Daniel Martin Feige – Philosophie des Jazz

Daniel Martin Feige – Philosophie des Jazz

Zwei Disziplinen, zwei Herangehensweisen. Die eine musikalisch, die andere begrifflich. Geht das zusammen? Ich habe gesehen: Das Buch wende sich an Akademiker – ein Grund es wegzulegen? – Ich suche eine Philosophie für … oder über den Jazz. Oder ist das ein Experiment? Ein Solo zum Ende des Jazz? Wenn erst Philosophen den Jazz zu beschreiben anfangen, bleibt nicht besser die Flucht? Oder wie einst Adorno dem Jazz seine Legitimation als Kunstform abzusprechen versuchte …

Lese ich Interviews mit Daniel Martin Feige, bin ich auf seiner Seite, verstehe, was er sagt: Im Interview mit Philipp Holstein zum Beispiel: „Jazz lehrt, dass Kunstwerke gegenwarts- und augenblicksbezogen sind. Sie können lebendig sein, sie können aber auch absterben. Und man erkennt im Jazz deutlicher als anderswo, was es heißt, dass Kunstwerke lebendig sind.“

Da heißt es: „Besonders deutlich tritt im Jazz die offene Verfasstheit von Kunst hervor. Der Sinn eines Elements der Improvisation ist nichts, was ein für allemal feststeht. Sein Sinn wird erst im Licht späterer improvisatorischer Elemente deutlich. Ob ich nach einer ersten melodischen Phrase eine zweite so oder so spiele, macht einen Unterschied. Sie verändert den Sinn der ersten Phrase, und sie verändert den Sinn alles Folgenden. Natürlich beruht das Improvisieren auf Übung, aber doch eher im Sinn des Eingeübtseins auf das Unvorhergesehene. Es wird ja keine Blaupause abgerufen. (…) Deshalb geht es in jedem Moment um alles.“

Im Interview wird klar, dass das, was man spricht, nicht das ist, was man schreibt. Er spricht von Zeitlichkeit. Von dem Moment im Jetzt und hier. Und nennt das „retroaktive Zeitlichkeit„. Bedeutet: Improvisation ist nicht an seinen Erzeuger gebunden, Improvisation verändert sich und den, der sie hört … Wenn ich etwa höre, dass der eine etwas so oder so gespielt oder gemeint haben könnte, der andere das aber wieder ganz anders hört, so ist das, was man hört, nicht das, was man hören könnte – es verändert sich sowohl beim Spiel als auch beim Hören – so gesehen könnte es eine Gleichzeitigkeit geben zwischen Improvisation und Hören, dann könnte sogar etwas wie „Zeitgenossenschaft“ entstehen. Gemeint als ein sich selbst bewusst werden.

Das Interview gelesen und gedacht: Warum ist das Buch nicht auch so klar in Worten und Sätzen. Das Buch gelesen und gedacht: Ich bräuchte ein Gespräch mit dem Autor, bevor ich ihn missverstehe und mein Nichtverstehen mit seinem Verstehen verwechsele – Die Gradwanderung zwischen dem, was er sagt und dem, was ich lese, ist ähnlich der Gradwanderung zwischen dem, was ein Musiker spielt und dem, was ich zu hören vorgebe oder glaube zu hören. Denn man weiß lt. Interview „im Voraus nicht, was richtig oder falsch ist. Das ist augenfällig im Jazz.“

Am Anfang war das Wort. Es folgen die Begriffe. Explizit-Implizit. („Was im Jazz explizit ist, ist in der Tradition europäischer Kunstmusik implizit (…) Jazz macht nicht nur etwas explizit, was in der Tradition europäischer Kunstmusik implizit bleibt, sondern Jazz macht vielmehr etwas explizit, was für Kunst als solche wesentlich ist. (…) Im Jazz kommt ein Moment musikalischer Praxis explizit zum Ausdruck, das für die Tradition europäischer Kunstmusik in implizierter Weise ebenfalls bestimmend ist.“ : Jazz macht nochmal sichtbar, was in der traditionellen Musik schon vorhanden war – Die Partitur birgt in der Notation nicht sofort sichtbar aber doch interpretierbar Raum und Phantasie zur Improvisation – insofern wäre Jazz eine Fortführung der „klassischen“ Kunstmusik mit anderen Mitteln) Das Werk – Die Improvisation, die Standards – die Interpretation. Beispiele: Beethovens Pathetique und Bachs Kunst der Fuge. Und im Jazz darf man sich auch mal verspielen (Herbie Hancock), ohne dass der Hörer das als Fehltritt verspürt.

