Zur Marginalisierung von Literatur

… oder von Klagenfurt am Wörthersee – ich mach es kurz. Ein Rant #ard #zdf sozusagen.

Es hat dieses Jahr ein sehr spannender Wettbewerb um Literaturtexte stattgefunden in Klagenfurt, auch Bachmann Preis genannt – übrigens durchaus divers und vielseitig – mit sehr unterschiedlichen Anlagen in Rhythmus, Konnotation, Aussage und Form – mit einer würdigen Preisträgerin, Helga Schubert war nicht nur nicht prätentiös, nicht nur nicht umständlich, nicht nur nicht kompliziert, sie hat einfach einen großartigen Text großartig und berührend vorgetragen und zurecht den Bachmannpreis für ihre Arbeit erlangt.

Am Abend dann. Heute-Sendung 19:00 Uhr nichts. Tagesschau – nichts – Heute-Journal – nichts – und wie ich es überflogen habe, auch in den Tagesthemen – nichts.

Hat der ORF vergessen, eine Pressemitteilung rauszugeben? Dürfen nun etwa Ard und Zdf nicht über Inhalte des ORF berichten? Wenn dem so wäre … Hilfe! Oder haben die Nachrichtenredaktionen der Fernsehanstalten Ard und Zdf keine Kulturabteilung mehr? Oder war ihnen diese Veranstaltung tatsächlich nicht ein Wort wert, mitgeteilt zu werden? Das ist beschämend und peinlich zugleich.

Auch ich jetzt mal meine Monatsgebühren für den Kulturauftrag der großen Sender anmerken darf. Wofür bezahle ich monatlich 17,50 Euro? Damit ihr mir jeden Abend Steine ins Wohnzimmer schmeißt, mir permanent den Obermufti aus den USA und seine Unsagbarkeiten liefert? Ganz zu schweigen von all den gesellschaftlichen Randerscheinungen dieser Breitengrade, die mir fortwährend als relevant verkauft werden – zum Beispiel, dass der HSV noch eine Saison in Liga 2 verbringen soll – um mal ein weniger politisches Eisen anzufassen. Das Nachrichtenprogramm gestern: Plünderer in Stuttgart. Tönnies Coronawurstfabrik. Messerstecher in GB. Donald irgendwas. Fußball. Das Wetter.

Öffne das Fenster. Lasse Luft rein. Schließe das Fenster. Schaue im Internet nach.

Entschuldigung. Wenn ihr wollt, dass dieses Land nicht mehr drauf hat, als vor sich hergetrieben zu werden, weiter so. Wenn ihr noch irgendeinen Funken auf Vielfalt und Kultur einer Gesellschaft setzt, dann haltet doch mal eure Kameras auf Veranstaltungen, die von der Vielfalt und der Kultur dieses Sprachraums berichten. (Sie hätten ja nichtmal Kameras gebraucht, war alles im Kasten beim ORF?) Von Unkultur habe ich mehr als genug im World Wide Web. Wollt ihr denen konkurrieren, habt ihr schon verloren. Euer lautes Schweigen.

Traurig. Beschämend. Peinlich.

Ratlos stelle ich fest: die Behandlung von Literatur in diesem Land ist an einem weiteren Tiefpunkt angekommen. Das hat einmal mehr festgestellt nichts zu tun mit fehlenden Leitwölfen in der Literaturrezeptionsebene (ohne die kluge Löffler war doch MRR eine Parodie seiner selbst – und dass er die Literatur maßgeblich verbessert habe mit seinem Theater, halte ich für ein Gerücht – ohne gute Literaten war auch er stimmlos und hatte Zeit für Dinge wie Kanon der deutschen Literatur). Es hat nichts zu tun mit einer Literaturkritik, die sich selbst feiert auf Kosten ihrer Autoren und Autorinnen. Es hat nichts zu tun mit einer Überproduktion von Büchern. Es hat nichts zu tun mit fehlenden guten Literaten. *(siehe Anmerkg.)

