Osteroratorium und Johannes Passion

Wer die Hinweise zur Matthäuspassion verpasst hat, kann hier noch mal nachlesen: (die Hinweise zur Johannes Passion wollte ich gestern platzieren, aber es gab kaum Internet in unserem Haus, deswegen heute zu Ostern. Ostern nun die Auferstehung zum Thema hat, und weniger die Leidensgeschichte Jesu. Tatsächlich hat Bach ein Osteroratorium geschrieben, mit Pauken und Trompeten, aber auch schönen ruhigen und tragenden Passagen. Eine fast schon ansteckende Heiterkeit „Kommt, eilet und laufet, ihr flüchtigen Füße, Erreichet die Höhle, die Jesum bedeckt! Lachen und Scherzen Begleitet die Herzen, Denn unser Heil ist auferweckt.“ Zum Text. Und wer hören/sehen will (ist auch sonst ein ziemliches Gerassel und Geklimper auf der Aufnahme, find ich aber schon wieder sympathisch):

https://www.youtube-nocookie.com/embed/rVP7mU47doA

Ich möchte noch mal Bezug nehmen auf Die Johannes Passion. Sie zählt neben der doppelchörigen Matthäuspassion, dem Weihnachtsoratorium, dem Magnificat und der h-Moll Messe zu den großen Choralwerken der Leipziger Jahre Johann Sebastian Bachs. Was dieser Passion allerdings fehlt ist eine absolute Gestalt. Bach nahm wieder und wieder Änderungen vor, konzeptionell, im Detail. Die so entstandenen Fassungen lassen das Werk auch heute noch als eine der rätselhaftesten und zugleich faszinierendsten seiner Schöpfungen erscheinen. (Aus dem Booklet des Albums von Konrad Junghänel.)

Anerkannte Aufführung aus 2000 vom Bach Collegium Japan:

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Bach collegium Japan, Chor und Orchester des Bachcollegiums Japan, mit 50 Musikern und Musikerinnen, wie es zu Zeiten Bachs üblich war.

Johann Sebastian Bach (1685-1750)

St John Passion, BWV 245 (1724)

Midori Suzuki, soprano
Robin Blaze, countertenor
Gerd Türk, tenor
Stephan MacLeod, bass baritone
Chiyuki Urano, bass

Bach Collegium Japan
Masaaki Suzuki, conductor

Japan, Tokyo, Suntory Hall in Tokyo, 2000

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Zu Inhalt und Werkgestalt und der verschiedenen Fassungen verweise ich unbedingt auf Wikipedia – „Die Texte der Arien sowie der Chöre in den Sätzen 1, 22 und 39 entstammen weder der Bibel noch überlieferten Kirchenliedern. Ihr Verfasser ist unbekannt und die Bach-Forschung geht davon aus, dass diese frei hinzugedichteten Texte nicht von einem einzigen Librettisten stammen. Insbesondere gibt es keine gesicherten Hinweise darauf, dass Bach selbst ihr Autor wäre“ Den gesamten Text gibt es hier.

Hier noch eine wunderbare Aufnahme, diesmal wieder ohne Chor, und doch so großartig:

https://www.youtube-nocookie.com/embed/i7HtIJjlJSc

Itay Jedlin – Conductor Maïlys de Villoutreys – Soprano Chantal Santon Jeffery – Soprano Lucile Richardot – Alto Leandro Marziotte – Alto Vincent Lièvre-Picard – Tenor David Munderloh – Tenor Stephen Collardelle – Tenor Nicolas Brooymans – Bass Tomáš Král – Bass Johann Sebastian Bach – BWV 245 „St. John Passion“ Recording from the „Festival d’Ambronay“, 2014

Für die Stereoanlage/das Wohnzimmer zu empfehlen:

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FonoForum: „Überhaupt profitiert die Einspielung des Cantus Cölln unter Konrad Junghänel von einer ganz natürlichen Expressivität. Eine so selbstverständliche Sprachformung – der auch das Orchester folgt – kann erst dann entstehen, wenn die barocke Klangrede allen Beteiligten längst in Fleisch und Blut übergegangen ist. Das gilt für die dramatischen Chöre und kontemplativen Choräle (traumhaft: „In meines Herzens Grunde“) ebenso wie für die Arien und Hans Jörg Mammels Evangelistenbericht.“

Und somit allen Frohe OSTERN!

ps … ich kann mich im Netz kaum bewegen, ein einziges Gzucke und gGerucke, der Provider hat das noch nicht im Griff offenbar. Sucht wohl noch nach Süßigkeiten

 

 

Matthäus Passion – hoch3

Einmal im Jahr Und setze dich mit Tränen nieder.

Zitat:

„… damit dieses eine wohlklingende Harmonie gebe zur Ehre Gottes und zulässiger Ergötzung des Gemüts … alle Musik … nur zu Gottes Ehre. Wo dieses nicht in acht genommen wird, da ist’s keine eigentliche Musik, sondern ein Geplärr und Geleyer.“

Johann Sebastian Bach (1685 – 1750), deutscher Komponist, Organist, Hofkapellmeister, Musikdirektor der Stadt Leipzig

Die Musik Bachs als vollkommene und unvergängliche Schönheit.

„Er schreibt tonal, aber ohne Farbexzesse. Er besitzt eine unendliche Palette an Grautönen … Der Frieden und die Andacht der letzten Fuge sind überwältigend. Er moduliert nie im konventionellen Sinn, lässt aber den Eindruck eines expandierenden Universums entstehen. Glenn Gould über Johann Sebastian Bach, über die Kunst der Fuge, in „Jenseits der Zeit“, Film von Bruno Monsaingeon, arte, 13. Mai 2005.

Adorno, der BACH gegen seine Liebhaber verteidigt: “ … an BACH halten sich alle, die des Glaubens wie der Selbstbestimmung entwöhnt, oder ihrer nicht mehr fähig, nach Autorität suchen, weil es gut wäre geborgen zu sein – sie genießen Die Ordnung seiner Musik, weil sie sich unterordnen dürfen – (Ironiefalle, denn Adorno verteitigt Bach durchaus als modernen Strukturalisten, wenn du so willst, muss ich jetzt nicht weiter ausführen – denn es geht um Jesus auf dem Weg zum Kreuz, nirgends so vollendet dargestellt wie in Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion aus dem Jahr 1727)
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Thomaskirche in Leipzig: Ort der Uraufführung im Jahr 1727
 Matthäus Passion Herreweghe 1998:

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NZZ: über den Auftritt in der Tonhalle 2017: „Nun, nochmals 18 Jahre später, kann man in der Tonhalle in gewisser Hinsicht den Endpunkt dieser Entwicklung erleben: eine Wiedergabe, die in jeder Hinsicht reflektiert und entsprechend ausgewogen wirkt – so sehr, dass man sie ohne grössere Korrekturen wiederum auf Platte bannen könnte.“

Sueddeutsche Zeitung: „es ist doch sehr schön, es ist so schön, er erinnert inzwischen an den alten Yoda aus „Star Wars“, ist also gütig und weise, aber auch sehr achtsam und genau. Alles ist äußerst filigran, was bei der außerordentlichen Qualität der Musiker, gerade bei den vielen solistisch zu begleitenden Passagen, mit Leichtigkeit gelingt.so schön.“

Persönliches Fazit: Eine sehr ausgeglichene Inszenierung, es erscheinen Orchester, Chor und Solisten und Solistinnen sehr gut auf einander abgestimmt. Eine solide Gangart, ohne emotionale Überhöhung und Dramaturgie. Wer nicht erschüttert werden will, sondern der Passionsgeschichte in Respekt und Abstand folgen will, wird hier nicht enttäuscht.

Auf Youtube stehen die aktuellste Aufnahme 2017 zur Verfügung oder die von 2013 von 3sat aus der Kölner Philharmonie:_

Matthäuspassion von Ton Koopman von 2005

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Im Deutschlandfunk: “ Johannespassion aggressiver als Matthäuspassion – Koopman: Ich glaube, das sind beide unglaubliche Chef d’Oeuvre, richtige Höhepunkte seiner Arbeit. Johannespassion, ich glaube, man kann auch sagen, die aggressivere. Die Musik ist aggressiv, das Volk ist noch mehr beschäftigt, dass Christus ans Kreuz soll. Ich finde als Holländer, dass zum Beispiel auch das Wort „Jüden“ – mit Umlaut – eigentlich kräftiger, aggressiver klingt als „Jude“ in der Matthäuspassion. Ich weiß nicht, ob das stimmt für einen Deutschen, aber jedenfalls ich als Nichtdeutscher empfinde das so. Der Text ist in der Matthäuspassion doch etwas lieber.“

Und weil es schwierig ist, zu dieser Aufnahme gescheite Stimmen zu sammeln, beschränke ich mich auf einen allgemeinen Artikel in der NZZ über die Matthäus Passion, und verrate gerne auch, dass die Ton Koopmann Aufnahme meine Lieblingsaufnahme ist, weil Die Solisten und Solistinnen: Ein großer Evangelist: Jörg Dürmüller ein ebenso großer Christus: Ekkehard Abele. Was ein Sopran: Cornelia Samuelis Was ein Alt: Bogna Bartosz, Prima Tenor Paul Agnew Kräftiger Bass: Klaus Mertens / jedes der gesungene Worte glasklar und verständlich.

Das Orchester: auf das Nötigste beschränkt und reduziert. Die Intonation leicht beschwingt, trocken. Die Arien werden nicht etwa übertönt oder überschattet, sondern ins Gewölbe der St. Joris Kirche quasi hineingehoben. Getragen von immer weich mitlaufenden Basslinien. Großes Lob gehört auch den Tontechnikern!

Der Chor: Der Amsterdam Baroque Choir (sic!) Und schließlich Ton Koopman selbst. Mitreißend. Immer hellwach. Immer in ganzer Person und Intelligenz präsent. Das springt über.

 

St. Matthew Passion McCreesh (2003)

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Ohne Chor – acht Solisten und Solistinnen übernehmen!

