In 3000 Schritten durch den Grunewald

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Geschichten? Bernhard, Raul, Theo? Sie erzählte von Andreas, im Rahmen einer Zweierbeziehung offen … eine Sache des Vertrauens, all den Jungs ohne Kopfzerbrechen zu begegnen, sie wollte sich nicht noch schämen. Was konnte sie denn dafür, dass all die Jungs ein Auge auf sie warfen. Ob sie es sich nur wünschte, ob es tatsächlich geschah … Leo denkt nach. Er kommt auf Bernhard, Raul, Rolf und Andreas. Hatte sie mit allen eine Geschichte? Er kann sich nicht erinnern, macht auf Sicht von so vielen Jahren eh keinen Sinn.

Hat das mit Wirklichkeit zu tun oder mit Plot und Dreh … doch, doch, mit dem Dreh. Die Gisi. Das hat er gewusst, beziehungsweise von Anfang an geahnt, sie hat die Hochzeitsringe für Rolf nicht nur ausgesucht, sondern gleich auch angesteckt, für ein dauerhaftes Zusammen mit Essen, Trinken, Fernsehen, und wenn es gegen Mitternacht geht, ist der Beischlaf nicht der Rede wert, deswegen sie so manchen Anlass zur Kenntnis nimmt und zur Umsetzung treibt. Wenn Rolf im Sauerland Wildschweine jagt oder Fünfender und andere Geweihe. Und da Rolf in Leo einen Freund weiß, weiß auch Gisi ihn zu schätzen für die fünf oder sechs Wochenenden, da sie auf ihrem Sofa sitzt, Fern sieht und Handschuhe strickt, fünf oder sechsmal hat Leo Gisi besucht, einmal haben sie es mit zwei Pullen Rotwein und anzüglichem Grinsen, der Rotwein war von so einer Schwere, spät war es, da sollte Leo im Wohnzimmer unterkommen, Gisi wollte ins Bett, da hat er Besuch am Wohnzimmerlager, ihre Hand streicht seinen Kopf, der Rotwein setzt Kräfte frei, er spürt seine Hand ihren Kopf streicheln und da sie sich gegenseitig die Köpfe in Händen halten, folgt dem, was sinnenlos macht, Gisi war es, die sich, ohne zu fragen, unter seine Kamelhaardecke zwängte, und kaum dass sie unter der Decke lag, und die Rotweingier die Führung übernahm und die Hände nachwuchsen und überall waren, gerade dort, wo sie auch sein wollten bei diesem Ritt, bald hatte sie ihn ergriffen, die Gisi von der Sorte, macht es ohne Vorwarnung und ohne Vorfühlen, als Leo seine Hände aus ihrem Nachthemd befreit, und sie sich von ihrem Slip, ohne zu warten, ob ihr neuer Freund mitteilsam ist, stemmt sie sich auf ihn, trocken wie eine Wand, wie zwei Mahlsteine presst sie sich auf ihn, es brennt wie Gartenschere, Leo wohnt seiner Entjungferung bei und hat ein Problem. Ein von ihr kraftvoll durchgezogener Ritt, was ihm bleibt, sind die vor ihm schwebenden Hälften, an denen er sich festhält und ihrem Stemmen und Rufen und Johlen zu folgen versucht, es hat diese Nacht nur ein Ziel: Gisis Zusammenbruch von da oben. Sie kennt ihren Leo, ein junger Mann ganz der Bruder von Rolf, der im Sauerland Wildschweine jagt. So ist sie erst zufrieden, nachdem Leo ein zweites, ein drittes Mal bestiegen ist, sie sich endlich daran zu erinnern versucht, was das war. Mit einem Nebenbuhler. Das war immer dein Plan, gib zu. Das kann er nicht zugeben, es gibt Dinge im Leben, denen kannst du selbst bei mehrmaligem Nachdenken über sie keinen Sinn verleihen. In diesem Fall: irgendwann musste es sein. Eine Mischung aus Gereiztheit und bedrückendem Triumph, dass es nicht einer Verliebtheit folgt, oder einer Obsession, sondern einzig der Not einer hartnäckigen Frau, die ihre weißen Brüste zeigen will und dabei mit Leo durch den Garather Wald galoppiert, ohne sich die Mühe zu machen, wie sich das Pferd anfühlt bei dieser Tortur.

… mehrfach nachgedacht, wie man dieses Manuskript angehen soll. Eine Kurzversion könnte die Neugier schnellstmöglich erfüllen. 1982 − ein Mädchen liebt einen Jungen, plötzlich liebt sie noch einen, das kann nicht gut gehen. 1995 – eine Frau liebt einen Mann, plötzlich liebt sie noch einen. 1998 – Ein Mann liebt eine Frau, plötzlich liebt er noch eine. 2001. Der Mann liebt eine Frau, er flieht ins Internet, plötzlich liebt er noch eine. Wenn du das eine willst, und das andere bekommst. Es muss etwas zwischen den Zeilen geben, etwas, warum sie den einen liebt, bevor sie noch einen liebt. Ein Mann liebt die Vielfalt von Bildern, Texten, der Kunst – plötzlich liebt er Konzepte, Gedanken, Ideen, so alt wie Gottes Ohr. Ein Mann schreibt über sich, so schreibt er über dich. Also: ich bin dieser Mann, schreibe über mich, aber niemand weiß, wer ich bin. Ich kann es so erklären: da meine Bücher niemand liest, muss ich sie so schreiben, dass sie wenigstens mich interessieren … da ich mein Leben gut kenne, wird mich mein Leben, aufgeschrieben, kaum interessieren, außer ich schreibe es so, als sei es ein neues Leben. Ein Mann lebt sein Leben, plötzlich lebt er noch eins – nehme ich das eine Buch in die Hand, will ich ein anderes … schreib‘ einen Krimi, sagt man. Ich liebte eine Frau, sie brachte mich um. Ich will aber keinen Krimi lesen über eine Frau, die einen Mann liebt, und plötzlich liebt sie noch einen – ich liebe eine Frau, dann liebe ich noch eine, schon ist es eine zu viel. Das glaubt mir nichtmal ein Heiliger. Ein Mann liebt eine Frau, plötzlich war sie fort. Ein Mann liebt eine Frau, sie liebt ihn nicht. Ein Mann liebt eine Frau, sie sagt du liebst eine andere. Ein Mann liebt eine Frau, plötzlich liebt er noch eine. Ein Mann liebt eine Frau und ist sich seiner Sache nicht mehr so sicher. Ich kann auf all die Vorwürfe keine Antworten geben … Ich unternahm viele Versuche, mich von diesen Irrtümern zu befreien … zu befürchten steht, dass sie mich zwar liebt, in ihrem Traum aber verfolgt wird von einer Frau.