Architexturen

Mit dem Schreiben ist es wie mit der Architektur: Entwerfen heißt Verwerfen. Objekten musst du auf Distanz gehen. Subjektives musst du von dir wegdrücken. Es braucht Jahre zu erkennen oder einzuschätzen, was die anderen machen, in welchem Kontext sie aktiv sind – die Begriffe Zeitgeist oder Stimmung der Zeit oder gar Tagespolitisches sind ungefähr so wichtig wie das sich wiederholende Wäschefalten oder Kühlschrankfüllen oder die Weinvorräte verknappen – die eigentlichen Essentials bist du verpflichtet, selbst herauszuarbeiten – und das heißt wieder und wieder Distanz einbringen zwischen dich und die Objekte – da Entwerfen wie Schreiben immer auch die Nahdistanz beeinflussen – braucht es erstrecht Objektives, Moderierendes, Beistand oder Abstand – wie häufig schon ging ich mir selbst auf den Leim. Fieses Sprichwort – aber richtig. Vieles der ersten Entwürfe lesen sich verklebt, tranig, zu ernsthaft betrieben und in ihren Details häufig wie ein Destillat eines triefenden Bewusstseins, das sich romantisch verfängt. Deswegen eine Zeit lang Lakonisches, Kurzes, Prägnantes angesagt war – ich denke an „das Badezimmer“ von Jean-Philippe Toussaint: hier du den umgekehrten Effekt hast: wenn du das Buch noch einmal beginnst nach über 30 Jahren Abstand, nun – das merkst du gleich auch – Distanz und Abstand können zu groß werden : die Haltbarkeit (sie haben „das Badezimmer“ tatsächlich 2005 noch einmal übersetzt) – selbst solch kleiner Kunststücke ist nicht unbegrenzt – Schreiben und Architektur haben eins gemein: den oder die kritischen Nutzerinnen und Nutzer gleichermaßen unzufrieden zurückzulassen, – ihre Funktion, ihr Raum, ihre Konstruktion, ihre Form, all das will nämlich durchdacht sein und trotzdem läufst du Gefahr, dass sie sich abwenden – selbstzeitloses Glück findest du beim Baden im See, beim Pflücken von Obst, beim Anblick von Bildern für Momente – das Verhältnis aber von eingebrachter Zeit zu mitgenommener Zeit ist für die Zeit des Arbeitens an „deinem Werk“ eher als würdest du nostalgisch aus der Kurve getrieben. Schreiben und Architektur haben gemein: ihr Scheitern an ihrem Anspruch. Deswegen so viel gepfuscht wird – hier wie dort

Hans Poelzig (1869 – 1936) Innenraumstudie – nicht datiert

Veröffentlicht von Clemens Verhooven

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