Gesprächsverhinderung am Engelbecken

Die Runde steht und schaut – das Schwanenpaar hat dieses Jahr acht Junge, letztes Jahr waren es sechs – davor jeweils vier – auf dem Umfriedungsgemäuer ein Fotograf mit Teleskop – pro Sekunde drei Anschläge – ein Trommelfeuer an Bildschüssen – kommt Passantin vorbei und flaumt ihn an, er würde die Schwäne in ihrer Ruhe stören – flaumt er zurück, sie verstünde nichts von Schwänen: tatsächlich wurde er mehrfach von der Schwanenmutter angefaucht.

Schließlich steht er neben mir und fragt, ob die sechs letztes Jahr durchgekommen seien.

Nein, es haben fünf überlebt, eins sei wohl Raubvögeln zum Opfer gefallen.

Ein Habicht?

Möglich, vielleicht auch eine Krähe oder der Kormoran.

Kormorane fangen Fische.

Oder Brandentenjunge.

Was ein Quatsch, sagt er.

Oh, sage ich, Sie wissen es wohl besser.

Ja, sagt er und zückt sein Handy, ich bin beim B U N D und kenne nahezu jedes Wildschwein der Stadt und hier, schauen Sie nach beim Spiegel und der BILD – alles von mir fotografiert – diese Habichte hier, diese Mader, dieser Fuchs, wie er gerade eine Ente über den Alex schleppt.

Sicher haben Sie dann auch vom Biber am Monbijoupark gehört?

Ja, der ist auch von mir.

Sicher?

Aber ja doch – ich kenne meine Pappenheimer, naja, die hier werden die nächsten neun Monate ein paradiesisches Leben führen, bei dem Futterangebot und den Freiräumen – wissen Sie, dass ein Schwanenpaar eine lebenslange Beziehung eingeht – und wenn da ein Dritter dazwischenkommt, wird er solange bekämpft, bis er tot ist.

Ich schau ihn an und versuche seine Blicke zu fangen, und da er keine Anstalten macht aufzublicken, sehe ich auf einen verknittert wirkenden und altschlauen Mund.

Hab ich, sage ich – sehen Sie diese Wasserfläche – die Startfläche ist zu klein, wenn sie im Herbst das Fliegen lernen, deswegen man sie später mit Schubkarre zum Landwehrkanal bringt.

Was ein Quatsch, sagt er, dort werden sie dann totgebissen.

Haben Sie die Bestände dort gesehen? Alles dezimiert inzwischen – letztes Jahr waren das noch mehr als zweihundert, jetzt vielleicht fünfzig.

Nun, die fliegen zum Brüten woanders hin, sagt er.

Sind Sie sicher, frage ich, ich habe gehört, da seien die Bestände dezimiert worden, quasi zum Abschuss freigegeben.

Was ein Quatsch wieder, die Leute erzählen sich ständig irgendwelche Geschichten.

Na, dann recherchieren Sie bitte – ich sehe dezimierte Bestände.

Rufen Sie doch bei Reinhard Nochwas an, sagt er.

Ich verstehe den Namen nicht – will mich schon nach seinem Namen erkundigen, er aber hat besseres vor, geht zu seinem Fahrrad und fährt grußlos davon Richtung Landwehrkanal, wahrscheinlich die Bestände prüfen.

Veröffentlicht von Clemens Verhooven

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