Kontinuum

… war das verrückt. In all den Figuren unterwegs zu sein. Bis mir die Karten aus der Hand rutschten und ich von vorn begann. Das alles noch einmal zu spielen.

Mein Vater war zu allem fähig, er war zu allen streng, sich entschuldigen kam für ihn nicht in Frage. Mein Vater war ein guter Mann.

Er hat mir nichts bedeutet. Manchmal täuscht der erste Eindruck. Versuche ich, dem ersten Eindruck meines Vaters auf mich nachzugehen, sehe ich ihn am Gartenzaun einen Kater verprügeln, der eben die Jungen unserer Katzenmutter getötet hat. Da war ich fünf. Wir lebten im Ausland, im südlichsten Ausland, im Land der Schwarzen, der Dunkelhäutigen, im Land der roten Erde, das vom Blut der Ureinwohner getränkt war, so die Sage. Nachdem es versickert war, blieb die Erde rot und gehörte von nun an den Engländern und Holländern – kurz den Buren – und meinem Vater. Ein weiterer erster Eindruck – ich soll diese Geschichte, so lautet der Auftrag, endlich erzählen, umfänglich und genau, in der richtigen Reihenfolge, aber so, als habe sie nie stattgefunden – es muss diese Geschichte eine Erfindung sein, ähnlich der vom Jesuskind – denn, so war der Plan der Eltern für mich: ich sollte Präsident Südafrikas werden, verrückt. Ihr Jesuskind, ihr Leben dort, noch verrückter wurde es, als sie nach Deutschland zurückkehrten, was heißt das schon – verrückt. Nur eine Spur breit neben dir. Was gleich zum Vorwurf wurde. Ich stünde immer neben mir. Ich sei nicht bei der Sache. Was hast du mit meiner Frau gemacht? Da war ich fast schon flügge und hatte Mutter angeschrien, sie soll sich davonmachen aus meinem Leben. Was hast du mit meiner Frau gemacht? Und aufgeregt wie damals, rief ich: ich hab sie geschlagen. Wie du die Katzen schlägst. Da hat er mich geschlagen.

Mein Vater war ein guter Mann. Er war zu allem fähig.

Nun erzähl endlich die Geschichte.

Zur Marginalisierung von Literatur

… oder von Klagenfurt am Wörthersee – ich mach es kurz. Ein Rant #ard #zdf sozusagen.

Es hat dieses Jahr ein sehr spannender Wettbewerb um Literaturtexte stattgefunden in Klagenfurt, auch Bachmann Preis genannt – übrigens durchaus divers und vielseitig – mit sehr unterschiedlichen Anlagen in Rhythmus, Konnotation, Aussage und Form – mit einer würdigen Preisträgerin, Helga Schubert war nicht nur nicht prätentiös, nicht nur nicht umständlich, nicht nur nicht kompliziert, sie hat einfach einen großartigen Text großartig und berührend vorgetragen und zurecht den Bachmannpreis für ihre Arbeit erlangt.

Am Abend dann. Heute-Sendung 19:00 Uhr nichts. Tagesschau – nichts – Heute-Journal – nichts – und wie ich es überflogen habe, auch in den Tagesthemen – nichts.

Hat der ORF vergessen, eine Pressemitteilung rauszugeben? Dürfen nun etwa Ard und Zdf nicht über Inhalte des ORF berichten? Wenn dem so wäre … Hilfe! Oder haben die Nachrichtenredaktionen der Fernsehanstalten Ard und Zdf keine Kulturabteilung mehr? Oder war ihnen diese Veranstaltung tatsächlich nicht ein Wort wert, mitgeteilt zu werden? Das ist beschämend und peinlich zugleich.

Auch ich jetzt mal meine Monatsgebühren für den Kulturauftrag der großen Sender anmerken darf. Wofür bezahle ich monatlich 17,50 Euro? Damit ihr mir jeden Abend Steine ins Wohnzimmer schmeißt, mir permanent den Obermufti aus den USA und seine Unsagbarkeiten liefert? Ganz zu schweigen von all den gesellschaftlichen Randerscheinungen dieser Breitengrade, die mir fortwährend als relevant verkauft werden – zum Beispiel, dass der HSV noch eine Saison in Liga 2 verbringen soll – um mal ein weniger politisches Eisen anzufassen. Das Nachrichtenprogramm gestern: Plünderer in Stuttgart. Tönnies Coronawurstfabrik. Messerstecher in GB. Donald irgendwas. Fußball. Das Wetter.