The Guardian „The dramatic impact of this unique new version of the St Matthew Passion is astonishing, thanks not only to the incisiveness of the performance under Paul McCreesh, but to the vivid immediacy of the recorded sound, with words exceptionally clear. “ ;

Die Zeit „Und ziemlich keuchend wickelt Mc-Creesh manche Arie ab, etwa Gebt mir meinen Jesum wieder. Bis auf den fabelhaften Mezzo Magdalena Kozená, die ergreifend scheue Sopranistin Deborah York und den Evangelisten Mark Padmore sind die Chorsolisten, aus deren Reihen natürlich sämtliche Arien, Dialoge und sogar die Christus-Partie bestritten werden, ein wenig überfordert; eine Plage ist das hohle Timbre von Susan Bickley“;

Klassikakzente: „Bei all den Aufführungen des Stücks an einer Vielzahl von Spielorten, mit einer ausgezeichneten Solistenriege und in wohlüberlegter Aufstellung kam das oft beschworene Problem der klanglichen Unausgewogenheit überhaupt nicht auf. Im Gegenteil: Endlich einmal konnte man Bachs brillanten Holzbläsersatz, der von großen Chören oft überdeckt wird, überhaupt hören. Vor allem trat der Text, der eigentliche Kern der lutherischen Musik, mit eindringlicher Klarheit und Lebendigkeit zutage.“

Mein persönliches Fazit: Wer das Orchester in seinen Details hören möchte ist hier gut aufgehoben, wer die Choräle in seiner Fülle möchte, wird sie vermissen, da hilft es auch nicht, dass man den Nachhall offenbar nochmal nachträglich „reingeplustert“ hat, vom Gesamteindruck: kann nicht wirklich nachvollziehen, warum diese Aufnahme in den Himmel gelobt wurde, wo sie offenbar im Kirchengewölbe hängengeblieben scheint. Ein Versuch war es wert.

 


 

Weiterführende Aufnahmen, die ich gern noch hören will.

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  • Künstler: Amaryllis Dieltiens, Siri Karoline Thornhill, Tim Mead, Gerd Türk, Julian Podger, Charles Daniels, Kampen Boys Choir, The Netherlands Bach Society, Jos van Veldhoven
  • Label: DDD, 2010
  • Bestellnummer: 4950817
  • Erscheinungstermin: 1.3.2013
  • FonoForum: „Der Chor der Niederländischen Bachvereinigung singt homogen und textverständlich und ist auch in den Massenszenen hellwach; das Orchester artikuliert ebenfalls sprachhaft und bringt die Farbigkeit der historischen Instrumente zum Leuchten. Als Solisten versammelt die Aufnahme einige der begehrtesten Barockinterpreten unserer Zeit, wie etwa Gerd Türk als souveränen Evangelisten oder Peter Harvey als menschlichen Jesus. Die Sopranistin Siri Karoline Thornhill berührt mit ihrer schlichten Darbietung der Arie „Blute nur, du liebes Herz“ – und phrasiert dabei mit natürlicher Musikalität.“

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  • Künstler: Stolte, Burmeister, Schreier, Rotzsch, Adam, Gewandhausorchester Leipzig, Erhard & Rudolf Mauersberger
  • Label: Berlin, ADD, 1970
  • Bestellnummer: 8182203
  • Erscheinungstermin: 21.2.2005
  • klassik. com: „Lupenreine Intonation in der Höhe, gepaart mit bestechender Transparenz der Faktur – Der Zusammenklang mit den beiden Chören ist herausragend ausgewogen, ebenso mit den Solisten. Berlin Classics präsentiert Bachs musikalischen Kultgegenstand in einer diesem Gegenstand würdigen Verpackung.“

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  • Künstler: Christoph Pregardien, Michael Schade, Christine Schäfer, Dorothea Röschmann, Arnold Schoenberg Chor, Wiener Sängerknaben, Concentus Musicus Wien, Nikolaus Harnoncourt
  • Label: DDD, 2000
  • Bestellnummer: 3667736
  • Erscheinungstermin: 30.3.2007
  • G. Willmes in FonoForum: »Die herrliche Besetzung steht stellvertretend für Harnoncourts interpretatorisches Konzept: Kulinarik ist das höchste Gebot, der einstige Asket hat keine Angst mehr vor schönen Tönen. Harnon- courts Tempi sind dabei noch zügiger geworden, das Spiel des Concentus musicus zupackender und virtuoser, die Artikulation vitaler. Selbst die Choräle wirken emotional hoch aufgeladen. «

————-zur Geschichte, dem Text, den Details ist der Wikipedia Artikel sicherlich der mit Abstand umfangreichste auf den ersten Blick und auch sehr zu empfehlen.

Text der Matthäus Passion einsehbar hier: Incl. natürlich dem Schlusschor schlechthin:

Wir setzen uns mit Tränen nieder
und rufen dir im Grabe zu,
ruhe sanfte, sanfte ruh.
Ruht, ihr ausgesognen Glieder,
euer Grab und Leichenstein
soll dem ängstlichen Gewissen
ein bequemes Ruhekissen
und der Seelen Ruhstatt sein,
höchst vergnügt schlummern da die Augen ein. 

Zur Mythen- und Legendenbildung um dies Werk gehört sicher die Wiederaufführung durch Felix Mendelssohn Bartholdy 1827 in Berlin. (Vielleicht noch diese kleine PDF des SWR dazu.) Zur Frage, warum geweint wird … hier eine Seminarbarbeit.

„Hörer weinen, weil die Passion allgemeine Dimensionen des menschlichen Lebens und der Beziehungen in ihm in metaphorischer Weise dramatisiert, insbesondere Schicksale der Eltern-Kind-Beziehung, Objektverlust und Trauerprozess; Schuld, Reue, Vergebung; Versöhnung und Wiedervereinigung; schließlich Anerkennung des eigenen Todes.“

 

 

 

 

steht das Glück auf einem Flügel

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Albert Feser (1901 – 1993) Stilleben mit Büchern, Vase und Schale, 1946 Oil on Cardboard

bald werden Adjektive
auf die Waage gelegt
liegen wach und
drohen im Plural
sinkend ein Fluch

bald werden Adjektive
genesen zu Spesen
lagen auf Tresen
ich spüre die Knochen
deiner Meinung
bis auf die Haut

bald waren Spesen
Flügel los als
hätte man sie
zu häufig gehört

bald war ich
und glaubend
sag nicht
du auch

[.]

 

Feuilletonitis

Jeden Abend sitzen wir am Tisch und krauseln die Stirn über das Horrorkabinett aus Übersee, und sehen das Loch in der Wand. Mein WOCHENRÜCKBLICK durch die Feuilletons (solange es sie noch gibt, sollten wir uns ihrer erfreuen! – Hinweise zum Überleben von Kunst Kultur und Vielfalt bitte beim Heimatministerium einreichen !;o!

Und bohre mich durch Artikel. Kann es trotzdem mit niemandem rekapitulieren, da auch sie hin und wieder da sind, wo ich nicht bin. Der Hammer der im Loch der Wand verschwand. Und rede noch immer von Sinnlichkeit, von Haptik, von Gerüchen in Worten. Das wahre Erleben echten Seins. Blicke in den Nachrichtenspiegel. Sehe

NZZ
„Ulysses“-Neuedition: „Rechtlich ist die Sache tot“ James Joyce’s „Ulysses“ Oder. Deutschlandfunk Zehn Jahre Übersetzungsarbeit umsonst Zehn Jahre haben Forscher die deutsche Übersetzung von James Joyce’s „Ulysses“ überarbeitet. Nun darf der Suhrkamp Verlag das Werk nicht veröffentlichen. Bitterlich. Die Erbin Wollschlägers stelle sich quer. Da soll was an einen Forschungsstand der 40 jährigen Literaturwissenschaft um James Joyce angepasst werden. Erinnert ans Büro von J.J. Voskuil. Müssen Kulturgrenzen finden, erfinden. Es hängen die Nachgeburten der Pferde in Bäumen. (Wenn es heißt, es gehe um kleine Korrekturen (immerhin 5000 ?! … um so kleine Dinge … die der Wollschläger freier übertragen hat … Dinge, die für den normalen Leser nicht sichtbar wären … Sagt Landgrebe (der Chef von Suhrkamp). Schade, Oh wirkliche 10 Jahre Arbeit, ein Lebensprojekt „zunichte gemacht.“ Frage mich, machen die die Verträge immer erst nach der Arbeit? Wirtschaftlich sei es zumindest nicht ausschlaggebend. Dann aber doch eine wissenschaftliche Ausgabe. Widersprüchlich das alles. Unerhört sozusagen in aller Öffentlichkeit die Erbin von Wollschläger drüberzukanzeln. Gehört sich nicht! (alles weitere bei Jochen Kienbaum von lust auf lesen.de, habe ich gestern „gefischt“)

FAZ
Wie die Amsel schwarz wurde Esther Kinsky „Hain“

„Denn es ist diese Ambivalenz, dieses unangestrengt Durchscheinende, diese schimmernde Bedeutungsvielfalt“ „Der Verlust des Anfangs“ Was hat er gesagt?  „die kursive Einleitung dieses Geländeromans schlägt den Ton an, der durch das übrige Buch hallt, wenn sie den Raum zwischen Leben und Tod als etwas eigenes beschreibt, etwas, das in keinem der beiden Zustände ganz aufgeht.“ Was hat er gesagt. Vom Leben im Sterben oh. Ich schätze Esther Kinsky sehr, habe „Am Fluß“ gelesen wie Brot. Tolles Buch, wirklich großes Buch, und vermute auch dieses ist ein sprachlich ansprechend gutgroßes Buch. Lass sie erstmal den Preis in Leipzig gewinnen. Suhrkamp wird dann ein bisschen was um die Ulysses Ausfälle davon kompensieren können. Was eine Not ums unangestrengt Durchscheinende. Um diese schimmernde Bedeutungsvielfalt. Ich ohnmächtig geworden ich.

