Heute

… ist so ein Tag da möchtest du die Koffer packen und verschwinden – 450 Tage Homeoffice schon – ich bin es, der ihnen ihr Homeoffice ermöglicht und habe mich schon an Fragen gewöhnt nach fehlendem Laufwerkszugang oder warum ein Monitor schwarz bleibt – habe mich daran gewöhnt, dass sie vergessen haben sich zu duschen und ihr Hemd zu wechseln, da sie sich im Schlafanzug einander zuzoomen, habe mich daran gewöhnt, dass alle nasdaq-lang jemand Urlaub macht, muss mich nun noch daran gewöhnen, dass sie wieder mit Beamer das Haus verlassen und vergessen, das richtige Kabel einzustecken – will mich nicht daran gewöhnen, dass der neueste Auftrag lautet, Raumgeräusche dämpfende Headsets zu kaufen, will ihnen zurückschreiben, dass sie das Klopapier und Einweghandschuhe und Zahnbürsten bitte bei Beam-me-up-Scotty.Universe bestellen sollen – sie sollen mich alle mal Lost in Space in meinem Regentropfen in Ruhe lassen, ich verdurste an ihren Fragen.

Das Eine-Nacht-Wunder

Du sollst im Zorn der Welt mit Gleichmut antworten – heute ein Tag, da ich der Relativität nicht standhalte.

Gestern dagegen konnte ich Wesentliches vom Unwesentlichen sehr gut unterscheiden und mich einreihen in die Menge des Unwesentlichen, gleichmütig und weniger larmoyant, sondern genügsam und fast schon bescheiden.

Das Ergebnis sehe ich heute: ein Tag, da das Unwesentliche zuoberst gekehrt wird und ich mich noch entschuldigen soll für ihr Lächerliches – du sollst den Zorn nicht gegen sie verwenden, nicht gegen dich.

Zurückgekehrt ahne ich, dass sie wieder in der Stadt ist, es ist Ferienzeit und die Kinder untergebracht, da wird sie eine Reise nach Berlin unternehmen und keine vier Tage hier aushalten, da ich schon zwanzig mal dreihundertfünfundsechzig Tage auf ihre Rückkehr warte – das Ergebnis sehe ich auch: eine Leere Wand

Als die Geschichte begann, dachte ich noch in Bildern und Räumen und war ungleich faszinierter von jedem räumlichen Gedanken, der erst einmal seine zweidimensionale Zeichenfläche verlassen muss, um real und dreidimensional zu werden, da sprachen sie schon von vierdimensionalen Räumen, um geradewegs aufs eindimensionale Papier zurückzukommen, das ihnen inzwischen als Versprechen entgegen schimmerte durch ihre Illuminationen als Glasscheiben, auch ich inzwischen mehr vor Glasscheiben sitze als Theaterräume oder Stadträume zu begehen – im Prinzip kannst du sie durch Maschinen austauschen, die Menschen vor ihren Scheiben – ich setze mich in meinen Regentropfen und flüchte – vor mir, der ich das alles kraft meiner Leistungen ermögliche und mitmache.

Eine Frage des Standpunktes

Könnte man die Regentropfen wegregnen würde man die Autotüren schließen und das Cockpit anzünden.

[Habe gehört, Tolstoi sei ein Marketinggenie gewesen – deswegen seine hervorgehobene Stellung in der sogenannten Weltliteratur]

Gesetzt – seit dieser Homeofficegeschichte kein ordentliches Gespräch mehr geführt – nur dirigiert, gesteuert, gelenkt, supported und geholfen – helfen helfen helfen – all diesen Undankbaren, die ihre Komplimente für dich für sich behalten bis auf wenige Ausnahmen

Homeofficeleere Homeofficelehre

Offenbarungseid

Wir können das Internet zumachen – es hat uns isoliert.

Ich weiß, ich hätte es sagen sollen, es allen erzählen, dachte aber, sie wissen es schon: sich über das Internet Mitteilen
sei distanzierend und abweisend, vom Gegenteil dessen überzeugt aber plauderten sie alles aus, sich und die ihrigen, und liefen entblößt umher suchend wie sie sich wieder verbergen oder neu kleiden.

Ich werde mich zu siezen anfangen müssen, ich erkenne kaum jemanden wieder von denen, die mir morgens im Spiegel begegnen, Sie werden stillgestanden haben müssen, werde ich Ihnen sagen, wollen Sie mich morgen nochmal wieder sehen.

Veröffentlicht von Clemens Verhooven

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