Öffne das Fenster. Lasse Luft rein. Schließe das Fenster. Schaue im Internet nach.

Entschuldigung. Wenn ihr wollt, dass dieses Land nicht mehr drauf hat, als vor sich hergetrieben zu werden, weiter so. Wenn ihr noch irgendeinen Funken auf Vielfalt und Kultur einer Gesellschaft setzt, dann haltet doch mal eure Kameras auf Veranstaltungen, die von der Vielfalt und der Kultur dieses Sprachraums berichten. (Sie hätten ja nichtmal Kameras gebraucht, war alles im Kasten beim ORF?) Von Unkultur habe ich mehr als genug im World Wide Web. Wollt ihr denen konkurrieren, habt ihr schon verloren. Euer lautes Schweigen.

Traurig. Beschämend. Peinlich.

Ratlos stelle ich fest: die Behandlung von Literatur in diesem Land ist an einem weiteren Tiefpunkt angekommen. Das hat einmal mehr festgestellt nichts zu tun mit fehlenden Leitwölfen in der Literaturrezeptionsebene (ohne die kluge Löffler war doch MRR eine Parodie seiner selbst – und dass er die Literatur maßgeblich verbessert habe mit seinem Theater, halte ich für ein Gerücht – ohne gute Literaten war auch er stimmlos und hatte Zeit für Dinge wie Kanon der deutschen Literatur). Es hat nichts zu tun mit einer Literaturkritik, die sich selbst feiert auf Kosten ihrer Autoren und Autorinnen. Es hat nichts zu tun mit einer Überproduktion von Büchern. Es hat nichts zu tun mit fehlenden guten Literaten. *(siehe Anmerkg.)

Es hat aber unbedingt etwas mit der mangelnden Bereitschaft zu tun, überhaupt noch etwas in die Rezeption zu treiben. (Einmal seinen Kopf einzuschalten – bekanntlich sinkt der IQ der Bevölkerung.) Es sprechen für die Nachrichtenredaktionen offenbar nur bewegte und gewaltversprechende und explosive wie aggressiv machende Bilder, damit einher geht jeder Auftrag verloren, es sei denn die Redaktionen sehen es als ihre Aufgabe an, Fernsehzuschauer an den eigenen Sessel zu fesseln, wo sie in Schockstarre den eigenen Rand hautnah erleben als Ende der Welt, der Wille zu geistiger oder intellektueller Kreativität lässt in solchen Momenten der Furcht und Angst zwangsläufig nach – dem Motto folgend: wo kein Wille, da sorgenfreies Girren und Brechen der Äste – Der Wurzeln Knarren und Gähnen? Durch übertrümmerte und aufgescheuchte Krähen – frei nach Goethe.

I’m sorry – Rundfunkgebühren zahle ich auch, sogar freiwillig und sogar gern: für Arte, 3Sat, die Dritten und für Radio, aber für Ard und Zdf scheint Geld zu verdampfen – da darf jeden Abend Frau Kohl oder sonstwer Börsennotizen bekanntgeben (wer sich für Börse interessiert, braucht keine Kohl oder sonstwen viertel vor Acht) – und sie schaffen es nichtmal, eine halbe Minute auf Klagenfurt am Wörthersee aufmerksam zu machen – je weniger sie es geschehen lassen, desto weniger geschieht es? Und reißen mich regelrecht so gar nicht vom Stuhl, außer dass ich stumpf werde und mich umso peinlicher gar nicht mehr berührt sehe. Ein Lehrstück fast, wie die Vielfalt von Gesellschaft buchstäblich ins Nichts überführt wird. Dass Literatur nun auch schon, wie Löffler im Beitrag zum Deutschlandfunk anmerkt, ein Nischendasein führt – halte ich schlichtweg für eine kulturelle Bankrotterklärung – der ich mich beim besten Willen nicht anschließen will, der ich mich nach Duktus und Ausstrahlung von Ard und Zdf aber zu fügen habe? – Jetzt erst recht nicht!