Daniel Martin Feige ist in beiden Disziplinen zuhause, man spürt ihn locker sein, wenn es um Jazz geht, und begriffsfest, wenn es um die Philosophie, besser: um die von ihm angewendeten Begriffe der Philosophie geht. Man spürt ihn frei erzählen über Dominanten, Septimen, Subdominanten, Rhythmen, In-Out-Interpretationen. Wenn es darum geht, die philosophischen Begriffe zu klären, merkt man vor allem Belesenheit. Eine Philosophie des Jazz. Die es in der Form noch nicht gibt im Deutschsprachigen. Und wo es sie gibt, wurde gleich auch am Jazz vorbeigehört oder geschrieben, siehe Adorno. Bedenkt man, was Adorno hörte oder eben nicht hörte – den Bebop seiner Zeit zum Beispiel hat er nicht wahrgenommen – so ist Adornos Urteil sogar nachvollziehbar. Big-Band-Jazz ist im Vergleich zu Klassischem Orchester eher eigenwillig, laut und roh. Kompositionen eines Beethoven klingen nach Werkimmanenz und nach Dramaturgie, Kompositionen eines Duke Ellington nach Lust und Laune und frech und obszön.

Nun hat im Frühling dieses Jahres Dietrich Diederichsen ein schwer lesbares Buch auf den Markt geworfen – darin er sich über den Jazz hermacht: man lese die Seiten 181 bis 259, und verstehe vor allem eins: „siehst du, genau das meine ich, alles verwandelt sich in einen Witz, in einen gespielten Witz. Zufall und Unordnung, sie lassen niemals nach in ihrem Zersetzungswerk … “ (was wiederum Zitat William Gaddis ist, dem letzten noch lebenden Literaturavantgardisten … (hm). Und folgen Diederichsen auf seiner Reise vor der Angst spießig zu sein, denn selbst nuanciertes Betrachten sei schon verdächtig … bei Diederichsen legt der Jazz auch „keinen besonderen Wert auf eine Ordnung der Töne, ein Sortieren und Anordnen der Klänge“ … aha – dachte ich schon damals – Jazz gleichbedeutend mit Chaos – da sind auch „die Kompositionen nicht von großer Bedeutung – es sind oft Standards, Märsche, Fremdes, anderer Leute Besitz (…) Aber der Jazzmusiker hält den Ton fest, den einzelnen Ton.“ (Soso dachte ich: Wenn jemand Jazz nicht mag, macht er darüber Witze … ? – ist ja ein Buch über Pop-Musik – und Jazz ist nur reine Improvisationslust jenseits der Pop-Musik – oder oberhalb oder sonstwo – ein Witz eben, der sich improvisierend vom Kollektiv des Themas befreit – soweit D-D)

Dagegen oder davor nun Daniel Martin Feige: Stilelemente des Jazz – das sind nicht nur davon-stürmende Improvisationen, sondern vor allem ist es die Vergegenwärtigung von Zeit. Also genau umgekehrt. Musik will und kann zwar befreien, das Individuum heroisieren, aber nicht in erster Linie. Jazz kann zwar auch Bühne für Exoten und Exaltierte und Propheten sein – die mit Flöte oder Saxophon das Gehirn der Zuhörer zerlegen (nach D-D) – das ist aber nicht Thema: Thema ist der Jazz als Kunstform, als Zusammenspiel, als harmonisches Gerüst – hier wird nicht genudelt und gedudelt aus reinem Selbstzweck des Nudelns und Dudelns – sondern: Hier werden Möglichkeitsformen neu abgesteckt. Ein Standard genutzt, sich auf gemeinsamen Nenner Musik (Kunst) körperlich und inhaltlich neu zu erschaffen – sich bewusst zu werden, dass man im Sinn gemeinsamer Stunden etwas mitzuteilen weiß.

Allerdings bleibt mir als Jazzfreund bei aller Liebe, die auch der Autor für diese Musik verspürt, eine Frage: War es das nun mit dem Jazz? Ist er vollumfänglich beschrieben, ist er nun auch „nur“ eine Kategorie der Musik? Hat es sich etwa ausgejazzt? Jetzt wo schon versuchsweise darüber philosophiert wird?

