Adam Thirlwell – Der multiple Roman

„Die Geschichte einer Kunst basiert immer auf einem Paradox: Ein neues Werk wird nur dann für stimmig gehalten, wenn es Teil einer Tradition ist, und trotzdem hat es im Kontext dieser Tradition nur Wert, wenn es etwas Neues macht.“ Zitat Thirlwell.

Am Wochenende konnte ich einen Liveauftritt Adam Thirlwells im Haus der Kulturen der Welt miterleben. Überzeugend seine Heiterkeit, die Leichtigkeit – die zum Leichtsinn neigt. Seine Tonlage. Seine Fachkenntnis – weiß selbst auf spezielle Fragen:
„Heißt das nun, Sie präferieren ein Arbeiten um des Arbeitens willen – man muss doch auch mal zu einem Ende kommen …“
Antwort: Er sei sich nicht so sicher, ob es mit dem Etwas-zu-Ende-haben-wollen richtig sei – das trifft auch auf den von ihm in einem leicht und schwungvoll lesbaren Multiple Romane zu.

Da sind vor allem Protagonisten der Never Ending Story oder des Work in Progress (Joyce und Proust) aufgeführt – oder aber die mit der größtmöglichen Ausschweifung (Sterne und Diderot), oder die mit der Lust am Überarbeiten und Hinzufügen (Bellow, James) oder die mit der Lust an der Deformation (Emilio Gadda und Gombrowicz), eine andere Art der Vielfältigkeit – indem ich etwas deformiere, verändere ich seine Gestalt und damit auch Art und Weise des Gewesenen: es wird neu.

Alles in allem ein Kompendium über die Stilsuche großer Autoren. Vor allem seine Arbeit über Tristram Shandy ist gut les-, weil nachvollziehbar und da ich selbst gerade Diderots Jaques der Fatalist und sein Herr mit Begeisterung und Freude gelesen habe, Tristram Shandy bei mir noch aus dem Verlag Volk und Welt herumsteht, seit Jahren nie durchgelesen, war ich mit einer doppelten Neugier bei der Sache. Und spüre, dass Tristram Shandy zur Pflichtlektüre wird.

Wenn man nun wie Thirlwell so unterschiedliche Leute unter einen Hut bringen will wie Hrabal, Bellow, Joyce und Sterne, muss eine Begründung her. Diese findet sich im Begriff der Avantgarde (neu ist, was alt schmeckt und trotzdem noch nie da war), andererseits im vor Jahren noch inflationär verwendeten Begriff des „Kanon“, der aber, so heißt es inzwischen, abgeschafft sei (Bei den Angelsachsen, wozu auch Amerika gilt). Bei Thirlwell bekommt er einen neuen Namen und heißt Kollaboration oder noch besser der Multiple Roman. Da bin ich nach fünfhundert Seiten nicht wirklich schlau. Bedeutet es nun, dass sie, die großen Autoren, voneinander abschreibend sich ergänzen? – wohl kaum.

Trotzdem interessant, dass selbst Puschkin in Petersburg des Französischen mächtig, auf eine aus heutiger Sicht schlechte Übersetzung des Tristram Shandy zurückgreifen musste, und doch so begeistert war, dass sein Meisterwerk, Eugen Onegin, nichts anderes sein soll, als eine Abwandlung des Tristram Shandy mit eigenen Worten /in Versen. Und glaubt man Thirlwell, hat es Shandy sogar nach Südamerika geschafft und dort den armen Machado de Assis beeinflusst. (Immerhin schon in einer besseren Übersetzung (wahrscheinlich) als der arme Puschkin sie hatte.)

Nun gut. Tristram Shandy als Jahrhundertwerk. Ohne das kein Joyce. Kein Gombrowicz. Einmal wertfrei gelesen. Das macht ungefähr ein Drittel des Buches.