Übrigens: das Digi-Format hat mir sehr gut gefallen, ausbaufähig, da ließe sich einiges an Kultur zusammenbringen – auch ohne Ard und Zdf. Denn sie marginalisieren nun, so scheint es, sich selbst, zusehends – ganz aus sich selbst heraus. Was eine Leistung.

Vom Twittern mitgebracht: Sigrid Löffler „Das ist wohl eher ein Relevanztheater“

Alle Texte zum Nachlesen

Pressespiegel: Tagesspiegel, Die Zeit, Sueddeutsche Zeitung, NZZ, FAZ, Die Welt

Alles weitere zum diesjährigen Bachmannpreis auf der Seite des ORF Besten Dank nach Österreich / dort zumindest feststellbar Buchkultur vorliegt.

Anmerkg *Kritischerweise möchte ich anmerken: vielleicht hat der Klagenfurter Buchpreis einen zu akademischen Pro-Seminar-Charakter inzwischen – das zum Beispiel ließe sich abstellen, indem die Suche nach Talenten zugunsten einer Suche nach Literaten umgemünzt würde. In Helga Schubert haben sie eine Literatin gefunden, in Egon Christian Leitner auch, zu den anderen möchte ich mich enthalten //ja klar, und schon haben die Verlage keine Bühne mehr, auf der sie ihre Hoffnungsträger präsentieren können – //Entschuldigung, es hindert sie niemand daran, selbst ein paar Bühnen zu errichten. Ich meine, Entschuldigung. Ich muss auch jeden Tag ins Büro und Video konferenzen – außerdem: so ein bisschen Webex – Team oder Skype oder Zoom oder oder kostet nicht die Welt. //das Format jedenfalls: junge Autoren zittern ihre Texte vor, damit Professoren und Fuilletonisten sich echauffieren, scheint mir aus der Zeit zu fallen (sicher: ein weites Feld – nochmal Entschuldigung. Haben wir nun Internet oder haben wir kein Internet? Wollen wir ewig in der Opferrolle rumplustern? Ich habe es schon mehr als einmal gesagt: Amazonien ist nicht so mächtig, weil sie mächtig sein wollen, sondern weil wir es zulassen. Wann endlich setzen sich die Buchmacher zusammen und entwickeln Gegenstrategien, wann? Wenn sie alle pleite sind? – nun gut. Bin kein Verleger. Hab schon noch ein paar Bücher – mit denen komme ich durch … nur das von Helga Schubert fehlt mir noch, und das von Egon Christian Leitner.)

 

Die Galerie aus dem Palast der Republik …

… gesehen im Museum Barberini Postsdam [noch bis 21.Mai 2018]

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Hans Vents „Menschen am Strand“, 1975

Ich war Ich sagen, zweimal
Ich Ich
kann mich wiederholen,
war Ich
geteilt durch die anderen.
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Ronald Paris: Unser die Welt – trotz alledem, 1975/76, Dispersion auf Hartfaser, 280 x 600 cm

 

Neulich stritt ich mich über Symbole mit einem, der nur Fakten zulässt. Fakten, weiß ich seitdem, wirken wie genormte Lügen. Schon berühre ich einen Allgemeinplatz für Figuren,

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Bernhard Heisig (*1925) Ikarus, 1975 Öl auf Hartfaser, 280 x 450 cm

Schaue Filme und spüre: die anderen, die ich war, sind fort. Du kannst die Namen der Filmemacher, Bildhauer, Musiker, Schriftsteller noch einmal aufsuchen, den anderen als Zeichen einer kulturellen Informiertheit mit auf den Weg geben, allein, sie sind fort. Der Weg ist das Ziel, hieß es, auch der hat sich losgemacht, will fort.

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Erhard Großmann (*1936) Tadshikistan, 1975 Tempera auf Hartfaser, 280 x 600 cm

Und lebe Abwesenheit. Was mir Wert war, ist anderen ein Zucken der Schultern. Ich zucke Schultern. Am Anfang war all das Nichts. Ich kann es mir wünschen, aber nicht aussuchen. Da saß heute ein schöner Mann im Büro, sagt Frau, und meinte mich, sie spricht aus, was ich nicht sehe. Sprachen in kryptischen Rätseln. Ich sah Gläubige. Hünen. Prediger. Der Diktator gewinnt, habe ich bei Benjamin gelesen. Umstellt von Begriffen.