Die Verkaufszahlen legen es nahe. Kaum mehr ein Fachhandel, der eine gute Jazzabteilung hat. Immer mehr Streaming-Dienste, die die Verdienstmöglichkeiten der Jazzmusiker kappen. Bald wird sich niemand mehr die Mühe machen, ein Instrument beherrschen zu wollen, weil es sich einfach nicht lohnt? Musikmachen und –schaffen ist immer mehr eine Sache der IT und ihrer Programmierer?

Insofern kann man mit auf den Weg geben: Machen Sie das Thema ruhig brisant. Immerhin: er will den Jazz nicht kategorisieren oder in Kisten und Schubladen stecken (wie das D-D tut), trotzdem sehe ich es skeptisch, wenn man auf dem Komplexen beharrt und die ganze Chose wieder klingt wie ein Postmoderne Diskurs – möglicherweise steht und fällt der Jazz tatsächlich mit der sog. Postmodernen-Debatte – und solange wir keine neue Epoche haben, geht’s anything goes so weiter … ? [Nehmen wir an, es gibt gar keine neue Epoche, wir haben mit der Moderne alle Möglichkeitsformen ausgereizt, so wäre es doch ein Einfaches zu behaupten – lass uns das alles noch einmal versuchen und es tun, Machen, machen, machen – ein Projekt jagt das nächste – wer hindert uns daran – lass die anderen von Endzeitphantasien oder Endzeitmoderne sprechen, wir geben den Ton an. Punkt]

Wir wissen: Die Festivals sind gut besucht. Es gibt zwar noch immer Boxen/Kategorien wie Bebop, FreeJazz, Hard-Bop, Fusion und und. Wer nimmt das Wort Jazzrock noch in den Mund? Aber: Wenn wir dem Komplexen etwas Komplexeres, nämlich Sprache und Begriffe entgegenstellen – wünsche ich mir einen neuen Bildschirmschoner: Simplify your life – nicht zu verwechseln mit Spotify your life.

Philosophie betreiben muss ja nicht bedeuten, einfache Sachverhalte kompliziert machen, und hinter der Differenz noch ein Sub-Thema entdecken, und nachdem die Philosophie innerhalb so einer Lesart nichts als kompliziert ist, entspricht sie auch dem Nichtmehreinfachen des Jazz?

Die Meinungen gehen auseinander: Dass es keine Abstraktion und keine Richtung gibt, sondern nur noch individuelle Freiheit und selbstbezügliche und spiritualisierte Weltabgewandtheit (Standpunkt D-D).

Manche Philosophen sind so vertrackt und komplex unterwegs, das erinnert an Freejazz?

Insofern: Es gibt Hoffnung. Der Mensch braucht: Musik, egal ob aus der Thermokanne oder aus der Tuba. Egal ob von Karajan dirigiert oder von Adorno missdeutet. Egal ob mit Stangen auf Stahl oder mit Fingern auf Rindfell. Ein Livekonzert – weiß jeder: macht mehr Spaß als jede Rezension darüber. Und ein Instrument beherrschen, es spielen, allemal mehr Spaß als es auseinanderzuschrauben oder darüber Gedichte zu verfassen.

In der Regel ist Jazz ohne Worte. (Den Jazzgesang mal als Stimmakrobatik vermutet) Und macht im besten Fall sogar sprachlos. Mit Saxophon Klavier, Bass und Schlagzeug. Zur ekstatischen Begeisterung für dieses Buch fehlt mir ein schöner Song. Mit einem Schuss Improvisation und einem Schuss Komposition. Ein Arrangement zwischen den Zeilen.

Wo der Jazz bleibt, muss sich immer wieder aufs Neue beweisen. (?!). Da tut es Not, das Wort zu ergreifen. Philosophisch. Sich für den nicht einfachsten Weg entscheiden. Keine leichte Lektüre (kommt auf den Standpunkt an?).

Zumindest schaue und höre ich mit einem anderen Ohr, dem Ohr eines Hirns. (Seins oder meins? – funkt mir D-D dazwischen) Jazz durch Philosophie über Jazz den Intellektuellen in die Schuhe schieben?

Warum Jazz immer mit Akademie und Künstlichkeit zusammenrutscht ?!

Wenn Musiker und Musikerinnen ins Erzählen geraten, ist die Geschichte des Jazz noch nicht zu Ende erzählt. In dem Sinn: Freiheit in der Bewegung, in der Notation, im Solo, auch mit Mut zum Irrtum, mehr Mut zur Improvisation tut jedem Denken gut!

Verlag: Suhrkamp Verlag; (19. Mai 2014)
Daniel Martin Feige: Philosophie des Jazz *1976, Institut für Philosophie FU Berlin