Frankfurter Rundschau
Zwangspolitisierte Dichter Der „Fall Simon Strauß“ und Eugen Gomringers Zeilen an der Hochschul-Fassade in einer Debatte in Berlin. (Will und kann es fast nicht mehr … tue es trotzdem … schon so viele Wochen „durchgekaut“ und noch ein Wasserglas gesehen ohne Sturm, eisgefrorene Diskurse ein Luxus. „Er habe den Eindruck, dass man eine Gesinnungsprüfung von ihm erwarte, sagt Simon Strauß. Da hat er zum ersten Mal das Wort am Dienstagabend im Aufbau-Haus. Die eng gestellten Stuhlreihen (Sic!) im TAK, dem Untergeschoss des Gebäudes am Berliner Moritzplatz, sind gut gefüllt. „Ja, ich esse Fleisch, ja, ich lese Ernst Jünger, aber nein: Ich habe nichts mit der AfD zu tun. Und nein: Ich glaube, ich eigne mich auch nicht als Posterboy der Neuen Rechten.“ Oh Topf oh Schnitzel. Zitat: „„Wenn ich über Politik nachdenke, hat das für mich keinerlei tagespolitischen Aspekt“, sagt Simon Strauß. So stelle ich es mir vor. Ein Dichter weiß was zu sagen, nämlich dass es schwer ist was zu sagen, deswegen er es sagen muss, damit was gesagt sei. Das kann man auch als Haltung bezeichnen. Flutscht mir sowas von durch die Finger.

Frankfurter Rundschau
Debakulöses Dasein
Andreas Maier setzt seine elfteilige Heimatsaga so famos wie profund fort.

Der Standard
Peter Stamm: Einer, der in die Fiktion entkommen ist
Der Autor lässt in seinem neuen Roman „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt(.) einen Erzähler auf seinen Doppelgänger treffen. Der komplexe Roman, der die Frage nach Realität und Fiktion aufwirft, überzeugt nur bedingt – Peter Stamm wird gern als Meister der Lakonie bezeichnet sowie als einer, der das schlichte dem klingenden Wort vorzieht und dabei nicht auf Effekte, sondern auf erzählerische Substanz setzt.

Der Spiegel weiß es immer auch

Liebe braucht keinen Überbau
Es geht um Grundsatzfragen über die Liebe im Roman des Schweizers Peter Stamm. Konstellation verstaubt, Erkenntnisse reichhaltig.

Zur Abwechslung: Die Alben der Woche in der Süddeutschen Zeitung

Es wird schließlich ernst im Deutschlandfunk: „Das ist wie eine Kulturrevolution von oben“ In Polen fliegen nun schon Autoren aus dem Kanon: Mein lieblingswerter Witold Gombrowicz (unbedingt zu empfehlen Trans-Atlantik) ist auch dabei. „(…) Bruno Schulz, Witold Gombrowicz, das ist Joseph Conrad, von dem viele gar nicht wissen, dass er Pole war – Kapuściński. Das sind also die offeneren, ein bisschen unabhängigen, freieren Geister, und da werden jetzt die Schulbücher eben ersetzt durch die nationalistischeren oder den nationalistischen Denkern sozusagen, mehr auf Linie erscheinenden Autoren. Das ist tatsächlich in Polen eine ziemlich alte Idee.“

Oh Abendland oh Christenheit.

NZZ
Unermüdlich dichtet das Maschinchen
Digitale Literatur – was war das noch? Damals, tief in den neunziger Jahren, schwärmten Literaturwissenschafter von der Hyperfiktion, von Texten ohne Zentrum, durch die sich der Leser selbst seine Pfade schlagen und per Link beliebig von Abschnitt zu Abschnitt gelangen konnte. Was aber einigen als Zukunft der Literatur erschien – in der sich vor allem liebgewonnene Konzepte der Postmoderne wiederfinden liessen –, war bald zu einem Genre ohne Leser und, schlimmer noch, ohne Produzenten geworden. Es gibt sie nicht mehr.

NZZ
Jesus tanzt in goldenen Schuhen
Auf Bibeltreue hat sich der Literaturnobelpreisträger J. M. Coetzee nicht eingeschworen in seinen Jesus-Romanen. Der bewusst blass getönten Darstellung setzt er im zweiten Band irritierende Akzente auf.

Süddeutsche Zeitung
Im Deutschen Herbst verhärten sich die Fronten
1977 übergießt sich Hartmut Gründler in Hamburg mit Benzin und zündet sich an – aus Protest gegen die Atomkraft. Der Autor Nicol Ljubić hat daraus einen Roman gemacht. Tief deutsch und beeindruckend.

Zur Abwechslung Das Album der Woche in der FAZ: Hoffnungsmaschine: Läuft bei mir von Erdmöbel

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Der Spiegel Ein Leben zäh wie Gletscher Norbert Gstrein lässt in „Die kommenden Jahre“ eine Ehe zerfließen. Und drischt auf die Doppelmoral unserer Gesellschaft ein.

Der Tagesspiegel kümmert sich um was keiner sieht Kratzen und schaben Friedrich Christian Delius erzählt in brillant rasender Jazzprosa von der „Zukunft der Schönheit“. Ein New Yorker Jazzclub Mitte der sechziger Jahre. Ein junger Schriftsteller aus Deutschland besucht mit zwei Freunden ein Konzert des Saxofonisten Albert Ayler. Die Wildheit der Musik, das Jaulen und Heulen, der mal scharfe, mal vermeintlich holprige Rhythmus, kurzum: Aylers Free Jazz löst bei ihm zunächst einen ästhetischen Schock aus. (Ich stand gestern vor dem Regal und hatte ein 92Seiten Bändchen für 16 Euro in der Hand. Das war mir ein bisschen wenig.)

Zur Abwechslung Die Pop-Alben der Woche im Soundcheck des Tagesspiegel

https://www.youtube-nocookie.com/embed/KgD0B0puL_k

in der NZZ:

Alle haben den Blues

Anstrengend wird es im Deutschlandradio, ich die Schnellsprecheinlagen nur noch bedingt durchhalte. „Die Begierde als revoltierendes Element“ Foucault lesen mit Joseph Vogl – Immerhin kommt mal sowas hier auf: „Auf der anderen Seite, glaube ich, kann man bestimmte Bewegungen erkennen, insbesondere in behüteten Gesellschaften wie etwa an den Universitäten, wo eine hohe Aufmerksamkeit auf Verhaltensweisen gelegt wird, in denen sich die Wiederholung eines polizeilichen Blicks manifestiert. Das heißt: Wer sagt was zu wem in welcher Sekunde mit welchem Ton? Und welche Anklagen können bei dieser oder jener Geste geführt werden?“ Die Soziotope die sich selbst bedingen und verhindern. (Und Problem an Buchmenschen: sehen sie einen anderen Menschen müssen sie offenbar alles was sie gelesen haben auf einmal los werden)

NZZ
Monika Maron erzählt von Berlin, als bräche hier gleich ein Krieg aus Eine alleinstehende Frau und ihre Krähe bilden ein seltsames Paar in einer seltsamen Zeit: Monika Maron schreibt einen Roman mit alarmistischem Furor.

Tagesspiegel
Das Büro der Zukunft Der schwarze Romantiker Georg Klein entwirft in seinem Roman „Miakro“ eine postapokalyptische Arbeitswelt.

Die Welt
Philip Roths Frankenstein, made in USA Ein Professor verheddert sich in den Fallstricken der Political Correctness und kriegt die „Kleinlichkeit der Menschen“ zu spüren: Mit „Der menschliche Makel“ lieferte Philip Roth sein Meisterwerk ab. (Abgesehen davon, dass Philip Roth sich nicht mehr aussagen/ausschreiben wollte, was ich umso bedauerlicher finde, als auch das nichts hilft)

Deutschlandfunk
Eine weltliche Bibelgeschichte
Mit „Die Schulzeit Jesu“ setzt der südafrikanisch-australische Literaturnobelpreisträger J. M. Coetzee seine Jesus-Trilogie fort.

Zur Abwechslung hat der Deutschlandfunk Keith Jarretts Neustart von 1998 am Ohr. Die Aufnahme kann ICH sehr empfehlen

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DIE LISTEN

Zehn beste Bücher beim ORF:

Arno Geiger: Unter der Drachenwand  (Hanser)

Milena Michiko Flašar: Herr Katō spielt Familie, (Klaus Wagenbach)

Iwan Turgenjew: Väter und Söhne, (dtv)

Norbert Gstrein: Die kommenden Jahre , (Hanser)

Clemens J. Setz: Bot, (Suhrkamp)

Die Zeit
Abgedankt und auferstanden?
Stefan Kutzenberger und Clemens J. Setz fragen in neuen Büchern: Ist er nun tot oder heilig, der gute alte Autor? Das ist in einem Fall hochkomisch, im anderen quälend.

Esther Kinsky Hain – Geländeroman, (Suhrkamp)

Thomas Stangl: Fremde Verwandtschaften, (Droschl)

Mareike Fallwickl: Dunkelgrün, fast schwarz, (Frankfurter Verlagsanstalt)

Margit Schreiner: Kein Platz mehr, (Schöffling)

Fernando Aramburu: Patria, (Rowohlt)

Maxim Kantor: Rotes Licht, (Zsolnay)

 

DIE SWR-Bestenliste

Esther Kinsky Hain

Norbert Gstrein: Die kommenden Jahre

Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen

Die Zeit
Eine sehr präzise Klinge
Anja Kampmanns bemerkenswerter Debütroman „Wie hoch die Wasser steigen“

Angelika Klüssendorf: Jahre später

Hans Pleschinski: Wiesenstein

Joshua Cohen: Buch der Zahlen

Arno Geiger: Unter der Drachenwand

Gert Loschütz: Ein schönes Paar

Samanta Schweblin: Sieben leere Häuser

Szczepan Twardoch: Der Boxer

Zur Abwechslung: Die hier bitte gerne weitersagen!