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Willi Sitte (*1921) Die rote Fahne – Kampf, Leid und Sieg, 1975/76 Öl auf Hartfaser, 280 x 300 cm

Benjamin schreibt im Text von der Reproduzierbarkeit auch über Dadaisten, es scheint all das beim Blick auf die Verlautbarer einer Halluzination zu unterliegen, von aufrechten Falschwörtern. Es gibt plötzlich wieder die Guten die Bösen. Wie im Film manchmal, schreibt Benjamin, die Dadaisten sich der Begriffe ermächtigen und über sie stolpern, während Charlie Chaplin die Begriffe der Dadaisten in sich vereint und ebenfalls stolpert, stellvertretend für das Stolpern der Betrachter. Ein Spiegel auf alles Handeln und Tun.

https://www.youtube-nocookie.com/embed/Wh9fvy2KmNs – Walter Benjamin gegen seine LIebhaber verteidigen

Im Bild wie im Film ist so manches, was sich als Chock erweist. Was am Anfang das Wort war, ist im Zeitalter seiner Reproduzierbarkeit ein statisches Bild, ohne Bewegung darin, nur den wenigen Liebhabern der Sprache ein Synonym für Bewegung und Spiel. Die mit der Kamera schießen wild Bilder. Und bebildern ihr Schießen. Werden flankiert von denen, die sie bewundern beweinen. Es wundert nun doch, dass plötzlich die Guten die Bösen im Sinn ihrer Zuweisung von Guten und Bösen wandeln, und sich dabei zum Verwechseln ähnlicher werden.

https://www.youtube-nocookie.com/embed/WwdjcXJZ94Q – Walter Benjamin zum Gedächtnis 4 Teile

lese Walter Benjamins Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Noch einmal.

„Mit den Neuerungen der Aufnahmeapparatur, die es erlauben, den Redenden während der Rede unbegrenzt vielen wahrnehmbar und kurz darauf unbegrenzt vielen sichtbar zu machen, tritt die Anstellung des politischen Menschen vor dieser Aufnahmeapparatur in den Vordergrund. Es veröden die Parlamente gleichzeitig mit den Theatern. Rundfunk und Film verändern nicht nur die Funktion dessen, der sich selber vor ihnen darstellt, wie der politische Mensch es tut. Die Richtung dieser Veränderung ist, unbeschadet ihrer verschiedenen Spezialaufgaben, die gleiche beim Filmdarsteller und beim Politiker. Sie erstrebt die Ausstellbarkeit prüfbarer, ja überschaubarer Leistungen unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen wie der Sport sie zuerst unter gewissen natürlichen Bedingungen gefordert hatte. Das bedingt eine neue Auslese, eine Auslese vor der Apparatur, aus der der Champion, der Star und der Diktator als Sieger hervorgehen.“

 

Du schreibst wie Wagner sinkt

Es ist schon eigenartig. Kaum ein Buch, das einem in Funk und Fernsehen nicht ohne Trailer präsentiert wird. Nicht ein Hörbuch denkbar ohne Hintergrundrauschen oder Soundcollage. Und doch. Auf der Suche nach den Vorlieben der Autoren stehe ich mit relativ leeren Händen da. Was hörte Hermann Hesse, frage ich mich, was Albert Camus. Was mag James Joyce gehört haben, was hört Peter Handke (Beatles und Rolling Stones …)? Von einigen ist es mir untergekommen. Thomas Bernhard zum Beispiel macht das Thema Musik explizit zu seinem Thema. Richard Powers macht es. Thomas Mann machte es. (hier im Streit mit Schoenberg) Adorno ging gleich mal auf den Jazz los. Bei Stefan Zweig bricht die Musik schließlich aus ihm heraus beim Hören des Messias von Händel. Max Frisch fühlte sich eher wie ein Banause an, Teju Cole tritt regelmäßig mit Playlists in Erscheinung, und Nick Hornby macht gleich High Fidelity draus:

Die Frage ließe sich umkehren. Welche Musiker von welchen Büchern inspiriert sind – schließlich all die Literaturverfilmungen, in denen nichts ohne Musik auskommt. Musik, Sprache und Bild eine Wechselbeziehung eingehen, auch wenn kein Satz gelingen will – die Worte längst „gespielt“ sind, zu schweigen von all den Unterwanderungen der Musik durch Lyrik in jedem Popsong.

