Vom Rumoren der Foren

Ein Leser meldet sich.

Titelbild: Italo Svevo in Triest – ein Mythos. James Joyce macht ihn in Paris berühmt, in Triest war er verpönt – über die Jahrzehnte dann endlich ein Bürger der Stadt.

„Es gibt vielerlei Lärme. Aber es gibt nur eine Stille.“ Kurt Tucholsky

Literaturkritik in der Krise?

„Machen Blooger die Literaturkritik kaputt?“ Sigrid Löfflers Florett .

Die Antworten auf Twitter entsprechend erzürnt, relativierend, auch erheitert erweiternd. Meine Position bleibt indifferent. Einerseits andererseits. Als ich noch nicht sah, wer was war und tat, war ich auf Literaturkritik angewiesen zur Auslotung der eigenen Präferenzen, häufig stand ich samstags vor den Regalen und brachte mehr als fünf Bücher mit nach Hause. Dabei entschied mein Unterbewusstes (gefüttert von Rezensionen in den Medien) über die Einkäufe zu mehr als geschätzt siebzig Prozent. Die anderen 30 Prozent Unterbewusstes speisten sich aus dem Gedächtnis von Namen, die ich schon einmal gehört, gelesen, gesehen hatte. Die zwei Literaturzeitschriften (Schreibheft und Volltext) hatten mir die Restkammern gefüllt.

Nur selten entschied ich mich für den Kauf eines Buchs, nur weil es an den vorderen Plätzen ausgelegt war, oder etwa wegen Cover und Klappentext. Diese Ebene der Vermarktung schien mir immer schon rein der Vermarktung wegen – weniger eine der inneren Logik eines Kaufinteressierten (Konsument) oder Leseinteressierten (Kulturbeflissener) wie mich. Reingelegt fühlte ich mich auch. Beispiel Kehlmann. Ich und Kaminsiki, derzeit von Ranicki in höchsten Tönen gelobt, er wurde auch mein Freund, bald aber holte er mich auf den Boden der Tatsachen zurück durch seine Folgewerke – die in meinen Augen mehr Essays waren mit literarischen Mitteln – sehr auf den Boden der Tatsachen heruntergeholt haben mich Ranickis Empfehlungen für Ulla Hahn oder Judith Herman – da wurde mein inneres Gericht hellhörig und spürte – Literaturkritik ist auch unter „Professionellen“ keine reine Exegese im Wortsinn und auch kein wortgetreues Vertiefen, sondern emotionalisiertes Lamento und vor allem fast schon verordnendes Abklatschen – die Verlage mag es gefreut haben. Mich hat es enttäuscht und auf Jahre auf Distanz zur Literaturszene gebracht. Die dann – wie auch immer die Wege sich verästelten oder sich neue Stränge auftaten, mit der neuen deutschen Popliteratur noch einmal den Versuch startete, mich zu übertölpeln, ja reinzulegen. Plötzlich so Namen wie Stuckrad-Barre oder Kraft den Raum besetzten – (ich mich für David Foster Wallace entschied – Sic!) und im Hintergrund noch welche rumorten, deren Namen ich nicht mehr erwähnen muss, sie sorgen selbst ständig für Furor und hitzige Atmosphäre.

Glücklich wirst du bei so etwas nicht, am Horizont dann plötzlich Rettung für meine ramponierte Literaturseele – es erschienen Buchreihen. Wie Mutter schon, die sich Ranickis und Walter Jensens Bücherbund-Reihe ins Haus geholt hatte – die inzwischen bei mir untergekommen ist – die Reihen der Süddeutschen Zeitung und der Zeit. Als dann Elke Heidenreich auch solch eine Reihe aufmachte (die meine Burda-lesende Mutter sich wiederum aneignete), war auch dieses Spiel bald vorbei. Die Verlage wird es nicht wirklich weitergebracht haben.

Sie ließen sich Buchpreise einfallen – hinter denen nun die Republik herhechelte und sich gegenseitig auf die Geburtstagstische legte. Als ich schließlich beschenkt wurde mit einem Buch eines englischen Bestsellerautors, war auch das Schenken und Beschenktwerden eine eher entschuldigende Maßnahme geworden für weniger Literaturinteressierte, die aber noch immer so taten, als seien sie im Geschäft. Die Bücherregale bogen sich schon, Bücher verschwanden in zweite Reihe, mein Hunger war noch immer nicht gestillt.

Ich begann meine mir eigenen Autoren zu suchen, fand Alban Herbst, fand A.F.Th. van der Heijden, fand William H. Gass, fand Peter Nadas, entdeckte Saul Bellow für mich und fing das ganze Philip Roth Universum noch einmal von vorne an. Während es hinter den Kulissen zu rumoren begann – Frauenliteratur sei eben keine Frauenliteratur sondern Literatur (gerne gelesen: Clarice Lispector, Lucia Berlin, Chimanda Ngozi, Undine Gruenter) Wie du an meiner Reihe allerdings siehst, ich las tatsächlich überwiegend Männer – was tut das zur Sache?) Jaja, die Klassifizierungen, die ausgrenzenden Begriffe, Distinktionen, suspendierend, die Marginalisierten fallen hinten runter. (Auch der Leser wie ich wird so nebenbei blamiert – er kann sich nichtmal äußern, nicht wehren, er wird vom Tisch gewischt, soll aber wieder an ihn zurückkommen, sobald es heißt „Wir haben wieder einen für dich?!“ – es hat aber nicht jeder zu jeder Zeit den nötigen Witz das durchzustehen – Leser, du, sei mal nicht so empfindlich.)

Ein schwammiges Bild entsteht: Es gäbe wohl Mächte, die etwas steuerten, den Lesegeschmack, den Leserwillen, die Leserinnentreue. Gefühle bleiben weiblich. Die Eroberungswut männlich.

Ich schaute mir alljährlich das Bachmann Spektakel an und wurde jedes Mal darin bestätigt, dass ich dieser Szene nie angehören werde. Es sind mir zu weiche Stimmlagen hier, dort zu martialische – hier das lobend Einfühlsame, dort das denunziatorisch Vernichtende, sehr viele übervorteilende Stimmen. Und brummeln grummeln hüsteln und spötteln vor sich hin. Verkriechen sich wieder auf ihre Universitäten. Keine Szene im handelsüblichen Szenebegriff einer Boheme, sondern eine im Kontext von Freundschaften. Sind reihum untereinander vertraut. Man spricht auch von Klüngel. Jeder kennt jeden, da muss man schon sehr distanziert bleiben – willst du frei sein zu urteilen. Werk und Autorenschaft eben nicht voneinander getrennt. Ikonen sucht der Markt, Idiole, Virtuosen und Alleinstellungsmerkmale. Und beschwert sich noch darüber, dass kein neuer Klassiker entsteht.

Schaust du noch näher hin, fühlst du dich unversehens in die Zeit zurückversetzt, da eine selbsternannte geistige Elite sich jeden Morgen auf dem Schulhof zusammenhockte. Der eine rezitierte Goethes Faust rauf und runter, die andere war ganz gefangen von The Catcher in the Rye, der Deutschlehrer versuchte Franz Kafka mit an die Wand geklebten Gänseblümchen zu erklären, der Alte da war noch immer Thomas Mann Fan und fand auch seine Bandwurmsätze hoch interessant, vor allem wie er sie von mal zu mal geschickt zu einem Ende führt. Ich fertigte eine Hausarbeit über Heiratsanzeigen an und verlor mich im Bombast der Militärsprache des Fußball, studierte zwei Semester Germanistik und spürte auch dort: Ich schaffe diese Leute nicht. Sie schaffen mich.

Und da wir uns gegenseitig so viel zu Schaffen machen, kriegen wir das mit der Literaturrezeption einfach nicht hin. Ein Buch ist ein Buch, glaubt man, dabei ist es ein Seitenwerk, über das sich die Kommunikationswege der Lesenden auseinander entwickeln oder doch zueinander hin? Ja Nein, sowohl als auch, und sowieso Anything Goes. Finde du in diesem Zirkus ein Sprungseil, ein Hochseil und vergiss nicht, auch für die Fangnetze zu sorgen.

Nun, Jahre weiter. Die Frauenliteratur hatte die Männer im Griff, indem sie die Männer weiterhin Richtung „ihr schaut ja auf uns nur als Frauen“ stigmatisierte und für sich herausfand, dass es neben Virgina Woolf und Ingeborg Bachman mehr als hundert, vielleicht sogar tausend verschwiegener oder vergessener Literatinnen gibt und gab. Ließ auch unter den Tisch fallen, dass es ebenso viele Literaten gab und gibt, die wissentlich oder ausversehen vergessen und vernachlässigt wurden – Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen (H.J.Schütz 1988 – auch Hertha Kräftner darin als einzige Literatin – „ein poetisches Talent von seltener Reinheit.“ Sic (!) – wenn Männer über Frauen … ?!). Der Chauvinist, der Frauenheld, ein selbstherrlicher Gönner. Das Ungeheuerliche an dieser Frontstellung (apropos Kriegssprache und Fußball): es schließt das eine das andere aus – es trägt nicht zum Dialog oder zum Disput oder Diskurs bei, es suspendiert sich gegenseitig. Gemeinschaftsgefühle. Gemeinsames Klagen, gemeinsames Abgrenzen – intellektuell Distinktionen genannt, weniger intellektuell Provokation.

Und so stelle ich fest: Lager, Lager. Als Jugendlicher hätte ich gesagt Laber Laber. Fakt ist. Es gibt keine Leitplanken, keine Orientierung, außer die der Häufung, der Anhäufung, der Flucht nach vorn: Gespräche über Leitplanken und Orientierung. Und Häufung. Ein Witz: Es gibt so viele Neuerscheinungen und darunter so viele mit dem Zeugnis ungenügend, du kannst froh sein, das alles nicht lesen zu müssen.

Und so bleibt es, wie es ist: hier die Dompteure, dort die Zuschauer. Hier die Macher, dort der Konsument? Der Diskurs steckt fest, an den Universitäten. Es entstehen Fixierungen, Zentren, Überhöhungen, Vergrößerungen bestimmter Figuren, ihr Ruhm, ihr Erfolg, ihre Alleinstellung mag ihnen schmeicheln, all das aber lenkt ab von dem, was inhaltlich Diskurs werden wollte: Eine Demokratisierung der Szene und auch eine Chance für mehr als die Auserwählten. Das Missverhältnis weniger zum Talent vieler. Die Vermittlungsebene stellt gleich auch die Sinn- und Zeitgeistfrage: warum soll ich den oder die lesen, wo der oder die es besser kann. Warum soll ich die oder den lesen, der es offenbar besser kann, obwohl da jemand behauptet, es gäbe dort noch einen, der oder die noch besser ist. Lesen betrachtet nach den Kriterien von Tabellen, wie man sie aus dem Sport kennt, Kreisliga Ostwestfalen gegen Bundesliga der Schweiz. Das Kräftemessen ist in vollem Gang – allein der oder die Leserin entscheidet noch immer selbst. Die ach so verpönten Selfpublisher machen Genreliteratur und Umsatz, die Künstler:innenautor:innen stehen unter Rechtfertigungsdruck und warten auf ihre Berufung. Es bleibt wie es ist: mühsam. Staubtrocken. Ich bin „nur“ Amateur. Die Profis üben die Blutgrätsche (Begriff aus dem Fußball).

Da rettete mich erst einmal und wieder das Internet. Die leichte Gangart wurde entdeckt. Hier ein Blog, dort ein Blog. Hier ein Schreibseminar dort ein Forum. Hier ein Kursus für kreatives Schreiben dort gleich eine Universität für kreatives Schreiben. Als dann aber der Literaturprofessor [Name rausgenommen] in blauem Sacko auflief und Klunker an den Fingern zeigte, wurde mir wieder bewusst. Ich bin naiv, er ein deutscher Dandy – aber doch nicht in blau – warum nicht in weißem Anzug wie Tom Wolfe? Der [Name rausgenommen] in hellbraun leuchtenden Lederschuhen in der Heinrich Böll Stiftung, wieder bin ich Konsumenten-Amateur und stiller Zuhörer, er megaphont mir ins Ohr. Wollen Sie etwas anderes als Selbstreinkarnation? – Sie verwechseln die Ebenen.

Es scheint schon lange nicht um das Bedruckte zu gehen, es geht um Schein und Wirkung. Willst du erfolgreich sein, besuche einen Schauspielerlehrgang. Kleide dich extravegan. Toupier dir das Haar – alles schon da. Schlitzt der sich auf der Lesung die Stirn auf, wie abstrus ist das denn – Provokation geglückt. Hatten wir. Und seltsam: Die mit dem Megaphon halten die Stimmlage. Sie bleiben oben. Die, die wirklich gut sind, aber selten in Erscheinung treten, müssen das kompensieren. Indem sie Meisterwerke erzeugen. Oder Eintagsfliegen.

Was von Witzel gehört? Was von Hacker gehört? Was von Gospodinov? Was von Stangl? Was von Bauer, Petrov, Frostenson? Was ist das nur, dass die einen die Aufmerksamkeit ziehen, die anderen erst entdeckt oder wiederentdeckt werden müssen? Und Just in Time gehen sie sich über ihre Lieblingssendeanstalt gegenseitig auf den Leim. Da setzt Frau Löffler ihr Florett ein, antworten die aus dem Netz mit Megaphon und Frontstellung – ich dachte sofort: ich schalt mich off – geh wieder lesen, deine Bücherregale krümmen sich unter der Last. [Ein Graus, ein einziger Graus, um es mit Thomas Bernhard zu sagen.]

Das Gewittergeschnatter um was? Naturgemäß um Aufmerksamkeit. Aber wofür? Sie sprechen tatsächlich von Demokratisierungsversuchen der Literaturszene und setzen sich im Gegenteil ab – wo Literatur draufsteht, muss auch Verstörung drin sein. Die Literaturzerstörer bei der Arbeit, dachte ich im Ohrensessel – frei nach das Kalkwerk von Thomas Bernhard. [Da werden dann stellvertretend Bücher verrissen von Autoren, die du auf Pferden vermutest, wie sie durch Fort Knox reiten] Wieder wird Tango getanzt um ihre selbsteigene Erfindung. Sie, die Gradmesser der Literatur, diejenigen, die das alles vorhersehen und einnorden können. Ergebnis dieser Suspension: Stillstand. Lieferergebnisse dieser Suspension: Vorlieben, Schwebezustände, Jesus über dem Wasser.

Interessenslagen der Protagonisten: Dabeisein und anerkannt werden. Vergessen in dieser Suspension: die das alles kaum aushalten und ausweichen auf die Möglichkeiten, die sonst noch bleiben: Schreiben für die Schublade (Regensburg schreibt auch), eigenmächtiges Publizieren (Marcel Proust) und sich selbst Schrifteller nennen (Ludger Faber), warten auf den Entdecker Max Brod (Franz Kafka – posthum). Der Leser (ich) ist sowas von ratlos, er kriegt es nicht mehr parodiert – muss sich täglich aufs Neue daran erinnern, dass er auch noch da ist, und dass er es mit sich selbst aufnehmen kann und ihm eine weitere Geduldsprobe abverlangt wird.

Zum guten Buch ist es eben kein kurzer Weg. Heißt: er (der Leser mutiert zum Wegleser – ein Leserich ohne Eigenschaften) muss sich emanzipieren von Aufmerksamkeitsliturgien und deren Rauchzeichenritualen und vom „Jetzt komme ich.“ Muss sich abstrahieren vom Lagerdenken, vom Bücher Bücher Rufen, vom das ist nur ein Text nur ein Text Text Text oder der und die kann schreiben oder der und die dagegen nicht, und all dieses akademische Kontra zu dem, was er selbst erlebt beim Weglesen oder selber Leben, und wenn er es erst aufschreibt, wird es Buchhalterprosa – die Wahrnehmungshorizonte werden nicht weiter durch die Blockbustersätze der anderen, Zeit und Geduld, Selbstreferenz, Psychologisches, das Pathologische des Wartens – selbst der Spruch „die Jungen Stimmen, die summen, haben nichts zu erzählen, weil der Erzähler Lebenserfahrung noch nicht spricht“ erzeugen nur missmutiges Raunen, denn das Internet schreibt das „große Buch“ bald von allein, an dem schreiben sie (noch) mit, trotzdem fehlt es an Durchlässigkeit in einer Gesellschaft mit Königsgehabe. [Wo du hinschaust, ein Raunen und Staunen – wer wagt den nächsten Fehltritt? – Im Zweifel – [Name rausgenommen] fragen!] Und führen gern Scheindebatten über kursive Schriftarten, Bold setzt sich durch. Neues aus dem Leben von Ludger Faber.