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Die Welt
Wer es eindeutig mag, ist hier im falschen Buch

Das seltsamste Buch eines seltsamen Schriftstellers: Heimito von Doderers „Die Merowinger“ ist nur ein Nebenwerk, bekannter ist seine „Strudlhofstiege“. Doch der beschriebene Exzess ist höchst modern.

Süddeutsche Zeitung
Im Viertel des Fantasten Gabriel García Márquez
Den Lesern des Literatur-Nobelpreisträgers ist Cartagena vertraut. Wie aber sieht es in der kolumbianischen Hafenstadt heute tatsächlich aus? Ein Besuch.

Die Zeit
Engel und Emigranten
Rumäniens aktuelle Literatur ist geprägt von Lakonie und genauen Milieuschilderungen. Im März präsentiert sie sich auf der Leipziger Buchmesse.

NZZ
Wie Martin Suter uns Literaturkritiker das Fürchten lehrt Zum 70igsten von Martin Suter  Er zählt zu den erfolgreichsten Schriftstellern der Gegenwart. Die Kunst der Unterhaltung beherrscht er wie nur wenige. Nun wird Martin Suter siebzig – und stellt uns noch immer vor viele Rätsel.

Deutschlandfunk
Julia Franck und Wolfram Eilenberger im Streitgespräch Muss Literatur politisch sein – und wenn ja, wie?

Ich würde nochmal auf James Joyce zurückkommen wollen. Richtig. Immer erst was du kennst und trotzdem nicht weißt … Auch im Joyce kann man sich verlaufen. Erinnere mich an meinen Aufenthalt in Triest. Dort traf Joyce auf Svevo. Erst Joyce machte Svevo bekannt, was ein Mentor! So bekannt, dass die Triestiner tatsächlich noch eine Statue von Italo Svevo (Aron Hector Schmitz, genannt Ettore Schmitz) in ihre Stadt stellten.

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LESENSWERT, bzw. LEBENSWERT: wirklich wahr: bei Manesse Aus Zenos Welt

Zenos Gewissen von Italo Svevo

Auch bei Diogenes

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Die Galerie aus dem Palast der Republik …

… gesehen im Museum Barberini Postsdam [noch bis 21.Mai 2018]

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Hans Vents „Menschen am Strand“, 1975

Ich war Ich sagen, zweimal
Ich Ich
kann mich wiederholen,
war Ich
geteilt durch die anderen.
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Ronald Paris: Unser die Welt – trotz alledem, 1975/76, Dispersion auf Hartfaser, 280 x 600 cm

 

Neulich stritt ich mich über Symbole mit einem, der nur Fakten zulässt. Fakten, weiß ich seitdem, wirken wie genormte Lügen. Schon berühre ich einen Allgemeinplatz für Figuren,

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Bernhard Heisig (*1925) Ikarus, 1975 Öl auf Hartfaser, 280 x 450 cm

Schaue Filme und spüre: die anderen, die ich war, sind fort. Du kannst die Namen der Filmemacher, Bildhauer, Musiker, Schriftsteller noch einmal aufsuchen, den anderen als Zeichen einer kulturellen Informiertheit mit auf den Weg geben, allein, sie sind fort. Der Weg ist das Ziel, hieß es, auch der hat sich losgemacht, will fort.

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Erhard Großmann (*1936) Tadshikistan, 1975 Tempera auf Hartfaser, 280 x 600 cm

Und lebe Abwesenheit. Was mir Wert war, ist anderen ein Zucken der Schultern. Ich zucke Schultern. Am Anfang war all das Nichts. Ich kann es mir wünschen, aber nicht aussuchen. Da saß heute ein schöner Mann im Büro, sagt Frau, und meinte mich, sie spricht aus, was ich nicht sehe. Sprachen in kryptischen Rätseln. Ich sah Gläubige. Hünen. Prediger. Der Diktator gewinnt, habe ich bei Benjamin gelesen. Umstellt von Begriffen.

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Willi Sitte (*1921) Die rote Fahne – Kampf, Leid und Sieg, 1975/76 Öl auf Hartfaser, 280 x 300 cm

Benjamin schreibt im Text von der Reproduzierbarkeit auch über Dadaisten, es scheint all das beim Blick auf die Verlautbarer einer Halluzination zu unterliegen, von aufrechten Falschwörtern. Es gibt plötzlich wieder die Guten die Bösen. Wie im Film manchmal, schreibt Benjamin, die Dadaisten sich der Begriffe ermächtigen und über sie stolpern, während Charlie Chaplin die Begriffe der Dadaisten in sich vereint und ebenfalls stolpert, stellvertretend für das Stolpern der Betrachter. Ein Spiegel auf alles Handeln und Tun.

https://www.youtube-nocookie.com/embed/Wh9fvy2KmNs – Walter Benjamin gegen seine LIebhaber verteidigen

Im Bild wie im Film ist so manches, was sich als Chock erweist. Was am Anfang das Wort war, ist im Zeitalter seiner Reproduzierbarkeit ein statisches Bild, ohne Bewegung darin, nur den wenigen Liebhabern der Sprache ein Synonym für Bewegung und Spiel. Die mit der Kamera schießen wild Bilder. Und bebildern ihr Schießen. Werden flankiert von denen, die sie bewundern beweinen. Es wundert nun doch, dass plötzlich die Guten die Bösen im Sinn ihrer Zuweisung von Guten und Bösen wandeln, und sich dabei zum Verwechseln ähnlicher werden.

https://www.youtube-nocookie.com/embed/WwdjcXJZ94Q – Walter Benjamin zum Gedächtnis 4 Teile

lese Walter Benjamins Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Noch einmal.

„Mit den Neuerungen der Aufnahmeapparatur, die es erlauben, den Redenden während der Rede unbegrenzt vielen wahrnehmbar und kurz darauf unbegrenzt vielen sichtbar zu machen, tritt die Anstellung des politischen Menschen vor dieser Aufnahmeapparatur in den Vordergrund. Es veröden die Parlamente gleichzeitig mit den Theatern. Rundfunk und Film verändern nicht nur die Funktion dessen, der sich selber vor ihnen darstellt, wie der politische Mensch es tut. Die Richtung dieser Veränderung ist, unbeschadet ihrer verschiedenen Spezialaufgaben, die gleiche beim Filmdarsteller und beim Politiker. Sie erstrebt die Ausstellbarkeit prüfbarer, ja überschaubarer Leistungen unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen wie der Sport sie zuerst unter gewissen natürlichen Bedingungen gefordert hatte. Das bedingt eine neue Auslese, eine Auslese vor der Apparatur, aus der der Champion, der Star und der Diktator als Sieger hervorgehen.“

 

FUTURE II – Musik und Kultur der USA

 

Vor mir liegt ein interessantes Heft der Berliner Philharmoniker.

Die USA und die Musik

Anja Dilk: „Trumps Botschaft könnte klarer nicht sein: Kultur interessiert nicht mehr. Geisteswissenschaften brauchen wir nicht. Eure Zeit ist vorbei. Es ist ein Signal an die liberale Kultur- und Wissenschaftswelt der amerikanischen Küstenregionen – und eine Kampfansage an all das, wofür sie steht: Toleranz und Freiheit, Kritik und Vernunft, hinterfragen und durchdenken, das Ideal der amerikanischen Aufklärung schlechthin.“  Oder: „Die USA werden nochmal neu verhandelt.“ Oder: „Der Rapper Eminem erregte enormes Aufsehen mit einem wütenden Video, in dem er Trump wüst beschimpfte und seine eigenen Fans aufforderte, sich zwischen ihm und dem Präsidenten zu entscheiden. Kein wohlfeiler Protest unter Gleichgesinnten, im Gegenteil: Ein Großteil von Eminems Fans stammt aus Gesellschaftsschichten, die mehrheitlich Trump wählten.“ Trumps Freunde hier zu finden sind, Ted Nugent; das ist der mit der Southern Rock Attitüde, passend dazu: Kid Rock: Feuer, Schlamm und Bier … Burning : „Trump macht keinen Hehl daraus, was für ihn Kultur bedeutet: Wrestling und Casinos, Golf und billige Fernsehserien, pompöse Architektur, die ihm hilft, seinen Reichtum zur Schau zu stellen. Sein schlechter Geschmack ist ihm nicht nur egal, er stellt ihn sogar aus.“ Und auch: „Die Stimmung im Land ist kulturfeindlicher geworden. Und es sieht nicht so aus, als würde das liberale Bürgertum dem genug entgegensetzen können.“

Alex Ross: „Welchen Sinn hat es, schöne Dinge zu erschaffen oder sich an der Schönheit der Vergangenheit zu erfreuen, wenn allerorten die Hässlichkeit überhand nimmt?“ Am Beispiel Leonard Bernsteins, der wenige Tage nach Kennedys Tod  Mahlers Auferstehungssinfonie dirigierte und anschließend seine vielzitierten Worte fand: ‚Das wird die Antwort auf die Gewalt sein: Wir werden noch intensiver Musik machen, noch schöner, noch hingebungsvoller als jemals zuvor.‘ Ein Raunen. Denn. Zu bezweifeln ist nun, ob bessere Kunst zu einer besseren Gesellschaft führt. Konkret nämlich benennt er rein musikalische Werte: Intensität, Schönheit und Hingabe können der Gewalt nicht Einhalt gebieten, laufen vielmehr Gefahr, zur Hintergrundmusik zu verkommen.“ Oder. Am Beispiel des Gedichts First Fight, then Fiddle (1949) von Gwendolyn Brooks:

– tragt den Hass
vor euch her und lasst die Harmonie zurück,
Seid taub für Musik und blind für die Schönheit,
gewinnt den Krieg. Vergießt Blut, es ist nicht zu spät,
damit ein zivilisierter Raum entstehen kann,
in dem wir unsere Geigen voller Anmut spielen können.

