Krisenmanagement

Krieg ne Krise: Sitze seit 365 Tagen im Home-Office und muss mir sagen lassen, das sei Satire.

Wenn das der Maßstab für Öffentlichkeit ist, fragst du dich zwangsläufig, was du in ihr verloren hast – es wird dir alles peinigend bis peinsam – sich auf Kosten anderer präsentieren A wie verlogen das alles B wie arrogant und gleichgültig C wie abweisend und selbstherrlich D – du greifst zwangsläufig auf Thomas Bernhard zurück, im Kontext der Schauspielerei E eine Kunst- und Kulturkatastrophe : ein Lustspiel in zwei Akten.

Erst erscheinen über Nacht 53 „Ich bin Schauspieler – Schauspielerin“ – Videos von überwiegend aus dem TV bekannten Schauspielerinnen und Schauspielern – du schaust dir zwei oder drei davon an und ertappst dich dabei, etwas witzig zu finden, was im Kern nicht witzig ist – und verspürst spätestens bei Folkerts oder Liefers ein Unbehagen – was, oh Wunder, auf Twitter längst einem Shit-Storm ausgesetzt ist – und Überraschung: von Weidel&Co bejubelt wird – Hoppla. Schon geht es wieder um Kunst- und Meinungsfreiheit und längst sind sich die meisten in Distanzierungsrhetorik begegnet, und du selbst schaust die noch sichtbare Heike an – und denkst – was ein Unglück – das hält sie nicht durch, siehe da, Tape ist nach wenigen Stunden verschwunden und sie entschuldigt sogar, dass sie Gefühle von Betroffenen verletzt hat – während die ganz Spitzfindigen das alles gleich auch dem rechten Narrativ zuschreiben als da wäre Coronaleugnung und Lügenpresse und das wird man doch wohl noch sagen dürfen. Bums. Aua. Zu spät.

Du kannst noch erkennen, dass welche all die kritischen Aspekte eben gerade nicht dem rechten Narrativ überlassen wollen, man im Gegenteil das rechte Narrativ vielleicht sogar „zurückerobern“ sollte – ebenfalls zu spät. Die Wucht der Lawine und denkst: wer hat die Schauspielerinnen und Schauspieler beraten, da müssen doch Agenturen vor sein – nein, sie wurden nicht gefragt – da wurden direkte Deals gemacht und alles sollte doch „nur“ Satire sein – mit Augenzwinkern. Tja.

Was darf Kunst was soll Kunst – sind wir noch frei – fast schon Kalauerniveau angesichts der unverschämten Aussagen von rechts, wir lebten in einer Coronadiktatur. Mit dem Virus ließe sich nicht verhandeln und mit dem Klima demzufolge schon gar nicht – und Aus.

Die Sache mit der Meinungs- und Kunstfreiheit – sie übergeht dann wohl auch den Ernst der Lage angesichts der vielen Betroffenen unter Angehörigen, die ihre Liebsten verloren haben, angesichts der Schuftenden, die Überstunden machen statt Urlaub, angesichts der prekären Lage vieler, die ihre Existenz bedroht sehen – und allenthalben das Gespenst einer Zweiklassengesellschaft an die Wand gemalt wird – auch wenn von staatlicher Seite viele Hilfsprogramme aufgesetzt wurden. Da wirken die Rufe wider den Verlust an Meinungs- und Bewegungsfreiheit fast schon blasphemisch, erstrecht, da diese Art der Meinungs- und Kunstfreiheit sich herausnimmt, Gefühle der Betroffenen ironisch oder gar zynisch zu verletzen – das geht denn doch ein bisschen weit – einmal mehr bewahrheitet sich, dass Ironie bei ernsten Themen Gefahr läuft, respektlos zu wirken. Die Macher der Tapes wären allemal gut beraten gewesen, sich kein Fernsehbild von der Wirklichkeit zu machen.

Zudem, so vermute ich, dass da jemand nicht nur einen Witz reißen wollte, sondern sich selbst sehr witzig fand – Humor für alle – offenbar nicht voll umfänglich kommuniziert – eher fahrlässig locker Artikel NDR

Interessant auch – diese Woche sind gleich zwei (größenwahnsinnige) Projekte gegen die Wand gefahren – die Superleague im Fußball und nun diese eher dürftige Telenovela Made in Germany – fürchte aber, da kommen noch mehr dieser Schoten – was daran irritiert: es verfehlt seine Wirkung nicht – es trägt zur Ablenkung bei – nun spricht alles über diesen Mumpitz und aber weniger über den eigentlichen Dilettantismus – es überzeichnet der eine Dilettantismus den anderen – die Verursacher dieser Dauerkrise sitzen nun einmal mit ihrem Missmanagement in den Parlamenten und auf ihren Regierungssitzen, während die, die das hier alles am Laufen halten (das gesellschaftliche Leben von Lebensmittelbeschaffung über Gesundheitswesen bis hin zur Müllabfuhr, Feuerwehr, Polizei, die Bahnen, Busse, Kindertagesstätten und Schulen) glauben sollen, ihr Leben stelle eine Satire dar? Dem ist schon ein gehöriger Faktor Selbstüberschätzung und Überheblichkeit beigemischt – siehe Liefers, siehe Tukur.

Ich will diesen Fauxpas nun nicht überbewerten – man erkennt aber deutlich: es gibt Schichten (Macher, Regisseure, Projektierer) unserer Gesellschaft, die andere Schichten der Gesellschaft als ihren Spielball betrachten, mit dem sie Katz und Maus spielen können – das gehört entlarvt im Sinn von – niemand will vorgeführt werden, oder ironisiert oder persifliert – weder noch – auch nicht auf den Arm genommen werden – weder von Liefers noch von Spahn – bitte Danke – da ist Ironie eben fehl am Platz – dafür ist das Problem zu ungelöst und zu dringend.

Cum Ergo: Zwei Fauxpas diese Woche, die zeigen, wohin der Zug so rollt, erst die Superleague im Fußball, dann die Telenovela im Stil einer Satire – kläglich unabgestimmt – um anzureizen – beides ohne Not, nun stell dir vor, das plant oder kommuniziert man besser – und hätte damit noch Erfolg – wem glaubst du, nützt dann noch, was du sagst?

Veröffentlicht von Clemens Verhooven

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