Ich will Bilder platzieren … hier eins aus der Uckermark

Der Verriss – eine Selbstreinigungsmaßnahme der Literaturkritik

Zwei D-Mark pro Zeile – Wie ich einmal ein professioneller Literaturkritiker wurde

Erschöpfungsfeuilleton – Über journalistische Ohrwürmer

Warum Blogger die Literaturkritik bereichern – über „pauschalisierende Frontstellung zwischen Literaturkritik im Internet und im sogenannten etablierten Feuilleton.“ Eine Rezension auf Amazon ist „natürlich nicht“ eine substantielle Literaturkritik, aber darum geht es nicht, denn natürlich gibt es im Internet ein sehr intellektuelles und reflektiertes Sprechen über Literaur – „bei der Amazonkritik kann ich als Leser nicht wissen, was das Buch mir sagen soll …“ „die Herabwürdigung der Arbeiten von hochwertigem Arbeiten im Netz ist dagegen nicht zulässig“ (Apropos Frontstellung): Botschaft an die Etablierten: Nehmt unsere Arbeit ernst. Würdigt das! //statt sich darüber zu freuen, dass die, um die es geht, Gehör finden und vielleicht endlich auch wieder Leser:innen: die AUTOREN und AUTORINNEN der Bücher – auch und gerade durch Internetrezeption egal in welcher Form. So gesehen stellt sich die Frage. Was ist Literaturkritik? (alles nochmal von vorn)

Auch das sei erwähnt: Am meisten beeindruckt war ich in den letzten Jahrzehnten (!) von Katarina Frostenson, aus dem Schwedischen übersetzt von Angelika Gundlach, Und habe es damals mit einer schwedischen Freundin abzugleichen versucht. Sie Journalistin, und es kam bei ihr überhaupt nicht an. Auch hatte das Schwedische in meinen Ohren längst nicht „den Sound“ des Deutschen. Eine Geschichte eines Mannes allein auf der Brücke –

Die Brücke / ein Monodrama:

Vorbei: Sie ist einfach vorbeigegangen. Vorbei, es war nichts – sie ging, schwebte beinah …
Lächelnd … ging sie einfach vorbei.
Nichts ist passiert. Die Hände haben – gehorcht …
Meine Hände gehorchen mir, nichts kam heraus …
kein Tier
Schritt, für Schritt. Noch ein Schritt. Schritt –
Da Draußen ….
Nur ein – bissschen – weiter -raus .

Katarina Frostenson, geb. 1953 Stockholm. Zu finden in Schreibheft Nr. 47 1996

Buchempfehlungen jenseits des Netz : kaum beachtet, kaum rezipiert – weil gegen die Schnelllebigkeit schwer vermittelbar: Bücher, die unter den Tisch fallen, weil der Food für alle sie verdrängt:

Saul Bellow: Erzählungen; Stefano D’Arrigo: Horcynus Orca; Peter Nadas: Aufleuchtende Details; William H. Gass: der Tunnel – Italo Svevo: Zenos Gewissen, A.F.Th. van der Heijden: Das Scherbengericht. Bücher, die sich dem Internet querstellen, da sie nicht innerhalb weniger Stunden oder Tage gelesen werden können, schon gar nicht rezensiert im Stile eines

Hier: darüber müssten wir sprechen.

Zur Marginalisierung von Literatur

… oder von Klagenfurt am Wörthersee – ich mach es kurz. Ein Rant #ard #zdf sozusagen.

Es hat dieses Jahr ein sehr spannender Wettbewerb um Literaturtexte stattgefunden in Klagenfurt, auch Bachmann Preis genannt – übrigens durchaus divers und vielseitig – mit sehr unterschiedlichen Anlagen in Rhythmus, Konnotation, Aussage und Form – mit einer würdigen Preisträgerin, Helga Schubert war nicht nur nicht prätentiös, nicht nur nicht umständlich, nicht nur nicht kompliziert, sie hat einfach einen großartigen Text großartig und berührend vorgetragen und zurecht den Bachmannpreis für ihre Arbeit erlangt.

Am Abend dann. Heute-Sendung 19:00 Uhr nichts. Tagesschau – nichts – Heute-Journal – nichts – und wie ich es überflogen habe, auch in den Tagesthemen – nichts.

Hat der ORF vergessen, eine Pressemitteilung rauszugeben? Dürfen nun etwa Ard und Zdf nicht über Inhalte des ORF berichten? Wenn dem so wäre … Hilfe! Oder haben die Nachrichtenredaktionen der Fernsehanstalten Ard und Zdf keine Kulturabteilung mehr? Oder war ihnen diese Veranstaltung tatsächlich nicht ein Wort wert, mitgeteilt zu werden? Das ist beschämend und peinlich zugleich.

Auch ich jetzt mal meine Monatsgebühren für den Kulturauftrag der großen Sender anmerken darf. Wofür bezahle ich monatlich 17,50 Euro? Damit ihr mir jeden Abend Steine ins Wohnzimmer schmeißt, mir permanent den Obermufti aus den USA und seine Unsagbarkeiten liefert? Ganz zu schweigen von all den gesellschaftlichen Randerscheinungen dieser Breitengrade, die mir fortwährend als relevant verkauft werden – zum Beispiel, dass der HSV noch eine Saison in Liga 2 verbringen soll – um mal ein weniger politisches Eisen anzufassen. Das Nachrichtenprogramm gestern: Plünderer in Stuttgart. Tönnies Coronawurstfabrik. Messerstecher in GB. Donald irgendwas. Fußball. Das Wetter.

Öffne das Fenster. Lasse Luft rein. Schließe das Fenster. Schaue im Internet nach.

Entschuldigung. Wenn ihr wollt, dass dieses Land nicht mehr drauf hat, als vor sich hergetrieben zu werden, weiter so. Wenn ihr noch irgendeinen Funken auf Vielfalt und Kultur einer Gesellschaft setzt, dann haltet doch mal eure Kameras auf Veranstaltungen, die von der Vielfalt und der Kultur dieses Sprachraums berichten. (Sie hätten ja nichtmal Kameras gebraucht, war alles im Kasten beim ORF?) Von Unkultur habe ich mehr als genug im World Wide Web. Wollt ihr denen konkurrieren, habt ihr schon verloren. Euer lautes Schweigen.

Traurig. Beschämend. Peinlich.

Ratlos stelle ich fest: die Behandlung von Literatur in diesem Land ist an einem weiteren Tiefpunkt angekommen. Das hat einmal mehr festgestellt nichts zu tun mit fehlenden Leitwölfen in der Literaturrezeptionsebene (ohne die kluge Löffler war doch MRR eine Parodie seiner selbst – und dass er die Literatur maßgeblich verbessert habe mit seinem Theater, halte ich für ein Gerücht – ohne gute Literaten war auch er stimmlos und hatte Zeit für Dinge wie Kanon der deutschen Literatur). Es hat nichts zu tun mit einer Literaturkritik, die sich selbst feiert auf Kosten ihrer Autoren und Autorinnen. Es hat nichts zu tun mit einer Überproduktion von Büchern. Es hat nichts zu tun mit fehlenden guten Literaten. *(siehe Anmerkg.)

Es hat aber unbedingt etwas mit der mangelnden Bereitschaft zu tun, überhaupt noch etwas in die Rezeption zu treiben. (Einmal seinen Kopf einzuschalten – bekanntlich sinkt der IQ der Bevölkerung.) Es sprechen für die Nachrichtenredaktionen offenbar nur bewegte und gewaltversprechende und explosive wie aggressiv machende Bilder, damit einher geht jeder Auftrag verloren, es sei denn die Redaktionen sehen es als ihre Aufgabe an, Fernsehzuschauer an den eigenen Sessel zu fesseln, wo sie in Schockstarre den eigenen Rand hautnah erleben als Ende der Welt, der Wille zu geistiger oder intellektueller Kreativität lässt in solchen Momenten der Furcht und Angst zwangsläufig nach – dem Motto folgend: wo kein Wille, da sorgenfreies Girren und Brechen der Äste – Der Wurzeln Knarren und Gähnen? Durch übertrümmerte und aufgescheuchte Krähen – frei nach Goethe.

I’m sorry – Rundfunkgebühren zahle ich auch, sogar freiwillig und sogar gern: für Arte, 3Sat, die Dritten und für Radio, aber für Ard und Zdf scheint Geld zu verdampfen – da darf jeden Abend Frau Kohl oder sonstwer Börsennotizen bekanntgeben (wer sich für Börse interessiert, braucht keine Kohl oder sonstwen viertel vor Acht) – und sie schaffen es nichtmal, eine halbe Minute auf Klagenfurt am Wörthersee aufmerksam zu machen – je weniger sie es geschehen lassen, desto weniger geschieht es? Und reißen mich regelrecht so gar nicht vom Stuhl, außer dass ich stumpf werde und mich umso peinlicher gar nicht mehr berührt sehe. Ein Lehrstück fast, wie die Vielfalt von Gesellschaft buchstäblich ins Nichts überführt wird. Dass Literatur nun auch schon, wie Löffler im Beitrag zum Deutschlandfunk anmerkt, ein Nischendasein führt – halte ich schlichtweg für eine kulturelle Bankrotterklärung – der ich mich beim besten Willen nicht anschließen will, der ich mich nach Duktus und Ausstrahlung von Ard und Zdf aber zu fügen habe? – Jetzt erst recht nicht!

Übrigens: das Digi-Format hat mir sehr gut gefallen, ausbaufähig, da ließe sich einiges an Kultur zusammenbringen – auch ohne Ard und Zdf. Denn sie marginalisieren nun, so scheint es, sich selbst, zusehends – ganz aus sich selbst heraus. Was eine Leistung.

Vom Twittern mitgebracht: Sigrid Löffler „Das ist wohl eher ein Relevanztheater“

Alle Texte zum Nachlesen

Pressespiegel: Tagesspiegel, Die Zeit, Sueddeutsche Zeitung, NZZ, FAZ, Die Welt

Alles weitere zum diesjährigen Bachmannpreis auf der Seite des ORF Besten Dank nach Österreich / dort zumindest feststellbar Buchkultur vorliegt.

Anmerkg *Kritischerweise möchte ich anmerken: vielleicht hat der Klagenfurter Buchpreis einen zu akademischen Pro-Seminar-Charakter inzwischen – das zum Beispiel ließe sich abstellen, indem die Suche nach Talenten zugunsten einer Suche nach Literaten umgemünzt würde. In Helga Schubert haben sie eine Literatin gefunden, in Egon Christian Leitner auch, zu den anderen möchte ich mich enthalten //ja klar, und schon haben die Verlage keine Bühne mehr, auf der sie ihre Hoffnungsträger präsentieren können – //Entschuldigung, es hindert sie niemand daran, selbst ein paar Bühnen zu errichten. Ich meine, Entschuldigung. Ich muss auch jeden Tag ins Büro und Video konferenzen – außerdem: so ein bisschen Webex – Team oder Skype oder Zoom oder oder kostet nicht die Welt. //das Format jedenfalls: junge Autoren zittern ihre Texte vor, damit Professoren und Fuilletonisten sich echauffieren, scheint mir aus der Zeit zu fallen (sicher: ein weites Feld – nochmal Entschuldigung. Haben wir nun Internet oder haben wir kein Internet? Wollen wir ewig in der Opferrolle rumplustern? Ich habe es schon mehr als einmal gesagt: Amazonien ist nicht so mächtig, weil sie mächtig sein wollen, sondern weil wir es zulassen. Wann endlich setzen sich die Buchmacher zusammen und entwickeln Gegenstrategien, wann? Wenn sie alle pleite sind? – nun gut. Bin kein Verleger. Hab schon noch ein paar Bücher – mit denen komme ich durch … nur das von Helga Schubert fehlt mir noch, und das von Egon Christian Leitner.)

 

I am not your Negro

Zeit etwas aufzuarbeiten, Zeit etwas gutzumachen, Zeit zu vergessen? Ich sehe den Film I am not a negro, „eine schonungslose Abhandlung über den Rassismus in den USA, erzählt ausschließlich mit den Worten Baldwins am Beispiel von Martin Luther King Jr., Medgar Evers (Mitglied der NAACP) und Malcolm X, die alle drei ermordet wurden.“

Und erinnere mich, es ist genau die Zeit, da wir in Süd-Afrika lebten, da wir von dem nichts mitbekamen, da wir im Land der Apartheid waren, ohne wissen zu wollen, dass wir, die Weißen, privilegiert waren, und sie, die Schwarzen, nur der Film im Hintergrund mit der Besonderheit, der Andersartigkeit, dem Archaischen, dem Exaltierten, dem Exotischen – wir sahen uns den Film an in verschiedenen Ausführungen, einmal fuhren wir in die Homelands, und Vater, naiv wie er war, hielt überall seine Super 8 Kamera drauf. Ein anderes Mal fuhren wir, es war ein Sonntag, mit einem österreichischen Ehepaar zu einem der Zulu-Tanzaufführungen, ich weiß davon nur noch zwei Substantive: Staub und Geruch. Der Geruch streng und nichtmal ansatzweise parfümiert, einfach nur spitzer Schweißgeruch an einem Sonntag im Staub der Tänzer, Vater filmte es mit.

Noch heute sehe ich diese Filme und ebenso verwundert sehe ich die akrobatischen Leistungen der in Schmuckfedern, in Tierfellröcken in stämmigen und muskelfeisten Körpern springenden, hüpfenden, stampfenden und trommelnden Tänzer …

ein anderes Mal stehen wir auf einem Hügel und blicken in eine Bucht, dort ein Gottesdienst der Schwarzen, die Frauen in hellblauen Schürzen und weißen Kopfbedeckungen, die Männer in weißen Anzügen, im Gegensatz zu unseren Gottesdiensten dort alles in Bewegung, zu einem imaginären Zentrum hin, vom Zentrum weg, wieder ein Tanzritual, wieder eine körperliche Antwort auf Gottes Geist, wir stehen auf Distanz und staunen, gerührt aber beurteilend, das sind eben Rituale, von denen wir nichts verstehen – komm, lass uns gehen, auch das hatte Vater auf Super 8 gefilmt.

Einmal fährt er an den Bahnhof von Johannesburg, nicht auf die weiße, auf die schwarze Seite und filmt auch das – bis ihm ein Schwarzer unmissverständlich mit der Faust droht – unverblümt hält er als Weißer seine Kamera auf die Schwarzen, die nichts anderes machen als den Bahnhof betreten, ihn verlassen. Höre aus dem Off Mutter rufen, lass das, merkst du nicht, wie du sie reizt. Ja, sie reizt, wie man Löwen oder Elefanten reizt – die Begriffswelt für die dort immer am Rand des Unsagbaren, immer im Vergleich nichtmenschlicher Wesen, immer im Ton der Überheblichkeit, der Angst und der Fehleinschätzung.

Was ich in der Form als Kind nicht verstand, erst als wir schon zwei Jahre in Deutschland lebten, ich von meinem Freund den Hinweis erhielt, du warst in Süd-Afrika? Da, wo die Apartheid ist? Wo ist da Apartheid? Ich stritt es vehement ab, ich, fast vierzehn Jahre alt, hielt es nicht für möglich, dass ich in einem Land der Apartheid, im Land der Apartheid schlechthin, ja, in einem von Rassismus durchtränkten Land großgeworden bin. Ich stritt das heftig ab. So heftig, er setzte zum Gegenbeweis an und holte aus der Spiegelsammlung seines Vaters sämtliche Exemplare, in denen von Süd-Afrika als Land der Apartheid die Rede war. Je mehr ich darin blätterte und von Gedemütigten, von Geschlagenen, von Getöteten las und sah, desto heftiger in mir der Groll, dass er hier, mein bester Freund, mich demütigen, schlagen, mich töten wollte. Ich stritt das noch immer ab und konnte erst Jahre später nachvollziehen, was er von mir wollte. Dass ich mich für etwas entschuldige, für was ich nicht verantwortlich war, aber dadurch, dass ich dort war, meine Kindheit verschuldete in einem System, das ebenso wenig aus mir war oder in mir, sondern aus dem ich hervorgekommen war, mit all den Vorurteilen gegen Menschen, die für uns Diener waren.

Einmal filmt mein Vater einen Mann, wie er mit einer Gartenschere den englischen Rasen schneidet, Halm für Halm. Im Hintergrund siehst du die Grenzmauern zum Reichtum der Inhaber, vor der Mauer schert er den Rasen mit einer Gartenschere. Nicht etwa, dass er zu diesem Job gezwungen war, fiel ins Auge, sondern die Frage, wie muss man drauf sein, so etwas zu machen. Kein Weißer würde so etwas machen. Der Schwarze aber, im Auftrag des Weißen. Ursache Wirkung, schon da. Der es macht, macht sich lächerlich. Der es befiehlt, ist unsichtbar verschanzt hinter Mauern.

Ob ich denn auch positive Kontakte hatte mit Schwarzen, werde ich häufig gefragt.

„Was haben die Negros nur, warum seid ihr nicht optimistisch, es wird doch alles besser, es gibt schwarze Bürgermeister, Negros sind in allen Sportarten vertreten, sind in der Politik, und als allerhöchste Auszeichnung erscheinen sie jetzt sogar in der Fernsehwerbung.“ Lautes Gelächter. Auch Baldwin lacht … (wohl weniger geschmeichelt als pikiert) Ich bin froh, dass sie lächeln, sagt der Moderator, wird es gleichzeitig besser und bleibt doch hoffnungslos?

Pessimismus dunkel, Hoffnung hell.

Antwortet Baldwin: Ich glaube wirklich nicht, dass Hoffnung besteht, solange man weiter solche Formulierungen benutzt. Es geht nicht darum, was hier mit den Schwarzen (to the Negros, to the Black Man)  geschieht. Das ist eine brennende Frage für mich. Noch mal: Es geht vielmehr darum, was mit diesem Land geschieht.  (Ich hab das mehrfach wiederholt.)

I am not your negro2

Nur noch bis Montag 15/06/ offenbar korrigiert, Film läuft auch 17/06 noch : eine schonungslose Abhandlung über den Rassismus in den USA, erzählt ausschließlich mit den Worten Baldwins am Beispiel von Martin Luther King Jr., Medgar Evers (Mitglied der NAACP) und Malcolm X, die alle drei ermordet wurden“

In Süd-Afrika war landweit die Meinung zu hören, wenn die Schwarzen das übernehmen, geht das Land unter. In Süd-Afrika war landweit die Meinung zu hören, das Land gehöre nicht den Schwarzen, es waren die Engländer, die es entdeckten. Ja – an dieser Stelle von mir gern auch eine Musikeinblendung. Pharoah Sanders Our Roots began in Africa.