Im Prinzip: Wenn man einen Ort der Zuflucht erschafft oder eine Atempause genießt, erklärt man sich dadurch noch lange nicht einverstanden mit den Verhältnissen. Oder: Letzlich haben Künstler, die sich selbst treu bleiben wollen, keine Wahl, wie sie reagieren. Alex Ross vergräbt sich in der rebellischen und wütenden Musik von Julius Eastman, Evil Nigger und Crazy Nigger, monumerntale Kompositionen im minimalistischen Stil. Ein Eintauchen sei auch möglich in Bachs Passionen. (Hier die Johannes Passion … die Matthäus Passion wieder zu Ostern?!)  Oder Trost Spendendes von Wallace Stevens, während die Twintowers in sich einstürzten … es ist schon bezeichnend, dass ich beim Suchen von The Noble Rider And The Sound Of Words auf Herr der Ringe gestoßen werde … nehmen wir zur Einführung den hier

Susanne Stähr über Leonard Bernstein: ‚Mein Sohn ein Klezmer – ein armseliger Bettelmusikant?‘ Als Sohn eines Ukrainischen Einwanderers, stieß Leonard, eigentlich Louis, bei Crazy Clara, seiner Tante, zehnjährig auf ein abgestandenes Klavier und fand plötzlich, Selbstaussage, zu seiner eigenen Welt. Seine Klavierlehrerein empfahl dem besonders talentierten dann 13 Jährigen eine Weiterbildung in Boston, das scheiterte fast an den zu zahlenden drei Dollar pro Stunde, diese Dollar brachte er schließlich selbst auf, durch Klavierunterricht und in einer Jazzband auf Hochzeiten … ich kürze ab: „Leonard Bernstein ist wirklich eine amerikanische Erfindung: seine Lehrer kamen aus Europa, aus der deutschen Tradition, der Jazz gab ihm wichtige Impulse, und dann hatte er diese spezifische amerikanische Art, alles aufsaugen zu wollen, und da er genug Talent hatte, kam ein Bernstein dabei heraus, er hat uns gezeigt, wie wundervoll Amerika sein kann.“

 

Thomas May: MADE IN THE USA. Ein historischer Überblick in sechs Schlaglichtern. Die klassische Musik der Vereinigten Staaten steckte stets in einer Identitätskrise.

Ich beschränke mich mit der Auflistung der Schlaglichter, im Zeitraffer:
Aus der New York Times über die Aufführung von Antonin Dvoraks 9. Sinfonie in der Carnegie Hall: ‚Aus dem Herzen der (amerikanischen Anm.) Sklaverei … erhob sich die spontane musikalische Stimme des Volkes. Und diese Volksmusik fand einen Widerhall im amerikanischen Herzen.‘ Oder: Edward MacDowell: hier Klavier Concert Nr.1, deutlich zu spüren. Ausgesprochen ‚amerikanisch‘ klingt es nicht. So konzentriert man sich erstmal weniger auf den Schöpfungsakt, sondern mehr auf die Aufführungspraxis und Darstellung. Die sogenannte Hochkultur sich verdrängen ließ von populärer Kultur. ‚Die Geschichte der Klassik in den USA ist voller Brüche. Traditionslinien wie in Europa waren hier nie zu finden.‘ Beispiel Louis Moreau Gottschalk. La nuit de Tropique. Eine Verkörperung oder Mischung aus Coolem und Ausgeklügeltem mit Kindlichem und Primitivem. Oder Charles Ives Sinfonie Nr 2 , Steve Reich Musik für 18 Musiker und John Adams. Short Ride in a Fast Machine. Sie unter Minimalismus zu subsumieren nicht wirklich hilfreich erscheint, daher der Arbeitstitel Nonkonformismus eine der größten Konstanten in der amerikanischen klassischen Musik sei.

Und klar: John Cage In A Landscape Beethoven irrt!, Pauline Oliveros A Love Song, Meditationen über den Klang selbst, Menedith Monk Turtle Dreams – ‚meine Musik hat ein Herz, einen Geist und ein körperliches Element.‘ Die Querdenker.

Schließlich George Gerschwin Rhapsody in Blue. Und das Duke Ellington Orchestra. Hier Take the A-trane  als Brückenbauer. Schnell noch meine Lieblings-Ellington-Aufnahme Money Jungle !! Gerschwin zumindest als Vorbild zur Überwindung der Kluft zwischen Kunst und Unterhaltung herhalten darf. Es fehlen nur noch Aaron Copland Billy The Kid bringt schließlich die amerikanische Prärie zum Erklingen (Kommentar eines Users) …  und siehe Susanne Stähr, Leonard Bernstein.

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Dagegen nun Ted Nugent und Donald Trash. Muss die sogenannte Hochkultur jetzt die Fenster öffnen, und wütend Wind reinlassen? Muss ein neues Kunststück vollbracht werden, The Competition For The Idiots, frei nach Dostojewski? (Man darf gespannt sein.)

Ich sehe Karten neu gemischt. Sehe nicht, dass Donnies Trompete stimmt, geschweige einen Ton über getrichen F hervorbringt. Fürchte aber, dass das Publikum darauf abfährt. Ein Traum wird wahr: Nichts können und der mächtigste Mann der Welt sein. Wer will das nicht? Kleinjungenträume funktionieren wie James Bond, stellvertretend für den Loser seiner Zeit den großen Schuh machen.

Streng genommen gehört der Mann auf den Index, das macht ihn populär. Gespräche mit einem Kindskopf, wie soll ich dem moralisch begegnen, da ich selbst einmal Fan war von Jimmys brennender Gitarre und der Janis, die ihre Leute mal eben feuert wegen fehlender Visa. Man hofft, dies Konzert, die Veranstaltung, der Trip, sei bald vorbei, nach neunzig Minuten in der Regel. Dieser Trip jedoch so voller selbsterfüllender Prophezeiungen, er dauert schon zwölf Monate und wahrscheinlich noch drei Jahre, wenn nicht sieben. God save the Queen.

Bleiben Hoffnung und Glaube, dass Junk, Fast Word und der ewige Twitterpräsens nicht die neuen Lehrmeister sind, sondern nur Hype of Type. So wie Donald erstmal nur ein Hype of Type ist (zur Pop-Ikone aufgestiegen. Nichts können, alles erreichen, so what?) Auch das sog. bürgerliche Hochkulturlager scheint hungrig zu sein nach diesem schnellen und lauten Bums. (Sonst würde nicht so viel über ihn berichtet.) Wenn erst das Elend real geworden ist, und Donald allenthalben behauptet, er sei die Reinkarnation des Realen, nur die Bürgerlichen haben es noch nicht begriffen. Der einfache Mann große Sehnsüchte verspürt nach Fiktion, Viralem und Feudalem. Einer von uns musste ja gewinnen. Jetzt hat’s Donny erwischt. Erinnert an Willkommen Mr Chance, English Being There aus 1979. (Das war noch zarte Ironie. Hm)

Da ist einer Präsident der Vereinigten Saaten of Amerika geworden, die er, nach Einschätzung der Lage, zu den Devided States of Desintegrated People umbauen will. Das Glück ist bei den Blöden. Mit Gottes Hilfe. (Der Zusammenhang zwischen Klerikalem, Fundamentalem, Glauben und konservativer Wertevorstellung bleibt uns nicht erspart.)

Die Daily Soap wurde von seiten der Hochkultur belächelt und verpönt, die Daily Soap erobert die Regale, die Nachrichten, steigt ins Brainstorm des kleinen Mannes ein, das hohe Anspruchsdenken bleibt auf die beschränkt, die es sich leisten können. Die es sich leisten können, brauchen keine Kulturförderung. Also weg mit der Förderung. Standpunkte, die man auch hierzulande bei Liberalaffinen durchaus häufiger zu hören bekommt. Erinnnere mich an ein Gespräch mit zwei Abgeordneten der Liberalaffinen, die machten sich lustig über ihren Mann von der Kultur. Der saß schließlich als, Zitat: „fraktionsloser Spinner“ im Abgeordnetenhaus. So kanns kommen. Immerhin.

Da gibt es ja noch die, die das ganze Geld in Opernhäuser und Konzerthallen versenken in der Hoffnung, es sickere etwas davon zu Herrn Duftermann durch. Herr Duftermann aber braucht keine Kultur, er handelt mit Immobilien. Das ist ihm Kunst genug. Das Haus vom Klaus.

Ganz ohne Fantasie oder Vision wird es trotzdem alles nichts. Deswegen Trump auf den Realitätssinn umgeschaltet hat, überschuldet zwar, aber in der Form einer Überschuldung, da wird das zum Kompliment. Zum Ritter geschlagen von der Deutschen Bank. Erinnere mich an ein Gespräch mit einem aufstrebenden Internetaffinen, wer heute Steuern zahlt, ist ein Idiot. Und wie umgeht man Steuern? Man hinterlässt regelmäßig Verluste, regelmäßig so große, da bleibt nur die Flucht über den großen Teich. (Oder nach Holland) Das war 1995. Wer nicht reich ist an Schulden, kann auch von Kunst und Kultur keine Ahnung haben. Denn ohne Schulden keine Kunst. Sein Standpunkt.

Guck hier mein Federdruckluftgewehr hat 85 Dezibel, sagt Herr Mordhorst. Nicht dass uns die Motzkis und Duftermanns durch die Straßen ziehen mit ihren von mir subventionierten Pauken und Trompeten, und ungeschoren vor meinem Fenster herumdemonstrieren. Du willst auf sie zielen? Fragt Dr. Husten. Ach, komm, eine Taube vom Himmel schießen will ich. Einen Landrover durch den Schlamm steuern. Der zerlumpten Seele das letzte Hemd ausziehen. Spielhöllen gründen und Risikoanleihen auf sie. (Polyphoner Dauerregen). Eine gemeinohrstiftende Musik für alle, bitte!

