Will Self – Regenschirm

Will Self RegenschirmGlühwürmchenliteratur

– die einen werden es lieben, die anderen verzweifeln – ein Endlosband – ein Brainstorm, ohne Halt und Anker, ein Text, der in sich selbst dreht, ohne Anfang und Ende. (außer vom Buchrücken vorne wie hinten klar definiert)

Die Erzählstränge sind nicht voneinander getrennt. Audrey Death, an der in Europa um den ersten Weltkrieg herum grassierenden Schlafkrankheit erkrankt, wird sechzig Jahre später von Zachary Bunser, dem Psychotherapeuten, mit einem neuen Medikament ins Leben zurückgeholt. Zwischen diesen Zeitebenen wird frei hin und her gewechselt, manchmal dem Banalen zugewandt, manchmal tiefschürfend – aber immer so, als wäre das ein Truppenübungsplatz der Worte und Sätze:

„trockeneifarbenen Plastik, epidermale Verwüstungen, zirkadiane Rhythmen, puddingfarbenen Sichtbeton, die schwarze Mundhöhle, der galvanische Gürtel.“

Zumindest hatte ich auf den ersten hundert Seiten so meine Schwierigkeiten. Später allerdings, wenn man sich erst an Sprache und Rhythmus gewöhnt hat, kommt man ziemlich gut voran.

Ein Buch, in dem nicht weniger als 87 verschiedene Tics abgehandelt werden, darunter: „Haartasten, Nasenzwicken, Halsdehnen, Büstenhalterschnappen, Knieschlagen, Zungerausstrecken, Ohrläppchenziehen, Speichelschlucken und Atemanhalten und Fingerwackeln.“

Da sind ineinander verwobene kleine Erzählungen – nachvollziehbar: wenn sie zum Beispiel Golf spielen, oder eine Art Kleidersammlung vorführen, einen Masken- oder Kostümball? Plastisch dargestellt auch die große Frage des behandelnden Therapeuten:

Wie kommt ein Wissenschaftler mit großem Sprachschatz und so vielen Kategorien zu vollendetem Sex? Das Sex-Thema – in allen Lebens- und Aktlagen:

„Der Geschlechtsverkehr bei einer Tagung über Gemütsstörungen. Tagungen, ach! Waren ihm immer die liebsten Arenen, wenn es um Verführung ging: lag nicht etwas unbestreitbar Erregendes in dem Kontrast aus Teppichfliesen in Konferenzräumen einer ehemaligen polytechnischen Hochschule und dem Wogen des Fleischs?“

Was kann man nur machen gegen „virtuosenhaftes Nagelhautschnippen im Wechsel mit Haarspleißbewegungen“ – und dem „opernhaft grandiosen Seelöwengähnen“, oder „dem Gorillabrusttrommeln“? In diesem Haus, in dem unter Schlafkrankheit leidende Patienten nach nicht weniger als sechzig Jahren zu sprechen anfangen, in klarster und nachvollziehbarer Sprache, eine Wunderheilung.

Will Self, glaube ich, will mehr. Große Literatur? Oder bin ich nur geblendet vom

„Spiegel, den man schüttelt, damit Universum entsteht?“

Manchmal kann er sogar flüssig erzählen, fast zart weich vorsichtig und annähernd – der Autor scheint beim Verfassen des Romans mehrere Gefühls- und Mentallagen durchlebt oder durchschritten zu haben – herausgekommen ist ein Gewaltmarsch, aber auch „ein Wolkenpolsterkissen“.

Im Sinn einer modernen Erzählung gibt es keine zeitliche Entwicklung. Zeitrahmen und Standpunkte werden oft im gleichen Absatz zusammengeschnitten.