Es hat aber unbedingt etwas mit der mangelnden Bereitschaft zu tun, überhaupt noch etwas in die Rezeption zu treiben. (Einmal seinen Kopf einzuschalten – bekanntlich sinkt der IQ der Bevölkerung.) Es sprechen für die Nachrichtenredaktionen offenbar nur bewegte und gewaltversprechende und explosive wie aggressiv machende Bilder, damit einher geht jeder Auftrag verloren, es sei denn die Redaktionen sehen es als ihre Aufgabe an, Fernsehzuschauer an den eigenen Sessel zu fesseln, wo sie in Schockstarre den eigenen Rand hautnah erleben als Ende der Welt, der Wille zu geistiger oder intellektueller Kreativität lässt in solchen Momenten der Furcht und Angst zwangsläufig nach – dem Motto folgend: wo kein Wille, da sorgenfreies Girren und Brechen der Äste – Der Wurzeln Knarren und Gähnen? Durch übertrümmerte und aufgescheuchte Krähen – frei nach Goethe.

I’m sorry – Rundfunkgebühren zahle ich auch, sogar freiwillig und sogar gern: für Arte, 3Sat, die Dritten und für Radio, aber für Ard und Zdf scheint Geld zu verdampfen – da darf jeden Abend Frau Kohl oder sonstwer Börsennotizen bekanntgeben (wer sich für Börse interessiert, braucht keine Kohl oder sonstwen viertel vor Acht) – und sie schaffen es nichtmal, eine halbe Minute auf Klagenfurt am Wörthersee aufmerksam zu machen – je weniger sie es geschehen lassen, desto weniger geschieht es? Und reißen mich regelrecht so gar nicht vom Stuhl, außer dass ich stumpf werde und mich umso peinlicher gar nicht mehr berührt sehe. Ein Lehrstück fast, wie die Vielfalt von Gesellschaft buchstäblich ins Nichts überführt wird. Dass Literatur nun auch schon, wie Löffler im Beitrag zum Deutschlandfunk anmerkt, ein Nischendasein führt – halte ich schlichtweg für eine kulturelle Bankrotterklärung – der ich mich beim besten Willen nicht anschließen will, der ich mich nach Duktus und Ausstrahlung von Ard und Zdf aber zu fügen habe? – Jetzt erst recht nicht!

Übrigens: das Digi-Format hat mir sehr gut gefallen, ausbaufähig, da ließe sich einiges an Kultur zusammenbringen – auch ohne Ard und Zdf. Denn sie marginalisieren nun, so scheint es, sich selbst, zusehends – ganz aus sich selbst heraus. Was eine Leistung.

Vom Twittern mitgebracht: Sigrid Löffler „Das ist wohl eher ein Relevanztheater“

Alle Texte zum Nachlesen

Pressespiegel: Tagesspiegel, Die Zeit, Sueddeutsche Zeitung, NZZ, FAZ, Die Welt

Alles weitere zum diesjährigen Bachmannpreis auf der Seite des ORF Besten Dank nach Österreich / dort zumindest feststellbar Buchkultur vorliegt.

Anmerkg *Kritischerweise möchte ich anmerken: vielleicht hat der Klagenfurter Buchpreis einen zu akademischen Pro-Seminar-Charakter inzwischen – das zum Beispiel ließe sich abstellen, indem die Suche nach Talenten zugunsten einer Suche nach Literaten umgemünzt würde. In Helga Schubert haben sie eine Literatin gefunden, in Egon Christian Leitner auch, zu den anderen möchte ich mich enthalten //ja klar, und schon haben die Verlage keine Bühne mehr, auf der sie ihre Hoffnungsträger präsentieren können – //Entschuldigung, es hindert sie niemand daran, selbst ein paar Bühnen zu errichten. Ich meine, Entschuldigung. Ich muss auch jeden Tag ins Büro und Video konferenzen – außerdem: so ein bisschen Webex – Team oder Skype oder Zoom oder oder kostet nicht die Welt. //das Format jedenfalls: junge Autoren zittern ihre Texte vor, damit Professoren und Fuilletonisten sich echauffieren, scheint mir aus der Zeit zu fallen (sicher: ein weites Feld – nochmal Entschuldigung. Haben wir nun Internet oder haben wir kein Internet? Wollen wir ewig in der Opferrolle rumplustern? Ich habe es schon mehr als einmal gesagt: Amazonien ist nicht so mächtig, weil sie mächtig sein wollen, sondern weil wir es zulassen. Wann endlich setzen sich die Buchmacher zusammen und entwickeln Gegenstrategien, wann? Wenn sie alle pleite sind? – nun gut. Bin kein Verleger. Hab schon noch ein paar Bücher – mit denen komme ich durch … nur das von Helga Schubert fehlt mir noch, und das von Egon Christian Leitner.)