Jeder Mensch hat ein Recht auf musikalische Betätigung! Harfe. Gitarre. Klavier. Und Federkernluftgewehr. 85 Dezibel. Womit glaubst du, kannst du deine Freunde schneller faszinieren? Du musst nicht Sklave gewesen sein, um den Blues zu spielen.

Jaja, die USA hat ein Identitätsproblem, mit der Klassik. Das birgt 500x500Gefahren, weltweit … auch für Europa, da es unbestritten Überschneidungen gibt zwischen denen und uns, sie sind von uns … wie wir von Afrika!  Our Roots began in Africa. Aber uns immer auch ein Stückchen weit voraus. Sprach ein Gebet: Oh Herr, lass uns diesmal nicht den Amis folgen. Bitte, Oh Herr, steh uns bei. Bitte, Oh Herr, werde sichtbar! Wie Sie sehen, auch ich werde religiös. So tief bin ich gesunken. Mit mir Oh America.

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Leonard Bernstein Yes

 

Ein Jahr ist es her, seit sich der White Trash im Weißen Haus ausbreitet. Als brauche man nur Spielzeugabteilungen leer zu kaufen, am besten die mit Pump Guns und Big Jims und Barbies und Kevins, Big Jim verspricht neues Kinomaterial für die, die sich angesprochen fühlen, Donny tauscht mal eben das Publikum aus. (Fühle mich weit in meine Kindheit zurückversetzt. Da erteilte man uns Kinoverbot, so weit kommt’s noch.)

Das konzentrierte und gediegen bürgerliche Publikum gegen die, für die Big Jim ein Dolfin Diver, ein Karate-, ein Soccer-, ein Sports-Man ist. In diesem Adventure-Game um Macht und Recht und Story Telling. Die politische Bühne ausgetauscht gegen eine Daily Soap, in der noch immer der Böse den Guten zwingen will, der Gute dem Bösen in die Parade rauscht. White Trash ist für den Moment geschaffen, soll unterhaltsam sein, eindrücklich und immer durch den nächsten Joke, Witz oder Bums verdrängt. Der Country Club feiert Hochkonjunktur. Die Pussys drehen sich um Stangen und rekeln ihre Kurven den Genießern von Stuten, Hengsten, Pick Ups und dem neuesten Ford Cherokee entgegen, White Trash Goes Cinema.

Das braucht man nicht zu lernen, nicht studieren, das hat man drauf oder nicht, oder geschenkt bekommen. Und hat man es nicht drauf, muss God bless America ein bisschen helfen. Es kämpft sich das Recht auf Trash und Siff durchs Museum an die Macht und verwüstet Bankett und Sitten. Alles schon dagewesen mit Mikro, rückkoppelnden Lautsprecherboxen den Versumpften auf die Sprünge zu helfen. Wie lautet gleich das Narrativ zu diesem Betriebsunfall? Hollywood oder Holy Wood? Ich glaube, es hat das Bürgerliche das sich selbst eingebrockt. Guck dir das Kinoprogramm der letzten zwanzig Jahre an. Alles vorgezeichnet. Alles provoziert. Da braucht man keine Krokodilstränen heulen jetzt. Hat der Plot denn die schlimmstmögliche Wendung genommen? Glaube ja. Fehlt nur, dass die zurückgebliebenen Deutschen dem nun folgen. Die Frage wirft sein Spiegelbild auf mich: wie lange will ich dem noch folgen? Kleiner Mann, was nun? Herr Duftermann macht noch immer auf Immobilien, der Herr Dr. Husten bringt mich in die Anstalt wegen Graphomanie und der Herr Mordhorst … nun der Herr Mordhorst denkt noch drüber nach.

Lieblingsroman derzeit: Hans Fallada, Der Trinker. Duftermann und Dr. Husten und der Herr Mordhorst sind von dort. Danke Hans!)

 

 

Péter Nadás in der Akademie der Künste

Péter Nadás, Aufleuchtende Details.

Einmal Akademie der Künste und zurück. Was ein Glück für einen Erzähler, der seine Kunst aus dem Schweigen des Vaters bezieht, will sagen: Weil sein Vater schwieg und er das Schweigen Vaters geerbt hat, will er dem so offen wie möglich ein Erzählen entgegnen. Ein Erzähler, bei dem du von der ersten bis zur letzten Zeile spürst, es ist die Stimme des Péter Nadás selbst, und doch, wie kann er etwas erzählen mit der eigenen Stimme in Zeiten, da er noch nicht gelebt hat. Hundert Jahre Einsamkeit in zehnjährigem regelmäßigen Fleiß aufgearbeitet, und da die Namensregister mehrfach den Säuberungsaktionen der Staatsoberen geopfert wurden, kann er nur bis ins achtzehnte Jahrhundert hinein recherchieren, er weiß nichtmal wie seine Ahnen wirklich geheißen haben mögen. Aus dem Familiennachlass bringt er Zeitungsartikel der Mutter mit, das Schweigen seines Vaters und seine unermüdliche Gedächtnisleistung, die die Zeitungsausschnitte der Mutter zum eigenen Erzählstoff werden lassen, da schien selbst Jörg Plath überrascht, denn Nadás habe die Zitate so eingeflochten, der Leser merke nicht einmal, dass es sich um eine Kollage handelt. Der Leser merkt nicht mal das.

Literatur – wenn ich gestern noch gefragt habe, was kann Literatur leisten, so schimmert hinter dieser Frage immer die nach ihrer gesellschaftlichen und politischen Relevanz hindurch, und mir selbst lag es auf der Zunge laut zu rufen, Herr Nadás, wie kann es sein, dass ein so schlauer und großartiger Erzähler nicht verhindern kann, dass seine Leute autoritären Systemen ihre Referenz erweisen, da gibt er unaufgefordert Antwort. Es sei nicht Aufgabe der Literatur, dem Imperativ den Hof zu bereiten, er glaube nicht an eine Kausalität der Geschichte, die logische Abfolge der Geschichte komme ebenso wenig vor, da die Interpretation von Geschichte jeden historischen Fakt in der Nachbetrachtung zu einem Vielfachen seiner Erkenntnisse zwingt, ja umgeschrieben wird. Warum sich diesen Spekulationen noch hingeben, wenn selbst die eigene Geschichte keiner Regel folgt.

Genug, genug. Der Abend hat mir doch einen Schrecken eingejagt. Wer wie ich mehr als drei Bücher in die Hand genommen hat, kommt nicht umhin, seinen eigenen ganz bescheidenen Größenwahn zu pflegen, wie ich es gestern schon dachte. Wenn du als Leser erst merkst, das kann auch ein Kind, so oder so oder eben so zu schreiben, beginnt in dir eine eigene Frequenz schrille Zwischentöne zu erzeugen, nach denen du dich selbst in die Lage versetzt, auch die Pfeife in den Mund zu nehmen und dich aufzuspielen wie ein Polizist oder Marktschreier oder was noch schlimmer ist – du selbst wirst zum Pharisäer und hast plötzlich das Gefühl, du habest nur Tinnef gelesen in deinem Leben, du habest nur dummes Zeug gesehen, diese bescheidene Selbstgerechtigkeit wird ebenso plötzlich zu einer sich über alles hinwegsetzenden göttlichen Disposition, du hast ohne das beabsichtigt zu haben die Stimme eines Megaphons inzwischen gegen die Trillerpfeife getauscht, dir kreisen die Namen durch den Kopf,  du hattest längst abgeschlossen mit Thomas Mann, längst aufgehört zu glauben, dass der Arzt Alfred Döblin schreiben kann, du hast Max Frisch in die Tücher gewickelt, du hast Cees Nooteboom als Esoteriker bezeichnet, du hast dir irgendwann leider angewöhnt, dir die Diskurse über Literatur und Wort und Satz abzugewöhnen, du hast dir die Literaten nur noch unter dem Gesichtspunkt angetan, ob sie den auf sie aufgesetzten Maßstäben standhalten. Du hast dir vor allem eins verbaut und verunmöglicht: Das Lesen. Das Zuhören. Das sich Entwickeln lassen der inneren Stimmen. Deine eigenen Erinnerungen versandeten, wurden verschüttet, wurden mit Wasser und Zement angerührt und erstarrten zum unbeweglichen Klotz, ein Manifest deiner Selbst im Stocksteifen – da kommt Nadás gerade recht.

Nun könnte man meinen, ein Betonklotz ließe sich nur mit Presslufthammer aufbrechen, umso erstaunter bin ich, dass eine Eisenstange reicht. Die des Straßenbahnführers, der damit in Budapest die Weichen umstellt und in Paris damit prügelnd um sich schlägt. Das Assoziative, der Webteppich, die hohe Erzählkunst eines Péter Nadás macht mir bewusst, endlich wieder: ja, es gibt sie noch, die großen Erzähler. Die Sprachvirtuosen, die Wortkünstler. Ob ihm das Schreiben denn nicht leicht falle. Eine mehr als einfache Frage. Welchen meiner Sätze glauben Sie, könnte ich mit leichter Feder geschrieben haben? Zeigen Sie mir einen. Und schon beginnt das Lesen, und du glaubst, jeder dieser Sätze sei aus ihm herausgeflossen wie anderen die … Feder … bricht ab.

Die Kunst des Erzählens. Man spürte es in jedem der Gesprächsansätze zwischen Nadás und Plath. Die Ergebenheit, der Respekt, die Ohnmacht der Kritikerworte, insofern entlarvend, als ich gestern noch fragte, wann endlich die Bevormundung der Autoren durch ihre Kritiker aufhört? Nun, die Autoren haben es selbst in der Hand. Sie müssen können sollen erstmal Nadás lesen, und dann schreiben wie sie es am besten können, und wenn man es so gut macht (ausarbeitet) wie Nadás, hast du niemanden mehr gegen dich. Kann mir einfach nicht vorstellen, dass irgendjemand mit ein bisschen Gefühl für Sprache und Literatur sich gegen Nadás positionieren will oder kann, wenn er selbst Betonklötze wie mich aufzuweichen versteht.