Ist dir auch aufgefallen, dass du vor den Blackman mehr Angst hattest als vor den White People? In so einem Satz hast du den ganzen fatalen Sprachgebrauch der letzten mehr als hundert Jahre. Die Schwarzen sind die Dunkelgestalt, der reißende Wolf, tatsächlich wird in der Doku das weiße Mädchen von Black Man auf seine Hinrichtungsstätte geführt – während die Weißen nur People sind, hin und wieder mal The White Man … ansonsten aber White People, eine Egelschar gewissermaßen, friedlich beinander stehend … während der schwarze Mann im Spiel Wer hat Angst vor ihm … selbst in Deutschland dann, wir waren schon fünf Jahre hier, auf den Spielwiesen praktiziert wurde … und laufen um unser Leben.

Ich bin nicht euer Neger wird der Film getitelt. Im Original I Am not your Negro? Merkst du den Unterschied? Die Konnotation im Deutschen ist deutlich hässlicher, deutlich brutaler. Etwa ehrlicher? Im Englischen klingt es sogar harmlos, eher melodisch. (Bedenkt man noch  die Hintergrundmusik.)

Die Zeit dieser Leben und Tode liegt, öffentlich gesehen, zwischen 1955, als wir erstmals von Martin hörten, und 1968, als er ermordet wurde. Medgar wurde im Sommer 1963 ermordet. Malcolm 1965.

Diese drei Männer … sehr unterschiedliche … „(Martin) schulterte das Gewicht der Verbrechen, der Lügen und der Hoffnungen einer ganzen Nation“, diese drei Leben aufeinanderprallen und sich gegenseitig enthüllen lassen – wie sie es in Wahrheit auch getan haben, weil sie ihre schreckliche Reise verwenden als Lehre für die Menschen, die sie so sehr geliebt haben, von denen sie verraten wurden, und für die sie ihr Leben geopfert haben.

„Wir gehen nicht mit Negern in eine Schule.“ Einblendung einer besorgten Christin: „Gott vergibt Mord und Er vergibt Ehebruch. Aber er ist sehr zornig und bestraft alle, die für Integration sind.“

Hierzu fallen mir all die Verwerfungen der eigenen Eltern ein, der eigenen sozialen Umfelder, in denen sie sich bewegten, christlich, baptistisch, freikirchlich, bibelfest und mit einer höheren Moral ausgestattet, einer Gottesmoral, die immer und jederzeit über dem menschlichen Gesetz steht. Wir fragen, wie konnte ein Donald Trump so weit kommen – nun, das fragen sich die falschen Leute, denn die, die die Vergebung von Todschlag in Gottes Güte vermuten, nicht aber die Integration unterschiedlicher Hautfarben, sprechen einer quasi irrationalen Logik und Moral das Wort und scheinen immun gegen das Weltliche – diese Immunität ermöglicht auch das schamlose Dulden von Unrecht und Ungleichbehandlung, erstrecht von Rassentrennung und Hetze – denn der Glaube an  den Gott der Erkenntnis ist nicht etwa einer, dessen Jesu Herz schlägt mit Liebe deinen nächsten wie dich selbst, das ist durchaus übersetzbar gemeint, liebe erstmal dich selbst, eh du es mit den anderen versuchst, reine Sophisterei, möchte man denken, allein die Wirkung ist fatal: Das Donnergrollen Gottes ist zu vernehmen, dem gehört er selbst an, er selbst ist Sendbote der grollenden Stimme, eine tiefe eigene innere Stimme, die der Projektion seiner ureigenen Angst vor dem, der er ist, dem Angry Mann, dem verschüchterten Mann, dem überheblichen Mann, und küss mir die Füße, Sklave, nicht etwa seine Stirn zeigt sondern seine Referenz erweist.

Leider berücksicht eine wie auch immer geführte Debattenkultur über das Wie konnte so etwas passieren nicht, dass selbst der Ekel, selbst das sich erschrocken Geben nicht darüber hinwegtäuscht, dass irgendein Bergprediger aus Atlanta mehr Macht über seine Gläubigen hat als die Präambel der Verfassung der Verieinigten Staaten von Amerike; aus der Präambel:

„Wir, das Volk der Vereinigten Staaten, von der Absicht geleitet, unseren Bund zu vervollkommnen, die Gerechtigkeit zu verwirklichen, die Ruhe im Innern zu sichern, für die Landesverteidigung zu sorgen, das allgemeine Wohl zu fördern und das Glück der Freiheit uns selbst und unseren Nachkommen zu bewahren, setzen und begründen diese Verfassung für die Vereinigten Staaten von Amerika.“

Es ist nicht zu erkennen, ob in diesem „uns“ wirklich alle gemeint sind – es klingt nicht einschließlich aller – da wird auch zur Verteidigung aufgerufen – wer ist das Außen – da sie sich jahrzehntelang im Inneren (im Bürgerkrieg) bekämpft haben ? Historiker fragen !

Helllichter Tag, tiefdunkle Nacht.

Das Himmelschreiende zwischen Gut und Böse ist so tief verankert, da ist weiß schlichtweg engelsweiß und schwarz schlicht ergreifend teufelsschwarz. Mehr als hundertfach in meiner Kindheit so gepredigt bekommen und gesehen. Das ist keine Doppelmoral, nein, es ist eine klare und einfache Stimme, die da spricht. Korrekt dazu und aufrichtig gemeint. Gottes Segen inklusive. Sie sind per Auftrag Gottes Kinder, und Gott hat sie auserwählt. Alle anderen sind des Teufels. Diese Botschaft ist so simpel wie einfach – und praktikabel.

Nochmal: Diese Botschaft richtet sich nicht an die, die sich Aufgeklärte nennen oder Modernisten oder Atheisten, die Botschaft richtet sich an die Gläubigen unter Ihresgleichen – darauf weiß die Intellektualität unserer Breiten nur ein hochnäsiges Schulterzucken bekannt zu geben – um weiterhin avantgardistischen Spielchen zu folgen und hier und dort einen Unterschied auszumachen zwischen Gestrichen-F und B-Flat-F.

Kommen zwei zusammen, sprechen einen gemeinsamen Code, ziehen los und entweder wird alles ignoriert jenseits des eigenen Codes, oder es wird gleich draufgegangen, kommt ein dritter gar nicht mehr zu Wort – und hat der erst eine andere Hautfarbe – geht das Geraune von vorne los.

Sobald dem eine Differenzierung beikommt, wird nicht hingehört, es wird mit der Inbrunst des Geläuterten und Gerechten geantwortet, mit Herz – und schlechtem Geschmack, inzwischen getarnt unter Safari und Karrottenhemd, das ist so beschämend wie unbelehrbar, möchte man meinen, es müssten die Missionare ihrer Lehre vom Auserwählten oder Gottgleichgestellten oder Gütigüberbestimmten erstmal selbst missioniert werden zu modernem Denken und Leben – auch das scheint sinnfrei vor dem Hintergrund ihrer feststampfenden Einfalt, die auch noch mit erhöhtem Anspruch (gotterhöht) daherkommt und mit dem Hinweis, die anderen seien die Unbelehrbaren – weil ungläubig und nicht zu bekehren. Und jetzt halt einfach einen Spiegel an diese Sätze, das macht es gleich unauflösbar paradox : so zumindest bekommst du dem Rassisten seinen Rassismus nicht abgewöhnt, er lässt sich nicht bekehren, er selbst steht mit dem Erlöser im Bund und will bekehren. Ehebruch und Totschlag wird von Gott verziehen. Der Gerechtigkeit und Chancengleichheit dagegen zürnt der Herr. (Die Methodisten Methode spöttelten wir damals, und waren kein Deut besser.)

… dem glückseligen Christenphantasten reicht es eben aus zu rufen: This is my Church. Oder: es gibt keine Zufälle, da alles von Gott so vorherbestimmt, dass aber alles wie reiner Zufall erscheint, wo du geboren wirst, welche Schule du besuchst, aus welchem Auto du rausgestoßen wirst und zu Fuß weiter darfst – auch Gottes Plan. Ein schier unlösbarer gordischer Knoten für den, der durch Gottes Wille weiß geboren wurde, um das Evangelium zu verkünden all denen, die durchs finstere Tal wandern. Glauben Sie etwa, irgendeiner dieser würde wollen, dass die Kräfte des Geistes auf Umgangston und Miteinander „modernisiert“ werden?

Ich schaue an mir selbst herunter und stelle fest, ich bin rosaweiß – inzwischen ebenfalls 55 Jährig und nicht mehr so schwarzweiß angemalt wie zu Zeiten meiner Kindheit, meiner Jugend. Trotzdem. Wenn ich ehrlich bin. Diese tief verwurzelte Kindheit bringt es noch immer fertig, dass ich, sobald ich Dunkelhäutige sehe, mich erstens übermäßig für sie interessiere, ich zweitens immer fragen will, woher sie kommen, und ich drittens regelmäßig feststelle, sie sind nicht von hier (obwohl ja auch ich nicht von hier bin – absurd), regelmäßig ein Reflex – das beinhaltet: sie kommen von dort (ich war schon immer hier – absurd) – erstmal nur ein Reflex, ein Affekt, dafür muss ich mich noch nicht schämen, macht aber häufig jedes normale Gespräch schwierig.

Die letzte Begegnung hatte ich vor einem halben Jahr beim Teppich Verlegen. Der eine aus Kenia, der andere aus Äthiopien, ihr Chef ein bulliger Berliner. Sie verlegten den Teppich in weniger als vier Tagen, Icke Berliner aber musste einer inneren Stimme folgend mehr als einmal darauf hinweisen, dass seine Jungs faule Jungs seien, immer müsse er sie vor sich herschieben, sie kommandieren … und sie scheuchen.

Es ist wie es war: Schwarz auf Weiß. Die schwarzen Malocher, geschoben und gescheucht von weißen Herren. Kein normales Du ich Du. Sondern Ressentiments, Unaussprechbares und Vorurteile.

Als ich eine günstige Minute erkannte, setzte ich mich zu ihnen und erzählte ihnen von meinem Süd-Afrika. Das war ihnen so noch nicht vorgekommen. Wir saßen bestimmt eine Stunde zusammen, hätten fast Adressen getauscht, plötzlich weiteten sie die Themen und es wurden Familien, Mütter, Brüder und Schwestern sichtbar, für eine Stunde. Diese Stunde erinnere ich jetzt, sie werden sie vielleicht auch erinnern, wahrscheinlicher ist, dass sie noch immer überlegen, wieso werden wir hier behandelt wie Menschen aus einer anderen Umlaufbahn oder wie vom Mond. Wenn es nur mal der Mond wäre.

Es ist die Tonne, der sie zu entsteigen versuchen. Ich habe in meinem Leben schon so viele Menschen aus der Tonne leben sehen, ich weiß nun nicht, worauf ich hoffen soll. Zumal es vor allem von intelligenten Leuten heißt: wie, du glaubst an eine bessere Welt? Sag mal, wo lebst denn du?

Tja, im Klischee vom Guten und dem Bösen, nur dass auch ich glaube, ich bin auf der Seite des Guten. Die ja, Umkehr einer jeden Logik und Moral die des Bösen ist, je nach Projektion und Betrachtung.

Ein echtes Thema von Gewalt und Not, ein echt europäischer Exportschlager. Deswegen ich den Untertitel zum Film über den Rassismus in den USA verkürzend empfinde und ebenfalls nicht ungefährlich – denn so rückt er uns in die Ferne und wir können naserümpfend über die dort in den USA selbstgerecht urteilen. So wie mein Freund damals mit seiner angelesenen Aversion gegen Apartheid in Süd Afrika – so wie ich in meinem ewigen Fliehen vor all den Themen.

IMG_1699Der Sommer hat gerade erst begonnen, und ich habe bereits das Gefühl, dass er fast vorbei ist. In einem Monat werde ich 55. Räuspern. Ja. 55. Ich bin kurz davor, die Reise anzutreten. Dies ist eine Reise, von der ich, ehrlich gesagt, immer wusste, dass ich sie eines Tages werde unternehmen müssen. Auch wenn ich gehofft hatte, ganz bestimmt gehofft hatte, sie nicht schon so bald antreten zu müssen. Ich will damit sagen, dass eine Reise als solche bezeichnet wird, weil man nicht wissen kann, was man auf der Reise entdeckt, was man mit dem, was man findet, macht, oder was das, was man findet, mit einem macht.

Zeit etwas aufzuarbeiten, Zeit etwas gutzumachen, keine Zeit zu vergessen – weder noch. Im Kleinen wie im Großen. Auch ich hatte viele Kollegen, mit denen ich mich in fast allen fachlichen Fragen verstand, Statiker, Mechaniker, Tiefbauleute, unter ihnen Goldgräber wie mein Vater, der selbst in den Bergwerken bei Johannesburg der war mit der weißen Weste, und nie aber hatte ich das Gefühl, mir stünde irgendeiner von ihnen nah. Als wir schließlich in Deutschland auftauchten und … so ungefähr. In meinem Grundstuhlzeugnis steht Deutsch als Fremdsprache. Es ist noch so viel zu schreiben über die, die ich unschuldig anguckte und sie hinter ihrem Rücken anspuckte, auslachte und verschrie. Es erfüllt mich mit Hass und Mitleid und es beschämt mich. An diesem sonnigen Nachmittag wird mir bewusst, dass ich meine Koffer packen muss, um nach Hause zu fahren. Auch ich will meinen Beitrag leisten. Es ist an der Zeit. Aber würde man mich willkommen heißen, außerhalb meiner Farben und Kleider. Sicher würde ich mich wieder verstecken können unter meinesgleichen. Umso einfacher als ich mich bei meinen Leuten nichtmal verabschieden müsste, sie würden auf ihren Webseiten nichtmal wissen, wo ich wirklich bin. Wo ich zuhause wäre.

 

PS: Euch ein schönes Wochenende, vielleicht findet Ihr Zeit, diesen Artikel anzunehmen. Vielen Dank. Und Grüße

English Version

Time to work something up, time to make up for something, time to forget? I see the film I am not a negro, „an unsparing treatise on racism in the USA, told only in Baldwin’s words using the example of Martin Luther King Jr., Medgar Evers (member of the NAACP) and Malcolm X, all three were murdered. “

And remember, it’s exactly the time that we lived in South Africa, when we didn’t notice it, because we were in the land of apartheid, without wanting to know that we, the whites, were privileged, and they, the blacks, only the film in the background with the peculiarity, the differentness, the archaic, the exalted, the exotic – we watched the film in different versions, once we drove to the homelands, and father, naive as he was, stopped his Super 8 camera everywhere. Another time we went, it was a Sunday, with an Austrian couple to one of the Zulu dance performances, I only know two nouns about it: dust and smell. The smell was strict and not even slightly perfumed, just a sharp smell of sweat on a Sunday in the dust of the dancers, father filmed it.

I still see these films today and I am just as surprised to see the acrobatic performances of the dancers jumping, bouncing, pounding and drumming in decorative feathers, in animal fur skirts in stocky and muscular bodies …

another time we stand on a hill and look into a bay, there is a church service for the blacks, the women in light blue aprons and white headgear, the men in white suits, in contrast to our services there, everything in motion, towards an imaginary center , away from the center, again a dance ritual, again a physical response to God’s spirit, we stand at a distance and marvel, moved but judging, these are rituals of which we have no understanding – come on, let’s go, father also had that on Super 8 filmed. Once he drives to the Johannesburg train station, not on the white, on the black side and also films this – until a black man threatens his fist – he bluntly holds his camera as a white man on the black people who do nothing else than enter the station, leave it. Hear off-screen calls to mother, don’t do that, don’t you notice how you excite them, it excites them how to excite lions or elephants – the conceptual world for those who are always on the edge of the unspeakable, always in comparison to non-human beings, always in the tone of arrogance, fear and misjudgment.

What I didn’t understand when I was a child, only when we had already been living in Germany for two years, when my friend told me that you were in South Africa? Where is apartheid? Where’s Apartheid? I vehemently denied it, I, almost fourteen years old, did not think it was possible for me to grow up in a country of apartheid, in the country of apartheid par excellence, yes, in a country steeped in racism. I denied it violently. So violent that he started to prove it and got all the article from his father’s Spiegel collection that spoke of South Africa as a country of apartheid. The more I leafed through it and read and saw the humiliated, the beaten, and the killed, the more violent the resentment in me that he, my best friend, wanted to humiliate me, beat me, kill me. I still denied that and was only able to understand what he wanted from me years later. That I apologize for something that I was not responsible for, but because I was there, my childhood was indebted to me in a system that was neither from me nor from me, but from which I came, with all the prejudices against people who were servants to us.

Once my father films a man cutting the English lawn with garden shears, blade by blade. In the background you can see the boundary walls to the owners‘ wealth, in front of the wall he cuts the lawn with secateurs. It wasn’t the fact that he was forced to do this job that caught the eye, but the question of how you should be to do something like that. No white man would do that. But the black man, on behalf of the white man. Cause effect, already there. Whoever does it makes himself look ridiculous. The man who commands it is invisibly entrenched behind walls.

I am often asked whether I also had positive contacts with black people. „What do the Negros have, why are you not optimistic, everything is getting better, there are black mayors, Negros are represented in all sports, are in politics, and they are now even the highest honors in television advertising.“ Loud laughter. Baldwin also laughs … (probably less flattered than spicy) I’m glad that they smile, says the moderator, is it getting better at the same time and yet is hopeless? Pessimism dark, hope bright. Baldwin replies: I really don’t think there is hope as long as you keep using those phrases. It’s not about what happens to the blacks (to the negros, to the black man). It’s a burning question for me. Again, it’s more about what is happening to this country. (I repeated this several times.)

