Wetteifern im Stillstand

So wird das alles nichts – du kannst noch Romanfiguren denken, die sitzen auf Bänken, betrachten die Wiesen, beobachten die Vögel, sehen Eichhörnchen die Baumstämme hinaufzucken und sagen: so wird das alles nichts, sie wagen einen Sprung in den See, wo das Wasser samtseiden wirkt.

Sie studieren Vogelbücher – auch Voglbücher – in beiden es um bedrohte Arten geht – vom Rotmilan zum Biberkopf

Eingeklemmt zwischen ideologischem Wetteifer und den Apologeten willkürlicher Freiheiten sehen sie die Jahre an sich herunterfallen und sprechen unisono: so wird das alles nichts.

Da sie niemand stört in ihrem Lamento, bleibt es bei diesem verhaltenen Unmut über die Abwesenheit von all dem diskursiven Chaos, das seinen Zweck erfüllt: die dort sagen so wird das alles nichts fernzuhalten von denen, die einen Lustgewinn darin sehen, weiter für stimmungsvolle Bilder und verwirrende Nichtübereinstimmung zu sorgen.

Sie fernzuhalten von denen, die behaupten, sie lebten in vielstimmigen Zeiten mit driftenden Aussagen, sie lebten in einem Pollock Gemälde oder in einem Mondrian oder in einem Otto Dix – sie wissen, wie man jene Parkbankwächter zähmt: indem man sie malt, fotografiert und bespöttelt. Indem man die eigene Lächerlichkeit über die der Verstummenden legt und behauptet, das sei ein impressionistisches Bild von ehemals Expressiven – ein Mythenextrakt vom Epos der angezählten Jahre.

Es bleibt nicht einmal die Zeit, die an dir nagt. Es bleibt ein Geschmack von Ressentiment – eine Weißweinschorle, ein dimmender Rosé, ein Überfall all der Zeiten der Wühler, Gehetzten, Lautmaler und Farbkleckser – in diesem Bild der verwüstenden Farben.

Wieder zuhause wirst du überfallen und eingeengt von technischen Fragen – dem einen ist sein Büro abhanden gekommen wegen Erpressertrojaner, dem anderen setzt die Hitze zu, seine Server sind brüllend der siebzig Grad Grenze nah und fahren rauf runter je nach Ausfalldauer der Klimaanlage. Wieder andere haben ihre Logindaten vergessen – und du fragst dich noch immer, was kann Literatur leistenso wird das auch nichts – es ist für jedes Thema das passende Korsett gefunden und wer das nicht ironisch überzeichnet, kann Kirschblüten zählen und wer erwartet hat, dass Literatur etwas mit Avantgarde zu tun hat, bleibt für sich. Wieder zuhause und das Handy steht nicht still.

Die Vögel waren gestern, in der Toskana hört man angeblich keine, der Vogl dagegen schreibt weiter von den Defekten des Netz (nicht Nest) – die Defekte seien überlagert von in sich abgeschirmten Diensten und Applikationen – der Roman von den verwaisten Bänken, auf denen die saßen, die es besser wussten, ihrem Wissen aber das Schweigen vorzogen und zusahen, wie sie überlebten, auch sie müssen schlafen in ihren Träumen vom besseren Schein. Der leergefegten Bühne, dem verkopften und überfüllten Brain.

Du musst all das Figuren sprechen lassen

Ludger dachte: Alles hier ist verkehrt.

Doreen glaubte, er schreie sie an mit seinem Denken und schrie: frag mich nicht warum, frag dich selbst.

Ludger dachte immer nur: Gefahr, Gefahr, Gefahr. Er wollte sie zähmen mit seinem Schweigen, sie wollte sich wehren gegen die offenkundig gewordene Enge in seinen bei ihm festsitzenden Worten, als wäre sie ihm ein Vorwurf, eine Anmaßung, eine Grenze, eine Wand.

Bühne frei für ein Melodram – Gelächter

Veröffentlicht von Clemens Verhooven

Bücher - Jazz - Filme