Aber wahrscheinlich war ich gar nicht aus Beton, sondern einfach nur vertrockneter Boden. Da reicht dann keine kurze Dusche wie ich sie mir hier häufig im deutschsprachigen Raum antue, sondern ein schöner satter und andauernder Regen. Wenn es über Marcel Proust heißt, für einen Proustianer gibt es nur Proust und dann lange nichts, so wird selbst ein Proustianer eingestehen müssen. In Péter Nadás hat Proust mehr als einen guten Schüler, ich würde sogar behaupten: Wenn Marcel Reich Ranicki damals lockerlässig verkündete Marcel Proust komme wieder in Mode, so will ich ihm hinterherrufen. Legen Sie Proust erstmal beiseite. Denn die Suche nach der verlorenen Zeit ist in Aufleuchtende Details, in Parallelgeschichten und im Buch der Erinnerung mehr als nur … Suchen nach dem Wort. Das bekanntlich am Anfang stand.

Es gibt also keine Kausalität. Demzufolge auch keinen Plot. Vergessen Sie es. Schmeißen Sie alle Bücher weg, in denen Ihnen ein Plot angeboten wird. Sie werden nur verrückt gemacht durch die Abenteuer derjenigen, die ihre Phantasie dafür missbrauchen, andere hinters Licht zu führen. Warum denn Nadás nach 1278 Seiten schon Schluss gemacht habe, sei da nicht noch viel mehr? Für wie hinterhältig halten Sie mich, antwortet er. Ich könnte für die Schublade geschrieben haben und es als Nachlass durchreichen, aber wie hinterhältig wäre das erst. Glauben Sie mir, das, was Sie in Händen halten, ist das Buch meiner Familie, und das war’s. Nun kann ich mich darauf gefasst machen, eine Tracht Prügel von ihnen zu beziehen, wenn ich nach meinem Ableben bei ihnen vorbeikomme.

Der Humor ist ganz auf seiner Seite. Ich habe diesen Abend genossen. Nur auf eine Signatur in meinem Nadás habe ich verzichtet. Denn ich habe mit diesem Nadás mehr als einen Nadás. Warum noch seine Schrift? Stelle mir seine Hände vor, wie er nur für mich schreibt, für Clemens, Péter Nadás …  ich würde davonziehen wie ein Held am Eisstand seiner Erzählung, hätte das beste Eis abbekommen und draußen, an der Englischen Botschaft, würde eine Polizeiwanne auf mich warten und mich festnehmen mit diesem ominösen Eis in der Hand, das ein Buch ist, das, ohne, es zu wollen, ebenso gut ein Attentat simulieren könnte auf all die, die glauben, Blut sei nur dazu da zu trocknen, oder wenn Nadine Gordimer sagt, den Menschen beruhige eine einzige Sache, der Mord, dann kann ich aufgrund meiner eigenen Erfahrungen in Menschenkunde dieser anthropologischen Beschreibung noch hinzufügen, dass man das Opfer in seinem Tod auch noch zu schänden wünscht. Das ist kein individueller, sondern ein ritueller Wunsch. Wer den Sprengsatz in diesen Sätzen nicht sieht … darf sich fragen, ob er nicht selbst schon Teil einer Zündschnur ist.

Wenn Sie mich fragen, fragen Sie lieber nichts. Wer des Lesens überdrüssig ist, hier ist frische Luft! Wer das ganze Geschummel und Gemurmel im Markt nicht mehr erträgt, hier ist ein Buch, mit dem Sie überwintern können. Wenn es schon heißt, Männer würden nichts mehr lesen, bzw. könnten außer Fußball, Arbeit, Sachbuch und ein bisschen Beischlaf nichts, schenken Sie ihm dieses Buch, er wird sofort alles hinschmeißen, so er noch bei Verstand ist. Wer Zweifel an seinem Geliebten hat, lege ihm dieses Buch unter den Weihnachtsbaum, wenn er das Buch nicht zu lesen vermag, waren die Zweifel berechtigt. Wer eine Internetpause braucht. Bitte. Ich übertreibe nicht, ich untertreibe: Endlich wieder LITERATUR! Mit den besten Wünschen … ergebendst.

Oder wie sie es gestern Abend praktizierten: Sich japanisch voreinander verneigen. Ich ziehe meinen Hut!

Jörg Plath in Deutschlandfunk

Jörg Plath im SWR

Jörg Plath im ZDF auf dem Blauen Sofa obwohl die Lektüre nicht ungefährlich ist

Andreas Breitenstein auf NZZ Ein Meilenstein der Literatur

Iris Radisch in der Zeit Die Totale des Jahrhunderts

Gerhard Zellinger im Standard.at Der Fluch des Überlebens

TERMIN zum Vormerken Sonntag 26.11.2017, 11:03Uhr SFR

 

 

 

 

Ein berauschendes Fest?!

Vorneweg: Meine Empfehlung

lautet schon jetzt Péter Nadás, allein der fehlenden (é) accent aigus in der Deutschen Sprache und der gekonnt gesetzten Adjektive und der so wunderbaren Sätze wegen: „hörte zum ersten Mal, jemand habe seine Stimme nicht am richtigen Ort.“  Oder: „Mein Vater lehrte mich die Möven füttern, warf in einem Bogen Brot in die Luft, Kügelchen, die seine Finger geknetet hatten. Von da an waren Kügelchen kein Brot mehr; das Wort hatte Form und Materie getrennt, die hoch oben segelnde, schaukelnde Möve … hingegen stürzte sich darauf.“

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Gespannt bin ich auf: Ljudmila Ulitzkajas Jakobsleiter (ein Geschenk!), die euphorisch aufgenommen wird, aber auch distanziert als handwerklicher Pragmatismus abgetan. Die Mitte dessen werde ich rausfinden.

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Und wer nun keine Lust auf Hinterfragungen hat … bitte, da hinten ist das Buffet. Mein Chauffeur begleitet Sie gern nach Hause.

Ein rauschendes Fest

Der Kompass?! Was war das? Wie finde ich mich zurecht? Überall rufen die Worte … die Wünschelrute schlägt trotzdem kaum aus? Anything goes ist der Sekundenfresser, das Internet sein Durchlauferhitzer. Less wäre more, aber More sind die anderen.

Das Internet macht schnell, heißt es, rastlos – ich zerlebe meine Zähigkeit vor dem Tempo der anderen. Wie viel Zeit ich damit verbringe, zu finden, was ich nicht suche. Wie viele Themen, Termine, Ideen ich versäume, es ist ein Rausch, ein vorbeirauschendes Fest, ein Staunen über den Markt der Möglichkeiten, allein es fehlt mir der Kompass, ein Fahrtenschreiber, das Echo.

Täglich Neues, täglich spaziere ich durch Tabellen und Datenbanken, nach Alphabet sortiert, nach unwichtig, nach wenigstens interessant.

Stimmungs- und Interessenslagen. Ein gutes Buch zu lesen, kannst du niemandem mehr abverlangen, heißt es. Es fehle die Zeit. Ein schlechtes Buch gelesen zu haben, will niemand gewesen sein. Die Behauptung, es seien mehr als neunzig Prozent aller veröffentlichen Bücher nicht ihren Pixel wert, lässt sich an dieser Liste abgleichen. Die das sagen, wissen wie schwer es ist, ein gutes Buch zu schreiben. Nun, weil es so schwer ist, erwarten wir es wieder?

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https://www.dumontreise.de/reise-news/detail/extreme-bahnstrecken-zum-staunen-und-fuerchten.html

Was ich sehe: sie pushen und schieben und drängen um Klickzahlen, ein Summenspiel aus Informationsfluss und dem Ruf nach Aufmerksamkeit im Chor der Selbstvermarkter, Werbeträger und der Lauten, die sind alle mal wech, wenn’s drauf ankommt. Und trotzdem ich, der Leser/Käufer das applaudieren soll, liken, kaufen, hofieren, soll täglich Tagebüchern folgen, soll ebenso stündlich Lesefreude teilen, soll am besten schon morgens zum Tee weitere Bucheinkäufe planen. Drohe unter dieser Art Rundumversorgung zu pulverisieren wie Starbuck unter der Regie von Ahab.

61329uvxdkl-_sl1385_Statt weitsichtig werde ich provinziell. Statt großmütig kleingeistig. Ich sehe zwischen den Zeilen nur Überschriften. Statt der Haptik ein weiteres Bild. Statt Stadt … ein Dorf und auf dem Marktplatz Krakehler, lauter Niemand, vor allem aber: sehr laut. Wer/was soll ich werden im Spiel, wenn nicht mein eigener Schatten. (was mich seltsam berührt: die Dankbarkeit und Bescheidenheit der Autoren und Autorinnen, das Gönnerhafte und Selbstsichere der sie beurteilenden und einschätzenden Juroren, um es provokativ zu formulieren: wie lange noch wollen Autoren und Autorinnen sich diese Bevormundung gefallen lassen – erst werden sie über Jahre zur Füllmasse der Szene, in der Öffentlichkeit bloßgestellt und unter dem Diktat eines angeblichen Wettbewerbs gegeneinander verjuxt wie Spielkarten, jetzt kämpfen sie ums Überleben?)

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http://www.tagesspiegel.de/kultur/sasha-waltz-und-ihr-klassiker-praechtig-prekaer/14990962.html

Wenn ich dem Internet für zwei Tage die Aufmerksamkeit entziehe, bin ich ein angeblicher Mensch. Gehe ich in die Netzfalle, bin ich ein fassungslos konturloser – als Fragment, polar, bipolar oder atomisiert. (Bin nunmal im Weltraumverhältnis verschwindend gering) Und trotzdem häufen sich die Anschläge auf meine Person. (Mit Kanonen auf Spatzen sozusagen) Du musst wissen was du willst heißt es, die anderen wissen mehr. Leicht hat es der mit dem Vereinfachermodul, alles sei da, da und da, also Dada. Noch leichter der mit dem Modul, es will alles nichts, und davon noch mehr. Und neuerdings haben wir welche gesichtet, die meinen, sie hätten das Recht auf ihrer Seite, jetzt kommt Druck von unten, ich soll C.G. Jung lesen (Achtung Zeitfalle, der Artikel ist von 1952), wozu?