In South Africa there was a nationwide opinion that if the blacks take over, the country will perish. In South Africa there was a nationwide opinion that the country did not belong to the blacks, it was the English who discovered it. Yes – at this point I would also like a music overlay. Pharoah Sanders Our Roots started in Africa.

Did you also notice that you were more afraid of the Blackman than of the White People? In such a sentence you have all of the fatal language usage of the past more than a hundred years. The blacks are the dark form, the raging wolf, in fact the documentary leads Black Man’s white girl to his execution site – while the whites are just people, every now and then The White Man … but otherwise White People, a flock of leeches, so to speak, standing peacefully together … while the black man is in the game Who is afraid of him … even in Germany then, we have been here for five years, practiced on the playgrounds … and run for our lives.

I’m not your negro the film is titled. In the original I Am not your Negro? Do you notice the difference? The connotation in German is much uglier, much more brutal. More honest? It even sounds harmless in English, rather melodic. (Considering the background music.) The time of these lives and deaths, seen publicly, is between 1955 when we first heard from Martin and 1968 when he was murdered. Medgar was murdered in the summer of 1963. Malcolm 1965.

These three men … very different … „(Martin) shouldered the weight of the crimes, lies and hopes of an entire nation“, these three lives clash and let each other reveal themselves – as they actually did because they did their terrible Use travel as a teaching for the people who loved them so much, who were betrayed by them, and for whom they sacrificed their lives.

„We don’t go to school with Negroes.“ Fade in a worried Christian: „God forgives murder and He forgives adultery. But he is very angry and punishes all who are for integration.“

I can think of all the upheavals of my own parents, of my own social environment in which they lived, Christian, Baptist, Free Church, Bible-proof and endowed with a higher morality, a morality of God that always and always stands above human law. We ask, how could a Donald Trump get this far – well, that’s what the wrong people are asking, because those who suspect the forgiveness of deathstroke in God’s goodness, but not the integration of different skin tones, speak the quasi-irrational logic and morality and seem immune to the worldly – this immunity also enables the shameless tolerance of injustice and unequal treatment, especially racial segregation and agitation – because the belief in the God of knowledge is not one whose Jesus heart beats with love your next one like yourself, that is quite translatable, love yourself first, before you try it with the others, pure sophistry, one would like to think, the effect alone is fatal: the rumbling of God can be heard, he belongs to him, he himself is the messenger rumbling voice, a deep inner voice of his own projecting his own fear of who he is, the angry man, the intimidated Man, the arrogant man, and kiss my feet, slave, not showing his forehead but showing his reference. Unfortunately, however, a culture of debate about how could such a thing not happen, that even the disgust, even the frightened giving, does not hide the fact that some mountain preacher from Atlanta has more power over his believers than the preamble to the United States Constitution from America; from the preamble:

“We the People of the United States, in Order to form a more perfect Union, establish Justice, insure domestic Tranquility, provide for the common defence, promote the general Welfare, and secure the Blessings of Liberty to ourselves and our Posterity, do ordain and establish this Constitution for the United States of America.”

It cannot be seen whether this „our“ really means everyone – it does not sound inclusive of all – there is also a call for defense – who is the outside – since they have fought inside for decades (in the civil war)? Historians ask!

Bright day, deep dark night.

The screaming between good and evil is so deeply anchored that white is simply angel white and black is simply devilishly black. Got preached and seen more than a hundred times in my childhood. This is not a double standard, no, it is a clear and simple voice that speaks there. Correctly and meant sincerely. God’s blessing included. They are children of God by order, and God chose them. Everyone else is of the devil. This message is as simple as it is simple – and practical. Again: This message is not aimed at those who call themselves enlightened or modernists or atheists, the message is aimed at believers among their kind – the intellectuals of our latitudes only know how to announce a snooty shrug – to continue to follow avant-garde games and to make a difference here and there between Strich-F and B-Flat-F.

If two come together, speak a common code, go and either everything beyond the own code is ignored, or it is immediately taken, a third does not speak at all – and has a different skin color – the noise starts all over again .

As soon as there is a differentiation, no one listens, it is answered with the fervor of the refined and just, with heart and bad taste, now disguised under safari and carrot shirt, that is as shameful as unteachable, one would think that the missionaries would have to their teaching of the chosen or equated with God or over-determined are first to be missionized themselves to modern thinking and life – this also seems meaningless against the background of their stubborn simplicity, which also comes with increased demands (increased by God) and with the indication that the others are the unteachable – because incredulous and unconvertible. And now just keep a mirror on these sentences, that makes it indissolubly paradoxical: at least you don’t get racist weaned off the racist, he doesn’t allow himself to be converted, he himself is in covenant with the Redeemer and wants to convert. Adultery and homicide are forgiven by God. The Lord is angry with justice and equal opportunities. (We ridiculed the Methodist method at the time, and were no better.)

… it is enough for the blissful Christian fanatic to shout: This is my Church. Or: there are no coincidences, since everything is predetermined by God, but everything appears as pure coincidence, where you are born, which school you attend, which car you are pushed out of and can continue on foot – also God’s plan. A seemingly unsolvable Gordian knot for the one who was born white by God’s will to preach the gospel to all who wander through the dark valley. Do you think any of these would want the powers of the mind to be „modernized“ in their interaction and interaction?

I look down at myself and realize that I am pink and white – now also 55 years old and no longer painted as black and white as when I was a child, when I was young. Nevertheless. If I’m honest. This deep-rooted childhood still manages that, as soon as I see dark-skinned people, first of all I am overly interested in them, secondly I always want to ask where they come from and thirdly I find out that they are not from here (although yes, too I’m not from here – absurd), regularly a reflex – that includes: they come from there (I’ve always been here – absurd) – first of all just a reflex, an affect, I don’t have to be ashamed of it, but I often do everything normal conversation difficult.

The last time I met was laying carpets half a year ago. One from Kenya, the other from Ethiopia, their boss a beefy Berliner. They laid the carpet in less than four days, but Icke Berliner, following an inner voice, had to point out more than once that his boys were lazy boys, he always had to push them in front of them, command them … and shoo them. It’s like it was: black on white. The black painters, pushed and shooed by white men. Not a normal you I you. It’s resentment, unspeakable and prejudice.

When I recognized a favorable minute, I sat down with them and told them about my South Africa. It had never happened to them before. We were probably sitting together for an hour, almost exchanged addresses, suddenly they broadened the subject and families, mothers, brothers and sisters became visible for an hour. I remember this hour now, you may remember it too, it is more likely that you are still thinking, why are we treated here like people from another orbit or as from the moon. If only it were the moon.

It’s the bin they’re trying to get out of. I’ve seen so many people living in the bin in my life, I don’t know what to hope for. Especially since intelligent people say: How do you believe in a better world? Tell me, where do you live? Well, in the cliché of good and bad, only that I also think I’m on the side of the good. The yes, reversal of every logic and morality is that of evil, depending on the projection and consideration. A real issue of violence and need, a real European export hit. That is why I find the subtitle of the film about racism in the USA to be shortening and also not harmless – because it moves us into the distance and we can nasal judge self-righteous about those there in the USA. Just like my friend back then with his aversion to apartheid in South Africa – just like me in my eternal flight from all the issues.

Summer has just started and I already feel that it is almost over. I’ll clear my throat in a month. Yes. 55. I’m about to go on the trip. This is a journey that, frankly, I always knew I would have to take one day. Even if I had hoped, I had definitely hoped that I wouldn’t have to start it soon. I mean to say that a trip is called one because you cannot know what you discover on the trip, what you do with what you find, or what you find with you. Time to work something up, time to make up for something, no time to forget – neither nor. Small and large. I, too, had many colleagues with whom I understood almost all technical questions, structural engineers, mechanics, civil engineers, among them gold miners like my father, who was in the mines near Johannesburg in a white vest, and I never had that Feeling that any of them are close to me. When we finally showed up in Germany and … something like that. German as a foreign language is in my basic chair certificate. There is still so much to write about those I looked at innocently and spat at them behind their backs, laughed and screamed. It fills me with hate and pity and it shames me. On this sunny afternoon I realize that I have to pack my bags to go home. I also want to make my contribution. It is time. But I would be welcomed outside of my colors and clothes. I would surely be able to hide among my peers again. All the easier since I wouldn’t even have to say goodbye to my people, they wouldn’t even know where I really was on their websites. Where I would be at home.

 

Okay Boomer!

Eine Erwider-Glosse!

geschrieben im Sommer irgendwann, und da ich dieses Jahr so publikumsunwirksam war, zum Abschluss dieses Jahrzehnts eine Art Widerkäuer aus meiner Widerspenstigkeitsschublade, die so gar nicht mehr in die Zeit will … Take it Smile.

Generation Y weiß was los ist:

https://www.zeit.de/2019/07/generation-babyboomer-klimawandel-generationenvertrag-rente-generationenwechsel

Babyboomer antwortet:

Stichworte gibt es genug: Trump wehrt sich gegen Vorwürfe, er arbeite zu wenig, Berliner Neubau kommt ins Stocken. Sehe das fröhliche Schaulaufen in langen Berlinale Nächten, dort auch ein Türsteherfilm präsentiert wird und ich weiß, ich bin nirgends dabei (darf nirgends mehr rein), sehe, ich soll abschieben, das Deportationsschiff stehe bereit, ich bin Jahrgang 1964, Babyboomer und für die ganze Misere verantwortlich.

Die Misere ließe sich verschlagworten: Der Generationenvertrag funktioniere nicht, die Generation Y ist in Wirklichkeit Generation Praktikum, ich sei nun verantwortlich zu machen und soll gehen. Raymond_Federman grüßt aus dem Jenseits; hier insbesondere zu empfehlen Die Nacht zum 21. Jahrhundert oder aus dem Leben eines alten Mannes : Roman, Nördlingen : Greno, 1988, Neuausgabe: Frankfurt am Main : Suhrkamp, 1991.

der alte Mann und das Meer, Käpt’n Ahab auf Walfang.

Während sie (Fleißige der Generation Y und mit ihnen die Autorin des Artikels bei der Zeit) müde vom langen Arbeitstag tellerweise Spaghetti mit Tomatensoße verschlingen und einen billigen Rotwein nach dem anderen öffnen, sehe ich auf der Liste meiner Hausärztin erhöhte Cholesterinwerte und gestiegenes Herzinfarktrisiko und soll unbedingt Diät machen, obwohl die erhöhten Cholesterinwerte genetischen Ursprungs sind, Bewegung tut Not, aber bei dem Pieselwetter dort draußen mag ich nicht joggen.

Solltest du aber. Dreimal wöchentlich mindestens, sagte die Hausärzten, ebenfalls Generation Babyboomer. (Wir unter uns, wie immer!) Der Höhepunkt der Babyboomerei war 1964, genau mein Jahrgang. Und ich bin schuld an der Misere, soll mich vom Acker machen, das Deportations(Raum-)schiff wartet.

In der Spree habe ich keins gesichtet (nur Ausflugsschiffe mit vielen meiner Elterngeneration – Babyboomer kaum, die sitzen in den Büros). Wahrscheinlich liegt das Schiff, das mich abschiebt, bei Rostock. Dort wartet allerdings von den 1.357.304 Geborenen der Babyboomer wahrscheinlich dann nur ich, weil wieder nur ich es wörtlich nehme, und weniger ironisch: Schieb(t) ab!

Wir hätten den Generationenvertrag gekündigt, weil wir zu wenige Kinder zum Ausgleich unserer Überzahl in die Welt gesetzt hätten, und die, die wir in die Welt gesetzt haben, ertragen uns nicht mehr.

Weniger Pop, mehr Kinder!

Wir hätten mehr zeugen und weniger poppen sollen, damit sich die Generation Y erstrecht gegenseitig auf den Füßen steht.

(So wie wir es erlebten in überfüllten Klassenzimmern, im Gleichmarsch des Wehrdienstes oder wie ich im Hippietouch des Zivildienstleistenden mit der Folge, dass wir spät erst auf der Uni auftauchten und dort auch noch, der Regelfall, zwei oder drei Semester zu lang verbrauchten, weil wir nebenbei unser Studium finanzierten mussten, und als wir endlich im zeugungsfähigen Alter von über dreißig, i.d.R. fünfundreißig waren, dachten wir vor allem erstmal ans Geldverdienen und selbständig werden, ja, ans erwachsen werden, und als wir endlich erwachsen waren, hatten wir uns einen Hunderttausendeuro Schein aufs Festgeldkonto erspart und vergessen Kinder zu zeugen, das machten die anderen, die, deren Kinder heute sagen, wir seien Partygänger gewesen, Hedonisten und selbstverliebt und nicht bereit, Verantwortung zu übernehmen für die Zukunft der Kinder, die wir nicht gezeugt hatten. (Wir werden gern verwechselt mit der Generation X, und auch mit den sogenannten 68igern.)

Kann mich sehr wohl erinnern an eine Veranstaltung im Wehrersatzdienst, da predigte uns ein Graumelierter, wir, Teil der Ersten Welt, wären die größten Umweltschädlinge dieser Welt, und jedes weitere Kind würde die Umweltbelastung erhöhen, besser sei es, KEINE Kinder in die Welt zu setzen in dieser ersten Welt, sondern uns zurückzuhalten und … abgesehen davon, dass von den mehr als 700.000 weiblichen Babyboomern auch kaum Signale verströmt wurden, mach mir ein Kind.

Im Gegenteil forderte diese zweite Hälfte unserer Generation Gleichberechtigung und Chancengleichheit und gleichwertige Berufschancen und gleiche Bezahlung.

Kann man uns jetzt zum Vorwurf machen, dass wir unsere zweite Hälfte der Generation nicht ans Ruder gelassen haben? Ich persönlich kann mir diesen Schuh nicht anziehen, da ich in einem technischen Bereich aktiv war und bin, für den sich die andere Hälfte unserer Generation noch immer kaum interessiert. Ich schraubte an Mimosoft, Linux und Applewirtschaften herum, die andere Hälfte unserer Generation freute sich, als sie endlich Internetzugang hatte, ohne immer den männlichen Teil unserer Generation anfragen zu müssen.

Die Schuhe passen wieder nicht.

Nein, ich kann mir den Schuh, Frauen nicht an den Start gelassen zu haben, nicht anziehen. Ich kann mir auch den Schuh, keine Kinder gezeugt zu haben, nicht anziehen, denn die eine hatte eine Spirale, die nächste nahm die Antibabypille, wieder eine andere führte Strichlisten, und die, die schließlich schwanger wurde, ließ es abtreiben und entschied sich für ein anderes Leben.

Die, die ich liebte, und mit der ich es mir vorstellen konnte, liebte einen anderen und die, die ich nicht schwängern konnte, weil sie nicht schwängerbar war, ließ sich die Eierstöcke entfernen und konvertierte zum Buddhismus.

Ich hatte spät erst die Möglichkeit, eine Frau fürs Leben zu finden, die aber hatte auch schon zwei Versuche, Kinder zu kriegen, abbrechen müssen, unwillentlich.

Den Schuh, keine Kinder in die Welt gesetzt zu haben, kann ich mir so gesehen nicht anziehen, zum Glück für mich habe ich zwei Schwestern, die insgesamt elf Kinder in die Welt gesetzt haben, ELF!

Und keine dieser Kinder, die ja nun (fast) alle Generation Y sind, würde mich in die Verantwortung nehmen wollen, dass ich nicht noch für mehr Konkurrenz gesorgt habe, sondern fragen mich immer etwas mitleidig, ob ich denn glücklich sei ohne Kinder. Ja, nein, antworte ich, einerseits, andererseits, sage ich. Es ändert nichts. Aber nun muss ich sehen, dass man für mich das Deportationsschiff vorgesehen hat. Schiebt ab!, ruft die Journalistin da aus ihrem Weitwinkel, wahrscheinlich bei Igramm gefiltert.

Ich sehe, sie hat einen schwierigen Job. Macht statt IT auf Journalismus und lässt sich sicherlich bevormunden von Graumelierten meiner Generation, aber wahrscheinlich auch unter Druck setzen von Ihresgleichen, das aber ist Spekulation.

Die Journalistin, die das schreibt, ist Generation Y. Davor gab es die Generation X, das waren die Hedonisten und Drogenabhängigen und Psychodurchgeknallten, das wahre Nachtleben fand in den Neunzigern statt, heute wird wieder in die Hände gespuckt, nur dass es sich nicht lohnt, denn die Babyboomer blockieren die Plätze.

Die schönen Grauhaarigen

Haben graumeliertes Silberhaar, sind schöne, gepflegte Menschen und zwingen der Nachfolgegeneration ihre Work-Life-Balances, ihre gewaltfreie Sprache und ihre sonstigen Unterdrückungsmechanismen auf, während es weltweit so aussieht, als würden alternde Patriarchen und Stammesväter ihre letzte Ölung genießen.

Allenthalben lugt Autoritäres und Autokratisches ums Eck, und sicher ist auch daran unsere Generation schuld. Zumindest beteiligt.

Unsere Generation hat diese Monstren Big Five aus den USA erst groß und möglich gemacht. Die Big Five, die uns hier alles durchleuchten und jeden und alles entmündigen und enteignen, und zwisten und Streit sähen, die steigenden Mieten, die explodierenden Energiekosten, das Sterben der Innenstädte, das Aussterben der Infrastrukturen, die Verrohung der Sitten, die neurechten Ideologien, die Verfrachtung unserer eigenen Kinder in die Callcenter der Big Five und ihre Ableger.