Auffällig viele Bücher machen die Musik zum Thema. von Nick Hornby (High Fidelity),  über Richard Powers (Der Klang der Zeit), Alissa Walser (Am Anfang war die Nacht Musik), Heinz Strunk (Fleisch ist mein Gemüse), Pascal Mercier (Lea),  Roddy Doyle (die Commitements), Robert Schneider (Schlafes Bruder) Frank Goosen (So viel Zeit) Thommie Bayer (Vier Arten die Liebe zu vergessen) Thomas Mann (Doktor Faustus, Der Zauberberg) Hans Joseph Ortheil (die Erfindung des Lebens). Relativ neu: Julian Barnes (Der Lärm der Zeit – Roman über Schostakowitsch)

Schließlich die Grenzgänger wie E.T.H. Hoffman (Komponist und Autor), oder Philipp Christoph Kayser, Komponist und Schriftsteller – oder Ezra Pound, der gelegentlich auch komponierte …

wie soll man Paul Gerhardt, dem bedeutenden Kirchenlieddichter, einordnen? Wie die Autoren, deren Sprache selbst Musik zu sein scheint, mir fallen Ernst Jandl oder Franz Joseph Czernin, Paul Valery oder Marcel Proust ein, auch Walter Benjamin oder wieder Thomas Bernhard, bei dem alles wie eine Sinfonische Dichtung klingt mit Pianissimostellen sich steigernd zu einem Mezzoforte oder auf Krawall gebürstetem Bruckner mit Strawinksy-Anteilen.

O Haupt voll Blut und Wunden (ein Choral von Paul Gerhardt, in die Matthäus Passion übernommen von Joh. Seb. Bach)

 

Schließlich die Literaturformen, die in den Sprechgesang eingegangen sind vom Folk, über Rap bis hin zum Poetry Slam – du wirst kaum etwas hören, was nicht in irgendeiner Form Rhythmus, musikalischer Linie oder Intonation folgt.

Nicht umsonst wurde letztes Jahr der Literaturnobelpreis an Bob Dylan als Musikerlyriker vergeben … und sicher gäbe es noch ein paar mehr, die für Sprache und Musik ausgezeichnet gehörten, bzw durch ihren Erfolg bei Publikum und Leserhörer schon ausgezeichnet sind, wurden oder werden: Von David Bowie über Sophie Hunger bis hin zu den Eurythmics, Jennie Lennox oder von Sven Regener (seine Wutrede … seine Element of Crime) über Falco bis hin zu Ton Steine Scherben, Udo Lindenberg, fehlen nur noch die Liedermacher von Konstantin Wecker bis Sarah Lesch. Ach ja und an Hans Dieter Hüsch möchte ich auch erinnern (Grenzengänger)!

(Beispiel: Als Kind des Beat und Rock n‘ Roll kann ich gut mit Bob Dylan bis Frank Zappa leben, somit auch mit Jack Kerouac (Ein Beatnick)