Da ist eine Frau an der Schlafkrankheit erkrankt. Da ist ein therapierender Arzt. Der Rest ist das letzte Jahrhundert, die Korridore der Anstalt rauf und runter – Begegnungen Alltag Anstalt – Dialoge in Slang oder Dialekt, es wird viel geredet unterm Regenschirm – Frau Audrey Death arbeitete in einer Munitionsfabrik. Und wird noch heute von den rhythmischen Bewegungen der Maschinen verfolgt. Das ist kein Tic mehr, sondern Anzeichen einer noch bösartigeren Krankheit: Konditionierung. Die Munitionsfabrik hat ihre dauerhaften Spuren angelegt in der Frau. Sie wird tatsächlich lebendig, nachundnach wundergeheilt. Wenn es da nicht permanent Störungen gäbe. Albert und Phillip zum Beispiel, die im Restaurant Dirnen bewundern und vom Empire schwärmen, bis … die Geschichte wieder bei Busner landet: da habe man in einem der Patienten Schrauben Klemmen, einen knappen Meter Gartenschlauch gefunden …

Die Figuren reden so, als würde James Joyce rumstehen, mal ist man bei Jesus in Rio De Janeiro, dann sieht man Israel auftauchen – Medienversatzstücke – ist das jetzt so etwas wie Hirntraining, wäre Hirn-Yoga nicht besser?

Im Netz sieht man Will Self: einer der bedeutendsten Autoren Großbritanniens gibt Interviews, da ist zu erkennen: die fragenden Journalisten haben Angst, Self könnte etwas von sich geben, das am Stuhl des Journalisten dreht – ein Mix von Foster Wallace bis Pynchon scheinbar, während: Der moderne Roman sei eigentlich (Audrey) Death.

Wer schräg liebt, kriegt schräg. Wer es lakonisch oder langsam oder genau will, liegt schief.
s.324: „Dazukannichnichtssagen DoktorBusnerichweißnur waswirgeradejetztmachenwenn wirsozusammenreden.“

Nun gut, Joyce liest man auch nicht in einem Rutsch. Self liest man nicht in einem Rutsch – nach dem zweiten Rutsch sind vier Tage um – dann kommt die eigentliche Frage: Hat sich das wirklich gelohnt? Antwort: leider kann ich das noch immer nicht sagen. Amüsiert habe ich mich. Ja. Gelacht habe ich – über so einigen Blödsinn. Dann aber würde ich gern ein paar Passagen rausschneiden. Andere wiederum empfinde ich als sehr gut erzählt. Wer grenzüberschreitend verkehrt – darf sich in diesem Sprachberg suhlen. Wer es akademisch oder kunstvoll will, muss filtern. Ein Buch wie Schwarzbrot manchmal, dann doch nur ein pappiger Sandwich, „reinzuschlüpfen in die rauchgolden verspiegelte Kakophonie“, eine Literatur, die sich manchmal liest wie ein Beipackzettel – eine Literatur über unhaltbare Zustände der Medizin, eine Sprache der Medizin, die jede Kopulation zum echten Ernstfall macht – da muss man nur durch.

Oder verpasst sowas:

„Die Vorstellung, dass das Ziffernblatt der großen Uhr ein angeschlagenes, hartgekochtes Ei ist, dass die Herren auf ihren Sockeln versteinert sind – Audrey hat das Parlament vor Augen, Orgelpfeifen, sie lauscht ihrer wahnwitzigen Fuge … Sie sieht auf ihre sommersprossigen Hände, die im Schoß des fadenscheinigen Kleids liegen, das Beben ihrer Lähmung.“

So ungefähr schreibt er (nicht immer) – mit dem Ohr an Orgelpfeifen –

„Das sind Spiegel, Audrey, die fangen ein Stückchen vom Himmel ein und hauen’s rein inne Fennser. Und dann kann jeder, der von oben runterguckt, sehen, wie die Mädels in ihre Unnerbuchsen hüpfen … „

Glühwürmchenliteratur: Es schimmert manchmal großartig auf, und wenn man nicht aufpasst, ist es für immer erloschen, das kleine Licht, die vielen kleinen Lichter – in diesem Roman.

Verlag: HOFFMANN UND CAMPE VERLAG GmbH; Auflage: DEA, (11. März 2014)
Will Self: Regenschirm *1961 London – Deutsch von Gregor Hens