Sie lesen um die Wette, sie sprechen sich aus, und doch sind sie sich nicht immer einig. Ist das Diskurs? Wollten sie Säulen ergründen als Fundamente des Denkens und Meinens, oder wollten sie nur sprechen im Schweigen des Lärms?

Seit Monaten suche ich, ich finde mich nicht im Haufen der Heunadeln. Ich will wissen wo die anderen sind, sie verstecken sich hinter Bildern vom Schein, vom Licht. Ich bin das nicht. Will wissen, was ist und kann Literatur, und finde Zwischenrufe, Ungenaues, Geworfenes.

Zwischendurch ruft es Halt Halt. Schon treibt die nächste Herde durchs Dorf. Ich habe Bücher gekauft, mehr als 2tausend. Ich will sie nicht mehr. Ich sehe Littfaßsäulen (mehr Werbung als Inhalt) , eine ursprünglich Berliner Erfindung wie auch der Computer eine ehemals Berliner Erfindung.

Kurt Tucholsky: Der Berliner ist ein Sklave seines Apparats. Er ist Fahrgast, Theaterbesucher, Gast in den Restaurants und Angestellter. Mensch weniger.

Ich zähle meine Lebtage und verbringe die Zeit mit falschen Zahlen, Umfragewerten und Konfektionsware. Jetzt könnte man behaupten, ich will zu viel. Ich könnte auch sagen, ich will weniger. Ich könnte behaupten, dass jede Behauptung durch sich selbst dividiert keine Aussage ergibt. Das Draußen überkommt mich. Ich muss es sortieren, besetzen, erobern, bestimmen – verdrängen, muss ich das? Wofür? Muss ich, sonst dreh ich am Rad. (Der Mann ohne Eigenschaften war eine gute Metapher für die Eigenschaften im Koma.)

Ich brauche Menschen um glücklich zu sein.

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Nicolas Poussin, 1636/37, Öl auf Leinwand. London, National Gallery

Ich sehe Bits und Bytes um die immer gleichen Koryphäen. Ich nun, Daueranwender mir untergejubelter Welten, die sich frommschön Social Media nennt, muss Grenzen ziehen, aber jede Grenze provinzialisiert mich noch mehr. Die Grenze allein macht es nicht leichter. Sie muss auch noch befarbt werden. Grüne Grenzen, Rote Grenzen, Blaue Grenzen, Gelbe … im Regenbogen durchs All. Was will ich Ulrich? Die Publicity, die Selbstvermarktung? Das sollte man Profis überlassen, und sie entsprechend bezahlen. Aber das in meinem, einem prekären Bereich? Dem des Jazz und der Bücher? (Die Blockbuster den Markt verhindern, das goldene Kalb jedes ästhetische Empfinden ausblendet. Schon die Architekten jetzt goldene Häuser bauen?!) Die Wirklichkeit dagegen ist prekär. Die Krankenkassenbeiträge steigen.

Das Netz ein Durchlauferhitzer. Sagte ich schon. Another Brick in the World, pardon Wall, viele Sticks and Stones. Macht stoned and sick. Ich kann damit nicht umgehen. Muss Kurse besuchen für richtiges Klicken und Liken. Oder aber … ich müsste mir ein paar neugierig machende Freunde erschaffen … Ich werde jeden Morgen gefragt: Willst du ein neues Profil? Das hatte ich schon, mich selbst liken und lieben. Das wirkt auf andere betrüblich, nicht nur auf sie.

Will sagen. Die Schmerzgrenze. Täglich sichtbar. Ich krieg nicht was ich will. Was will ich? Autorenmeeting! Schriftstelleraustausch? Worte !!  Sätze ?! Gedichte ?!? Geschichten? Wo findet das statt? Und betrat Foren, danach füllte sich mein Spamordner. Ich sah Seiten, die nur mit Profis zusammenarbeiten, was eine Arroganz. Ich sah Seiten, die abgeschaltet wurden. Ich blickte auf Fenster, 19 Zoll Möhren und malte schwarze Balken darauf, die aussahen wie Stäbe. Akkurat im Verhältnis eins zu eins neunzig Grad. Mein eigenes Gefängnis.

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Komm mir bloß nicht mit Jazz. Tarne deine Absichten und schreib einen Krimi!

Sag dann nicht, dass du das warst, behaupte das Gegenteil, immer die anderen! Einer deiner Nebenbuhler, die du geschaffen hast. Angelegt, dich zu erschießen. Du schreibst eine irre Verfolgungsfahrt eines Protagonisten hinter sich selbst her.

I hired a contract Killer.

Denn auch du (Perspektivwechsel) warst seinerzeit in Literaturcafes unterwegs – als es dort noch Foren gab … und bist an die Glasdecke gestoßen, darüber liefen sie mit Pappschildern, mach dein Buch selbst, auch Selfpublishing genannt, zu zeigen, was noch so geschah mit der Absicht, Schriftsteller zu werden, es wurden/werden Genres verhandelt, Love, Sex und Groschen und andere Goldgräbermünzen, allein der Anblick der blumigen Covers ließ dich gefrieren, Finger weg von brennenden Messern. Die ganze Motivation, Autoren ausfindig zu machen, im Blut, die die Bücher ertränken, erwürgt.

Kehrst du zu den Publikumsverlagen zurück, siehst du (dein Blick auf die Welt hat sich geändert!) wie Messer gewetzt werden und Prometheus gefesselt wird am Baum zu fressen die eigene Leber. (Ein Mythos vom Adler der durch zu häufige Anwednung zum im Sand hupfenden Huhn mutiert.)

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Nun sehen wir uns zum hundertsten Mal Autorennamen an und schieben und puschen und verhandeln das auch – nicht ohne Literaturkritiker nochmal vors Schienbein zu treten, weil hier mehr als 2tausend Bücher einstauben, von denen ich (fast) alle in Kürze in die Bibliothek bringen will – zwingend notwendig, die Bücher haben mein Leben im Sinn eines Echolot unlesbar gemacht. Da sind so mittelmäßige Bücher untergekommen, sie machten mich glauben, das kann auch ein Kind. Und seit ich glaube, das kann auch ein Kind, lebe ich ein schreibendes Erwachsenenleben im falschen.

Ein unendlicher Spaß. Mit all den Prekären konkurrieren zu müssen, die sich um Stipendien und andere Brosamen bemühen, und immer noch nicht unter den Erfolgreichen auftauchen. Als Autor du schon sehr von deiner Arbeit überzeugt sein musst, sie unter die Leute zu bringen, doch welcher gute Autor ist von seiner Arbeit überzeugt.

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Es herrscht Fülle in den vielen Formen der Prinzipien des Möglichkeitssinns. (Jaja, der Ulrich) Allein mein Realitätssinn zeigt es nicht an. Ich mein Ulrich stehe im Steinbruch, der Goldgrube der anderen, im Rückzugsgefecht seiner Person. Ich wollte die dunkle Jahreszeit nutzen, zu mir selbst zurückzufinden, dabei kam ich mir häufig abhanden. Ich lese von Dingen, die ich ohne Internet nicht wüsste, ich frage mich trotzdem: Was wo wie finden die anderen, was wünschen und suchen sie. Sitzen vor einer 19 Zoll Möhre mit vertikal und horizontal aufgemalten Balken, in der Proportion ganz ein eigenes Gemäuer, mit Blick in die Tiefen Eigenschaftsloser … besorg es dir selbst, heißt der Geistheilige heute. Denn die anderen kommen ohne dich aus.

Heißt übersetzt, will sagen: mehr Demokratie wagen scheint sich in der Literaturszene nicht wirklich rumzusprechen. Pyramidiale System. Fürstentümer. Gokkelgehabe. Alles schon mehrfach gelesen, küss die Hand gnädge Frau, darf ich Ihnen die Schuhe putzen, Herr? Pass auf, mit wem du sprichst. Der dort ist multipolar angewandelt und der da will nur dein Geld. Denk dran, wenn dir jemand zu nah kommt, schalt deinen Anwalt ein. Setz mal eine Prämie aus.  Er sucht keinen Ghostreader! Er hat Geburtstag und geht in einen Buchladen. Sich einmal mehr beschenken. Sich ein schlechtes Gewissen einkaufen. Bücher, die sich von ihm abzuwenden scheinen, denn der Autor, wissen alle, ist so ein Empfindlicher, dem wächst gerade sein eigener Plot über den Kopf, er will gelesen werden nicht belatschert. Jaja, lesen und gelesen werden … Es ist wie es ist. Siehe Thomas Bernhard. Frostig. Grauslig. Lerne zwei Sprachen. Durchhalten und Ironie.

Ich habe Empfehlungen gesammelt auf WordPress, besten Dank an:

https://literaturreich.wordpress.com/2017/11/11/volker-kutscher-moabit/

Der Vielleser – Jan Kjærstad „Das Norman-Areal“

https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/10/20/markus-orths-max-hanser-verlag/

#baybuch Petra Morsbach und die Grottenolme der Justiz

Außerdem:

Tina Pruschmann – Lostage                                                 Residenz Verlag

Stephan Lohse – Ein fauler Gott                                          Suhrkamp Verlag

Jonas Lüscher – Kraft                                                           Verlag C.H. Beck

Laura Freudenthaler – Die Königin schweigt                  Literaturverlag Droschl

Sasha Marianna Salzmann – Außer sich                          Suhrkamp Verlag

Arno Frank – So, und jetzt kommst du                             Tropen Verlag

bin allerdings selbst etwas verbucht. Siehe oben. Frau hat mir verboten, einkaufen zu gehen. Es läge dann hier herum und verstellte Platz für eine Vase zum Beispiel.

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Albert Feser (1901 – 1993) Stilleben mit Büchern, Vase und Schale, 1946 Oil on Cardboard