Schnell noch einen Imbiss ziehen

Ich hab hier zwei Ebenen, ich kann sie dir nicht erklären, Zeitebenen, als gäbe es das, Zeit, die man in Scheiben schneidet, die eine, wie ich mich langweile, die andere, wie die Geschichte an mir vorbeirauscht, alter Schwede. Am Ende stehst du da mit einem Loch in der Hose und die anderen schauen auf dich, als hättest du dir im Solarium die Nase verbrannt. Gib mir Zeit vier Wochen, das ist die Ebene, die an mir vorbeirauscht. Schreib doch einen Brief, noch einen, schreib‘ das alles auf, das ist die, die mich ans Ende der Welt brachte. Im metaphysischen, nein im übertragenen Sinn. Metaphysik und Übertragung, und klar doch, hier noch die anderen psychologischen Begriffe: Übergriffigkeit und Spiegel und Abstand und ich bin es müde. Alter Schwede, wer bist du. Wer bin ich in der Geschichte. Werde doch mal deutlich, sagte sie, ich hatte nichts Besseres zu tun, als all das in lauter abstrakten Begriffen unterzubringen. Wundere mich über so einige Formulierungen. Wundere mich vor allem darüber, dass das, was in einem brennt, sich sprachlich nur noch anhört wie Kitsch, Rinnsal oder plätschernder Bach. Du spürst in dir einen Groll und da draußen schwebt eine Möwe am Fenster vorbei. Nenn den alten Schweden beim Namen, Robert oder Simon oder Dirty Joker und verrate nicht, dass du ihn aus dem amerikanischen Idyll von Philip Roth rausgepickt hast, obwohl uns als Jugendliche der Begriff alter Schwede geläufig war im Sinn von mein lieber Scholli, kannst du alles bei Wikipedia nachlesen, ich fürchtete schon, es sei einer dieser Begriffe aus dunkler Zeit, die dunkle Zeit bei uns immer die meint mit Onkel Paul, der, dreimal darfst du raten, kein alter Schwede war, sondern ein lupenreiner Idiot, gleichzusetzen mit … such es dir aus, ich drifte ab … das Abdriften kein psychologischer Begriff ist, sondern ein Seefahrerspruch, und Stopp. Mein alter Schwede glänzte weniger durch sportliche Leistung oder körperliche Aggressivität im Wettkampf, sondern durch seine Attitüden, seine weltmännische Attitüde fällt mir ein, seine Denker-Attitüde, seine Erhabenheits-Attitüde, seine Ich-weiß-wie-die-Welt-funktioniert-Attitüde. Ein echter Freund, der alte Schwede. Einer, das sei verraten, den du dir nicht auf der anderen Seite der Linie wünschst. Einer der Sorte, wenn du ihn zum Freund hast, brauchst du keine Feinde. Dabei geht es in diesem Buch der zwei Ebenen gar nicht so sehr um Robert, auch nicht so sehr um Simon oder Dirty Joker, strenggenommen geht es nichtmal um Rosa oder Malte, nichtmal um mich − was so gesagt natürlich Humbuk ist − trotzdem: ich bleib dabei. Es geht um diese seltsamen Begriffe wie Mythos, Gespenster, Augenblicksschwangerschaften oder Gutenachtgeschichten. Was Ohnmachtsanfälle erzeugt, Beieinanderkauern, Wollmilchsau. Du siehst, es handelt sich um Substantive der Art einschüchternd, fragestellend und manipulierend. Das Realistischste an diesem Roman ist seine Unbedarftheit und Naivität. Da ist einer, der hat richtig Bauchschmerzen und ruft so Dinge wie ich liebe dich, ich liebe sie, ich weiß nicht wen. Ihm bohrt es ins Fleisch und er sagt Hühnerbeinvergiftung dazu. Er läuft monatelang die Siebzehnte Juni rauf und runter und will da irgendwas in den Griff kriegen, allein er hat nur zwei Hände, seine Beine, die ihn die Siebzehnte Juni rauf und runter tragen und schaut er in die Büsche und Sträucher am Wegrand, sieht er Büsche und Sträucher. In Echt und so wie sie sind. Büsche, Sträucher, später sollen sie sogar in einer Betonröhre sitzen und frieren. Hat sich die Figur auch mal verliebt, würde Flynn Brunner immerzu fragen. Alter Schwede. Noch so einer, der alles besser weiß. Ich kann dir verraten, ich habe beide überlebt. Als der eine Alter Schwede war und der andere auch, waren wir noch im pubertären Kriechgang unterwegs, der eine, Robert, zwei Jahre älter als ich und trotzdem erst zweiunddreißig, der andere Flynn Brunner, zehn Jahre älter als ich und trotzdem erst vierzig. Jetzt wo ich das schreibe, bin ich weit über fünfzig, und so viel sei verraten, Alter Schwede − ist nicht mehr. Das ist echt Alter Schwede ist das. Erst erklären sie dir, was alles so Erklärbares am Wegrand auftaucht, da springen sie vorzeitig in die Grube und lassen dich mit ihren Begriffen zurück. Überhaupt der schärfste von denen: das sei alles auf der Spur der erotischen Spannung, ein echter Robert, ob Wäschewaschen, Zahnputzmittel oder Coladose öffnen, ob Witzfigur aus Monty Python oder Luftballon aus Münchhausen, ob Kristallkaraffe oder Geistreichelei, ob Laufpass oder Bergspitze, ob Schneeschlucht oder Spurensuche im Schnee, alles Geister, die ich rief und eine Spur der erotischen Spannung, der Robert. Erst nimmt er dir deine Frau weg, dann ist er schon im Himmel unter den Seinigen, aufgelöst und fromm, eine Nebelwolke im Frühling, und spricht mit dir aus Engels Zungen, manchen Leuten begegnet man, um sie nie wieder loszuwerden, so eindringlich ist ihre Mission. Nun drifte ich wieder ab. Da weiß ich schon nicht mehr, wie ich dich an diesen Text binden soll, ich weiß nicht einmal, wen ich hier anspreche mit Du, Dich, Dir, Dein, du bist auch nur ein Phantom … könnte dir so passen, mich hier des Multiplen zu verdächtigen … natürlich nur auf Durchreise. Alle sind wir auf Durchreise und von keinem weiß man, wer er war. Der alte Schwede war mein Freund, sage ich und ich habe ihn nichtmal bewundert. Und trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, schnappt er mir die Frau weg, damals. So eine typische Nummer wie aus einer nicht allzu weit hergeholten Assoziation. Zwei Männer lieben eine Frau, doch sie entscheidet sich für einen dritten, so eine Geschichte ist das. Ist das wirklich alles, fragen die beiden mich unisono aus ihrem gepolsterten Himmel. Herr im Himmel, sage ich, wenn ihr so wollt, ja. Euch aber hat zu dem Thema keiner gefragt. Für euch ist der Himmel eine Lüge voller Geigen, für mich eine herbstzeitlose Betonplatte in Grau. Alter Schwede. Komm lass uns beginnen …