Georgi Gospodinov – Physik der Schwermut

Vorsicht Labyrinth

Es beginnt vielversprechend, vor allem sprachlich. Ich gehe der Ich-Figur gleich auf den Leim, auf den ersten Seiten: „Ich sehe es ganz deutlich. Ein dreijähriger Junge. Er ist auf einem leeren Mehlsack eingeschlafen, im Hof der Mühle. Ein fetter, brummender Käfer fliegt tief über ihn hinweg und stiehlt ihm den Traum.“

Ein wundersamer Satz, den ich still abfeiere als sprachliche Pointe. So darf ich mich noch ein paar Seiten auf dieses blaue Schwermutswunder der Physik einlassen und freuen, bis … ja bis … Minotaurus auftritt. Da werde ich das erste Mal frontal geweckt. Das wird keine leichte Kost, sagt mir das. Denn ich darf mich (wieder) mit griechischer Mythologie auseinandersetzen. Minotaurus weiß ich aus meinem Griechisch-Unterricht (zu fünft saßen wir da nachmittags und fraßen uns durch die Schauermärchen): Minos = Stier, Taurus = Fabelwesen.

Der Minotaurus scheint dem Erzähler mehr als auf den Magen geschlagen zu sein. „Mit fünf lernte ich lesen, mit sechs war es bereits eine Krankheit. Ich stopfte mich wahllos mit Büchern voll.“ (Das kenne ich, wahllos bis zum „Ausfluss der Geheimtinte“ aus den Büchern in mein Herz und Hirn. Sodass ich selbst vom Kriminalisten (Highsmith) zum schwermütigen Hans Castorf (Th.Mann) wurde. Dieser hier aber wird selbst zu einer Art Minotaurus, das kann auch sein Papa nicht verhindern, „wie Minotauren drängen wir uns in diesen Kellern …“ Der Anfang ist gemacht. Ich habe an das Buch die größten und freudigsten Erwartungen, wer mich so anspricht … bis … ja bis. Plötzlich uuuuh. Kapitel zwei. Die schöne Ich-Erzählung sich in Luft auflöst und der gute Wer-ist-das-eigentlich-Erzähler auftritt und mich kurz an die Hand nimmt: Der Fall M. wird mir erklärt. Da mischt sich irgendein Staatsanwalt ein, bzw. wird er gefragt: „Sie protestieren, Herr Staatsanwalt? Wenn es wegen der Sprache ist: die Worte sind nicht meine, und die Übersetzung ist ziemlich genau.“

Aha, denke ich. Er ist sich seiner Sache jetzt nicht mehr sicher? Ich schon gar nicht. Denn ich muss das Ganze gleich nochmal durchmachen? Durchlesen? Was passiert hier? Ich weiß es nach mehrfachem Lesen noch immer nicht. Der Mythos des Minotaurus. Gut. Aus schönen Sätzen sind inzwischen (auch) solche geworden: „zu seiner eigenen Beruhigung schickte mich der Arzt damals zur Magnetresonanz, jener großen weißen Kapsel, wo sie dein Hirn in dünne Scheibchen schneiden und in all seine Geheimnisse eindringen (Sci-Fi?, meine, deine ? Sind ich alle wir?):

Es geht weiter. Kapitel 3 Das gelbe Haus. Das scheint eine Irrenanstalt zu sein, umzäunt von einem elektrischen Stacheldraht. „nachts unter Strom gesetzt und einige Leute seien gegrillt worden ..:“ Hm. Gerade nochmal gutgegangen, oder ist das schon ein blöder Witz? Ich bin sowieso ziemlich verunsichert inzwischen. Mein Verstand hat dem Werk nichts mehr entgegenzusetzen. Mein Verstand, genau. Den man abschalten sollte in solchen Fällen. Aber dann passiert, was ich nicht mehr ertrage. Ich finde mich nicht mehr zurecht. Ich bin fast blind geschrieben. Und leider vermisse ich die in den ersten Seiten so poetischen Momente seiner (Gospodinovs) Sprache. Denke insgeheim: Der Autor ist frei, ich bin verrückt. Er erzählt was er will. Ich kann sehen, wo ich bleibe. Also Verstand wieder eingeschaltet. Nochmal. Andere Lesart: Bedenke: Minotaurus hat eine Krankheit, er leidet unter zu großer Empathie. Das kann passieren in einem Leben voller Text, voller Bücher. Verwechslungen und Mythen. Seine Empathie soll nicht zu meiner werden, oder?

