Die Unlust zu folgen, wem nicht zu folgen war

Bauwut, Sturm und Drang. Ein imaginierter Verriss über ein imaginatiertes Buch – kann als Schablone verwendet werden.

Im Ergebnis entsteht ein Haus, das man wahrscheinlich, wäre es gebaut, gleich umbauen muss. Ich will ständig eingreifen. Will die Extrapositionen, die Sprachwütereien zurechtstutzen, will die sinnlichen und erotischen Passagen absichern und schützen. Allein es gelingt mir nicht, der Eigenwillige wirft mir so einige Haufen um die Ohren. Das ist schon ein eigenartiges Gefühl. Beim Lesen zu glauben, eingreifen zu müssen, zu wollen. Aber so leicht ist das nicht. Abgesehen davon, dass der Text druckfertig vor mir liegt. Trotzdem: Zwischen empathischem Jubel und skeptischer Neugier liegen eigene Welten – wenn man den Text skeptisch neugierig liest, gewinnt man hinzu. Geht man begeistert hinein, gibt es auf die Augen … ich muss aufpassen, dass ich nicht gereizt werde – was ich sicher missverstehe. Ich will aber nicht immerzu zerlegt werden, in Frage gestellt, filigran gestimmt und pulverisiert. Ich will mich nicht mehr missverstehen. Die Figuren nicht mehr missverstehen. Die Kunst nicht missverstehen. Ich missverstehe sie trotzdem. Plötzlich, nach dem Lesen eigenwilliger Schönheitstheorien sehe ich: Ich war gar nicht Teil des Konzepts. Ich bin außen vor. Ich darf mich beruhigen. Der Text kämpft und ringt um sich selbst. Das kann ich hinnehmen, respektieren, oder nicht. Gut, ich respektiere. Schublade auf: Ich glaube, früher nannte man das Sturm und Drang. Schublade zu. Das ist als Antwort nicht genug.

Ich lese weiter und fahre schick Achterbahn. Rauf und runter geht es, vom Körperempfinden, der Nähe, dem Kopf, dem Geist, einem metaphysischen Haufen nach dem anderen, und das sprachlich nichtmal geschliffen, Grobkörniges wird mir um die Ohren gelöffelt, bis ich Nietzsche vor mir sehe: Es gibt keine Metaphysik, es gibt nur das, was ich aus ihr beziehe.

Das ist also mal etwas anderes. Und das ist, bei aller Irritation, für mich nicht Grund zur Verzweiflung, sondern Anspruch und Herausforderung. Eigenwillig. Abdriftend. Zurück ans Fenster mit den Bäumen davor. Manchmal fast schon zu intim, wenn sich der Text seiner Liebe hingibt. Wahrscheinlich sind das die Momente, die ihn zusammenhalten, obwohl hier niemand wirklich bei sich ist. Oder?

Viel geht es ums Missverstehen. Deswegen wird so heftig geliebt, geschrieben, gereist und sich bis zur Abgenervtheit an den Schenkeln gestreichelt, auf und ab. Dass man sich selbst hat oder sicher ist, führt in jenes Verderben, das Vater und Mutter zu bemitleiden leben als unglücklich glückliches Paar.

Dabei schaue ich zu, wer sich findet wer nicht, denn Sicherheit gibt es nicht, nicht im Text. Das muss man schon aushalten: Ein Stück An- wie Unfassbares. Auch wenn es manchmal beißt, nervt, schmerzt. Oder isoliert. Oder reisend macht. Fliehend. Zurück. Ans Fenster mit den Bäumen davor. Im Hintergrund schläft er. Der gar nicht weiß, dass die Ich-Figur über ihn schreibt.

Manche Miniaturen sind so gut, dass man sich mehr davon wünscht. Manche kopflastigen Ausflüge fühlen sich wie Ausflüchte an, sind so dermaßen komisch geschrieben, dass ich schon eine Übersetzungsmaschine im Verdacht hatte. (Auch das ist nicht ohne Reiz – sehe ich vor mir noch eine Figur, die immateriell immer da ist: Die Maschine, der Computer. Die Distanzschleuder, durch die die Bauwut hindurch jagen will (und offenbar muss). Das ist nicht immer leicht. Aber man erlebt so einige Überraschungen. Wo der Text seine Selbstbezüge aufmacht, hat er seine Stärken, was gleich auch seine Schwächen sind.

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Veröffentlicht von Clemens Verhooven

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