Die Finanzkrise, die einstürzenden Twintowers, die Radikalisierung, das Auferstehen der Religionsfanatiker, die blinde Gefolgschaft hinter sozialdarwinistisch besser aufgestellten Autokraten – haben alles wir verzapft?! Mit unserem Drang, schöne grauhaarige Menschen zu sein. Nichtmal die DDR haben wir verschont. Und nun sitzen in allen Ecken die Wutbürger, und fangen zu motzen an und rufen nach Nationalstaatlichkeit und Überschaubarkeit und Provinzialismus, das sind natürlich auch wir. (die falschen Mehrheiten?!)

Die Generation Babyboomer das wahrscheinlich provinziellste Völkchen, das jemals die Welt erblickte. Obwohl ich mir habe sagen lassen, dass es das Babyboomerphänomen nur in der westlichen Welt gab, während es heute vor allem in den sogenannten BRIC Staaten um sich greife, oder in Afrika. Nun gut, das sind wahrscheinlich begrifflich betrachtet Erbsen mit Kartoffeln verglichen. Die Journalistin meinte schon uns, da kann ich nicht ausweichen.

Ich soll deportiert werden, die anderen kommen später.

Das zur Ausgangsposition, das zur Selbstläuterung. Ich habe mir ja die Mühe gemacht, den ganzen Artikel zu lesen, und auch die Contra-Position, muss aber feststellen. Ich bin zwar gemeint, aber ich war nicht dabei.

Ich habe nämlich gesehen, dass die Generation Y sich das vornimmt, was wir uns notgedrungen auch vornehmen mussten: Eigeninitiative, Durchhaltevermögen, Idee und Wille. (Alle Dacore) Sollten wirklich alle Menschen Journalist*Innen werden wollen, wäre allerdings bald Schluss mit lustig, aber warum, bitte, werden sie nicht Jurist*Innen, Informatiker*Innen, Mechaniker*Innen, Maschinenbauer*Innen, warum wollen so viele Psychologin, Geisteswissenschaftlerin, Schriftstellerin oder Leserin werden, und wahrscheinlich weniger Programmiererin … nun, der Herr im Himmel hat sich weggedreht.

Diesen Kampf führten wir damals auch. Wer Geisteswissenschaft studiert, dem droht die Sozialfalle, heute nennt sich das Wohlstandsverhängnis, unser Versäumnis? Wenn ich meine Kinder, die ich nicht habe, dazu erziehen könnte, was Vernünftiges zu machen … bräuchte ich nicht so eine Angst haben um mein Pausenbrot und meine Ausbildung … sondern würde beharrlich und ausdauernd mein Ding verfolgen?

Da bin ich eben auch ratlos. Und das ist tatsächlich, was man unserer Generation, den Babyboomern zum Vorwurf machen könnte: Nicht ihre grauen Haare und nicht, das sie schöne Menschen werden wollten, sondern ihre Ratlosigkeit, ihre Angst vor der Zukunft. Wie im übrigen auch im Schreiben der Journalistin zu erkennen: in jedem zweiten Satz winkt das Substantiv Ratlosigkeit. Gerade und wegen der immensen Herausforderungen. Und eh sie eine Kooperative oder ein gemeinsames Handeln erwartet oder impliziert, wird schön am Deportationsschiff gebaut.

Nun schiebt endlich ab!

Sie werden wohl auch nicht daran gedacht haben als Sie lasen: Schiebt ab! Dieses Schiebt ab ist wohl eher umgangssprachlich gemeint, von wegen, macht mal Platz hier, ja, aber Frau Journalistin. Wohin sollen wir? Wir waren schon immer zu viele, und immer hat man uns gesagt, ihr seid zuviele. Wir aber haben uns für ein Solidarisierungsprinzip entschieden, nicht für ein kapitalistisches, das kommt aus den USA, das waren wir nicht, das waren die anderen, die Börsianer und die … jaja, wer hat damals vor den Amis gewarnt? Nun haben wir den Salat. Big Five, und lauter rastlos ratlose Schafe. Statt auszurufen, tut was dagegen, packt es an, gründet eine eigene Firma: sollen erstmal 1.3 Millionen Menschen abschieben! Nicht abgeschoben werden, sondern freiwillig gehen.

Vielen Dank aber auch – für nichts.

Bin ich froh, dass ich kein Kind zur Welt gebracht habe, stell dir vor, es würde dir jeden Tag zum Vorwurf machen, dass du es in die Welt gesetzt hast.

ERGÄNZUNGEN:

Mal erzählen, wie du als über Vierzigjähriger, hier als Babyboomer an einem Einstellungsgespräch teilnimmst, das von einem glatzköpfig intellektuell wirkenden Brillenträger der Generation X geführt wird … und du nach wirklich tollem und erfrischendem Gespräch nie wieder was von ihm hörst …

Mal erzählen wie sich zwei der Generation Y um Praktikantenplätze streiten, sie jeweils bereit sind, für weniger als 500 monatlich zu arbeiten, genommen wird dann aber der Praktikant der Generation X, der sogar 800 monatlich bekommt.

Mal erzählen von den ganzen Generation Y Kandidaten, wie sie von einem Babyboomer erwarten, dass er ihnen Festplatten, Lüfter, Lampen, Telefone und Tische, ja eigentlich alles, was sie selbst so verranzen und vermüllen, sauber hält. (Den Babyboomer mit einem Hausmeister oder der Reinigungskraft verwechseln, obwohl er ausgebildeter IT-ler ist mit der Höflichkeitsattitüde, immer helfen zu wollen. Das haben wir ja als Helfersyndrom untergejubelt bekommen und immer noch nicht abgestellt.)

Mal erzählen von der Teppichnummer: Da alles raus muss, Tische, Lampen, Stühle, Rechner, alles! Und der Babyboomer bis spät in der Nacht noch am Rumräumen ist, vor allem auch die Arbeitsplätze der Generation Y, die offenbar dachten, der Babyboomer muss in seinen jungen Jahren viel Zeit im Fitnessstudio verbracht haben, dahin zieht es den der Generation Y jetzt auch, während der Babyboomer erschöpft nach Hause wankt und daheim erstmal viele Spaghetti und wahllos Rotwein in sich hineinfüllt, damit er morgen garantiert nicht mehr aufsteht und anschließend, wie es Gewohnheit ist des Babyboomers, eine Woche krank feiert. Was nur nicht viel bringt, denn der Babyboomer hat sich ja aus der sozialen Verantwortung herausgestohlen, indem er schon seit Jahren Freiberufler ist, damit er erstens weniger Sozialbeiträge zahlt, zweitens kaum soziale Kontakte pflegt, und drittens sowieso nur daran denkt, wie er bald ein Leben führt auf den Malediven oder sonstwo auf Kosten der Generation Y.

Mal erzählen davon, dass während eines Vorstellungsgesprächs der Mann der Generation Y sein Apple-Book mitbrachte, aber offenbar vergessen hatte, daheim den Kanal für die pornografischen Inhalte aus seiner Timeline zu entfernen, sodass die Frau Personalchefin, klar doch Babyboomerin, nicht anders konnte, als ihm einen schönen Tag zu wünschen.

Mal erzählen vom Schlangestehen zur Mittagspause, da auch der Babyboomer Hunger hat, aber ein Jungspund der Generation Y weniger Zeit mitgebracht hat, und einfach so tut, als sei der Babyboomer durchsichtig.

Es gäbe noch so einiges zu erzählen, auch wie der Babyboomer damals noch betrachtet wurde von den 68igern, aber das wird ja inzwischen alles in einen Topf gerührt … der Babyboomer ist wahrscheinlich nur ausversehen gezeugt worden, weil alle das machten damals, im Autokino.

Natürlich hat der Babyboomer den Artikel der Frau aus der Generation Y richtig verstanden: er soll Platz machen. Verraten sei auch: Der Herr Babyboomer hat schon so viel Platz gemacht vor den Leuten der Generation X, da sollte Generation Y mal lieber drauf achten, dass Generation X sich hier nicht alles unter den Nagel reißt, zum Beispiel das Abdrehen schlechter Spielfilme, in denen immer nur Nazis drin vorkommen, aber das wäre natürlich ein anderes Drehbuch.

Es müssen ja immer erst die Babyboomer verkloppt werden, immer schon, es waren einfach zu viele. Wo sind aber die Verantwortlichen für dieses ungeschützte und kondomfreie Verhalten derjenigen, die offenbar unter Bombenhagel und Nahrungsmittelverknappung und andere Spezialitäten litten, so sehr, dass es die ihnen folgende Generation mal besser haben sollte.

Und zwar so viel besser, dass sie von heute aus betrachtet von sich als Friedensgeneration sprechen kann, sieht man mal vom täglichen Kleinkrieg ab, oder vom größeren um den Irak und Afghanistan und Syrien … (aber das waren ja immer die Amis, hat der Babyboomer immer gesagt, hat nur niemand hingehört) Auch das hat der Babyboomer einfach nicht im Griff: er dreht und wendet die Themen immer so, dass am Ende ein großer Brei rauskommt, Ergebnis und Beweis seiner spätpubertären Neigung, es immer noch allen rechtmachen zu wollen, vor allem sich selbst.

Resumee.

Die Frau Autorin hat offenbar ein heißes Eisen angefasst, denn es haben sich viele Leute dazu geäußert. Aber eins hat die Autorin vergessen zu erwähnen. Die Graumelierten, von denen sie da spricht, die so viel Macht haben, und alles blockieren, angeblich, sind in der Minderheit. Das sind die, die sich gegen ihre Rivalen durchgesetzt haben, die, die mehr Glück hatten, und die, die mehr erben konnten, aber die Masse, sprich die Menge der Babyboomer, teilen mehr oder weniger das Schicksal mit der Generation Y insofern, als auch sie nicht an den großen Fleischtöpfen sitzen, sondern an den ihnen zugeteilten.

Und die Proportionen dieser verteilten Portionen sind nicht gerade üppig. Ein Haus in Berlin kostet inzwischen 6.000 Euro/qm, wie soll nun der Babyboomer mit seinen ersparten 100.000 da mithalten? Ach so, 30qm reichen auch?! Weil Generation Y muss sich ja auch die hundert Qm mit vier Mithungrigen teilen. (Glaubt denn Miss Generation Y, wir hätten in einer Vorstadtvilla studiert? Was glaubt Frau Generation Y, wie schnell es geht, von monatlich 3500 Mark auf monatlich 3500 Euro zu kommen? Ein Jahr, zwei? Unter direktiven Maßgaben schafft das so manch einer über Nacht!)

Nach dem, wie ich den Artikel verstehe, habe ich da eine Lesart übersehen. Die Generation Y selbst will den Generationenvertrag quasi scheibchenweise abkündigen,  und tut schnell mal so, als hätte die Generation Babyboomer vergessen, Verantwortungsmilch zu trinken.  Jetzt schon hat Generation Y Angst, die ganzen Methusalems der Babyboomer nicht mehr durchfüttern zu können.

Stell dir vor, die rebellieren irgendwann. Zahnlos geworden zwar, aber durchaus mit Wut im Bauch, weil hungrig. Da ist das heute gesättigte Land noch weit von entfernt, meine: die Leute nicht sattzukriegen. Heißt ja jetzt schon überall: Sorge selbst vor, der Staat macht eh pleite … wahrscheinlich bald. Die Frau Generation Y hat noch nicht zur Kenntnis genommen, dass wir unseren Eltern unser Leben zu verdanken haben und dass wir bereit sind, einen Großteil unseres Verdienstes für ihre Generation aufzubringen, und verschweigt aber auch, wie viele dieser Babyboomer aus eigenen Stücken, ihre eigenen Kinder (das erkenne ich an meinen Schwestern und Freunden, die ihrem Kinderwunsch nachkamen!) außerdem noch unterstützen. Das nämlich hat die Frau der Generation Y noch nicht gesehen: Dass die Generation Babyboomer zu großen Teilen sehr vieles von dem, was sie erreicht hat, mit ziemlich viel Eigeninitiative und sehr hohem Kraftaufwand und viel Geduld, viel Lernen und Umlernen, erreicht hat. Und leider droht die Kulisse hierfür nun von ausgerechnet den Konservativen (Republikanern in den USA) und Zaristen der ehemaligen UDSSR und anderen Brexitiers und selbstsüchtigen Gestalten zerstört zu werden, das aber, liebe Generation Y ist nicht das Verbrechen und Versehen der Generation Babyboomer, sondern die durch alle Schichten dieser Zeit raunende Ratlosigkeit gegen eine Übermacht an Ideologie und Verantwortungslosigkeit – die vor allem von Seiten der Damen und Herren Nachkriegsgeneration getragen wird. Oder ist Donald Trump auch Babyboomer? Nein, er ist geboren 1946 – also Elterngeneration der Babyboomer. Bitte. Danke. Ja. Beim nächsten Mal bitte mal die eigenen Eltern fragen, wo die nächste Eisdiele ist. Vielleicht gibt es diesmal zwei statt eine Kugel?

Mit anderen Worten. So gut ging es uns noch nie. Alle miteinander. Wenn ich das Gelbwestenspektakel sehe, das Nehmt uns mal ernst Geplärr aus Dresden, das wir brauchen Manifeste Grenzen Gezänk aus Italien, das sind vor allem reichwarme und selbstgerechtgefällige Warmduschergeschichten, da kommen mal zwei Tropfen kälteres Wasser aus dem Hahn und schon bricht alles zusammen?

Großes Vertrauen in diese Leute kann ich nicht hegen. Heißt. Appell an mich aus  der Babyboomer Generation: Ja, weiter so! Helfen, wo Not ist, der Lohnzettel streicht einem regelmäßig fast 50% des Gehalts … ansonsten … richtig. Sieh zu, dass du wegkommst. Auf diese von uns gezeugte Generation kann man sich nicht verlassen, die finden unsere grauen Haare seien was wie Sperrholz. Welches Schiff besteige ich nun? Hab noch zehn Jahre bis zur Rente. Dann will man mich nicht mehr. Aber wahrscheinlich hat die von uns gezeugte Generation ja dann den Machtschalter endlich gefunden und weiß wie man es besser macht. Soziale Gerechtigkeit für alle, oder soziales Gewissen für die, die man kennt?

Ich könnte, wollte, müsste … noch stundenlang weiter … Holz sammeln.

Achtung: das ist nur eine Glosse mit hin und wieder nagelnden Brettern *grrr*

Wünsche allen, auch den Okay Boomern ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins Neue Jahr . In 2020 wird alles besser. Denn der Untergang der Welt droht ja erst 2023 – Bis dahin lasst uns tanzen, leben, glücklich sein!

Und das Kinder zeugen den anderen überlassen – wir sind dafür wirklich schon zu alt.

Die New York Times und Trump, Die Mythenplagen und das Fest

Die letzten Tage verfolgte ich eine großartige Reportage und einen interessanten Film auf Arte:

Reportage-Link zu Mission Wahrheit, mit der New York Times auf den Spuren Trumps auf Arte Teil 1, Teil 2, Teil 3 , Teil 4 noch bis: 05/12/2018

Film-Link zu Der die Zeichen liest von Kirill Semjonowitsch Serebrennikow Der die Zeichen liest noch bis: 06/12/2018

Etwas schwieriger tue ich mich mit

Der Weg in die Unfreiheit: Russland, Europa, Amerika von Timothy Snyder

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ich verlinke hierhin Der Freitag, im MDR – mit anderen Worten, es reicht nicht hin, Putin zu dämonisieren oder alleinverantwortlich machen zu wollen (das wäre denn doch zu einfach)

– was in den Debatten der letzten Monate zu kurz kommt: der Konsumismus, die Sucht und mit ihr die Verführbarkeit, die Faszination für Lug und Trug, Chaos und Thrill, die Suche nach dem großen Plot. Vergessen, dass das eigene Immunsystem hin und wieder gestärkt werden muss. Die Membranen werden durchlässiger, die Empfindlichkeiten nehmen zu, es wird nicht mehr miteinander geredet, es wird gebrüllt. Homo Sapiens kurz vor Eskapismus (=Realitätsflucht) und Abflug. Das allein der übergeordneten Lenkung, Vernunft oder Führung (=Fügung) zuzuschreiben, ist schon auch Teil der Lust an der Show. Der Spaß am Boom und BigBang.

Snyder ist weniger vor der Intention, Putin alles anzulasten, lesbar, sondern vor dem Hintergrund der Selbstreferenz auf eine westliche Kultur, die trotz (oder gerade wegen?) der Moderne sich gern verführen und belügen und betrügen lässt.

Seele gesucht. Und Geist.

Die sittliche Erneuerung wartet seit mehr als 20 Jahren auf Inhalt. Da dieser auf politischer Bühne nur noch verrechnet wird in Haushaltsdebatten, entstehen zwangsläufig Leerräume jenseits der Zahlen und Tabellen, die sollen und werden mystisch gefüllt und hypnotisiert. Beobachtbar bei den Biedermeiern und völkisch Nationalen, die keine rationalen Vorschläge zur Arithmetik der Gesellschaft liefern, sondern sie mit einer Mythenplage überziehen, die sich in den Begrifflichkeiten Heimat, Volk, Nation – im Urschlamm der Archaik – ein Zuhause sucht. Die Urhütte ruft. Die Familie als Hort des Glücks. Das Private will seine Heiligkeit zurück. Ein einziger Schrei nach Liebe. Da kommt die Kirche und mit ihr die Religion gerade recht.

Die Renaissance der Macht des Klerus.

