunahme der Widerborstigkeit und der Radikalität oder Polarisierung erleben – die sich zudem etliche rhetorische Tricks angeeignet hat, den politischen Gegner mürbe zu machen. Das Nebeneinander wurde dem Gegeneinander geopfert. Jetzt gilt es abzuwarten, welche ökonomischen Zwänge hier wie dort dazu führen, dass Positionen verhärten oder, leise Hoffnung, aufgegeben werden. Durch die Pandemie jedoch werden derzeit viele Existenzen bedroht, so sehr bedroht, dass noch viele mehr aus dem Gemeinschaftsgefühl herausgedreht werden. Eine sich zersplitternde Gesellschaft sieht sich plötzlich konfrontiert mit inneren Erosionen. Am anderen Nervenende es kaum verwundern dürfte, wenn weitere Radikalität entsteht – der einst unerschütterliche Glaube an Systemkompetenz und an die Balance of Power hat sichtbar Blessuren davongetragen, ablesbar an Rhetorik und praktizierter Umkehrung von Fakten oder Tatsachen zugunsten von Irrung und Verwirrung – da Schlagzeilen wieder Schlagkraft entwickeln – und jeder Bums wichtiger erscheint als die Darstellung von Solidität und gemeinwirtschaftlicher Denke.

Veröffentlicht von Clemens Verhooven

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