Was aber ist der Multiple Roman? Wie Slalomstangen hat er sich die Who is Who der Weltliteratur hingestellt und umkurvt schön und technisch einwandfrei seine Protagonisten, es dürfen nicht fehlen: Gustav Flaubert, Henry James, Jorge Luis Borges, Saul Bellow, Bohumil Hrabal (Tanzstunden für Erwachsene und Fortgeschrittene – ein Roman in einem Satz), Carlo Emilio Gadda und schließlich Vladimir Nabokov. Es werden Cesare Pavese, Italo Calvino, F.Scott Fitzgerald, Milan Kundera, sogar Edgar Allen Poe (von Baudelaire übersetzt und damit erst in den Rang des Literarischen gehoben) und schließlich Samuel Beckett vorgestellt. Dabei geht es weniger um die Frage nach dem Multiplen Roman als um die jeweiligen Arbeitstechniken, um Stil- und Formfragen. Die Antwort auf die Frage wird nebenbei gegeben: Immer geht es um Anreicherung, Vervielfältigung, Fort- und Weiterschreiben, Aneignung, auch um Stehlen und Klauen, aber was ist schon ein Stehlen und Klauen, das im Fall einer Übersetzung aus einem Text einen noch besseren macht … in der Übersetzung … die Frage löst sich auf – bleibt unbeantwortet. Wird nur gestreift. Der Leser darf sich die Antwort selbst bauen. Im Sinne des Fortschreibens …

Was kein Mensch versteht: Warum Schriftsteller sich beim Wort nehmen und ihr Leben lang glauben, sie könnten ein Meisterwerk schreiben. Oder wie Flaubert es schrieb:

„Die Perle ist eine Krankheit der Auster, und vielleicht ist der Stil der Ausfluss eines noch tieferen Leidens.“

Ich hatte beim Lesen kurz das Gefühl, dabei gewesen zu sein, wie Schriftsteller sich schreibend das Leben geben und nehmen, indem sie Ansprüche an sich und die Form stellen, die sie untereinander anwenden mit Lust an Stil, Komposition und Selbstfindung, von der Fülle des Krempels versammelter Banalitäten daher geplaudert (Hrabal) – bis zur Suche nach dem leeren Raum, der totalen Leere (Beckett), von Irgendwo nach Nirgendwo.

Strenggenommen kommt das Buch ohne These aus. Es liest sich wie der Werkbericht eines Belesenen, schwungvoll geschrieben – die These aber, die das Buch tragen soll: Dass sich die Literatur fortschreibt durch Adaption und Aneignung, durch Kollaboration, dem Multiplen in jedem der großen Romane, die nicht ohne Einfluss auf andere Autoren bleiben können, erscheint mir so trivial wie banal, dass es darüber nicht zu reden oder zu schreiben lohnt. Welche Autorinnen oder Autoren der Welt können schon behaupten, dass sie ohne die anderen existieren. Oder wollen die Autoren lesen und sehen, was und wie es die Konkurrenz macht? Den Konkurrenzgedanken versucht Thirlwell zu unterlaufen mit einer Verklärung der Rivalitäten: Literaten seien Teil einer großen Sprachen-Familie, die sich um das eine bemühen: Sprache zu bedienen, zu verbessern und weiterzuschreiben im Sinn des Gemeinsamen und nicht sosehr wider des Einsamen am Schreibtisch. Das ist weniger eine strukturalistische Lesart, wie sich das ankündigt auf den ersten Seiten (da ist von Zeichen und Bedeutung die Rede – Linguisten-Spaß), als eine romantische. Nun gut.

Ich habe das Buch mit Vergnügen gelesen, auch wenn es, nachdem Tristram Shandy abgehandelt ist, etwas abfällt und sich darstellt wie eine Sammlung vieler und wichtiger Autoren. Immerhin. Danach kann man noch einmal die eigene Bibliothek abschreiten und feststellen: die großen Romane wurden gestern geschrieben. Die meisten der Bücher in meinem Regal sind gefangen im Krempel ihrer Zeit. Was wieder nicht bedeuten kann, dass sie alle von Tristram Shandy inspiriert sind.

 Verlag: S.Fischer; Auflage: 1 (21. November 2013) – 540 Seiten
Adam Thirlwell: Der multiple Roman *1978 GB, lebt in London