Dem Volk seinen Nebel, den Schleier, die Rituale, das Festessen oder das Abendmahl zurückbringen. Opium fürs Volk hieß es unter Marx, heute will der in der Moderne Heimatlose: dem Mammon frönen und diesen denen wegnehmen, die ihn angeblich in seine selbst verschuldete Unmündigkeit gebeamt haben, alles schon da gewesen.

Neu ist beziehungsweise hinzugewonnen wurde: lass ihn dir absegnen vom Geist (Gottes), denn Gott ist bei denen mit den Schnellfeuerwaffen. (Weite Teile der Katholiken in Italien bekunden offen ihre Sympathien für Salvini.) Neu daran ist: Faschismus, Autokratie und pyramidiale Systeme sind digital zu denken mit Einparteiensystemen und Monotheismus. Diesen Misstand hatte das Christentum mit der Reformation angefangen aufzulösen. Die Reformation führte die Westliche Welt zu einer Effizienz vieler ihrer Mitglieder, die vor der Digitalen Revolution noch ohnegleichen war, die digitale Revolution nun macht alle effizient, der reformatorische und aufklärerische Impetus scheint sich zu überholen, im Gegenteil, der Mensch scheint sich über die digitale Revolution selbst zu enteignen, die freie Zeit nimmt zu (die Freiheit nimmt reziprok dazu ab, sie wird überbestimmt durch die Freiheit der anderen), die Arbeit wird umverteilt bzw. im Idealfall abgeschafft, die Langeweile gewinnt Raum, das Prinzip Brot und Spiele wird reinstalliert, der Gesättigte trifft auf den Gesättigten und neidet ihm seine Grundstücke. Die Freiheit einiger erfährt  inzwischen den Wechsel zur Kleptomanie. (Die Kleptokratie folgt ihrer Freiheit.) Oder wie heißt es so schön abergläubisch: Hochmut kommt vor dem Fall. Diesmal allerdings wird daraus ein Kniefall aller vor den Wenigen?

Die Gesellschaften stehen an der Kipplinie zwischen einer Welt als Scheibe, von der die andere Hälte hinuntergestoßen werden kann und einer Welt als Kugel, in der man sich immer wieder begegnet (und verfolgt).

Bekannt ist: Monotheistische Religionen sind unverträglich mit Reformatorischem, unverträglich mit der Macht, die vom Volk ausgeht, unvereinbar mit demokratischer Vielstimmigkeit, der Monotheismus predigt Gott Vater Sohn und Heiligen Geist als Hirte der menschlichen Seele, das menschliche Sein ruft nach Selbstverwirklichung, Liebe und Besitz. Der Monotheismus und mit ihm seine Religionen versprechen das ewige Leben. Der menschliche Wille findet sein Ende im eigenen Ableben. Die Schere zwischen Wollen und Haben führt zur Ambivalenz zwischen denen die haben und denen die wollen. Da das unweigerlich zu Kämpfen und Krämpfen führt, das Toben und Streiten und Zanken gerade auch durch die Digitale Revolution zugenommen haben, werden die Rufe nach Ordnung, System und Ruhe lauter, da bietet sich der Dreieinigkeitsmythos der christlichen Lehre geradezu an – auch der väterliche Gedanke eines Allah, ganz zu schweigen vom in sich ruhenden Buddha.

„Wir wollen nicht ein Stück vom Kuchen, wir wollen die ganze Bäckerei.“

Auch wenn hinter all diesen Heilsversprechen eine noch gähnendere Leere winkt als es die Moderne per se anbietet. (Es sei denn Beten hilft.) Gleiches Recht für alle, gleicher Raum für alle, gleicher Überfluss an Vielfalt wird neuerdings verwechselt mit einem sozialistischen Raum der Gleichmacherei und der Einheitspartei – die Wirklichkeit wird ausgeblendet; die lautet: noch nie war die Welt in sich vielfältiger, ambivalenter, disparater, chaotischer, spannender. Da aber zur Angewohnheit gemacht wurde, die Welt nur noch zweidimensional durchs Smartphone zu betreten und zu erleben, wirkt plötzlich alles wie gleicher unter Ungleichen (die Unterschiede sich nur noch in der Smartphone-Marke erkennen lassen?!). Da rufen die Sakralen und Klerikalen nach Ordnung und Struktur, nach Form und Ritual, obwohl die Ordnung durch die 50 quadratzentimeter Glasscheibe des Smartphone hergestellt ist, nur das Chaos im Kopf nimmt zu, davon man sich hin und wieder abstrahieren will.

Lass es die anderen richten, heißt es plötzlich, wir brauchen wieder Diktat und genauso Stringenz, Steuerung und (noch mehr an) Effizienz. Alle Macht dem Wolf unter den Schafen. Alle Macht dem Einen. Monotheismus und Demokratie bleiben unvereinbar. Umso weniger erstaunlich, als all die neuen Autokraten sehr starke Gottverbundenheit an den Tag legen. Erste Amtshandlung Bolsonaros: vor dem Volk im Fernsehen zu beten. Ein Schuft der dabei Schuftiges denkt.

Da kann hundertmal die Wahrheit versucht werden, die Wirklichkeitsverzerrung feiert Konjunktur, tatsächlich stellt sich zunehmend die Frage, was wird aus dem Homo Sapiens, wenn er/sie trotz immer höherem IQ hinter jedem noch so abstrusem Geist hertrabt. Wo Fakenewsveranstaltungen mehr Aufmerksamkeit ziehen als jeder demokratische Diskurs?

Aufmerksamkeitsökonomie

Eigenartig auch: der Populist darf alles geschmacklos und emotional unbescholten von sich geben, sich als Rambo seinem italienischen Volk breitbarten und den freien Verkauf von Schnellschussgewehren proklamieren, während der sich der Wahrheit oder den Tatsachen verschrieben hat, (der Aufklärung oder der Reformation, dem Humanismus oder der Gerechtigkeit), von denen am Horizont auferstehenden Klerikalen (Messianischen) verlacht wird, verhöhnt und ermahnt, geradeso, als stünde am Horizont eine Allianz der Heiligen der orthodoxen Religionen wider deren Gespenster von der Humanität.

Jeder Versuch, die Neuen Klerikalen bei der Gründung ihrer Sekten zu ertappen, kann per Klick und Drop und Hashtag gegengetweetet werden, und stellt nicht etwa die, die verschleiern, entsäkularisieren oder quäkern und sektieren wollen, bloß, sondern die, die aufklären.

Bisweilen ein Tweed um alte Rituale. Das Schwinden der Pyramide klerikalen Denkens beklagt den Verlust seiner (durchweg männlichen) Autorität und da das Versprechen der Partizipation aller an einer gerechteren Welt nach Diskurs der Aufklärer nicht für alle eingetroffen scheint, will die Autorität der Klerikalen und mit ihr die des Einen Gottes wiederhergestellt werden. Wo sich alle verarmt anfühlen, entsteht eine neue Dimension von Gerechtigkeit: macht die wenigen (Klerikalen) freier, und lässt alle anderen ärmer (bescheidener) werden, wenn wir dann noch von den Informationskanälen der Wenigen abgeschnitten würden, merkten wir als Arme dieser Welt nicht mehr, in welcher Welt wir leben. Lasst uns die Reichen der Welt nicht mehr sichtbar sein (vernehmen), lasst uns das Recht auf Erden durch Gott mitteilen, lasst uns die Wahrheit wegsperren, lasst uns zu jedem Tweed einen Gegentweed einfallen. Alles was ist, ist nur eine Sicht auf die Dinge. Alles andere ist, was ist, Fake.

Auch die Wahrheit nur ein anderes Wort für Fake.

Dass nun unter den neuen Autokraten Falschaussagen wie Wahrheiten verhandelt werden, scheint nicht mehr nur Methode zu haben, sondern verfängt insofern, als die Gegenargumente und Positionen nicht mehr zum Tragen kommen. (durch die Hohe Frequenz an Falschaussagen werden alle anderen Frequenzen überblendet) Man redet schnappatmend täglich und stündlich (Minütlich pro Sekunde!) aufs Neue über ihren Ungeist und ihre Unsitten, arbeitet und stellt die Menge ihrer Lügen heraus, und hat bald keine Kraft mehr, eigenen Überzeugungen zu folgen. (Du beschäftigst dich nur noch mit deren Lügen.) Wenn erst der Glaube an Humanismus, Aufklärung, Menschlichkeit schwindet … haben wir die Apokalypse der Johannesoffenbarung als Livemitschnitt hautnah zum Abendbrot mit Knalleffekt und Implosion – zum Brötchen mit Butter und Käse. (Zum Käse … s.u.)

… dass dem nun eine Verantwortung jedes Einzelnen vor dem Gesamten vorangestellt werden müsste, scheint zunehmend aus den Diskursen zu entweichen, die neuen Strategen arbeiten effizient: verwirre deine Gegner und marschiere weiter! (Möglichst in der Gruppe, im Sinn eines Gemeinschaftsgefühls! Das nennt sich neue Identität, gemeinsamer Wille und wenn das nicht hilft, greife zum Schwert – kauf dir ein Schnellschussgewehr.) Längst greifen keine Kontrollmechanismen – die Immunsysteme sind schon porös, allen voran fahren die Raumkapseln der Internetmonopole (die Sozialen Medien) ungebremst und ungezügelt dem nächstmöglich größten Blödsinn entgegen, sie nennen es Verschwörungstheorien, und spielen sich auf als Dämonen des freien Schlagabtauschs, als Gönner der Freiheit, ohne dafür in Haftung genommen zu werden. Am Ende der Demokratie es nichtmal einen Rechnungsempfänger mehr gibt für den Verlust der Freiheit.

Wenn erst die Internetmonopole in Sachen Freiheit und Demokratie das Gewaltmonopol innehaben, bzw. den Aufruf zur Selbstjustiz nicht unterbinden helfen, was bleibt da übrig?

Die Wahrheit, die Wahrheit! Macht Angst.

Das Nasegeweiß und Geplapper der anderen. (Ausnahme zur Regel: solange die Freiheit der Internetmonopole nicht beschnitten wird, ist auch das Feudale, Autokratische, Oligarchische oder Fürstliche der Initiatoren und Mentoren dieser Vernebelungswelten Programm (und kann ausgebaut werden).

Der Brainwash beginnt schon mit dem Hinweis: dass eine Demokratie diese Neudeutung der Freiheit wird aushalten müssen. (Die Freiheit einiger Weniger, alle anderen am Nasenring durch die Arena zu schleifen.)

Und eins kann man schon jetzt absehen: Die Demokratie kann es auf Dauer gegen Bits, Bytes, Bots und KI nicht aufnehmen, denn zur tragenden Säule der Demokratie gehört das Individuum, die Persönlichkeit, der Respekt des einen vor den anderen.

Die Persönlichkeiten aber stehen inzwischen einer Wand aus Bots und Fakes und künstlicher Intelligenz, auch Algorithmus genannt, gegenüber. Solange die Matrix (das Netz) in der Hand weniger ist, bleibt es ein Leichtes, die Bestechlichkeit der Vielen aufrecht zu halten. Durch die Verkrümmung und Verdrehung der Wirklichkeit. Die Realität des Einzelnen unter die Bedrohung der Anderen zu stellen. Der Wille zur Camouflage (=Verschleierung) führt in die Verzweiflung, der Lohn der Angst erzeugt Panik und Schauder mit hohem Unterhaltungswert, man könnte glauben, der letzte Tag bricht an. Täglich im Angesicht des Smart Phones. Big Brother ist keine Metapher mehr, sondern real gewordenes Diktat.

Scotty, beam me … bottomdown

Google will nichts dabei empfinden, China ein Google anzubieten, das im Sinne Chinas Zensur erlaubt. Facebook will nichts dabei empfinden, wenn Liebhaber des sog. 3. Reichs private Gruppen bilden und ihren Antisemitismus, ihren Rassismus und ihr Herrenmenschentum ausleben. Es gibt genug Leute, die nichts dabei empfinden, Server bereitzustellen, die Rassisten und Misanthropen anziehen. Was umso prekärer erscheint, als die Mischung aus Rassismus und Misanthropie vereinbar erscheint mit der Lehre von einem Gott, der Hirten als Stammeshäuptlinge einsetzt, die gegen Abtreibung sind, gegen Sex vor der Ehe, gegen Homosexualität, gegen Feminismus und gegen die, die Führerfiguren wie diese neuen Messianischen ächten – die ja nur Hirtenfiguren seien im Sinne Gottes als Seelenretter der Menschheit.

Beobachtbar ist auch: die Christlichnationalen oder Christlichfaschistoiden beherrschen inzwischen das Netz, und wenn man in weite Kreise der Wirtschaft hineinschaut, bekommt man das wahre Gefühl für Demokratie hautnah zu spüren: nach Diktat verreist.

(Das Märchen von erfolgreichem Wirtschaften, das nur unter demokratischen Verhältnissen möglich ist, wird ebenso gecancelt, China macht es vor.)

Das ist nichtmal mehr ein Punktsieg für die Autoritätsgläubigen, sondern ein „großer Sieg“ in der Fläche, in der Masse, der Breite, der Tiefe der Gesellschaft. Letzten Endes zieht das noch die Resignation jedes Einzelnen nach sich, oder es gibt bald eine Gegenbewegung … zu fürchten ist Ersteres … die Wahlergebnisse der Midterms zeigen es an. Wer, wie ich gehofft hatte, dass Trump einen Denkzettel verpasst bekommt, muss enttäuscht sein, wie viele diesem Dompteur (Eine Karikatur der Demokratie) noch immer ihre Referenz erweisen, und zu befürchten ist; diese Karikatur wird wiedergewählt in zwei Jahren (als Beweis für die Demokratie als Karikatur). Hoffnung macht, dass das Repräsentatenhaus bunter geworden ist, vielstimmiger, vor allem auch: weiblicher. Zu befürchten ist nun auch wieder: dies Bunte und Vielstimmige übertönt der Misanthrop mit einfachsten Mitteln. Zuckerbrot und Peitsche. Teile und Herrsche. So abgefrühstückt diese Begriffe auch sind, sie gelten noch immer. Es gegen das Bekannte nichts Unbekanntes einzuwenden gibt und umgekehrt, gegen Fakes sehen Wahrheiten bieder aus, uncool und so wenig Rock ’n Roll. Donald Trump ist der Auferstandene, der Messias, ein Jimi Hendrix im Vergleich zu Joni Mitchel. Mehr Gaga als Jazz. Mehr Punk als Klassik. Mehr Perücke als Glatze. Mehr wehender Mantel als Birkenstock. (Obwohl wer weiß.) Lasst uns beten.

Ein einziger Schrei nach Liebe

Da Trump Widerspruch kaum duldet, und aber beliebt sein will, besteht allerdings noch mehr Anlass zur Hoffnung: dass ihm, wenn seine vor allem männliche Gefolgschaft gesättigt ist vom ständigen Plot der Verwüstung, Zerstörung und Dekonstruktion, doch noch immunisiert und wieder auf Verantwortung, Respekt und Menschlichkeit zurückschaltet, ihm am langen Arm die Gefolgschaft schwindet, er schlussendlich nicht anders wird können als auf Präsidenten-Modus zu schalten, statt weiterhin Burger essend Wrestling und die Macht des Stärkeren zu promoten … er bald auch, das ist chaosimmanent in so einem verwüsteten Umfeld, Rivalen, Gegner und Dispositionen heranzüchtet, eigenartig ist auch: je mehr er auf der New York Times rumtrampelt, desto größer wird die New York Times. Ein fast schon entropisches Prinzip: Verunglimpfst du deine Gegner, vergrößert sich dein Schatten.

Aus der Schlusssequenz des Films Der die Zeichen sieht, prädikat sehenswert! (Da irrt ein Jüngling mit Bibelzitaten durch die Zeit, so entstehen etliche sehr eigenwillige Momente des Zusammenpralls von Wort und Gegenstand, oder anders: stell dir vor, du nimmst die Bibel wörtlich, und versuchst mit ihrer Hilfe die Wirklichkeit zu verstehen, zu deuten, zu interpretieren.)

„Ah … es gibt einen neuen Hirten? … Und wir sind die Schafe? Er sitzt da oben und wir sind alle unten. Und wer hat ihn gewählt? … Keiner. Das ist es ja. Niemand hat ihn gewählt. Das ist eine wunderbare Vorstellung. Eine wunderbare Vorstellung. Es gibt einen Vater, der sich um alles und jeden kümmert. Doch diese Vorstellung funktioniert nur, wenn wir Kinder sind. Wenn wir noch klein sind. Ein Vater, der wirklich alles sieht. Der nach seinem Gutdünken straft. Der irrational und grausam ist. Wieso verstehen Sie denn nicht, dass das eine totalitäre Diktatur ist?“

Weitere Empfehlungen:

Ein Blick auf dieses Interview in Brandeins – warum sich Tschaikowsky besser verkauft als Strawinski: Tschüss Tschaikoswky mit kleiner Liste der Komponisten aus der Romantik bis zur neuen Musik.

„Immer nur Käsekuchen macht keinen Spaß“: Berthold Seliger

Wer viel Zeit hat und Geduld und neugierig ist, wie sich die Sektiererei um die Bolschewiki und der Gottglaube im Sumpf Moskaus entfalten und gestalten ließ, dem sei dieses Monumentalwerk ans Herz gelegt, eine Rezension kann ich nicht anbieten, da ich es nur zum Frühstück lese, nie mehr als drei Seiten, das kann also noch eine Weile andauern. Yuri Sletzkine, das Haus der Regierung: Anbieten kann ich die Zeit, die Welt

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Außerdem, außerhalb der Reihe: „Papa, du musst jetzt gehen, damit wir in Ruhe frühstücken können“: aus dem Film Das Fest von Thomas Vinterberg. Ein entsetzlich starker Film, noch immer!