oder mit Thomas Pynchon (Alles scheint erlaubt, auch wenn es bisweilen überfordert), bekomme trotzdem Schwierigkeiten mit Büchern und Texten, in denen kaum mehr etwas gewagt wird (Was im Rock n‘ Roll, im Pop, im Jazz, in der neuen Musik erlaubt ist, scheint in der Literatur seltsamerweise Tabu, verpönt, wird schnell abgekanzelt: schnell handelt man sich den Trash-Vorwurf ein, oder ratlose Zuhörer … stattdessen häufig nun Texte, die über viele hundert Seiten einem ganz bestimmten Sound folgen (gibt es den überhaupt, kann es den geben?), als unterläge dem ein Klangteppich, eine einfache Komposition, eine durchgängige Melodie. Macht es gleich auch zur Methode? Warum? Für wen? Um sich von anderem abzuheben? Um als Literaturkomponist anerkannt zu werden? Muss denn alles immer gleich geniös aussehen? Wer hat diese Ansprüche? (nur mal als Exkurs-Frage in den Raum gestellt. Ich kann mich gut erinnern, wie man vor Jahren Wert auf die Feststellung legte, da sei jemand sprachökonomisch motiviert, gemeint war i.d.R. die Vorliebe für kurzes prägnantes und lakonisches Schreiben. Ganz im Sinn eines Popsongs – neueste Variante: eine Geschichte, die du nicht auf 200 Seiten dargestellt bekommst, schaffst du auch nicht auf 400 Seiten?) Im Umkehrschluss: Wie viele Romane beinhaltet James Joyce Ulysses? Komponieren wir nun die große Sinfonie oder verkompostieren wir den 3 Minuten Popsong?)

Komposition. Sound. Klang. Spannungsbogen. Phrasierung. Steigerung. Ablassen der Dynamik. Hören. Sehen. Sehen. Hören. Erste Voraussetzungen für Arrangement, Komposition und „innere Stimmigkeit“? Schau dem Ohr in die Augen. Durchdringe das Konzept. Entwickle Vorlieben?! Versuche zu durchdringen, was dich durchdringt?! Führe hinters Licht, was dich verführt? Ich höre/lese häufig, es habe da jemand einen eigenen Sound, eine eigene Stimme. Das würde ich immer der Musik zuordnen und nicht der Literatur. Im Gegenteil. Sobald ich ein Buch in Händen halte, das sich nach musikalischen Regeln verhält, habe ich nach relativ wenigen Takten seine Machart „durchschaut“, und wenn dem Text keine Inhalte folgen … es sich mit dem literarischen Text eher um „eine Komposition“ handelt, fühle ich mich innerlich erkalten. Also haben wir im Grundgedanken, dass Musik und Literatur wesensverwandt sind, eher eine Kontroverse?

Kannst du komponieren? Du bist von einem Intro beseelt und willst das Ende wissen? Wie viele Minuten gibst du einem Musikstück? Wie viele Stunden einem Buch? Du kommst von ganzen Tönen zu den Triolen. Du kommst von den schnellgesetzten zu den hingeworfenen, du bist im freien Klang wie Fall –  wenn deine Komposition nicht sitzt, atmet oder steht? Die Frage nach der Harmonie sich einem Flötisten anders stellt als einem Tubisten. Siehe da: All das lässt sich übertragen von der Sphäre zum Klang, von der Melodie zum Thema. Von der inneren Ruhe zur Unruhe … im Text. Hast du die Bruchteile von Noten gehört, die ich gerade höre?

[Erst Komponieren dann Musizieren? Oder darf ich Musizieren und die Komposition folgt dem nach? Wie häufig triffst du Leute, die etwas zu erzählen wissen, es aber nicht aufschreiben können. Wie häufig triffst du Musiker, die sich einfach zusammensetzen und erst nach Stunden voneinander lassen können. Wie häufig schon hörtest du jemanden etwas lesen und konntest schon nach wenigen Sätzen nicht mehr folgen. Warum scheint es, als könnten nicht studierte Musiker immer noch mehr zum Besten geben als Studierte schreiben? Gibt es Muster? Gibt es so etwas wie einen Besten Ton?]

Will einen Weg finden, einen Ausweg. Will nicht über Theorie und Komposition sprechen, sondern über Vorliebe und Stimmung oder Atmosphäre. Gibt es eine Romanze ohne Worte? Gibt es so etwas wie ein musikalisches Dogma? Gibt es etwa einen Kult um Technik (Anschlag, Geschwindigkeit, Beat und Phrasierung), will sagen: sind wir nicht doch und noch immer nur romantisch veranlagt geniös gefährdet?

Und bei den einfachsten Dingen scheitere ich. Zum Beispiel was für Musik hören die Autoren aus meinem Bücherregal? [Wieso interessiert mich das plötzlich?] Nun, mich wundert schon: Wie sich Musiker äußern, bewegen, darstellen, experimentell, irritierend und meinetwegen auch „schmutzig, dreckig, abgedreht“ wie vorsichtig introvertiert und lieblich Musiker sich äußern … fast ängstlich – wenn ich das soziologisch betrachten dürfte, ich würde behaupten das ist ebenso regressiv wie unterdrückend … mit dieser Art Softdown bekomme ich auch literarisch keinen Fuß mehr vor den anderen. Da geh ich lieber heulen, weinen, sterben.