Nun suche ich ein bisschen mehr Halt und Unterstützung, beim Verlag auf der Website. Da lese ich des Lobes voll bis hin zu Weltliteratur-maßstäblichem. Holly Pager (Pager! kommt wirklich vor), denke ich, das Buch ist wahrscheinlich eine Nummer zu groß für mich. Das ist mir schon bei Esterhazy passiert, bei Nadal, bei H.Gass – gut. Dann muss ich eben kapitulieren. Sie wollen es so. Ich bin klein mein Erster-Hazilein uuuuuuuh (Die uhhs und ahs in dem Buch verstehe ich nicht, werden so Geister vertrieben?). Ich kapituliere. Und teile das noch mit. Wer meint, er könnte mich am Nasenring durch die gesichtslose Zeit führen, ich sage es so: Nein. Das ist kein Stierkopf auf meiner Schulter. Ich bin kein Fabelwesen. Ich bin ein Leser mit dem Recht zu beurteilen, dass nicht immer klar ist, was die anderen für ganz besonders unklar halten. Trotzdem hat mich dieses komische Meisterwerk irritiert und fasziniert, zum vollendeten Meisterwerk, einem sog. Jahrhundertmeisterwerk fehlt noch eine Landkarte. Wo Minotaurus eigentlich zu finden ist?! Lebt der jetzt in Sofia oder sitzt der in meinem Zimmer?

Ich stelle dieses Buch wieder ins Regal, suche mir, was ich schaffe, und nicht, was mich schafft. Vielleicht anderntags nochmal … die Herausforderung steht. Aber erst sollen sich die Philologen über dieses Buch in die Wolle kriegen. Ich bin gespannt, ob sie mir ihr Ergebnis jemals mitteilen werden. (Stand Nov 2014: viel gehört habe ich nicht – sie zeigen sich so selten, die Minotauren der (Welt-)Literatur.

(Wenn Kritiker mit eigener Intuition – und den üblichen Allgemeinplätzen – würde ich sagen: Das Buch ist in meinen Händen und vor meinen Augen in seine Werkteile zerfallen, ich muss allerdings sagen: ich bin es auch, ich gehe mich wieder sammeln.) Da das Buch unter Philologen Anerkennung gefunden hat (konnte ich lesen in der FAZ auf der Webseite des Verlages), braucht man sich keine Sorgen zu machen – um Buch und Autor. Da kommen sicher noch ein paar solcher Brocken. Für Auserwählte. Die Messlatte liegt hoch, sagte ich schon … ich bin fasziniert – davon, wie mich ein Buch an seine und meine Grenzen führt. Dank auch an den Übersetzer Alexander Sitzmann – ein Buch, das mich noch einige Zeit fordern wird.

Ein Spiel Satz und Sieg, der zu einem meiner Lieblinge gehört für dieses Jahr. Ich muss nicht alles verstehen, aber verstehen kann ich immer mehr. Als ich im Frühling mir von Gospodinov sogar höchstpersönlich eine Unterschrift ins Buch habe malen lassen (das erste Mal, dass ich sowas überhaupt habe machen lassen – wie ein Schuljunge kam ich mir vor, und habe ihm auch nicht ausversehen auf die Schulter geklopft für dies grandiose Labyrinth.) dachte ich: da siehst du mal, dieser Autor freut sich sogar, wenn man sich über ihn freut – das hat mich überrascht, keine Spur von Überheblichkeit oder Arroganz – in seinem Werk und ohne Eitelkeit – zumindest hat er sie nicht gezeigt. Denn eins hat er auf der Lesung doch verraten: Die Bulgaren haben vor allem: Sinn für Humor. Ein Buch das jeder halbwegs lesewillige Zeitgenosse gelesen haben muss. Übrigens: es funktioniert nach einer Weile auch hin und her gelesen, kreuz und quer. Es ist ein ebenso Kreuz und Quer an Verweisen und kleinen feinen Sprachfinessen.

Ein fetter, brummender Käfer fliegt tief über ihn hinweg und stiehlt ihm den Traum …

Grüße von der Couch.

Verlag: Droschl; Auflage: 1 (3. Feb. 2014) – 340 Seiten
Georgi Gospodinov Physik der Schwermut *1968 Bulgarien, lebt in Sofia