Mit besten Grüßen und Wünschen in die Runde.

 

 

Ilse Aichinger – Die größere Hoffnung

Was eine Karussellfahrt, im Kreis geht es, vom Leben weg dem Tod entgegen, ins Blaue hinein, dem Morgenstern entgegen, am Rand stehen die roten Buchen und schlagen sich die Köpfe blutig – die Kinder kennen keine Scham, ihre Unmittelbarkeit geht über die Gefahr. Ein verstörendes Buch. Was tut man? Man sucht das Licht in dieser Kunst- wie Alltagssprache, die ist immer poetisch und klar. Ein Herz zerreißender Roman.

„Dein Haar ist schwarz und gekraust, du bist ein Fremder!“ Sie werfen sich auf das fremde Kind und wollen es verbrennen, da stellt sich heraus, es ist wohl David, König David, auf dem Weg ins Heilige Land, da wollen die Kinder auch hin, ein Spiel zwischen Himmel und Hölle, und die, die sind, so sagt er, sind immer und die nicht sind sind nie. Die aber sind, sind überall, und die nicht sind sind nirgends. Die glauben zu sein, sind nicht, nur die zweifeln an sich, dürfen landen, nur die gelitten haben.“

„Das Leben eine Zumutung, das Sterben auch.“ Sagt Ilse Aichinger, geb. 1921 in Wien, gestorben 2016 in Wein, 95 Jahre gelebte Gegenwart. Ein verstörendes Buch. Und so nah. Die Ellen, Kind zweier falscher Großeltern, die Kinder, mit denen sie spielt, sind Heimatlose, niemand verbürgt sich für sie, und versuchen zu fliehen, zu überleben, über geschlossene Grenzen hinweg. Die Nachricht „Es ist alles abgeblasen, die Deportationen nach Polen sind eingestellt“, erweist sich als frohe Botschaft die nicht stimmt.

Du bist in diesem Roman in unserer Zeit, hier heißen die Botschaften Fakenews, die Kreisfahrt der Erzählung ist die hundertachtzig Grad Kehre der ewigen Leugner, die Schreckensnachrichten sind real kaum in Sprache zu gießen, du wünscht dir über alles surreale Landschaften aus Friedenstüchern in Weiß, in leichtem Singsang, tatsächlich dröhnen die Schuhe und Rufe durch Straßen, dass du glaubst, das Abendland selbst ist wieder Rächer der Entgleisten. Es hat sich nicht gelohnt das alles zu erleben, zu erzählen, wenn zwei oder drei von denen meinen, es muss sich wiederholen. Wenn Deutschlands rechte Arme wieder steifgeworden zum Gruß Muskelkraft proben und Stimmengewalt.

Ilse Aichinger benennt den Faschismus nichtmal unmittelbar, sie lässt ihn in düsteren Bildern erstehen, und auch das ist nicht, was erzürnt oder erschreckt – das kennen wir: die Nationalsozialisten wurden schon bei Fallada zu Die Anderen, bei Erich Nossack ebenso. Auch bei Alfred Andersch Sansibar und der letzte Grund konnte ich das sehen. Selbst das Thema der Flucht ist kein neues, das hatten wir bei Franz Werfel in Jakobinsky, in Anna Seghers Transit, selbst das Surreale, oder besser Irreale kennen wir schon aus Draußen vor der Tür von Wolfgang Borchert, anders ist hier die Erzählerperspektive, das Kind. Das hat zwei falsche Großeltern. Die dürfen noch nicht deportiert werden, da das Kind noch Kind ist. In Aichingers Leben selbst wird dann bei Volljährigkeit der Ilse die Großmutter deportiert.

Was das Buch lesenswert macht, schamlos und gnadenlos: es ist aus ihrer Zeit wie für unsere Zeit. Das Surreale, Irreale, der Expressionismus, all das ist zurück, wir leben in Welten der Gegenwelten, jeder dreht dem anderen einen Bär auf, wo nichtmal ein Glimmstengel ist. Du bist in den Geschichten hoffnungslos dem Erzählstrom ausgesetzt, der innerhalb weniger Sätze wechselt zwischen hier wie dort jenseits wie diesseits, und ob da der Kraushaarige wirklich verbrannt werden will, kannst du gleich auch den Kinderphantasien zuschreiben, was zum Schluss jäh desillusioniert wird, denn das Kind, die Ellen, „wurde, noch ehe die Schwerkraft sie wieder zur Erde zog, von einer explodierenden Granate in Stücke gerissen. Über den umkämpften Brücken stand der Morgenstern.“

Und aus.

Zehn Kapitel hat der Roman, wenn du so willst, Erzählungen. Sie sind im Einzelnen scheinbar leicht zu lesen, wegen der einfachen Sprache, aber doch – aufgespasst – es ist mir vorgekommen wie ein schonmal geschriebenes Werk, auseinandergeschnitten und an beliebigen Stellen wieder zusammengesetzt, so wie Kinder erzählen, mal hier mal dort, es fliegen dir so manches Mal die Geschichten auseinander, und setzen sich nur im Kopf wieder zusammen – bist selbst eine andere Geschichte geworden.

ein Geflecht aus Traum, Märchen, Mythos und Historie. Monologe wechseln ab mit Dialogen, auktoriales Erzählen mit personalem *Florian Wille in der Süddeutschen 2007

Faszinierend der Wechsel zwischen Realem Stoff und dem Stoff im Traum. Furchtbar, was sie da spielen, furchtbar was sie phantasieren, und doch sind es nur Kinder, denkst du. Bedenkst du, dass Kinder Geisterkutschen vom Blau des Morgenhimmels heruntererzählen. Kinder haben keine Angst, auch das verlassene Kind hat keine Angst? Ilse Aichingers erster und einziger Roman, und jetzt, da Deutsche glauben, es sei an der Zeit, Kinderköpfe mit Schreckgespenstern ihrer Ahnen und Vorfahren zu stopfen, möchte man rufen: Gebt euren Vätern und Müttern ihr Leben zurück, schenkt es euren Kindern auch, oder wollt ihr ewig daran glauben, dass es gut sei, des anderen Menschen Leben zu stehlen?

Ein weiterer Aspekt dieses Romans: Für Schriftsteller*innen und solche die es gern sein wollen, ein großartiges Lehrbuch, wie du Wirklichkeit behandeln kannst, wenn du von ihr gefangengesetzt scheinst. Gilt auch für die, die glauben, von ihrer Phantasie verschlungen worden zu sein. Und aber auch: Ganz hohe Kunst! Nicht umsonst immer wieder hervorgeholt. Ich lese sie schon zum dritten Mal. Die Wirktiefe lässt keineswegs nach.

Wer will hier auch:
https://oe1.orf.at/artikel/455347 oder hier:

https://www.deutschlandfunk.de/unerkundbar-undurchschaubar.700.de.html?dram:article_id=85284

Als Taschenbuch:

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Ich beziehe mich auf ein Erbstück aus Mutters Sammlung mit einem Begleittext von Helmut Koopmann aus der Reihe Bibliothek des 20.Jahrhunderts herausgegeben von Walter Jens und Marcel Reich Ranicki.

Außerdem in der Reihe 1oo Bücher Bibliothek der Süddeutschen Zeitung Band 72.

 

 

 

Der Ghostwriter ist tot – RIP Philip Roth

Kaum ein Autor dessen Texte beim Lesen so nachhallen – Kann mich erinnern, wenn ich nicht weiterwusste mit dem Eigenen – Roth lesen, zwei Stunden, und das Gehirn, das Herz, der Bauch ist wieder gefüllt. Du kannst ihn aufschlagen wo du willst, es springt dir eine Geschichte entgegen:

S.149 Mein Leben als Mann:

Bevor ich meine Wohnung verließ, verbrachte ich allerdings mehrere Stunden mit dem Abfassen verschiedener Briefe an Susan, in denen ich ihr mitteilte, wohin ich reisen würde – und dann zerriss ich sie alle. Aber was, wenn Susan mich „brauchte“?

s. 67 Portnoys Beschwerden:

„Und gibt es, so wie die Dinge liegen, nicht genug ganze Worte, die man sich hinter geschlossenen Türen zuflüstern kann? Es gibt sie! O ja, es gibt sie! Hässliche und kalte Worte, die nach dem Äther und Alkohol der Krankenhausgänge riechen, Worte mit dem Charme steriler chirurgischer Instrumente, Worte wie Abstrich und Biopsie … Und dann gibt es jene Worte, die ich allein zu Hause, verstohlen im Lexikon nachschlage, nur, um dort zu sehen, als greifbare, augenscheinliche Gewissheit dieser entferntesten aller Wirklichkeiten gedruckt zu sehen, Worte wie Vulva und Vagina und Zervix, Worte, deren präzise Erklärung mir nie wieder als Quelle unerlaubter Lust dienen wird …“

s. 20 The Great American Novel

TOD

„Zehn Tage sind vergangen, vier davon unter einem Sauerstoffzelt, wo ich aus der Bewusstlosigkeit erwachte und mich in eine Frühgeburt verwandelt wähnte. Nicht nur ein ganzes Leben lag vor mir, sondern noch zwei Monate als Dreingabe dazu!“

Endlos kann man diese Bücher durchzitieren, es sind Wendungen und Windungen pro Satz, Richtungswechsel, Mehrfacherzählungen – Assoziationsströme und Bewusstseinsverlagerungen, kaum ein Autor beherrschte das Umfahren von Slalomstangen so gut wie der gestern im Alter von 85 verstorbene Autor Philip Roth!

Geeinigt hat sich die Literaturkritik auf seine Trilogie des Nathan Zuckerman „Der Ghostwriter“, „Zuckermans Befreiung“ und „Die Anatomiestunde“. – Und schließlich der Höhepunkt seiner Kunst: „Der menschliche Makel“ und „Verschwörung gegen Amerika.“ Als schämte er sich sogar für die Verschwörung gegen Amerika, da er schrieb, wie Charles Lindbergh, der berühmte Fliegerheld, Faschistenfreund und Antisemit, im Jahr 1940 einen erdrutschhaften Sieg über Franklin D. Rossevelt erlangt und sich Angst unter den Juden Amerikas ausbreitet, verkündete Philip Roth 2012, keine literarischen Werke mehr zu verfolgen:

„Der Kampf mit dem Schreiben ist vorbei … Jeden Morgen schaue ich auf diesen Zettel (am Computer festgemachter gelber Zettel), und das gibt mir sehr viel Kraft.

Ein Schock für die literarische Öffentlichkeit, ein Schock für mich. Jetzt, auf dem Höhepunkt der Umkehrung von Faktenlage zur reinen Spekulation und der vielfachen Verschwörungen lehnt er sich zurück und bestaunt sein eigenes Werk – dachte ich für mich – jetzt, wo alles gesagt scheint und aus sich herausgepresst, und die Weltgeschichte sich dem selbstprophezeiten Taumel ergibt – schweigt er. Jetzt wäre er nötiger denn je, dachte ich. Allein, es war schon geschrieben, sein Werk vollbracht. Wir können das alles noch einmal lesen.

S. 249 Sabaths Theater

„Jetzt begann sie über die Szene zu lachen, die er ihr so slapstickhaft vorspielte. „No“, sagte sie und tätschelte ihm missbilligend den Oberschenkel. „No loco.“

Diese Schnipsel – wie ich sie liebe. Pro Satz eine Geschichte …

Aus „Mein Mann, der Kommunist“, fällt mir dann eine Postkarte entgegen. Darauf steht: Hallo Du. Das Buch habe ich gefunden, laut Kritiken wäre es ziemlich zynisch. Musst mal sehen, ob du damit was anfangen kannst. Ich denk an dich und freue mich auf Freitag. Kuss … Ich. Wer war dieses Ich. Telefonnummer Gabriel kann ich noch erkennen – wer war Gabriel? Dass space-ige der Postkarte, eine grünglitzernde Spirale, lässt mich Rosa vermuten, vielleicht war es Mara – ich weiß es nicht mehr.

s.123 Mein Mann der Kommunist

„Ich habe Angst vor dir, Ira“, sagte Goldstine. „Ich hatte schon immer Angst vor dir. Du bist ein wilder Mann, Ira. Ich werde nicht warten, dass du mir antust, was du Butts angetan hast. Erinnerst du dich an Butts? Erinnerst du dich an den kleinen Butts? Steh auf und verschwinde, Eisenman. Und nimm den kleinen Arschkriecher mit.“

Typisch wieder. Ein treibender Erzähler, die Wendungen lassen dich erst ruhen, wenn du durch bist? Das Gleichgewicht wahren – die Extreme in einem Satz. Ein Jongleur ungleich schwerer Kugeln – und doch hat man nie das Gefühl, dass er die Balance nicht hinkriegt. Beispiele, Beispiele.

S.145 Amerikanisches Idyll

„Ihre ganze Energie, die Kraft des Widerstands, die sie zuvor anderwertig eingesetzt hatte, trat jetzt ungehindert zutage; und dadurch, dass sie die alte Behinderung einfach ignorierte, erlebte sie nicht nur zum ersten Mal in ihrem Leben das volle Gefühl der Freiheit, sondern auch die berauschende Macht der Selbständigkeit.“

Ich sag’s doch. Endlos zitierbar –

S.155 Der menschliche Makel

„Es machte ihm so viel Spaß, mit ihr zusammenzusein, dass eines Nachts die Wahrheit einfach aus ihm heraussprudelt. Er erzählt ihr sogar, dass er geboxt hat, und auch das ist etwas, dass er Steena nie sagen konnte. Bei Ellie ist das ganz leicht.“

Das Profane mit Sportlichem, das Lächerliche mit Überhöhtem, die Übertreibung mit Konkretem. Niemand konnte das so drängend, pausenlos und so einfach – trotzdem so, dass das Gehirn beim Lesen viele Löcher ausleuchtet, viele Schattenbereiche – wie gesagt. Die Tiefe, ja. Der Sexus. Ja. Die Selbstironie. Ja. Die Reflektion. Die Wandlung. Das Werden, die Charakterbildung, das Kämpfen um Worte – das alles ablesbar in einem mehr als dreißig Bücher dicken Werk. Unvergessen die Jungs, die um die Wette furzen und einem der Typen dabei Festland abging.

Und wenn von einem Namen nur der Ghostwriter bleibt – schon Nathan Zuckerman hatte es mit der Suche nach einer Vaterfigur – durch sich, durch seine Frauengestalten, durch jede Pore atmet oder schimmert ein Spiegel, in der die Täuschungen und Enttäuschungen nebeneinander zu stehen scheinen und zu erkennen sind wie all die inneren Bilder, die dich entweder betrügen oder neu aufstehen lassen. Ein Autor aus dem Vollen. Ein Autor, der es nicht scheute, Triviales wie Sport, Anstrengendes wie Familie und Hintergründiges der Literaten- und Kunstwelt mit der Verruchtheit der Präsidentensuite zu paaren oder zu verflechten. Er muss, sich selbst fortschreibend, beim Verfassen des einen Buchs schon ans nächste gedacht haben. Sich hinters Licht zu führen, um daraus wieder Stoff zu gewinnen.

Jetzt hat er das Licht ausgemacht. Man wird und darf gespannt sein, was der Nachlass hergibt. Das dürfte, bei dem Werk, ein sehr umfangreicher Zettelkasten sein – vielleicht täusche ich mich.

S. 77 Täuschung

„Also, folgende Situation. Zuckerman, meine Hauptfigur, stirbt. Sein junger Biograph isst mit jemandem zu Mittag, und er spricht über seine Schwierigkeiten, mit dem Buch in Gang zu kommen. Er ist auf einen krassen Mangel an Objektivität in der Reaktion der Leute auf Zuckerman gestoßen. Von jedem bekommt er eine andere Geschichte. Es gibt zwei Alpträume für einen Biographen, sagt er. Einer ist, dass du von jedem dieselbe Geschichte bekommst, und der andere ist, dass du von jedem eine andere Geschichte bekommst. (…)“

Nachdem vermute ich einen schlummernden Zettelkasten. Könnte aber auch sein, dass der einsame wilde Mann die letzten Ruhejahre genutzt hat, alle Spuren zu verwischen. Denn es gibt nur einen Zuckerman. Nur einen Philip Roth. Nur einen Ghostwriter. Ruhe Sanft du ständiger Begleiter. Wenn ich einen Autor wirklich hochgeschätzt habe, dann Philip Roth.

Life is just a short period of time in which you are alive.

— Philip Roth , Amerikanisches Idyll

 

Nachruf in der FAZ:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/nachruf-auf-philip-roth-ein-riese-unter-den-grossen-15602963.html

 

Rom, Träume – Räume – Bilder

… Mussolini, Faschismus und der Film Noir, Pasolini, Morante, Moravia, Gadda und die Zeit des Dolce Vita. Raffael, Leonardo, Michelangelo. Das alte Rom, das Kaiserrom, das Italienische Rom. Der Vatikan, die Via Alta, der Plaza del Popolo, die spanische Treppe. Zaha Hadid, Peter Eisenman, Bruno Zevi, Lucio Passarelli, Renzo Piano. Das die wenigen Begriffe und Namen, die spontan durch den Kopf geistern. Rom die ewige Stadt. Rom der Puls am Tiber. Rom die Touristen. Rom der Lärm. Rom die Ruhe. Die vielen Kapellen.