Pass auf, ich habe es mal versucht: Eine Schriftstellerplaylist: Hättest du zum Beispiel gedacht, dass Max Frisch Frank Zappa hört? Aber auch Maria Callas?!  Habe ich aufgeschnappt: Hermann Hesse mochte Telemann. Thomas Bernhard hörte Debussys Pelleas Mellisande beim Verfassen der Auslöschung. Mulmig wird mir da von der Vorstellung, die jungen Autoren hören nur noch Villagers … oder … was hat das eine mit dem anderen zu tun … höre ich es aus dem Off. Siehst du ?! Was hätte ich gewonnen, wenn ich wüsste, was der eine oder andere hört. Wahrscheinlich nur ein Vorurteil mehr. Macht das Sinn? / Am Ende muss ein Autor seinen Geschmack noch den Lesern anpassen … wo kommen wir da hin. Obwohl. Ich glaub‘, manch einer macht das.  (Geht das überhaupt?)

Ja. Eigentlich wollte ich nur wissen, was die Schriftsteller meiner Bibliothek so hören in ihrer freien Zeit, in ihrer Reisezeit, in ihrer Schreibzeit. Das Internet hat nicht sehr viel verraten (bisher). Daraus nun zu schließen, sie hörten nichts, halte ich für vermessen, wenn nicht tragisch bis komisch. Habe noch folgende Hinweise gefunden:

Sahrah Fedaku:

Musik in Literatur und Poetik des Modernism: Lowell, Pound, Woolf
Klang und Musik bei Walter Benjamin

und mir eine Playlist während des Verfassens dieses Artikels gebaut:

 

PS: Der Artikel ließe sich gewiss noch in die Neuzeit überführen oder fortführen und mit aktuellen Autoren und Autorinnen anreichern …

Zusammenfassung für Eilige: Autor fragt sich, welchen Einfluss Musik auf die Arbeit eines Schriftstellers hat und würde gern eine Schriftstellerplaylist zusammenstellen. Das ist ihm leider nicht geglückt.

—– Nachträge Artikelsammlung —-

Thomas Bernhard Thomas Bernhards Musik von Wieland Elfferding;

Bedeutung von Musik in Thomas Bernhards dramatischen Werken von Manuela Kloibmüller

Thomas Mann, der Romantiker Deutschlandfunk

Bertold Brecht und die Musik in der Zeit zu Fritz Hennenberg: „Dessau-Brecht – musikalische Arbeiten“, herausgegeben von der Deutschen Akademie der Künste; Henschel-Verlag Berlin (Ost); 34,– DM.

Hanns Joseph Ortheil, vom Vergnügen Mozart zu hören in Literaturkritik

George Steiner, Gespräch mit George Steiner in der Berliner Zeitung:

Es gibt eine Spannung zwischen Wort und Musik, die von Anfang an, schon in der griechischen Mythologie, eine tragische und frustrierte Spannung ist. Die Sprache ist immer eifersüchtig auf die Musik, war es immer. In der Sprache herrschen die Fesseln der Logik. Musik dagegen kennt die Polyphonie, Musik kann mit der Zeit spielen, kann die Zeit umdrehen, im Kanon, im Kontrapunkt. Die Sprache kann es nicht.
Jürg Laederach, über seine Grenzgänge zwischen Sprache und Musik in der NZZ

 

Aber ich kann da nicht jedes Mal eine Kant-Abhandlung neu schreiben, wenn ich etwas in Musik mache.

Lässt sich das mit Schreiben vergleichen?

Was Musik ist, weiss man ja nie genau. Ich denke, dass man mehr oder weniger die Spannweite seiner eigenen Emotionen ablegt oder durchs Instrument hindurchjagt. Das ist sehr interessant, aber es ist spontaner als bei der Literatur.

 

Der umgekehrte Weg: Franz Liszt intoniert Heinrich Heine