Das hippe Internet

… ist nicht so hip, wie es tut, im Gegenteil: es unterläuft Dynamik und Flexibilität des Einzelnen, indem es Klickgewohnheiten generiert und ihn auf seine Manöverfläche runterzieht – wer sich in den Medien FB Insta Twitter (oder hier WordPress) bewegt – scheint durch das Viele seiner Timeline vordergründig gut bedient – ja informiert – stößt aber an seine Grenzen: die der Aufnahmefähigkeit. Die Ressourcen der eigenen Aufnahmebereitschaft sind bald gesättigt – schon braucht es Abstand oder Distanz oder Strategie. Energien, die eigenen, die aber sind gebunden. An diese eine Interaktion: sich überall durchklicken. Das Gehirn kann gar nicht verarbeiten, was es sieht, will aber mehr. Die eigene Timeline wird durch Scrollen beschleunigt. Die Stunden gehen ins Land. Am Ende eines Tages hast du zwar Weltteilnahme betrieben, die eigenen kreativen Ansätze aber verschenkt. Das augenscheinlich Hippe hat dich dazu verleitet, das eigene Interesse, die eigene Absicht hintenan zu stellen, du bist über Stunden einem Rausch verfallen und folgtest Dingen, die dich ablenken. Wie soll sich daraus ein eigenes Profil entwickeln?

Schau dich um – gehe eine Liaison mit einem Großaccount ein – ich brauch dir keine Namen nennen, du kennst sie – und wundere dich – wie dort bisweilen mehr als tausend Likes zustande kommen – ? – sieh dir das auf amerikanischen Servern an: wenn ein Tweet nicht binnen Sekunden zündet, wird er gelöscht – ein abstruser Wettbewerb um Klickofferten, um Klickperformances. Irre das, echt irre. Es schreibt einer parallel zur Fernsehtalkshow: man soll doch mal die Expertisen der letzten Tage in Sachen Corona zusammentragen und in der nächsten Verhandlungsrunde offenlegen und ein paar Stunden drüber brüten – und handelt sich 500 Likes ein. Eine Self Fulfilling Prophecy – das nämlich sagt einer, der sagen kann, was er will – es liken seine Follower, was er sagt – egal – eigentlich egal. Dumm daran: dass ich das sehe. Dass ich meine Zeit damit verbringe. Tag ein Tag aus setze ich mein Gehirn diesem aus. Und werde bisweilen regressiv – andere werden aggressiv – ich regressiv. Es richtet sich dieses Unbehagen gegen mich. Auch ich will teilhaben, will mitmachen – so aber läuft das Spiel nicht, du musst es einsehen, früher oder später – du bist nicht bühnentauglich.

Zurück zum Plot: das sogenannt hippe Internet ist nicht so hip wie es tut. Das Hippe früherer Jahre hat sich in Publikumsgeschmack vieler verwandelt. Die Mainstreamstraße hat sich verbreitert. Das Phänomen Masse Macht ist akuter denn je. Das Hippe hat sich selbst aufgesaugt, Masse im Sinn von Schwerkraft und Gravitation hat eine Größe erreicht, die nicht mehr wachsen kann (Elias Canetti) – alles ist ihr inne – der sich beschwert, wird eingekreist und stummgeschaltet – der sich extrapoliert, wird absorbiert (durch Maulkorb) oder abgestoßen (per Zurechtweisung oder Nichtbeachtung). Nun behaupten sie, sie wären im Kontext von großer zu kleiner Masse anzusehen – mitnichten – im Scherz schrieb ich: wo ist hier die Tür zum Sozialismus – alle waren sich einig, das ist kein Witz. Sie lachten aber – sie schwiegen – die Internetwaffen Schweigen, Ignorieren, Blocken, Auslachen, sie wirken. Du stehst am Rand dieser Erscheinungen – und Herr Canettti möchte ich rufen: erklären Sie mir das noch einmal mit der Meute:

Typ 1 der Meute: die Jagdmeute
Typ 2 der Meute: die Kriegsmeute
Typ 3 der Meute: die Klagemeute
Typ 4 der Meute: die Vermehrungsmeute

Sie sehen: Canetti geht willkürlich vor. Es fehlen die Schweigemeute, die Kläffermeute, die Aufrechtenmeute, die Moralistenmeute und so weiter – der Einzelne im Bezug zu all den Meuten hat keinen Bezug. Punkt. Das Reaktionäre am Internet ist seine Schwerkraft, entgegen all der Leichtsinnigen, die es mit Fröhlichkeit zu überziehen gedenken, schwebt das Massemodell Internet wie ein schwarzes Loch über dem und saugt an ihrem Verstand und ihren Ambitionen, bis sie eins werden mit dem Mo-Loch – angestrichen mit der Farbe individualistische Freiheit – die ein Stimmungsparameter ist für Launen, Gefühle, Affekte und Rituale.

Sprach es, sah es und erschrak.

Das Hippe kam über mich und nahm mich mit. Ich ertappte mich dabei, wie ich Mythen folgte. Ich ertappte mich dabei, wie ich langsamer, schwerer und gedankenversunkener wurde. Ich ertappte mich dabei, wie ich Werte hochhalten wollte. Ich ertappte mich dabei, ein leeres Gefäß anzubieten, das Gefäß war mein Kopf – in den wurde eingefüllt, was sich bietet – ich ertappte mich dabei, wie ich weiß gleich leer sagte, schwarz gleich voll. Ich ertappte mich dabei, wie ich linke und rechte Gehirnhälften vertauschte, das Musische für mathematisch hielt und das Mathematische für musisch.

Ich räumte das Feld und gab es auf. Suchte Orientierung. Suche Oritentierung. Die Versuche sich zu verorten, oder den Weg als Ziel zu beschreiben, führten dazu, dass der Weg das Ziel war und die Verortung eine Fata Morgana.

Von Innen nach Außen. Von Außen nach Innen. Ein Endlos-Monolog.

Durch Text allein entsteht kein Impetus.

Vom früher Aufstehen wurde es nicht besser.

Spielte, siegte, verlor. Stand auf und ging. Gehen Weitergehen. Ich spiele meine Niederlagen und versuche sie als Scherz zu vermitteln, ganz der Vater. Ich betete, es möge der Herr sich wieder zur Ruhe legen, und meinte ihn wie mich.

Ohne Publikum – es läuft mir nicht davon.

Veröffentlicht von Clemens Verhooven

Bücher - Jazz - Filme