Rom, Räume – Mussolini

9783937834658Unbedingt empfehlen will ich das Buch von Maike Albath: Rom, Träume aus dem Berenberg Verlag 2013, damals gelesen, heute gelesen, zwei unterschiedliche Welten gesehen – jetzt wo ich vier Tage in dieser mehr als widersprüchlichen und lauten und schönen wie historisch überladenen Stadt war. Jetzt wo ich mich erinnere und noch einmal lese:

„Ein Volk, das Verbrechen seines Regierungschefs toleriert, wird zum Komplizen dieses Verbrechens. Schlimmer noch: Wenn es sie unterstützt und auch noch applaudiert, wird es sogar zum Verursacher dieser Verbrechen (…) Ob die Mehrheit des italienischen Volkes wusste: dass die meisten seiner Taten Verbrechen waren? Fast immer wusste es das, aber die Italiener sind so beschaffen, dass sie ihre Stimmen eher dem Starken geben als dem Richtigen, und wenn man sie zwischen Vorteil und Pflicht wählen lässt, entscheiden sie sich, auch wenn sie um ihre Pflicht wissen, für ihren Vorteil. Mussolini, ein mittelmäßiger Typ, grob, ohne jede Kultur, von vulgärer, aber effektvoller Beredsamkeit, war ein perfekter Spiegel der Italiener. Im Innersten schwach, aber Bewunderer der Stärke, entschieden, gegen seine Natur stark zu wirken. Käuflich, korrumbierbar. Ein Schmeichler. Ein Katholik, ohne an Gott zu glauben. Er bestach andere. Eingebildet. Eitel. Gutherzig. Eine simnple, berechenbare Sinnlichkeit. Ein guter Familienvater, aber mit Geliebter. Skeptisch und sentimental. Mit Worten gewalttätig, doch vor der Grausamkeit und der Gewalt floh er und zog Kompromisse, Korruption oder Erpressung vor. An der Oberfläche leicht zu rührern, doch nicht in der Tiefe. Wenn er Gutes tat, dann aus diesem Grunde oder aus Eitelkeit, um seine Macht zu ermessen. Er bezeichnete sich als volkstümlich, um der Mehrheit zu schmeicheln, tatsächlich war er ein Snob und verehrte das Geld. Er hegte tiefe Verachtung für die Menschen, aber ihre Bewunderung tat ihm gut. Wie eine Hure, die sich von einem alten Mann aushalten lässt und dann mit einem jüngeren Liebhaber über ihn lästert, polemisierte Mussolini gegen das Bürgertum und machte sich bei der Masse beliebt. Sie wie die Hure glaubt, von einem jungen Schönen geliebt zu werden, der sie jedoch nur ausnutzt und verlassen wird, wenn sie ihm nicht mehr nützt, verhielt sich Mussolini mit der Masse. Ihn blendete das Prestige bestimmter Begriffe: Geschichte, Kirche, Familie, Volk, Vaterland usw. Die Substanz der Dinge begriff er nicht, er verachtete sie aus Unverständnis. Die Substanz der Dinge begriff er nicht, er verachtete sie aus Unverständnis, aber auch aus Egoismus und Ungeschlachtheit.“

Zitiere ich aus Maika Albath, Rom, Träume – sie wiederum zitiert aus den Tagebüchern Elsa Morantes vom 1.Mai 1945, als Mussolini und seine Geliebte Clara Petacci von Partisanen hingerichtet wurde. Rom die Stadt der Gegensätze. Wo wir überall waren:

Renzo Piano,  Auditorium Parco della Musica

Pier Luigi Nervi, Palazzetto dello Sport

Palazzetto dello Sport

Zaha Hadid – Maxxi Museo Nationale

Derzeit eine absolut empfehlenswerte Ausstellung über Bruno Zevi noch bis zum September. Als über Architektur noch lebendig gestritten und diskutiert wurde. Btw man sich auch für Berlin wieder eine offene Diskussion wünscht und nicht immer nur Leitbilddebatten. Du am Beispiel Rom eine mehr als zweitausendjährige Schichtung ablesen kannst und verfolgen. Du sicher die Frage stellen kannst, wie es möglich ist, ein Forum Mussolini unkommentiert und frei von jeder Wertung öffentlich und nicht bewacht „auszustellen“ – oder zu zeigen. Selbst die Bodenmosaiken dem Duce Referenz erweisen. Oder, Höhepunkt: ein vorbeikommender Jogger sich vor der Duce-Säule bekreuzigt. Da ich im Museum keine Bilder von der Ausstellung geschossen habe, der Katalog mir auch nicht zusagte, hier ein paar Suchergebnisse zu den dort ausgestellten Architekten: Lucio Pasarelli Maurizio Sacripanti, Luigi Pellegrin, Franco Albini, Giovanni Michelucci, Mario Ridolfi and Carlo Mollino last but not least: Bruno Zevi

Foro Mussolini

DUx Mussolini

Ja, er bekreuzigte sich angesichts dieses steinigen Phallus. (der Schattenmann dort hinten … ;o) Dann das Skulpturenkabinett – was eine Groteske oder Satire auf den Faschismus – wo man es ernst meinte, des männlichen Stärkegefühls, sie stehen dort und schauen grimmig, manch einer wirft Steine. Foro Mussolini

der gleiche hercules im verbund

VIA APPIA Wiki

via alta

Goethe sitzt hier in Front des Grabmals der Caecilia Metella:

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VIA MARGUTTA Wiki

Aus Wiki: Die Gasse wurde 1953 durch das Paar Gregory Peck und Audrey Hepburn in Ein Herz und eine Krone bekannt. In der Via Margutta wohnten unter anderen Giulietta Masina, Anna Magnani, Federico Fellini, Renato Guttuso und Giorgio de Chirico. Früher malten noch in der Nähe Pablo Picasso, Gaspar van Wittel, Jusepe de Ribera, Nicolas Poussin, Pieter van Laer und Peter Paul Rubens.

Das Monumente Emanuele II Wiki, auch Schreibmaschine genannt, von niemandem geliebt, von allen mit Verwunderung bestaunt

Die Villa Farnesina – Raffael und die Renaissance Wiki

Tempietto di Bramante Wiki

Aus Wiki: „Er wurde über der vermeintlichen Kreuzigungsstelle des Apostels Petrus von dem italienischen Renaissance-Baumeister Donato Bramante errichtet, nach dem er auch benannt ist. Die Bedeutung dieses Kirchenbaus liegt in der Zusammenführung eines antiken Peripteros-Tempels mit neuen römischen Architekturelementen in harmonischen und eleganten Proportionen. Der Tempietto gilt als Schlüsselwerk der Architektur der Hochrenaissance, wie auch als Initialbau für den Typ der zentralen Grabeskirche.“

Hin und wieder eine Pasta, ein Spritz oder ein Bier aus der Provinz – der Rotwein – alles in allem eine Stadt, die sich dir auf den ersten Blick wuchtig, architektonisch und ebenso dicht wie kolossal darstellt, und im zweiten Blick erst erschließt, oder seine eigene Geschichte erzählt pro Ort und Straße. Im ersten Blick Menschen, viele, am Petersdom genauso wie in der Via del Corso, hin und wieder das Militär seine Soldaten abstellt, in der U-Bahn, am Plaza Spagna oder an der Villa Medici. Das Chaos im Parlament mit gescheiterter Regierungsbilung sich im Chaos der durch die Gassen quälenden Autos und Motorroller spiegelt, um am nächsten Tag schon eine erfolgreiche Gesprächsbereitschaft der Rechten mit den sogenannten Liberalen (die 5Sterne Bewegung) ohne Berlusconi zu verkünden. Das Gewusel auf den Straßen davon nichts mitbekommen hat. Anfangs wirkten die Römer auf mich unnahbar, städtisch gehetzt – kommst du ein paarmal am gleichen Ort vorbei, wird schon gegrüßt, stehen zwei oder drei zum Gespräch zusammen, ganz perdu. An Rom scheiden sich die Geister, heißt es, die Widersprüche sind unübersehbar. Um die Tiefen zu ersehen oder zu erblicken, werden wir ein zweites Mal hinfahren müssen.

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Petersdom und Vatikan sahen wir nur im Vorübergleiten – zu viele Eintrittssuchende. Michelangelo wurde von den Decken und Wandmalereien des Raffael in der Villa Farnesina mehr als kompensiert.

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Rom Stadtgrundriss:

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Berlin Stadtgrundriss:

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ein Zufall nur?

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Beste Grüße in die Runde!

 

 

Fueilletonitis – von Kantor über Murkx zum Blubber-Bingo

NZZ:

Die russischen Intellektuellen haben sich korrumpieren lassen – Begegnung mit dem Freigeist Maxim Kantor

„Wie seine Farben trägt Kantor auch Geschichte gern opulent auf, wobei er mitunter die Grenze zur Überorchestrierung streift, wenn nicht überschreitet, zumal sein umfangreicher Roman mit einer Mephisto-Gestalt auch ins Phantastische umschlägt und sich geschichtsphilosophischer Spekulation nicht verweigert. Letzteres reiht sich ein in die russische Tradition der essayistischen Erzählung, wie sie etwa Wassili Grossman in «Alles fliesst» gehandhabt hat.“

DIE ZEIT:

Gibt es gar nichts zu sagen?

Jana Hansel erkämpft oder nichtbekämpft die Lethargie der sog. linken Intellektualität mit dem Emporkömmlichen rechter Denke. (der gegenseitige Vorwurf des Pharisäerns der Wirklichkeit Fußfessel Hohn und Spott beschreibt) Niemand traut sich zu widersprechen?

Schaue ich in den Kommentarbereich, sehe ich die üblichen „Gesinnungsethiker, das System der Open Borders, die besserverdienende Libertinage oder die Zerrbilder einer Bourgoisie, den historischen Endkampf und hochfantasierte Interventionen und die Anstellungskörperschaften, die Abkömmlinge der Avantgarde, den Tunnel der Doofheit, den schwarzgrünhellroten Plan, die Jubelrufe der moralkapitalistischen Basis“,

vor allem erkenne ich dick aufgetragen:

liberale, kapitalistische und kulturlinke Werte, ökologischer Landbau, bildungsbürgerliche Milieus, nettes Lifestyle-Accessoire“, dabei dient mir ein einfacher Filter: je höher ein Kommentar bewertet ist, desto sicherer die Fangquote: „warte darauf, dass Günther Grass von den Toten aufersteht und uns mit seiner obligatorischen politischen Grütze überzieht und den verbliebenen rotgrünen Champagnersozialisten ein Lächeln ins Gesicht zaubert“ … oder „Dieses unsägliche Schwadronieren“  (gemeint ist Habermas) und gleich nochmal: ein Dummschwätzer vor dem Herrn – warum ich dazu nichts sagen kann? // Das Niveau, Frau Hansel, das Niveau. Muss ich denn jedes Stöckchen springen? Muss ich?

Der Spiegel:

Der rechte Glaube

Es gibt Christen in der AfD – und Rechte in den Kirchen. Wie bringen sie ihren Glauben in Einklang mit Hetze und Rassismus? Was nicht passt, wird passend gedacht. von Annette Langer

„Der Schutz des ungeborenen Lebens, das traditionelle Familienbild und die Ablehnung der Homosexualität sind Themen, die die AfD für einige Christen attraktiv machen“, sagt der Bischof der evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz (EKBO), Markus Dröge. „Aber diese Gläubigen wissen nicht, was sie alles miteinkaufen. Sie werden zum Feigenblatt für eine Partei, die die Grundlagen der freiheitlichen Demokratie demontieren will.“

Sueddeutsche Zeitung:

Attackieren! Ignorieren! Argumentieren!

Mit dem Einzug der AfD ist der Ton im Bundestag rauer geworden. Die anderen Parteien wählen sehr unterschiedliche Strategien im Umgang mit dem neuen Gegner. Von Stefan Braun und Jens Schneider, Berlin

„Eines hat sich mit dem Einzug der AfD in den Bundestag auf alle Fälle geändert: die anderen Parteien werden ganz neu herausgefordert. Sie müssen teilweise beißende Kritik über sich ergehen lassen. Sie müssen mehr denn je auf die Einhaltung der Regeln achten, um dem Vorwurf zu begegnen, sie würden die Rechte der AfD einschränken, sie mithin diskriminieren. Und sie müssen sich jeden Tag neu überlegen, wie sie auf Anwürfe und Provokationen reagieren.“

Die Presse:

Nazis & Goldmund: Was (rechte) Sprache verrät

„Wörter sind Waffen. Wir holen sie uns zurück“, so Steinbuch. „Aber nicht, um Feindbilder zu zementieren, sondern: Wie können Literatur und Kunst zu einer emanzipierten, kritikfähigen Gesellschaft beitragen? Auch, zu hinterfragen: Was heißt ein Wort wie Freiheit oder Demokratie heute noch?“, ergänzt Arzt. Im täglichen Fluss immer neuer Meldungen verursacht eine problematische Aussage vielleicht einen kurzen Aufschrei, Aufregung verebbt schnell wieder. „Wir aber machen halt und sagen: Schaut, dieses Wort, dieser Satz ist gefallen“, erklärt er. Steinbuch pflichtet bei: „Wir wollen die Komplexität von Begriffen vor Augen führen, so, dass man anfängt, nachzudenken.“ Link zu den Poeten hier (der im Artikel funzt net)

Der Tagesspiegel:

Genial verdorbener Witz – Tristam Shandys Lawrence Sterne für 98 Euro

„Für Goethe und Nietzsche war er „der schönste Geist“ und „der freieste Schriftsteller“ seiner Zeit. Lessing, einer seiner begeisterten Leser, hätte dem bereits mit Mitte fünfzig Verstorbenen gern fünf Jahre seines Lebens abgetreten, „und hätt ich auch gewiss gewußt, dass mein ganzer Überrest nur acht oder zehn betrüge, mit der Bedingung aber, dass er hätte schreiben müssen, gleich was, Leben und Ansichten oder Predigten oder Reisen.“

Außerdem im Tagesspiegel:

Unser Mann im Kinosaal

Das „Schreibheft“ präsentiert den Schriftsteller Graham Greene als Filmkritiker.

„Nein, so geht Filmkritik wirklich nicht mehr: so hopplahopp ohne Gespür für den ersten Satz gleich ins Meinen hineingesprungen. So wertungsversessen vor jedem Bemühen, Tonfall und Atmosphäre szenisch zu veranschaulichen. Und zum Teil so glanzlos heruntergefiedelt, als wüsste der Autor dieser Texte aus den Jahren 1928 bis 1941 nicht, welche Möglichkeiten intelligenter Journalismus bietet. Wie kommt es, dass es trotzdem ein Vergnügen ist, Graham Greene bei der Arbeit zuzusehen?

Ein nicht unerheblicher Reiz besteht sicher darin, den britischen Weltklasseerzähler in unkonzentrierteren Momenten zu ertappen – und gleichzeitig zugeben zu müssen, dass sich auch im Parlando eine erstaunliche Beobachtungsgabe versteckt.“

Standard:

Künstliche Intelligenz als Poetin: Als die Maschine lernte, Klassiker zu sein

Computer schreibt Gedicht im Standard

Auf den ersten, flüchtigen Blick erregt das untenstehende Opusculum keine besondere Aufmerksamkeit. Ein Geheimnis hüllt gleich die Anfangsstrophe in ein diffus verschwimmendes Licht. „Auf der Flucht gezimmert in einer Schauernacht“: Es fällt schwer, diese Aussage nicht für selbstbezüglich zu halten. Häufig genug machen moderne Texte von der Möglichkeit Gebrauch, von sich selbst zu sagen, was es mit ihnen auf sich hat. Um den Leser nur umso gezielter hinters Licht zu führen. –

Sonnenblicke auf der Flucht

Auf der Flucht gezimmert in einer
Schauernacht.
Schleier auf dem Mahle
Säumliche Nahrung, dieses Leben.

Die heiligen Lippen der Schande. *grrrrrrrrr

Im Tagespiegel:

Schwätzer, Trolle, Wortverdreher

Wie für unsere Zeit geschrieben: Mit „Humbug und Variationen“ des Rumänen Caragiale ist einer der großen Spötter der Weltliteratur zu entdecken:

„Von Ion Luca Caragiales Feder zum Rrrumänen geadelt, besitzt er nicht viel Haltung, dafür Meinungen im Übermaß. Im Politischen eignet ihm ein haltloser Wankelmut, dem nur der patriotische Blick auf den äußeren Feind Einhalt gebietet. Im Privaten hält er es ähnlich. Denn nachdem er sich aus den Hitzen der Jugend ins Phlegma der mittleren Jahre geflüchtet hat, verteidigt er mit schlitzohriger Sturheit nur den müden Anschein seiner bürgerlichen Ehre. Die wahre Rrrumänin ist nicht besser. Sie hält sich nur dafür. Mit ein paar Brocken Französisch macht sie auf Dame von Welt, lebt ansonsten aber in der tiefsten Provinz ihres geltungssüchtigen Herzens, und das am liebsten auf Kosten anderer.“

Zum Buzzword-Bingo, auch Bulshit-Bingo oder Besprechungs-Bingo gibt es auf Wikipedia Passendes.

Was bleibt? Der Schwarm der Schmarrn. Der Schaum der Löffel. Das Helium frisst die Luft. Das Selbstzeugnis als Programm. So sammeln sich die Fragen. Alles sichtbar. So viele der Fragen – die Antworten warten auf den nächsten Crash. Das Fatale am System, es wird auch die treffen, die ihn herbeizitieren. Die Uhr steht täglich kurz vor Zwölf. Egal an welchem Ende der Welt du dich befindest.